Erste Aufgaben

Ragnar hatte sich nicht lange auf dem Moorseehof aufgehalten. Nachdem er sein menschliches Geschenk überreicht und mit Thorstein ein Horn Met auf das erfolgreiche Jahr geleert hatte, kehrte er dem kleinen Gut den Rücken und ritt zurück an die Küste. Seine Knechte wussten, was zu tun war und den Rest sollte sein Freund ruhig selber regeln.
Dieser aber sah sich mit einem Mal allein dem Mädchen gegenüber, das er auf der  Ragnarsúð vermutlich vor dem Tod bewahrt hatte. Sie hatte sich erholt, fand er, und die saubere, ordentliche Kleidung ließ sie hübsch aussehen.
Er betrachtete die junge Frau, dies noch immer mit gesenktem Kopf am Eingang seines Hauses stand und auf das Bündel zu ihren Füßen starrte, das vermutlich ihre weitere Ausstattung enthielt. Der Jarl war offenbar auch hierin großzügig gewesen - wie immer. Thorstein legte das Trinkhorn zurück auf den großen Holztisch, dann stand er auf und näherte sich Rúna langsam.
"Nun bist du also zu mir gekommen", murmelte er leise und beobachtete, wie die Sklavin bei seinen ersten Worten tief einatmete. Thorstein runzelte die Stirn. Er hatte absichtlich leise und freundlich gesprochen. Dennoch lag in der Haltung der jungen Frau Angst. Was hatte Ragnar wohl mit ihr gemacht, dass sie nach nur wenigen Tagen in  Straumfjorður so eingeschüchtert war?
Im Gegensatz zu seinem Jarl sah Thorstein im Besitz von Sklaven nicht nur den damit verbundenen Reichtum, sondern auch ein notwendiges Übel, wenn man einen Hof oder ein Gut bewirtschaften wollte. Als Kind war sein bester Freund der Sohn eines freigelassenen Sklaven gewesen, der auf dem Hof von Thorsteins Vater als Knecht arbeitete. Von diesem hatte er sich oft Geschichten über fremde Länder und fantastische Welten erzählen lassen. Doch trotz aller Geschicklichkeit, die der freundliche Mann im Erzählen aufbrachte, konnte er die Bitterkeit, die die Erinnerung an sein vergangenes Sklavendasein mit sich brachte, oft nicht ganz aus den Geschichten heraushalten.
Und so hatte Thorstein nicht nur von dem geheimnisvollen Reich der Franken gehört, sondern auch von der Handelsstadt Haithabu und dem Gefühl, das der Vater seines Freundes gehabt hatte, als man ihn dort zum Verkauf ausstellte. Er hatte nicht nur von den berühmten Raubzügen aus dem Mund der eigenen Leute gehört, sondern auch gelernt, was es für jene bedeutete, die in die Unfreiheit geschickt wurden. Die Geschichten seiner Kindheit enthielten Berichte von Überfahrten im Stafn alter Schiffe bei rauer See, von Hunger, Mangel und Auspeitschungen, wenn der Herr einmal unzufrieden gewesen war. Und so wenig der Vater seines Freundes es den Jungen gegenüber aussprach - heute, als erwachsener Mann, ahnte Thorstein auch, wie schwer das Los der versklavten Frauen sein musste.
Und nun stand Rúna vor ihm, das Mädchen mit den nussbraunen Haaren, die ihm so gut gefallen hatten, und war von einem Moment auf den anderen in seinen Besitz übergegangen. Thorsteins Stirnrunzeln vertiefte sich. Wie es wohl wäre, an ihrer Stelle zu stehen? Er sah das leichte Zittern ihrer Hände, obwohl es ein warmer Spätsommertag war und mit einem Mal wusste er, dass es ganz allein an ihm lag, wie das Leben dieser Frau ab jetzt verlaufen würde. Die Macht, die Ragnar ihm in die Hand gegeben hatte, war ihr gegenüber unbegrenzt. Doch vielleicht war es auch Teil der Macht, Verantwortung für das ihm anvertraute Wesen zu übernehmen?
Thorstein trat einen Schritt näher.  "Sieh mich an, Rúna!", forderte er.
Der Klang ihres Namens ließ die junge Frau zusammenschrecken. Es kostete sie einige Mühe, dem ersten Befehl ihres neuen Herren nachzukommen. Auch wenn der Steuermann auf dem Schiff freundlich zu ihr gewesen war - ihm nun hier gegenüberzustehen und zu wissen, dass er sich alles, was er wollte, von ihr nehmen konnte, verursachte bei Rúna ein bitteres Gefühl der Angst, das sich nicht unterdrücken ließ.
Als ihr Blick ihn traf, sah Thorstein ziemlich deutlich, was sie dachte. Doch er sah auch, dass sie ihn mit mehr Interesse musterte, als ihr sein vorsichtiges Lächeln auffiel, mit dem er sie zu beruhigen suchte.  Das Lächeln behielt er auch bei, als er noch ein wenig näher trat und ihr Gesicht ausgiebig betrachtete.
"Du hast dich gut von der Überfahrt erholt", stellte er fest.
Rúna nickte, schwieg aber. Sie wusste nicht, ob es Thorstein recht war, wenn  sie ungefragt sprach. Doch der Mann war schon einen Schritt zurückgetreten und wandte sich halb ab, bevor er mit einer Hand in Richtung Hausinneres winkte.
"Sicher bist du hungrig nach der langen Fahrt", mutmaßte er. "Lass uns etwas essen, dann bringe ich dich zu Teitr, meinem Vorsteher. Er wird dir den Hof zeigen und dir einen Platz für die Nacht anweisen. Wenn du dich ein bisschen umgesehen hast, werden wir besprechen, welche Aufgaben du hier übernehmen kannst."
Thorstein übersah die Verwirrung, in die er seine neue Sklavin mit der Einladung zum Essen gestürzt hatte. Er hatte Hunger und es würde angenehm sein, einmal nicht alleine zu essen. Das Morgenmahl teilte er sich zwar mit Teitr, doch der alte Mann mochte am Abend nicht noch einmal den Weg von seinem Häuschen am Fluss heraufkommen, um mit ihm zu essen und zu trinken. Dazu schmerzte ihn sein Bein nach den Anstrengungen des Tages zu sehr. Der Steuermann aber hatte schon nach zwei Tagen auf dem Moorseehof die überall lauernde Einsamkeit verflucht, die ihn nach den geselligen Tagen an Bord um so heftiger getroffen hatte.
Also ließ er nicht viel Zeit verstreichen, sondern erteilte Rúna einen ersten Befehl, indem er anwies, dass sie ab nun jeden Tag die drei Mahlzeiten zubereiten würde und sie gemeinsam mit ihm und am Morgen mit allen Männern einzunehmen hatte.
"Erzähl mir, wo du herkommst, und was du so kannst", forderte er die stille Frau dann auf, nachdem sie schüchtern eine Scheibe Brot und ein Stück Trockenfisch gegessen hatte. Doch bevor sie dem Wunsch ihres Herrn nachkommen konnte, sah sie mit einem Mal das Methorn vor sich, das Thorstein ihr gereicht hatte. Ungläubig starrte sie auf das große, gebogene Rinderhorn, nicht sicher, ob sie es wirklich ergreifen solle. Thorstein lachte.
"Nun trink schon. Wasser wird es noch oft genug geben. Und ich bin sicher, du wirst uns hier bald auch Met und Bier brauen, oder etwa nicht?"
Das kleine Lächeln, mit dem Rúna das halbvolle Gefäß ergriff, gefiel ihm. Ebenso gut war ihre Zusicherung, dass sie durchaus Bier zu brauen verstand, wenn er denn die notwendigen Hilfsmittel dafür auf dem Hof habe.
Thorstein fielen mit einem Mal viele Dinge ein, die er Rúna auftragen wollte. Schon lange hatte es keine Kuchen mehr auf dem Moorseehof gegeben und die Kochkunst der Männer beschränkte sich auf gebratenes Fleisch und verwässerte Suppen. Vielleicht konnte sie Butter  herstellen oder gar Käse? Das Haus würde nun wieder sauberer sein und vielleicht sogar ein wenig heimeliger. Ob sie Blumen auf den Tisch stellen würde, wenn er ihr freie Hand ließe? Thorstein lachte mit einem Mal befreit auf, Rúnas staunenden Blick vor Augen.
"Es ist gut, dich hier zu haben", ließ er sie wissen. "Zwar ist es mir gar nicht aufgefallen, doch wir haben hier wirklich eine Frau im Haus vermisst. Ragnar hat dich zur richtigen Zeit hierher geschickt."
Dann gab er einen Teil seiner Gedanken preis und Rúna spürte, wie sich eine befreite Ruhe in ihr ausbreitete. Thorstein hatte Aufgaben für sie, die sie gern übernehmen würde. Nichts von dem, was er bisher forderte, ließ sie spüren, dass sie nicht willkommen war, oder schlimmer noch, nur als Spielzeug betrachtet wurde. Sie konnte zwar nicht wissen, ob dies nur der erste Eindruck war und ihr Herr sich noch von anderen Seiten zeigen würde, doch der Beginn ihres neuen Lebens war weit weniger aussichtslos, als sie es während der Überfahrt befürchtet hatte. Mit neuer Hoffnung ließ sich Rúna nach diesem ersten gemeinsamen Essen von Teitr über den Hof führen. Vieles war ihr bekannt oder erschien ihr vertraut.
Und als ihr der Knecht einen Schlafplatz im Heulager des Stalls anwies, damit sie mögliche Rufe Thorsteins durch die dünne Trennwand hören könne, dachte sie sich nichts dabei, sondern war zufrieden, diesen kleinen Rückzugsort nicht mit den Männern teilen zu müssen, die ihre Unterkunft in der großen Scheune gefunden hatten.

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Ein paar Bilder zur Geschichte und Hintergrundmaterial findet ihr auf meiner Fb-Seite:
https://www.facebook.com/Von-Rabenv%C3%B6lkern-und-Seewikingern-489983544488958/
Schaut doch mal vorbei!
Eure Sophie

Kommentare

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    Härzerwärmend, dieser Einstand!

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