Erntebelange und seine Folgen

Von draußen drangen Geräusche des morgendlichen Alltages und laue Winde trugen Düfte reifenden Getreides heran. Die Zeit rückte mit jedem Tag näher, an welchem es galt mit Schweiß, Fleiß und Entbehrungen die Ernte einzuholen.
Freie und eigenst vom Lord gedungene Arbeiter aus dem Umland würden helfen die großflächigen Felder zu sensen, zu Bündeln gebundene Halme zu verladen, um diese schlussendlich in der Scheune Klarichs zu dreschen. Das gewonnene und in Säcken gelagerte Getreide verluden die Schergen Thules sodann auf in Holmfirth wartende Schiffe und verteilten das wenige Übrige an umstehende Mühlen.
Die Größten dieser errichteten einst die Reichsgründer nahe bedeutender Städte, in jenen es entsprechend den drängendsten Bedarf nach Mehl gab. Nur wenig bis gar kein Getreide fand den Weg zu den kleineren ortsungebundenen Mahlgewerken.
Müller und deren Gehilfen bereiteten emsig die Gewerke vor und setzten instand, was sich als reparaturbedürftig erwies.
Nahe Memnach wartete nur noch eine von ursprünglich zweien funktionstüchtigen Mühlen darauf, ihre ausladenden Segel mit den kräftig blasenden Winden der Berge messen zu dürfen. Der Obrist hiesiger Stadt hielt es bisweilen nicht für notwendig, Aufwendungen in Form von Arbeit, Ressourcen und Taler in den Wiederaufbau der Eingefallenen zu investieren. Umliegende Müller mussten somit die fehlenden Erzeugnisse mit den ihren decken, weswegen die gewonnenen Rationen Mehl für die nächstgelegenen Gehöfte und Ansiedlungen verringert ausfielen.
Die größten und fortschrittlichsten Mühlen Agreas standen in unmittelbarem Zugriffsgebiet Holmfirth. Gleich vier dieser Stätten gebaut zwar außerhalb der Stadt, blieben hingegen mit wenigen Schritten zu erreichen. Jeweils zu zweien entgegengesetzt teilten sich die schweren zu betreibenden Mahlsteine, anders als die landeinwärts errichteten Windmühlen, ein gemeinsames Schaufelrad. Die aus Holz gerichteten Räder bedienten sich der Kraft des Wassers und blieben hierdurch in steter Bewegung. Die Giesel entsprang einem morbiden Stollen aus längst vergessenen Zeiten unterhalb der Sandsteingruben, wo das Wasser allerdings seinen Ursprung nahm, verblieb einzig Vermutungen.
Dort beschäftigte Arbeiter hievten das Mahlwerk nach Bedarf mittels große schwere Hebel in die stetig drehenden Räder, sodass diese schlussendlich die liefernde Kraft der Giesel nutzten, um ihr Tagwerk zu vollrichten.
Holmfirth wurde einst unweit des Meeres errichtet und versorgte sich aus und mit jenem, was die Giesel darbot. Erst mit dem steten Zuwachs an Siedlern wuchs die jetzige Stadt bis hinab zur Küste, die von den Erbauern zum weiträumigen Hafen ausgebaut wurde. Eine aus Stein erbaute Mole diente den Bewohnern als Schutz vor einbrechenden Wellen und wurde an ihrem Ende mit einer Rundung im Durchmesser von nahezu vier Ellen versehen. Auf dieser thronte ein ebenso runter Turm mit doppelter Höhe, dessen überdachte Aussichtsplattform eine Brustwehr schützte. Feuer brannte des Nachts dort droben und bescherte Booten wie Schiffen eine wohlbehaltene Ankunft in die von Riffen übersäten Gewässer.
Ein Großteil der Hafenanlage diente dem thulenischen Herrschaftsreich als Umschlagplatz. Dieser wurde noch während der Kapitulation der Stadt, als Rückzugsort, mit Palisaden umbaut und Wachen patrouillierten fortwährend auf den Anlegestellen. Jeder Karren und jede Person wurde eingehend überprüft, bevor sie passieren durften. Lediglich ein kleiner Bereich des Hafens blieb für den Kleinsthandel freigegeben, unterlag gleichwohl dem Geheiß des Hafenmeisters. Gemeinhin bedeutete dies zwei zehnt für den Hafenmeister zuzüglich einen weiteren für den Anleger. Welche Waren, in welchen Mengen gehandelt wurden, oblag einzig den hiesigen Fuhreignern. Diese bestimmten in Absprache mit den Obristen die Art, Qualität und Menge der Einfuhr. Somit blieb alles wiederum in einer Hand - es war nicht die des Volkes. Auch gab es einschränkende Handelsuntersagungen, die aussagten, mit wem sie Handel treiben durften.
Die größten Schiffe lagen vertäut im bewachten Hafenbereich und warteten auf Fracht, die sie fernab der Küsten in zumeist westliche Richtung transportierten. Ihre erste Anlaufstelle blieb Benela. Dieser Ort war einst eine kleine und freie Garnisonsstadt, welche bereits während der früheren Kriege der Clans ausgebaut wurde. Skucias Küstenstadt verfügte über einen allumfassenden Tiefseehafen und konnte von dort nur mittels lange, tief ins Felsgestein geschlagene Wege erreicht werden. Die zentrale Stadt selbst lag schätzungsweise fünfzig Ellen oberhalb des Meeresspiegels und galt über den Seeweg als uneinnehmbar.
Eine kleine aber durchaus handelbare Unterstadt samt Lager, Werkstätten, Schenke und Unterkünfte wurde mühsam und aufwendig in das Felsgestein wie auf den einstigen Riffen erbaut. Riffe dienten den Erbauern als feste Sohle und deren Zwischenräume füllte der Abbruch jenes Weges, welchen ihre Vorfahren bis hinab zum Meer schlugen. Die Mühen, die für jene Leistungen aufgebracht wurden, galten gemeinhin als übernatürlich. Niemand konnte sich vorstellen gar bemessen, wie viele Arbeiter und Zeit diese Errungenschaften in Anspruch nehmen mussten.
In Benela wurden Waren aus Holmfirth gelöscht und begehrte Eisenwaren zur Weiterverschiffung in die letzte bekannte und zu erreichende Stadt Xostreybar verladen. Bei ausreichenden Winden und einer zusätzlichen Fahrdauer von einem weiteren Tag und einer Nacht erreichten die mutigsten Kapitäne das Ususmeer. Untiefen, seltsame Geräusche und noch weit Unbekannteres warteten dort auf die furchtlosesten Seeleute. Keiner von diesen kam jemals wieder oder wart gesehen, welcher sich mehr als wenige Klafter in die sich verdichtenden und gierigen Klauen des Nebels verirrte.
Der Landweg als feste Handelsroute blieb weitestgehend ausgenommen, da die Karawanen gezwungen wären, den umständlichen und gefährlichen Weg vorbei an den Klippen zu beschreiten. Diesen beließ man seit Besiegelung der allumfassenden Kapitulation sich selbst. Niemand pflegte oder hielt diesen instand. Für die Besatzer unerreichbar ragte gerade einmal nur drei Ellen darüber das ertragreiche Damerel. Nur karg bewohnt blieb jener Landstrich jedoch nahezu unerschlossen. Üppig gediehen dort Wälder und Wildherden. Wilde wie verwilderte Ackerflächen sollen unberührt und unbestellt mit den Jahreszeiten wachsen und vergehen.
Selbst mittels Androhung und Ausführung empfindlicher Züchtigungen mussten die Lakaien der göttlichen Herrscherin eingestehen, dass diesem vergangenen Königreich, obwohl rohstoffreich und nachhaltig ihnen nichts abzugewinnen bot. Zugegebenermaßen unfreiwillig und unter Erfahrung morbider Verluste.
›Land der Körperlosen‹, ›Geisterebene‹ und ›Makel der sieben Reiche‹ dichtete man diesem als geläufigste Benennung an. Aus diesen wie auch vielerlei anderen Gründen hielt man sich von dessen Grenzen fern.
Thulenen, die eng mit dem Land ihrer Geburt und Glauben verbunden waren, mieden jenseitige Gestade, wagten nicht einmal dieses mit den Spitzen ihrer Füße zu betreten. Taten sie es dennoch, weil das Wort der göttlichen Herrscherin über allem stand, auch dem des eigenen Lebens, verweilten sie keinesfalls länger als unbedingt erforderlich. Sie trieben ihr Gefolge in Hatz und schundeten geführte Tiere, um ehestmöglich den jenseitigen Grenzverlauf zu erreichen.
Wispern um einen herum, bedrohliches wie unheimlich klingendes Aufstampfen. Zarte Berührungen oder schmerzliches Stechen, obwohl niemand in unmittelbarer Nähe. Begleiter, die unbegründet zu Boden gingen oder schreiend aufsprangen. Nein, wahre Thulenen mieden es, sie diesem Ort der Verdammnis zu nähern. Ein Ort, an welchem das Wort der Kaiserin nicht währte, war ein unzulänglicher.
Jene unter der thulenischen Herrschaft stehende Truppen, die Damerel dennoch durchstreiften, galten als nicht abergläubisch noch beeinflusste sie das Gefühl der Furcht. Zumeist floss in deren Adern, wenn überhaupt, nur wenig des blauen Blutes und kamen aus den südlichsten oder westlichsten Ländern. Die meisten von ihnen folgten ihren Führern hemmungslos bis in den Tod.

***

Die Sonne ging auf und obwohl noch früh am Tage herrschte emsige Betriebsamkeit. Klarich spannte lautstark einen seiner zwei Braunen vor, die er aus den Fängen des Abrichters des Lords abspenstig redete. Beide waren Alt und abgeritten und somit für den Dienst bei den berittenen untauglich. Auf dem Hof jedoch leisteten sie noch ausreichend Unterstützung und durften auf dem Land und unter freiem Himmel ihren Lebensabend fristen, bis sie vom alter gezeichnet auch dafür nicht mehr taugten.
Alna verstaute derweil kleine Handsäcke als Probepäckchen, gefüllt mit gereiftem Getreide. Um Bedarfsgüter tauschen zu können, standen geflochtene, mit Stroh befüllte Körbe bereit. In diesen ruhten dutzende Eier. Nebst den Geflechten gab es noch fünf Hühner und einen Hahn gewinnbringend einzutauschen.
Die Last ausgesprochener Worte des gestrigen Abends schien vergessen. Ein neuer Tag war hereingebrochen und täglich zu erfüllende Aufgaben wollten erledigt werden, so auch die bevorstehende.
Klarich hob einen naheliegenden Stein auf, wiegte ihn in der Linken und war ihn hinauf gegen die Hauswand. Polternd fand er sein Ziel und kollerte lautstark über die Schindeln. »Hey, ihr Taugenichtse von Langschläfern«, rief er. »Es wird Zeit und ihr zwei, stehlt gerade die meine.«
Alna hob vielsagend den Blick, ihre Augen schielten zu ihm hinüber. Sie konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. »Wenn ich es nicht besser wüsste, man könnte meinen, die Jungs sind die deinen.«
Es dauerte eine Weile, bis er die Spitze durchschaute. »Was ...«, unverfroren blickte er suchend umher, fand ein Stöckchen, griff danach und warf.
Alna tat entrüstet und stemmte die Hände in die Hüften, die sie keck zur Seite zog. »Oho, der Rüpel weiß sich nicht zu benehmen.« Sie lachte herzhaft und hievte weitere Körbe auf das Gespann. Ihr Mann begutachtete das gezurrte Geschirr, trat an seine Geliebte heran und klapste ihr auf den Po. »Ihr mich auch holde Maid.«
Mit weit ausgestreckten Armen trat Kayden durch die offen stehende Tür und gähnte herzhaft. »Ich werde mir niemals eine Frau nehmen, so viel steht mal fest.«
»Abwarten, mein Junge. In deinem Alter gab ich auch solch kluge Äußerungen von mir und nun? Sieh mich an.«
Alna schubste ihn brüskiert und ging, um ihren Jüngsten in die Arme zu schließen. »Lass ihn reden. Frauen sind was Feines und ohne uns ...«
»Können wir Kerle nicht. Jaja Ma'. Nicht mit euch aber auch nicht ohne euch.« Veyed sprang hervor und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Er zwinkerte seinem kleinen Bruder zu. »Können wir Pa'?« Er eilte geübt auf den Bock und griff nach den Zügeln. Suchend sah er sich um und drehte den Oberkörper von links nach rechts. »Pa', wo bleibt Onkel Alric, er wollte uns doch begleiten.«
Klarichs Wange zuckte. »Mal wieder seines Weges. Mit ein wenig wohlgemut stößt er auf dem Heimweg zu uns.«
Alna schob Kayden vor und gab ihm einen Klaps. »Lass dich nicht grollen, hörst du?« Er pustete ihr eine Kusshand zu, lächelte und zwinkerte mit dem rechten Lied. In seinen Augen spiegelte sich das tugendhafte Herz eines Liebenden wieder. »Ich doch nicht.«
Sie schüttelte lächelnd den Kopf. »Schmeichler«, flüsterte sie, ohne dass sie jemand zu hören vermochte.

***

Dem Weg, den sie nutzten und folgten, war derselbe den Onkel Alric stets nahm, um sie zu besuchen. Der benutzte, einst ausgebaut und gepflegte Handelsweg glich zu diesen Zeiten jedoch nur noch einem ausgefahrenen Ackerpfad. Tiefe Furchen, welche zu Regenzeiten knietiefes Wasser führten, waren ihre steten Begleiter. Klarich musste langsam fahren, um die kostbare Last, gebettet in Stroh, heil an den Ort ihrer Bestimmung zu liefern.
Seit mittlerweile zwei Stunden wurden sie nun schon auf dem Bock hin und her geschaukelt, als Kayden unerwartet aufsprang und seine Augen beschattete. »Da. Pa', da vorn ist die Burg.«
Angesprochener zog ihn zurück auf seinen vorherigen Platz und maß ihn scheltend. »Tu das nie wieder, Kay. Was glaubst du wohl, macht deine Ma' mit mir, wenn ich dich mit gebrochenen Knochen nach Hause tragen und ihr beichten muss, dass du vom Bock gefallen bist?«
Anstatt zu antworten, grollte er und schob die Unterlippe über die Obere. Sein Blick sackte hinab zu den Füßen. Es war ihm deutlich anzusehen, dass er nachdachte.
Veyed klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. »Hey kleiner Bruder, was ist los? Bei dem Weg und dem Geschaukel ist es ein Kunststück, das wir das ganze Zeugs hier«, er deutete mit dem Daumen hinter sich. »nicht selbst tragen müssen.«
»Still jetzt und haltet den Kopf unten. Ich rede und ihr haltet die Zunge im Gehege.« Nacheinander maß er streng seine Jungs. »Ihr seid mitgekommen, um zu lernen und zu helfen. Sind wir uns einig?«
»Ja, Pa'«, gab Veyed klar und deutlich zu verstehen. Kayden hingegen zog abermals nur die Lippen kraus, nickte jedoch.
Die Burg, so wussten sie, war einst der Wohn- und Hauptsitz des Hauses der Berengar und diente seit Anbeginn der neuen Ordnung Lord Bestlin. Dieser Mann unterstand niemandem außer der Kaiserin und ihrer bestellten Unterführer. Das ihm unterstellte und zu bewirtschaftendes Land genoss Vorzüge, galt wie zu Zeiten der Berengar als Freiland. Gerüchten zu urteilen, habe dieser Mann all sein Wissen, Erfahrungen und Können allein ihnen zu verdanken. Als Geächteter, als Vogelfreier verkaufte er seine Familie, seine Freunde, einfach alles, wofür er vor langer Zeit eigenst lautstark kämpfte. Mit seinem Vorgehen verriet er unzählige Leute und verschaffte sich so Gehör auf höchsten Ebenen. Erst bei den Obristen, dann bei den Speichelleckern der göttlichen Herrscherin und zu guter Letzt auch die Zustimmung ihrer selbst. Bestlin wuchs auf als ein Kind des Landes, welches lernte, alles um ihm herum zu versilbern und zu verraten - sogar die eigene Seele. Sein Gefolge rekrutierte er aus allen zugänglichen Schichten und allen erdenklichen Winkeln des Agreas. So auch aus den Nachkommen einstiger Invasionsstreitkräfte, derer einst der Verbleib im besetzten Reich befohlen wurde. Während des Krieges beklagten die geschundenen Länder unzählige Männer wie Jungen und so wurde der Bedarf infolgedessen durch jene naher wie ferner Nachbarsländer aufgewogen, in welchen nicht selten das Blut Thules strömte. Sippen, die sich bereits seit Generationen mit dem Geschlecht westlicher wie südlicher Völker vermischten, war die ursprüngliche Herkunft wenn überhaupt nur noch schwer zu erkennen. Anderen hingegen blieb ihre Abstammung überdeutlich anzusehen.
»Pa'?«, flüsterte Kayden irritiert.
»Mhm«, quittierte Angesprochener. »Egal was du fragen willst, warte, bis wir auf dem Heimweg sind.« Er besah ihn mit einem vielsagenden Blick. »Ich weiß, was dir auf der Zunge liegt. Nicht jetzt. Bitte.«
Beinahe unbemerkt nickte er. Verstohlen sah er zu den dunkelrot befleckten Pfosten, die am Wegesrand in die Höhe ragten.
Vor den Toren der Burg lagerten verschüchterte Menschen, die in steter Beobachtung patrouillierender Männer unter Waffen standen. Sie sahen Bittsteller, Landarbeiter, Knechte und Wandersleut. Viele von ihnen kannte der Bauer bereits aus vergangenen Jahren und so nickte er dem einen oder anderen dessen vorsichtigen Gruß. Auch in diesem Jahr würden sie wieder vor seiner Tür stehen und sich das Werkzeug reichen lassen. Andere wiederum waren ihm fremd - keine Feldarbeiter - und so schenke er jenen nur beiläufig Aufmerksamkeit.
Sie nährten sich dem offen stehenden Tor und die Wache winkte sie hindurch. »Bauer Klarich. Der Lord erwartet euch bereits. Lenkt euren Karren hinüber zu Schmiede«, befahl der Rechte der beiden Posten und deutete mit der ausgestreckten Hand die Richtung.
»Wenn du heimfacht, nehm das Pach da blosch mit. Isch doch bald Ernte, ne?«, bellte jener zur Linken abwertend und lallend.
Veyed drehte leicht den Kopf und schielte. Unrasiert, mit einem stoppeligen Krausbart stand dieser schwankend und suchte Halt an seiner Lanze. Dessen Helm saß ihm schief auf dem Haupt, Speichel lief ihm am rechten Mundwinkel herab. Augen, tiefrot unterlaufen stierten hinter daumendicken Ringen hervor. »He Junge, wasch gaffscht verdammt? Ich prüschl disch aus'm Hemd du Mischjeburt.«
Ruckartig riss Klarich an den Zügeln. Die Adern an seinem Hals pochten. »Brrr«, grollte er mit zuckendem Nasenflügel. Er sah hinüber zu dem rechten Posten, der gelangweilt die Augen verdrehte und mit den Schultern zuckte.
Den Kopf drehte er bewusst langsam zu dem vermeidlich sturzbetrunken, der unbeholfen in ihre Richtung torkelte. Kayden und Veyed drängten sich eng beieinander und stierten erschrocken drein. Bisweilen blieben sie von solch unterschwelligen Wutausbrüchen ihres Vaters verschont. War er stets zuvorkommend, verständnisvoll und gutherzig. Jetzt knarzten die ledernen Zügel unter dem Druck seiner kräftigen Hände. Angst beschlich die Zwei.
»Wage es, deine versoffnen Klauen an einen meiner Jungen zu legen und ich verspreche dir, dass du dich künftig nur noch wie ein Schwein aus dem Trog ernähren wirst.« Alle Farbe wich ihm aus dem Gesicht und die Augen fixierten den näherkommenden. Es war einer jener wenigen Momente in seinem bisherigen Leben, an welchem er sich einfach nur fahren lassen wollte. Zum trotz des Gelöbnisses, am Sterbebett seines Großvaters, wollte er jeden zeigen, wer er von Geburtsrecht her wirklich war. Was es bedeutete, einen wie ihn zu fordern. Er war sich dessen sicher, würde er jetzt aufstehen und dies laut herausbrüllen, es würde zu einem nie da gewesenen Tumult kommen.
Er blieb stattdessen sitzen und legte all die Wut in seine Stimme. »Dein Leben scheint dir nichts zu bedeuten. Ich habe keine Angst vor einem bewaffneten Trunkenbold. Komm«, forderte er den Säufer heraus.
Unverrichteter Dinge trat eine weitere Person hinzu und schubste den Streitsüchtigen brüsk zur Seite. Dieser stolperte, verlor seine stützende Lanze und viel der Länge nach in den Dreck. »Verpiss dich Graff oder du verlierst nicht nur Zähne.« Er holte aus und trat dem vor ihm liegenden in die Rippen. An den rechten Posten gewandt winkte er ihn näher. »Sorg dafür, dass dieser Abschaum verschwindet.«
»Haft?«
Alric tat einen weiteren Schritt. »Entsorg den Bastard«, sprach er nun deutlich leiser. Sein Gegenüber nickte.

***

»Wie ich sehe, ist das Jahr bereits wieder vorüber. Mein lieber Bauer Klarich. Was führt euch in diesem zu mir?«
Mit gesenktem Haupt und vor dem Bauch gefalteten Händen stand er in einem großen Raum, einem Saal gleich. Vor ihm ein ausladender und massiver Holztisch, dessen Oberseite von unzähligen Gelagen gänzlich glatt geschliffen schien. Direkt dahinter ein wuchtiger Stuhl flankiert von leeren Standartenständern. Vor vielen Jahren würden an diesen vielleicht die Farben des ›Falken‹ und die der Berengar gehangen haben.
Ein mannshoher Kamin nahm die goldene Mitte der zur Außenseite thronenden Wand ein. Zur linken als auch zur rechten Seite hatten findige Erbauer prächtige Fenster in die Mauer eingelassen. Von dem Portal her führte eine Treppe hinauf in die zweite Ebene der Räumlichkeit und von dort in verschiedenste Kammern. Vermutlich zu friedlicheren Tagen Rückzugsorte für hochrangige Besucher. Der hölzerne Weg entlang mit kunstvoll geschnitzter Brustwehr geziert, befand sich für unten stehende hingegen vollkommen im Dunklen. Ein vortrefflicher Ort für wache Augen.
»Mein Lord, wie jedes Jahr zur selben Zeit, komme ich mit demselben Gesuch. Die Ernten stehen bevor und es werden helfende Hände benötigt.«
Sein Gegenüber ließ ihn Jahr ein, Jahr aus, warten. Stets aufs neue tat dieser Mann so, als würde er über das Gesprochene nachdenken. Der gutmütige Bauer war dessen überdrüssig. Jedes Jahr erneut stand er hier und jedes Jahr erfolgte derselbe Ablauf. Ich Lord und wichtig, du Bauer und ... etwas war anders.
»So sei es, mein lieber Bauer Klarich. Ferner verladen deine prächtigen Jungen in diesem Moment benötigtes Gewerk.«
Er blickte auf und sah unwissend drein. Lord Bestlin nickte und hob die Brauen. »Ja, es stimmt. Ich habe Sensen und Flegel anfertigen lassen und unsere göttliche Herrscherin höchst selbst, hat dem Gesuch stattgegeben. Du haftest mir nicht nur mit deinem zehnt für dessen Erhalt.«
Dankend nickte Klarich, unschlüssig, ob er tatsächlich glauben sollte oder konnte. »Ich danke Euch mein Lord.«
Sein Gegenüber stützte das Kin in die rechte Hand und umfasste jenes mit Daumen und Zeigefinger. Er strich sich übers Gesicht und man vermochte das leise kratzen der Stoppeln vernehmen. »Bauer Klarich, ich habe mir Gedanken gemacht. Jedes Jahr erneut, ausgenommen in diesem, batet ihr mich, den gesamten Hof, den Weiler wieder aufzubauen. Ich biete euch ein Abkommen.«
Abermals blickte Klarich auf, Zuversicht glänzte in seinen Augen. Ein Funken der Vorfreude stahl sich in ihnen und er straffte sich.
»Entbinde im kommenden Jahr deinen ältesten Sohn in meinen Dienst.« Der Kopf neigte sich kaum merklich zur Seite. »Er ist dann doch alt genug für den Waffendienst?«
Der Vater zweier gesunder Buben schloss die Augen und war überzeugt, einen Unterton wahrzunehmen - trunken wankte er. »Ich bürge für ihn und werde ihn mich persönlich annehmen.«
Klarich schluckte, ihm wurde kalt und heiß zugleich. Seine Hände kneteten fest die innen liegenden Finger, sodass sie knackten. Der Hals wurde ihm trocken. »Mein Lord?«
»Das ist mein Angebot. Geh.«

***

Sie ließen Klarich beinahe eine Stunde in den Vorräumen des Burgfrieds warten, um den Karren und die mitgeführten Waren genauestens zu untersuchen. Kayden und Veyed hielt man derweil auf Abstand. Sie wurden grob an den Armen gehalten und mussten Hohn und Spott ertragen. Sie wuschelten ihnen die Haare und heuchelten fragwürdige Angebote. Als der Wachtmeister Waren und Fuhrwerk abnickte, ließ man endlich von den Zweien ab, die das Gesicht verzogen und die taub gewordenen Gelenke rieben.
»Ladet das Zeugs hier auf und haltet die Männer nicht weiter von der Arbeit ab. Ich will keinen Ton von euch Rotzlöffeln hören, verstanden?«
Beide bejahten und quittierten eifrig mit Kopfnicken. Eingeschüchtert verluden sie Sensen und Flegel aus der unbefeuerten Schmiede. Kayden ließ sich nicht nehmen, bei jedem Gang in die Werkstatt unbemerkt einen Umweg von zwei Schritten einzuschlagen. Nahe dieser hockte ein junger Treibhund, dem es eine Freude schien, von ihm Aufmerksamkeit zu erhalten. Mal ging er nur an ihm vorbei und lockte ihn mit schnalzenden Lauten, mal strich er ihm sanft über Haupt und Schnauze.
Ihr Brauner wurde stetig unruhiger und so war es Veyed, der anstatt in die Schmiede hinüber zum Pferd eilte und es beruhigend hinter den Ohren kraulte. Er lehnte den Kopf an den seinen und flüsterte.
»He, du Bengel. Verdammt du sollst arbeiten und nicht mit dem tattrigen Vieh kuscheln.« Ein Soldat, in mit Nieten beschlagener Lederrüstung gekleidet, trat heran und ergriff das rechte Handgelenk des Jungen. Jenes, mit welchem er soeben noch das Ohr des Braunen kraulte. Kayden blieb erschrocken stehen und gaffte fasziniert. Die Haut des Mannes war nicht blass, zart Rosa oder gebräunt wie bei anderen. Seine Haut sah aus wie die eines Erfrierenden - sie schien bläulich in Schein der Sonne zu schimmern. »Was glotzt du so dämlich, du fängst dir gleich welche. Sie zu.«
Veyed hatte wahrlich genug von dem unbegründeten getriezte. Trotz der noch jungen Jahre war fast so groß gewachsen wie sein unangenehmer Kontrahent. Seine von schwerer Arbeit zeugenden Muskeln spannten sich. Veyeds Augen fixierten die seines Widersachers und ein freches Grienen huschte ihm über die Züge, als er allmählich begann, Gegendruck auszuüben. Aus dem Grienen erwuchs ein verschmitztes Lächeln. »Wenn das Pferd aufscheucht, wird man nicht uns die Schuld dafür geben«, hauchte er angestrengt.
Von Neugierde getrieben hielten einige in ihrem Tatwerk inne und beobachteten das Geschehen, andere wiederum rotteten sich tuschelnd zusammen. Der wachhabende Wachtmeister erhielt Meldung und dem Streitsuchenden wurde es sichtlich unangenehm. Unerwartet holte er mit der freien Hand aus und fegte durch Veyeds Gesicht, sodass dieser vor Schreck losließ und unvermittelt das Gleichgewicht verlor. Er strauchelte, stolperte über seine eigenen Füße, fiel gegen den Bock und rutschte bäuchlings daran herab. Der Saum seines Oberteils verfing sich an einem hervorstehenden Zapfen, der ihm der Länge nach über Bauch und Brust schrammte. Kaydens Hände fuhren erschrocken vor dem Mund und wagte sich nicht zu rühren noch brachte er ein Wort hervor.
Bedingt des unliebsamen Sturzes, hatte sich das Oberteil Veyeds nahezu komplett über dessen Kopf gezogen, sodass er Mühe hatte, sich aufzurichten. Die Rechte hielt er weit gespreizt gegen die aufgekratzte Brust und biss die Zähne schmerzerfüllt aufeinander. Vornübergebeugt stand er mit fest geschlossenen Augen da und japste.
Der Schläger trat an ihn heran, lachte und höhnte. Mit der Faust drohte er ihm. »Das geschieht dir Recht, du Bastard. Das nächste Mal prü«
Der Satz endete abrupt und blieb unerwartet unvollendet. Weder Hohn noch Spott folgten als der Sprecher überraschend und mitten in seiner Drohgebärde verstummte. Mit einem vorausgegangenen hässlich klingenden Knacken viel er der Länge nach, mit dem Gesicht voran, zu Boden. Blut lief ihm aus Mund und Nase und bildete eine widernatürliche Lache, die sich mit dem Schmutz des Grundes zu einem schlammigen Brei vereinte.
Eine Hand legte sich behutsam um Veyeds Schulter und verdeckte weitestgehend die großflächige Narbe. Die Geste beruhigte ihn sichtlich, der Atem ging gleichmäßiger. Er öffnete die Augen und seine Züge erweichten.
»Rasch. Zieh dich an.« Klarich reichte ihm das eingerissene Oberteil und schob ihn hinter den Karren. Er richtete sich auf und blickte in mahnende Augen einer bereits bekannten Person.
Anstatt einzulenken, hielt er der bevorstehenden Konfrontation stand. »Haltet eure Männer gefälligst von meinen Jungs fern.«
Sein Gegenüber verzog keinerlei Mine und dessen bläulich schimmernde Haut deutete unmissverständlich seiner Herkunft und auf wessen Seite er demnach stand. »Macht endlich den Wagen voll und verschwindet von hier.« Die Augen behielt diese Person starr auf ihn gerichtet und bedeuteten Klarich, dass es sich hierbei um einen gut gemeinten Rat handelte. Er nickte und wies auf den am Boden liegenden.
»Kümmere dich nicht um den.« Leiser fügte er hinzu: »Seht, dass ihr fortkommt. Hastig.«

***

Alric hielt sich im Schatten der Empore und lauschte. Ihm blieb der alles einsehende Blick verwehrt, wollte er sich wie seine Absichten nicht verraten. Von dieser Position aus vermochte er den Landesverräter und Klarich mühelos beobachten. Bestlins Speichellecker hingegen blieb abseits seines Blickes. Lediglich wenn er dem vermeidlichen Lord etwas zuflüsterte, konnte er dessen Silhouette erkennen.
Er kannte seinen Vetter nur zu gut und er wusste auch, dass er wusste, wer Bestlin war. Tief atmete er ein. Niemand kannte Klarich, wie er es tat, nicht einmal Alna. Er war mit äußerster Vorsicht zu genießen, sollte dieser sich in die Enge getrieben fühlen. Es war gesünder diesen Mann nicht zum Feind zu wissen.
Alric und eine Schar auserlesener Gefolgsleute beobachteten nicht nur ihn und seine Familie, sie hielten Ausschau.
Er und einige andere wussten nur zu gut, was dieser schmierige Landesverräter in Wahrheit mit dem Jungen vorhatte und abverlangte. Er ballte die Fäuste, bis die Knöchel Weiß hervortraten. Tief sog er Luft in die Lungen und faste einen Entschluss.
Stimmen und Verwünschungen wurden Laut und weckten erneut seine Aufmerksamkeit. Das Portal öffnete sich und ein blutüberströmter Soldat torkelte herein, hinter ihm der diensthabende Wachtmeister.
Beide, der Hauptmann und Bestlin sahen unvermittelt von umherliegenden Unterlagen auf. Zweiter hieb mit der Faust auf den Tisch. »Was soll dieser verdammte Aufruhr!«
Der Wachtmeister versuchte seinen Untergebenen an der Schulter zu packen, rutschte jedoch mit den Fingern ab und knurrte. »Bleib stehen du mieser Bastard. Ich lass dich zweiteilen.«
»Wer in dieser Burg wann, wo und wie geurteilt wird, obliegt einzig dem Lord. Antworte gefälligst, Soldat.«
»Verzeiht mein Lord, aber.«
»Was aber? Du störst.«
Bestlin legte dem aufgebrachten Hauptmann die Rechte auf die Seine, der sich sodann besann, aufrichtete und Ergeben seines Amtes postierte.
Der Blick des Soldaten wechselte vom Lord zum Hauptmann und zurück. »Ich habe eines der Male gesehen. Eine Narbe.«
Bestlins Augen verzogen sich zu schlitzen und die Brauen berührten sich nahezu. Dessen Stimme mahnte zur Vorsicht. Kälte umspielte seinen Ausdruck, die dem Boten erzittern ließen. »Wehe deiner Worte. Wähle sorgfältig.«
Dem Mann sah man die Unschlüssigkeit das Richtige getan zu haben deutlich an. Seine Finger nestelten an dem Leder seiner Montur. »Jeder, der ein Mal trägt, welches als Zeichen anzusehen ist, soll gemeldet werden«, sprach er kleinlaut.
»Komm endlich zum Punkt«, grollte Bestlin und der Wachtmeister stieß dem Soldaten gegen die Schulter, sodass dieser vornüber auf die Knie fiel.
»Der Junge. Der Ältere vom Bauern. Er trägt eins. Auf der linken Schulter und es ... es sieht aus wie der Kopf eines Vogels.« Schlaff sank ihm das Haupt auf die Brust. Blut trat ihm aufgrund der Nervosität und Aufregung erneut aus der Nase.
»Gibt es Zeugen?«
»Genügend mein Lord. Nur haben diese gesehen, wie Bauer Klarich ihm eins übergezogen hat, als er sich an dem Knaben zu schaffen machte.«
Bestlin und der Hauptmann wechselten Blicke. »Kümmere dich um ihn. Er ist mir nicht weiter dienlich, wenn er sich an meinen künftigen Jungen vergreift.«

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