Erntebelange und seine Folgen 1/4

Von draußen drangen Geräusche des morgendlichen Alltages und laue Winde trugen Düfte reifenden Getreides heran. Die Zeit rückte mit jedem Tag näher, an welchem es galt mit Schweiß, Fleiß und Entbehrungen die Ernte einzuholen.
Freie und eigenst vom Lord gedungene Arbeiter aus dem Umland würden helfen die großflächigen Felder zu sensen, zu Bündeln gebundene Halme zu verladen, um diese schlussendlich in der Scheune Klarichs zu dreschen. Das gewonnene und in Säcken gelagerte Getreide verluden die Schergen Thules sodann auf in Holmfirth wartende Schiffe und verteilten das wenige Übrige an umstehende Mühlen.
Die Größten dieser errichteten einst die Reichsgründer nahe bedeutender Städte, in jenen es entsprechend den drängendsten Bedarf nach Mehl gab. Nur wenig bis gar kein Getreide fand den Weg zu den kleineren ortsungebundenen Mahlgewerken.
Müller und deren Gehilfen bereiteten emsig die Gewerke vor und setzten instand, was sich als reparaturbedürftig erwies.
Nahe Memnach wartete nur noch eine von ursprünglich zweien funktionstüchtigen Mühlen darauf, ihre ausladenden Segel mit den kräftig blasenden Winden der Berge messen zu dürfen. Der Obrist hiesiger Stadt hielt es bisweilen nicht für notwendig, Aufwendungen in Form von Arbeit, Ressourcen und Taler in den Wiederaufbau der Eingefallenen zu investieren. Umliegende Müller mussten somit die fehlenden Erzeugnisse mit den ihren decken, weswegen die gewonnenen Rationen Mehl für die nächstgelegenen Gehöfte und Ansiedlungen verringert ausfielen.
Die größten und fortschrittlichsten Mühlen Agreas standen in unmittelbarem Zugriffsgebiet Holmfirth. Gleich vier dieser Stätten gebaut zwar außerhalb der Stadt, blieben hingegen mit wenigen Schritten zu erreichen. Jeweils zu zweien entgegengesetzt teilten sich die schweren zu betreibenden Mahlsteine, anders als die landeinwärts errichteten Windmühlen, ein gemeinsames Schaufelrad. Die aus Holz gerichteten Räder bedienten sich der Kraft des Wassers und blieben hierdurch in steter Bewegung. Die Giesel entsprang einem morbiden Stollen aus längst vergessenen Zeiten unterhalb der Sandsteingruben, wo das Wasser allerdings seinen Ursprung nahm, verblieb einzig Vermutungen.
Dort beschäftigte Arbeiter hievten das Mahlwerk nach Bedarf mittels großer schwerer Hebel in die stetig drehenden Räder, sodass diese schlussendlich die liefernde Kraft der Giesel nutzten, um ihr Tagwerk zu vollrichten.
Holmfirth wurde einst unweit des Meeres errichtet und versorgte sich aus und mit jenem, was die Giesel darbot. Erst mit dem steten Zuwachs an Siedlern wuchs die jetzige Stadt bis hinab zur Küste, die von den Erbauern zum weiträumigen Hafen ausgebaut wurde. Eine aus Stein erbaute Mole diente den Bewohnern als Schutz vor einbrechenden Wellen und wurde an ihrem Ende mit einer Rundung im Durchmesser von nahezu vier Ellen versehen. Auf dieser thronte ein ebenso runter Turm mit doppelter Höhe, dessen überdachte Aussichtsplattform eine Brustwehr schützte. Feuer brannte des Nachts dort droben und bescherte Booten wie Schiffen eine wohlbehaltene Ankunft in die von Riffen übersäten Gewässer.
Ein Großteil der Hafenanlage diente dem thulenischen Herrschaftsreich als Umschlagplatz. Dieser wurde noch während der Kapitulation der Stadt, als Rückzugsort, mit Palisaden umbaut und Wachen patrouillierten fortwährend auf den Anlegestellen. Jeder Karren und jede Person wurde eingehend überprüft, bevor sie passieren durften. Lediglich ein kleiner Bereich des Hafens blieb für den Kleinsthandel freigegeben, unterlag gleichwohl dem Geheiß des Hafenmeisters. Gemeinhin bedeutete dies zwei zehnt für den Hafenmeister zuzüglich einen weiteren für den Anleger. Welche Waren, in welchen Mengen gehandelt wurden, oblag einzig den hiesigen Fuhreignern. Diese bestimmten in Absprache mit den Obristen die Art, Qualität und Menge der Einfuhr. Somit blieb alles wiederum in einer Hand - es war nicht die des Volkes. Auch gab es einschränkende Handelsuntersagungen, die aussagten, mit wem sie Handel treiben durften.
Die größten Schiffe lagen vertäut im bewachten Hafenbereich und warteten auf Fracht, die sie fernab der Küsten in zumeist westliche Richtung transportierten. Ihre erste Anlaufstelle blieb Benela. Dieser Ort war einst eine kleine und freie Garnisonsstadt, welche bereits während der früheren Kriege der Clans ausgebaut wurde. Skucias Küstenstadt verfügte über einen allumfassenden Tiefseehafen und konnte von dort nur mittels lange, tief ins Felsgestein geschlagene Wege erreicht werden. Die zentrale Stadt selbst lag schätzungsweise fünfzig Ellen oberhalb des Meeresspiegels und galt über den Seeweg als uneinnehmbar.
Eine kleine aber durchaus handelbare Unterstadt samt Lager, Werkstätten, Schenke und Unterkünfte wurde mühsam und aufwendig in das Felsgestein wie auf den einstigen Riffen erbaut. Riffe dienten den Erbauern als feste Sohle und deren Zwischenräume füllte der Abbruch jenes Weges, welchen ihre Vorfahren bis hinab zum Meer schlugen. Die Mühen, die für jene Leistungen aufgebracht wurden, galten gemeinhin als übernatürlich. Niemand konnte sich vorstellen gar bemessen, wie viele Arbeiter und Zeit diese Errungenschaften in Anspruch nehmen mussten.
In Benela wurden Waren aus Holmfirth gelöscht und begehrte Eisenwaren zur Weiterverschiffung in die letzte Bekannte und zu erreichende Stadt Xostreybar verladen. Bei ausreichenden Winden und einer zusätzlichen Fahrdauer von einem weiteren Tag und einer Nacht erreichten die mutigsten Kapitäne das Ususmeer. Untiefen, seltsame Geräusche und noch weit Unbekannteres warteten dort auf die furchtlosesten Seeleute. Keiner von diesen kam jemals wieder oder wart gesehen, welcher sich mehr als wenige Klafter in die sich verdichtenden und gierigen Klauen des Nebels verirrte.
Der Landweg als feste Handelsroute blieb weitestgehend ausgenommen, da die Karawanen gezwungen wären, den umständlichen und gefährlichen Weg vorbei an den Klippen zu beschreiten. Diesen beließ man seit Besiegelung der allumfassenden Kapitulation sich selbst. Niemand pflegte oder hielt diesen instand. Für die Besatzer unerreichbar ragte gerade einmal nur drei Ellen darüber das ertragreiche Damerel. Nur karg bewohnt blieb jener Landstrich jedoch nahezu unerschlossen. Üppig gediehen dort Wälder und Wildherden. Wilde wie verwilderte Ackerflächen sollen unberührt und unbestellt mit den Jahreszeiten wachsen und vergehen.
Selbst mittels Androhung und Ausführung empfindlicher Züchtigungen mussten die Lakaien der göttlichen Herrscherin eingestehen, dass diesem vergangenen Königreich, obwohl rohstoffreich und nachhaltig ihnen nichts abzugewinnen bot. Zugegebenermaßen unfreiwillig und unter Erfahrung morbider Verluste.
›Land der Körperlosen‹, ›Geisterebene‹ und ›Makel der sieben Reiche‹ dichtete man diesem als geläufigste Benennung an. Aus diesen wie auch vielerlei anderen Gründen hielt man sich von dessen Grenzen fern.
Thulenen, die eng mit dem Land ihrer Geburt und Glauben verbunden waren, mieden jenseitige Gestade, wagten nicht einmal, dieses mit den Spitzen ihrer Füße zu betreten. Taten sie es dennoch, weil das Wort der göttlichen Herrscherin über allem stand, auch dem des eigenen Lebens, verweilten sie keinesfalls länger als unbedingt erforderlich. Sie trieben ihr Gefolge in Hatz und schundeten geführte Tiere, um ehestmöglich den jenseitigen Grenzverlauf zu erreichen.
Wispern um einen herum, bedrohliches wie unheimlich klingendes Aufstampfen. Zarte Berührungen oder schmerzliches Stechen, obwohl niemand in unmittelbarer Nähe. Begleiter, die unbegründet zu Boden gingen oder schreiend aufsprangen. Nein, wahre Thulenen mieden es, sie diesem Ort der Verdammnis zu nähern. Ein Ort, an welchem das Wort der Kaiserin nicht währte, war ein unzulänglicher.
Jene unter der thulenischen Herrschaft stehende Truppen, die Damerel dennoch durchstreiften, galten als nicht abergläubisch noch beeinflusste sie das Gefühl der Furcht. Zumeist floss in deren Adern, wenn überhaupt, nur wenig des blauen Blutes und kamen aus den südlichsten oder westlichsten Ländern. Die meisten von ihnen folgten ihren Führern hemmungslos bis in den Tod.

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