Erster Akt


Liebe Heimat, ’s geht zum Streite,

Und wir schlagen tapfer drein.

Meine Gleve will ich schwingen,

Mein Bolzen, der soll dringen,

Wenn es heißt: der Feind rückt an.

[…]

Nun ade, mein liebes Schätzchen,

Nun ade, so lebe wohl!

Meine erste bist du gewesen,

Meine letzte sollst du sein!

Wenn’s doch einmal Wahrheit wär!

Abschied zur Fahne, Altes deutsches Soldatenlied


Die Nüstern des Schlachtrosses waren weit gebläht, Luft schoss in seine Lunge und feuerte seine Muskeln weiter zur Arbeit an. Mit Eisen beschlagene Hufe wühlten sich im schnellen Galopp durch die matschige, zertrampelte Erde eines Ackers. Erdklumpen, Wasser, Matsch und Blut, welches sich in Pfützen gesammelt hatte, wurde zu allen Seiten verstreut und deckten die kämpfenden Landsknechte zu beiden Seiten des Pferdes ein. Der Reiter, in verstärktes Leder und stählerne Schienen gekleidet, holte mit dem langen, an der Spitze abgerundeten Einhänder aus. Ein, das Mark durchdringender, Schmerzensschrei lies das Ross scheuen, als der blanke Stahl des Söldners das Gesicht eines heranstürmenden Lanzenträgers aufspaltete. Blut schoss aus der offenen Wunde hervor und bespritzte das Lederwams des Reiters. Der Mann auf dem Rücken des Tieres hielt sich problemlos im Sattel, beruhigte es und holte erneut aus. Er schlug über Kreuz, von links oben nach rechts unten, und gab dem Lanzenträger, welcher die Hände über das blutüberströmte Gesicht gepresst hatte, den Rest, indem er ihm das Eisen ins Genick hieb.

Wieder wurde das Pferd angetrieben, weiter in die Schlacht hinein, tiefer in das Gewühl aus Menschen, Leichen und Lanzen. Auf den Reiter hielt eine Gruppe Hellebardisten zu, mit wütendem Gebrüll stürmten sie ihm entgegen. Gerade noch im letzten Moment konnte er das Pferd herumreisen, weg von der tödlichen Wand aus stählernen Spitzen. Er trieb das Tier weiter, an den Spießen eines kleinen Walles vorbei, welchen Schützen in den Farben von Bawarut verzweifelt gegen eine Schaar Axtkämpfer aus Ustrit oder Rogges verteidigten. Plötzlich wurde der wilde Ritt gebremst. Das Pferd wieherte nicht, es schrie. Wer ein Pferd schreien gehört hat, weis, wie die Hölle klingen muss.

Der Reiter wurde nach vorn abgeworfen und landete Schmerzhaft mit dem Gesicht auf dem Plattenpanzer eines gefallenen Waffenknechtes. Das Wappen des Gefallenen zierten zwei gekreuzte, goldene Löffel auf blauem Grund. Ein Mann der Freiherren von Heizata. Ein Feind. Ein Toter. Noch bevor der Soldat sich wieder aufrappeln konnte schlug etwas schmerzhaft in seinen linken Oberarm. Er schrie und griff reflexartig an den Arm. Sein Blick war getrübt von Schweiß, Blut und Tränen. Mit den Finger fühlte er einen Armbrustbolzen, ein massives, mieses Ding mit Wiederhaken, wie es die Männer von Ober-Bawarut verwendeten. Dieser Bolzen war von einem Verbündeten verschossen worden. Er schaffte es schließlich doch, sich auf die Knie zu erheben und wurde gewahr, dass sein Pferd auf der rechten Flanke mit Bolzen gespickt war. Es lag tot auf seiner linken Seite.

Wankend bewegte sich der Krieger, das Schwert gesenkt und mit seinem Rechten Panzerhandschuh umklammert auf eine kleine, vom Schlachtengetümmel übersehene Baumgruppe zu. Er lehnte sich, etwas versteckt, an einen Baumstamm und brach den Bolzenschafft knapp über der Haut auf beiden Seiten ab. Er riss sich ein Stück seines baumwollenen Unterwamses ab und band es um die Wunde. Erschöpft ließ er sich herabsinken und sah in den Himmel, durch die Wipfel der Tannen und Eichen. Kleine Wölkchen zogen dahin und erweckten den Anschein einer schwebenden Schafweide. Er fuhr sich mit der rechten Hand durch die verschwitzend, langen Haare. Als der Mann zu seinem Wasserbeutel greifen wollte, hörte er es hinter sich ein lautes Knacken und Trampeln. Eine Gruppe von 3 Mann stürmte in das Wäldchen hinein. Blitzartig sprang er auf und biss sich vor Schmerz in die Unterlippe. Die Männer waren Schwertträger aus Rushus. Der Reiter seufzte: „Redawend, heut ist dein Tag nich‘. Heut is’ers nich‘.“ Er erhob das Schwert und stellte sich so, dass eine große Eiche seine linke Flanke deckte.

Die drei Soldaten dachten gar nicht daran, gegen ihn zu kämpfen, vollkommen überrascht von der plötzlichen Kampfbereitschaft des, wie aus dem Boden gewachsenen Riesen. Sie sahen sich gegenseitig an. „Flucht?“, fragte der eine. „Fersengold!“, bestätigte ein anderer. Sie ließen die Schwerter fallen, rissen sich mit geübter Bewegung die Wappen von den wollenen Wämsern und rannten an Redawend vorbei, als sei der Teufel hinter ihnen her. An sich eine völlig vernünftige Annahme.

Auch wenn er selber gern gerannt wäre, er konnte, durfte nicht. Er hatte seinem Herren einen Eid geschworen, nicht weniger als zehn Köpfe einzuschlagen. Redawend war erst bei acht. „Heut is wirklich nich‘ dein Tag nich‘ “, seufzte er. Langsamen Schrittes ging er wieder in Richtung der Schreie und des Krachens. Stahl auf Stahl.


Redawend erwachte auf einer Holzplanke. Wie ein rotes Feuer brannte sich ein schmerzhafter, sehr tiefer Schnitt quer über seinen Kopf. Sein Kopf war zwar dick verbunden worden, doch etwas Blut sickerte trotzdem durch und rann ihm über Brauen und Nase, in die Augen, bedeckte sein ohnehin schon getrübtes Blickfeld mit einem roten Schleier. Als er seine Wunde betasten wollte, stellte er fest, dass man seine langen, braunen Haare kurz geschoren hatte und mit einem guten Messer nass rasiert hatte. Er seufzte: „Nich‘ dein Tag.“

Ein Feldscher stand neben ihm und kritzelte etwas auf ein kleines Wachstäfelchen. Geistesabwesend und eindeutig nicht am Schicksal Redawends interessiert, zeigte er auf ein kleines Bündel, dass neben der Pritsche lag. „Da ist deine Habe, Söldner. Dein Herr hat notiert, dass du ihm zwölf Köpfe der verhassten Rushuser Bande hast angeschafft. Das sind zwei mehr als vereinbart. Dein Herr, der gute König Wenzlaf, fragt sich ob du zählen kannst... Kannst du zählen?“, mit einem abschätzigen Blick musterte der Wundartzt den Verwundeten. Dieser nickte nur. Ein Druck wie von tausend Hämmern presste jede Konzentration oder Lust am Gespräch aus seinem Kopf. Ihm wurde jeden Augenblick zum Speien übel und noch immer sah er nur verschwommen. „Ich möchte‘ entschuldig’n Herr, der Eifer der Schlacht. Ich hab mich wohl verzählt.“ Redawend versuchte spöttisch zu lächeln. Es gelang ihm leidlich.

„Dein Herr lässt ausrichten, dass er deinen Einsatz bewundert. Zahlen wird er dir dennoch nur die vereinbarten zwanzig Heringshuser Gulden, und darüber sollst du gefälligst dankbar sein. Des Weiteren sei dir mitgeteilt,  dass dir für die Behandlung im Feldlazarett dreißig bawarutische Taler in Rechnung gestellt werden, das entspricht ungefähr zehn Gulden. Da, nimm dein Geld.“, sagte der Feldscher und warf Redawend ein kleines Säckchen mit klirrendem Inhalt zu. Dieser erfühlte das kleine, lederne Bündel und steckte es unter sein ebenfalls ledernes Wams, welches immer noch mit Blut verkrustet war. Der Wundarzt blickte etwas entnervt und unruhig auf Redawend hinab: „Jetzt mach, dass du rauskommst. Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen, du Kroppzeug. Ich brauch die Pritsche sowieso. Mit was für Zeug habt ihr euch da draußen überhaupt geschlagen? Mit rostigen Sägen und Heugabeln?“

Der Söldner hatte sich unter Mühe sein Schwert angelegt und das Geld mit dem Rest seiner Habe in einem Ledernen Beutel verstaut. Als er das Lazarett-Zelt verlies, rief ihm der Feldscher hinterher: „Söldling. Euer Herr lässt euch noch ausrichten, dass ihm bekannt ist, dass ihr drei der verfeindeten Rushuser Waffenknechte entkommen lieset. Er nimmt von der rechtmäßigen Bestrafung abstand, lässt euch aber ausrichten, dass eure Dienste nicht mehr benötigt werden, geschweige denn eure Anwesenheit. Also scher dich zum Teufel, du dreckiger Köter, oder ich zieh dir das Fell über die Ohren.“


Es wehte eine leichte, warme Briese vom Meer her über das Land und wiegte das Graß auf den Auen und Weiden sacht von einer zur anderen Seite. Zwischen den Kiefern und Tannen eines Wäldchens zwitscherten Vögel und balzten um die Gunst der Weibchen, während durch das Unterholz Eichhörnchen und Füchse huschten. Die Sonne schickte ihre letzten Fühler über den Horizont und schien den Himmel, an welchem vereinzelte Kumuli gemächlich dahinzogen, in Brand zu stecken. Golden spielte das Licht auf Farnen und Buschwerk.

Ein einzelner Mann ritt auf einem großen und ruhigen Rappen einen schmalen Feldweg entlang. Seinen Kopf zierte eine wulstige, frische Narbe. Den Schädel hatte er kahlrasiert. Er trug einen weiten, derben Ledermantel und ein langes Kavallerieschwert. Er beobachtete den Flug einiger Gänse, welche in V-Formation einem, ihm unbekannten, Ziel entgegen strebten. Er überlegte gerade, was er sich zum Essen jagen sollte, als er um eine scharfe Kurve ritt und sich hinter einer dichten Reihe von Buchen und Eichen  eine Weggabelung auf tat. Auf der Weggabelung stand ein Wagen mit einem angebauten Baldachin und einer Art Theke, welche von zwei Schwingtüren flankiert wurde. Ein typischer, fahrender Händler.

„Hey, du da, Freund, komm und sieh dich um, Ösgierd hat die besten Waren, von weit und fern.“, der Händler winkte ihm zu und zeigte sein breitestes Grinsen. „Komm, du siehst müde aus. Dagegen hab ich etwas, Ösgierd hat feine Sachen, du wirst sehen. Hier, schau!“, der fremdländisch wirkende Mann hielt eine kleine Flasche mit einer bernsteinfarbenen, klaren Flüssigkeit in der ausgestreckten Hand. Redawend, durstig und hungrig von der weiten Reise, vom Lager der Bawaruter hinaus ins Saskische Hinterland, lenkte sein frisch gestohlenes Pferd zu dem Wagen des freundlichen Händlers hin. „Hier mein Freund, ein Schluck aufs Haus, ich teile mit dir, weißt du? Ösgierd lädt dich ein.“

Der Söldner zögerte keine Sekunde, leerte den Becher in einem Zug und hustete kräftig. Der Händler lachte laut auf und klatschte sich auf die Schenkel. Dann setzte er sich auf den Rand seines Karrens und ließ die Beine baumeln. Hinter einer Kiste holte er ein Laib Brot, einen Weinschlauch und einen gereiften Käse hervor. „Komm setzt dich. Lass uns, wie man bei uns sagt, das Brot brechen“, ein kurzer Moment des Schweigens, auf welchen ein weiterer Lachanfall Ösgierds folgte „Und ordentlich Wein saufen, was hast du denn gedacht?“

Redawend zögerte nun doch: „Warum bietet‘n ihr mir das alles an. Ihr kennt mich nich. Ich, mein Schwert, ich könnt sonst wer sein, ein Räuber oder so.“ Der fliegende Händler schmunzelte und strich sich über sein Ziegenbärtchen. „Vergesst nicht“, erwiderte er nach kurzem warten „eure hässliche Narbe, die euer Gesicht so schön ziert. Glaubt mir, einen geschlagenen Hund erkenne ich, wenn ich ihn sehe. Ihr seid harmlos wie eine müde Katze an einem warmen Sonntagmorgen. Und selbst wenn…“ Der Händler griff unter den Bock und hielt eine gespannte Armbrust in der Hand. Redawend griff sich reflexartig an den linken Oberarm und wich einen Schritt zurück. „Seht ihr?“, Ösgierd lächelte böse „Was hab ich gesagt. Aber keine Sorge, Ösgierd ist kein Schlagetot, danach steht mir nicht der Sinn. Also, trinkt und esst nun endlich. Ich fange nicht ohne euch an, aber mir knurrt schon tüchtig der Magen.“

Die Sterne erstrahlten einige Zeit Später am Himmel, spiegelten sich in den Teichen und Pfützen am Wegesrand wider. Der Halbmond zog langsam und ruhig seine Bahn, während grillen Zirpten und Glühwürmchen phosphoreszierten. Sie hatten ein kleines Feuer entzündet und sich, an den Wagen gelehnt, niedergelassen. Redawend zog gleichmäßig und ruhig einen Schleifstein über die Klinge seines Schwertes. Er prüfte regelmäßig die Schärfe mit seinem Daumen und war sichtlich unzufrieden mit seinem Ergebnis. Den Mantel hatte er abgelegt, darunter trug er ein linnenes Hemd. Den linken Ärmel hatte er bis über die Bolzenwunde hochgerollt. Die Narbe war rosig und gut verheilt, doch brannte immer noch gelegentlich. Ösgierd lag ausgestreckt da und spielte auf einem Instrument, welches einer Laute ähnelte, eine traurige Ballade.

„Sag mir, großer Krieger, was ist deine Geschichte, hä? Du hast mit mir gespeist, meinen Wein getrunken, hier nimm ruhig noch einen Schluck, und sitzt an meinem Feuerchen. Wer bist du also?“ Redawend hielt in der Bewegung inne und legte den Kopf nach hinten, so dass er das Funkeln der Sterne bewundern konnte. Er atmete tief ein und sprach ruhig: „Ich bin, das heißt, ich war‘n Doppelsöldner. Ich hab mich für’n  Kriegsdienst verkauft. In erster Reihe ‘kämpft. Mir wurd ‘ne Zahl an Köpfen genannt, die ich hab liefern solln. Ich habe sie immer geliefert.“ Schweigen. Ein sehr langes, tiefgründiges Schweigen.

Der fliegende Händler zog zischend Luft ein und pfiff respektvoll. „Ay, das ist übel. Ein übles Leben. Aber, du hast aufgehört. Willst ehrenhaft werden?“ Redawend zuckte mit den Schultern. „Weiß nich“, begann er „Ehrenhaft, was isn das schon. N‘ Ehrenhafter, der kann lesen, kann schreiben, hatn Weib und Kinder, ‘n Hof und so. Ich hab das alles nich.“ Wieder Schweigen, nur das Knistern des Feuers und das Surren des Schleifsteins auf dem kalten Stahl.

Eine Eule zog dicht über sie hinweg. Ein Wolf heulte in weiter Ferne und bekam von noch weiterer Entfernung eine Antwort. Der Wind lies kleine Wellen auf den Teichen der Umgebung entstehen, in denen die Reflexion der Sterne verschwamm und flimmerte.

„Ich habe Kinder, weißt du? Ich habe auch eine Frau, und ein Haus. Aber ich habe auch noch meine Armbrust“, Ösgierd lächelte aufmunternd und nahm einen großen Schluck aus dem Weinschlauch bevor er fortfuhr „Unten, in Sunderland, da wo es keinen Winter gibt, da ist meine Familie. Der Großvezir schenkte mir meinen kleinen Hof persönlich, weißt du? Für meine Taten während des Krieges mit den Stämmen der Dschungel. Ich sag dir, mein Freund, das war ein Stechen und Hauen. Aua ja, es ging zur Sache. Am Ende habe ich meinem König dreiunddreißig Köpfe beschert. Du siehst, ich war auch einmal ein Söldner.“ Redawend seufzte und legte Holz nach.

„Sag, weißt du, mein Freund, warum die Völker aus dem Osten und Norden in letzter Zeit so häufig hier einfallen?“, Ösgierd hatte die Laute weggelegt und musterte den Söldner aus tiefen, schwarzen Augen. Der zuckte nur mit den Schultern und machte ein absolut uninteressiertes Gesicht. „Weiß nich. Mich bezahln’se, um die zu erschlagen, nich um zu fragen, was sie hier her treiben tut.“ Der Händler zwirbelte den Ziegenbart und seufzte dann aufrichtig und traurig. „Das ist es ja, mein Freund“ fing er an „das ist es ja. Man fragt sie nicht. Man redet nicht mit ihnen. Was sollen sie dann auch tun.“ Erwartungsvoll blickte er auf Redawend, der zuckte aber wieder nur unbedarft mit den Schultern. „Weißt du denn nicht, das sie dort oben keine Sommer mehr haben, nicht einmal Frühling würde ich das nennen. Oy! Kein Essen, nur Kälte und Stille. Deswegen kommen sie hierher. Sie wollen, das wir den Kuchen mit ihnen teilen, weißt du?“ Redawend sah Ösgierd lange an, dann endlich fand er seine Sprache wieder: „Das heißt, wenn man’n kein Hof mehr hat, dann wird man wieder’n Söldling.“ Er nickte wissend und starrte wieder ins Feuer. Ösgierd seufzte und warf noch einen Holzscheit in die knackende Glut. „Ja“, sagte er schließlich, traurig und gedankenverloren „das Leben ist kein Ein-Spur-Weg.“


Am nächsten Morgen, die Sonne stand noch tief und lies eine orangene Märchenlandschaft um den kleinen Wagen und das Nachtlager entstehen, hatte Redawend bereits seinen Rappen gesattelt und war dabei ihm Futter zu geben, als sich Ösgierd, die verschlafenen Augen reiben, aus seinem Schlafsack heraus schälte. „Ah, ein guter Mann, steht früh auf, tüchtig bist du mein Freund.“, dabei lächelte der Sunderländer freundlich. Redawend hielt in der Bewegung inne und fixierte die Tasche, an der er sich zu schaffen machte. Eine unangenehme Stille breitete sich aus. Dann endlich drehte sich der große, glatzköpfige Mann um und lächelte seinem neuen Freund zu. „Ja. Danke, für deine Gastfreundschaft, aber ich muss los.“ Ösgierd winkte ab und gab zu verstehen, dass dies für ihn eine Selbstverständlichkeit war. „Todo lo que es bueno, wie wir zu sagen pflegen, mein Freund. Alles ist im reinen. Wohin wirst du jetzt reiten? Suchst du dir eine Frau? Einen kleinen Hof, ay?“ Redawends Miene verdüsterte sich etwas. Er schüttelte fast unmerklich den Kopf. „Nein“, begann er schließlich „Ich reite nach Nauembrug. An den Hof von Herzog Hedwig. Er zieht gegen Fürst Bodobrock, den Herren vom Regenstein, eine Rechnung begleichen. Man wird sicher gut zahlen.“ Der Händler schüttelte wieder traurig den Kopf, wischte sich sogar diesmal eine Träne aus dem Gesicht: „Ay, Amigo, was soll ich nur tun.“ Ruhe folgte. Dann blickte Ösgierd dem Söldner direkt, mit einer sehr ernsten Miene, ins Gesicht, packte ihn bei den Schultern. „Pendejo, jetzt hör mir mal zu, nichts dergleichen wirst du tun. In welcher Richtung liegt Nauembrug? Die rechte Abzweigung? Gut, dann reite links. Reite einmal in deinem Leben nach links. Nicht zu den Spießen, weißt du? Nicht zu dem Kriegsvolk, nein! Nach links, zu deinem Mädchen, Pendejo!“


Es war ein scheiß Wetter wie aus dem Malbuch eines Schülers des Klosters Banheid bei Husengard. Dicke Tropfen vielen schnell und mit Macht zur Erde und trommelten auf dem langen Ledermantel des Reiters, hinterließ kleine Krater am sandigen Ufer des Flusses Mächt, an welchem ihn der Weg vorbeiführte. Blitze zuckten in der Ferne über den Horizont und warfen gespenstische Schatte über die Wipfel der Bäume hinweg. Der Fluss war flach, führte wenig Wasser und schlängelte sich durch den gesamten Wald und ergoss sich irgendwo bei Rogges in das weite, grüne Meer. Hier aber bewässerte er nur die ausladenden Forstgebiete.

Kleine Köhlerhütten säumten den Wegrand, doch es war keine Menschenseele zu sehen. Etwas Böses, Verheißungsvolles lag über der gesamten Gegend und lies die frische Narbe am Arm Redawends brennen wie Feuer. Dies war nicht das erste, verlassene Dörfchen was ihm auf dem Weg unterkam. Er hatte schon einige gesehen, alle hatten sich an den Fluss gedrängt. Er nahm allerding einfach an, dass sie wegen eines Hochwassers verlassen wurden, oder weil es keine Kohle mehr herzustellen gab.

Wieder brannte der durchlöcherte Arm. Ihn wunderte, warum stets nur die Narbe des Armbrustbolzens wetterfühlig war, aber keine seiner anderen Narben. Denn abgesehen von der wulstigen, sein Gesicht auf ewig verunstaltenden, Narbe auf seinem Kopf besaß er noch etliche weitere, welche ihm durch Gleven, Dreschflegel, Hellebarden, Schwerter und Dolche zugefügt wurden. Doch diese Kriegswunden waren still, nur der durchlöcherte Arm machte auf sich aufmerksam.

Als er an den gedrängten Hütten vorbei geritten war, war ihm so, als hätte er einen Schrei gehört. Im selben Moment schlug jedoch auch ein Blitz ein, weshalb er annahm, dass einfach ein Baum gesplittert sein musste. Er Trieb den Rappen weiter an, beschleunigte den Ritt und versuchte möglichst schnell die verlassen wirkende, kleine Siedlung hinter sich zu lassen. Er kam einige Meter weit und konnte die Hütten hinter einer Biegung bereits nicht mehr sehen als unvermittelt ein hoher, gellender Frauenschrei die Geräusche des Gewitters zerriss. Er kam scheinbar nicht von weither, direkt aus dem Wald vom Fluss her.

Redawends Narbe brannte inzwischen so stark, als hätte man sie frisch aufgerissen und Säure über die offene, eitrige Wunde gegossen. Er hielt es kaum noch aus und musste den Griff um die Zügel lockern, da er fürchtete, der Arm werde ihm abfallen, wenn er noch fester die Muskeln anspannte. Zögernd hielt er das Pferd ruhig auf dem Weg, wartete, überlegte, was er tun sollte. Während sein Hirn weiter ratterte und Zahnräder andere Zahnräder antrieben gellte erneut der Schrei einer jungen Frau durch das Unwetter. Raben, Krähen, Schwalben und Eichelhäher flogen aus dem Unterholz empor und veranstalteten ein grausames, unheilvolles Konzert des Todes.

Mit einem inbrünstigen „HEYA!“ trieb er das Pferd an und lenkte es in den Wald, ins Unterholz hinein. Mit der Rechten griff er unter den ledernen Mantel, zog sein Wams zurecht und umfasste mit festem Griff das Schwert. Er konnte es nicht ziehen, etwas schien zu bremsen, zu klemmen. Ohne den wilden Galopp durch das Gestrüpp zu stoppen hielt er am Schwertgriff fest. Er hatte es schon tausende male Gezogen, hatte er gegen Unschuldige, Frauen und Kinder erhoben, gegen Landsknechte, in der Überzahl, geschwungen und wer weiß wie viele Leben damit beendet. Doch etwas in ihm ließ ihn nun zögern. Die Frau schrie erneut und der Schreib brannte sich in sein innerstes. Sie rief um Hilfe. Nicht panisch, nicht in wilder Flucht ergriffen, wie er es oft schon gehört hatte. Sondern bettelnd, aufgegeben, hoffnungslos, da ihr sonst nichts anderes einfiel, als das einzige Wort, welches in jeder Sprache verständlich zu sein schien. Hilfe

Mit einem Ruck löste sich die unsichtbare Umklammerung um die Klinge und mit einem Wutschrei riss Redawend das Schwert aus der Scheide und trieb das Pferd zu noch wilderem, unbarmherzigerem und schnellerem Galopp an. Wie ein Geschoss preschte das Rittgespann aus dem Unterholz empor auf eine sandige, kleine Bucht am Rand des Mächt. Er konnte den Rappen gerade noch rechtzeitig Zügeln. Es bäumte sich auf und lies die Hufe mit schwerem Donnern auf den Boden fallen. Das Tier schnaubte wütend und warf den Kopf von einer zur anderen Seite. Redawend selber zeigte seine finsterste Miene, versuchte die Szenerie mit seinen kalten, gefühllosen Augen einzufangen, während der Regen auf seine Glatze fiel und die wulstige Narbe sich blass Weiß vom Rot des Gesichtes absetzte.

Am Ufer stand eine junge Frau, nach ihren geschwärzten Händen und dem Rußverschmierten Gesicht zu urteilen eine der Köhlerinnen aus der nahen Siedlung. Vor ihr baute sich ein drei Meter hohes, Muskelbepacktes Untier auf. Es war von grauer Farbe, hatte anstatt dem zu erwartenden Pelz überall Schuppen und eine widerliche Fischvisage. Es schreckte auf, als der Kavallerist auf dem Ufer erschienen war, warf den Kopf in seine Richtung und ließ ein wütendes, gurgelndes „Uaaaaurwüärgs!“ ertönen. Redawend stockte der Atem. Dies war ein Kampfschrei, der einen ganzen Gevierthaufen samt Anführer in goldener Rüstung zum einpinkeln hätte bringen können.

„Was solls“, dachte sich der Doppelsöldner „einmal muss man sterben, warum nich für’n edle Sache.“ Voller Grimm packte er das Schwert fester, hob es, bereit zum Schlag, weit über den Kopf und schrie inbrünstig: „Kavallerie, heyo!“ Etwas Besseres wollte ihm partout nicht einfallen. Er riss das Pferd herum und trieb es im wilden Galopp auf das Untier zu. Dieses machte allerdings keine Anstalten auszuweichen, sondern stellte sich ihm breitbeinig entgegen. Die Frau kreischte, nutzte aber die Gelegenheit weise und flüchtete vom Kampfplatz so schnell sie nur konnte. Doch nicht das Monster ließ sich davon ablenken, sondern Redawend. Mit einem „huch!“ blickte er zu ihr.

Ein Fehler, wie ihm sogleich schmerzhaft bewusst wurde, denn das Untier machte sich seine Unkonzentration zu Nutze und packte ihn an der rechten Schulter und riss ihn ohne Probleme vom Pferd herunter und warf ihn zu Boden. Er landete zwar hart, war es doch aber gewohnt. Bevor das Ungetüm mit dem erhobenen, Tang umwickelten Fuß auf ihn treten konnte, drehte er sich schnell in einer Rolle zur Seite. Er sprang auf, fasste das Schwert fester, machte eine Volte, um dem durchschwingendem Arm des Monsters zu entkommen und schlug fest von links oben zu unteren Mitte zu und zerfetzte dem Wesen den rechten Unterarm, welcher nur noch an Fetzen herab hing. Scheinbar bestand das Ding im inneren aus verfaultem Fisch, denn genau danach roch es.

Triumphierend grinsend machte Redawend einen Schritt nach hinten und begab sich so in eine gute Ausgangsposition, das Schwert bereit zu Parade erhoben. Die Strömung umspielte seine Knie und er genoss es sichtlich. Die Fischfresse hingegen dreht sich langsam zu ihm um, brüllte ein inbrünstiges „Huääääargs!“ und erhob den Armstumpf. Wie durch Zauberhand schossen vom Körper des Monsters, sowie vom Grunde des Flusses Seegras, Tang und sonstiges empor und bildeten einen sehr brauchbar wirkenden Ersatzarm. Der tapfere Soldat erbleichte.

Die Fischfresse war schneller als gedacht. Es Schoss nach vorn und rammte Redawend mit der gesunden Faust in den Magen, warf ihn weiter auf den Fluss hinaus. Bevor er sich erheben konnte war es bereits bei ihm und trat ihm mit Schwung in den Rücken. Er überschlug sich mehrfach, schaffte es aber, irgendwie zum Stehen zu kommen. Das Monster wollte ihm direkt mit der Rechten schlagen, doch er parierte und ging in einer Riposte direkt an das Untier heran und wollte es mittig mit der gesamten Breite der Klinge schlagen, doch blockte mit links entriss ihm das Schwert und packte ihn mit der Rechten. Es zog ihn nah an sich heran und brüllte ihm aus der tiefsten Tiefe seiner Fischfresse ein „HUUUÄÄÄÄÄHA!“ entgegen. Mit Schwung hatte es ihn aus dem Wasser gehoben, das ihm da schon bis an den Oberschenkel reichte, und warf ihn auf das Wasser zurück. Drückte ihn nach unten. Es wurde dunkel um ihn herum. Sehr dunkel.

Sein Blick verklärte sich und die Luft wurde ihm knapp. Doch plötzlich war ihm, als käme von der rechten Seite, vom Ufer her, etwas auf ihn und das Monster zu gerannt. Was als nächstes geschah konnte er nur schemenhaft erkennen. Etwas rannte durch den Fluss und sprang über ihn hinweg, direkt vor der Front des Monsters vorbei und nutzte den Schwung des kurzen Fluges aus, um mit voller Kraft ein Schwert quer über den Hals oder die Brust des Ungeheuers zu schlagen. In einer breiten Fontäne schoss Blut aus dem Körper der Bestie. Es ließ Redawend los und wankte nach hinten, wollte sich zu dem Angreifer umdrehen. Dieser hingegen war längst wieder gelandet und um das Untier herum geschossen, griff nun von hinten an. Er sprang hoch und rammte sein Schwert in den Rücken der Bestie, dicht unter den Kopf, welcher ohne Hals an den Schultern anlag. Die schlanke Klinge bohrte sich bis zum Heft in die Fischfresse und schaute zur Front des Biestes, knapp über der tiefen Wunde, aus welcher immer noch Blut herausfloss, heraus. Redawend verließen die Kräfte.

Er erwachte am Ufer, den Kopf auf den Beinen der jungen Frau gelegt. Das Gewitter war offenbar vorüber gezogen. Am Himmel war keine Wolke mehr zu sehen. Er würgte eine große Ladung Flusswasser heraus, direkt auf den Rock der Maid. Diese schien das nicht weiter zu stören, denn sie strich ihm immer über den Kopf und flüsterte in einem Fort: „Mein Retter. Mein Retter, in der goldenen Rüstung. Mein Retter.“

Neben ihnen beiden beugte sich ein Mann im grünen Gehrock, mit einem ledernen Dreispitz auf dem Kopf über die riesenhafte Leiche. Wie nebensächlich warf er ein: „Verzeiht, aber golden würde ich die Schweinehaut die er da trägt nun nicht nennen. Und Retter? Das scheint mir eine reine Ansichtssache zu sein. Wer ist denn hier das wahre Opfer?“ Mit einem beiderseitigen Erstaunen blickten die Frau und Redawend den merkwürdigen Mann an, welcher er schlankes Schwert und eine lederne Tasche umgehängt hatte.

„Verzeiht, Herr.“ Redawend musste husten und spuckte erneut eine Ladung Flusswasser aus „Verzeiht, aber, was is’n hier passiert, wenn ich die Frage stelln darf?“ Der Mann in Grün schüttelte sacht den Kopf. „Euer Ausdruck“, begann er nach einer kurzen Pause „schmerzt. Aber nun gut. Das tut ja nichts weiter zur Sache. Wenn ich mich vorstellen darf.“, er erhob sich, dreht sich zu den beiden mit Schwung um und verbeugte sich, wobei er den Hut lüftete. „Magister Arnulf Peélius, Absolvent und Angestellter der Fakultät für Archäologie und Biologie. Ich habe euch vor dem Ertrinken gerettet, als euch dieses wunderschöne Exemplar der Homo Magna Piscis gerade wie einen getretenen Köter im Fluss ersäufen wollte. Homo Magna Piscis wird auch Fischfresse genannt, nicht sehr akademisch. Eigentlich leben die aber im Meer, hier hatte der gar nichts zu suchen.“ Der grüne Gehrock zwirbelte ein Ende seines Schnurbarts, welcher nur ein Teil seines Dreispitzes war. Er scharrte mit den Stiefeln über den Uferboden und schien angestrengt zu grübeln.

Redawend hatte sich inzwischen erhoben. Sein rechter Arm, dort, wo ihn der Magna Piscis gepackt hatte, schmerzte ungeheuerlich, er befürchtete, das er gebrochen wäre. Nicht nur sein Arm, vielmehr alles an ihm schmerzte. Das Ungeheuer hatte ihn arg zu gerichtet. Die Köhlerin stand etwas abseits, den Blick auf Redawend gehaftet. In ihren Augen lag etwas, dass der Söldner noch nie gesehen hatte. Bewunderung. Verwirrt und etwas benommen wendete er sich von der Frau ab und gesellte sich zu Peélius, welcher sich wieder der Fischfresse gewidmet hatte. „Seht nur, da, er hat sogar ein Abzeichen.“, Der Magister deutete auf eine kleine, blaue, emaillierte Plakette unter dem gewaltigen Kinn des Monsters. „Was’n das drauf? Eine…Gabel?“, fragte Redawend. Verneinend schüttelte der Gelehrte den Kopf. „Nein, dabei handelt es sich um das Abzeichen der königlichen Wache von Kastalinn á sjó. Das ist ein Dreizack. Angeblich das Zeichen ihres Königs.“ Der Söldling kratzte sich irritiert und leicht überfordert den Kopf: „Wie, König. Die ham’n König? Das…Ding, das’n wildes Monster, Herr, Ich habs doch gesehn’n gespürt.“

„Dieses ‚Ding‘ hat nicht nur einen König, es ist auch vernunftbegabt, hat eine Sprache, Kultur und in der Regel auch Kleidung. Etwas schien mit dem hier nicht zu stimmen. Nackt, blind vor Raserei, jämmerlich stinkend...Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, der hier hatte einen zu viel.“  Es schien, als wolle der merkwürdige Intellektuelle schmunzeln, doch etwas in ihm schien es ihm zu verbieten. Redawend war immer noch überfordert mit der Situation und kratzte sich immer noch die Glatze. Scheinbar unbemerkt hatte sich die junge Köhlerin davon geschlichen.

Redawend versuchte erneut, sich Klarheit zu verschaffen: „Nochma‘ von vorn, Herr, bitte. Wie habt’n ihr diesen…Magna Piscis“, Peélius nickte zustimmend und lächelte leicht „also diesen da erschlagen? Ich war mein Leben lang‘n Söldner, ganz vorn immer dabei’n druff. Aber der da, der war nich normal.“ Der Magister zog sein Schwert, ein schlanker, schöner Anderthalbhänder mit einer gewundenen Parierstange und einer höllisch scharfen, abgerundeten Spitze. „Der Magna Piscis, dessen Anwesenheit hier mir nicht verborgen geblieben ist, hat eine Schwäche für den Saft der gemeinen Urtica, auch bekannt als“, kurzes Schweigen, erwartungsvolle Blicke „Brennnessel. Einfach die Klinge eingerieben, schon gehen sie in die Knie. Wahrscheinlich ist der unkrautgleiche Wuchs dieser Pflanze an Land der einzige Grund, warum die Magna Piscis ihre Herrschaft noch nicht auf unsere Flüsse und Küsten ausgeweitet haben.“  

Die beiden Männer schleiften den Leichnam in den Fluss, um ihn so zum einen kostengünstig zu entsorgen, aber auch anderen Exemplaren seiner Spezies ein warnendes Zeichen zu geben. „Wer weiß? Was einen Piscis dazu veranlasst den Fluss hinauf zu kommen, ein Dörfchen nach dem anderen zu massakrieren, kann auch andere dazu verleiten. Der Trick mit der Urtica ist nur den wenigsten geläufig“, erklärte Peélius schnaufend. Das Wasser stand ihnen schon bis über die Hüften, als der große, massige Körper anfing, stabil zu schwimmen und man ihn in die Mitter der Strömung stoßen konnte.

„Sagt, Herr, was’n jetzt eigentlich. Wieso wusstet ihr, das’n Ding wie der hier sein Unwesen treibt?“ Der Magister grinste breit und wrang seinen Gehrock aus. „Ich habe es gewusst, durch das lesen von Vertiefungen in den schluffigen Untergründen am Flussufer, durch die chemische Analyse von Sekreten und anderen Hinterlassenschaft und durch die Observierung der Gefahrenorte, akustisch, sowie optisch das sich ein Magna Piscis hier herumtreibt.“ Redawend, welcher seinen Ledermantel über einen Ast gelegt hatte und sein Hemd ebenfalls auswrang legte die Stirn in Falten, blickte zum Himmel hinauf und grübelte. Dann endlich stellte er fest: „Ihr habt einfach sein groß‘n Fußabdrücke sehn, seine Pisse und Scheiße gefunden und dann die Menschen hier schrei‘n gehört, vor Panik.“ Peélius klappte die Kinnlade nach unten. Mit einem Blick von Enttäuschung und Entrüstung sah er zu dem großen Söldner auf. „Meine Version der Ereignisse klang bedeutend malerischer“, protestierte.

Nach einem kurzen Augenblick der Stille, in der man nur die Vögel zwitschern hörte und das ruhige Rauschen des Flusses, stellten beide überrascht fest. Dass die junge Köhlerin bereits seit einer Weile fehlte. „Da soll mich doch…Vielleicht hatte Margarit recht, meine Stimme scheint die Frauen zu verjagen.“ Murmelte er vor sich hin.

Sie fanden sie in dem Dorf der Köhler, als sie gerade versuchte ein Pferd zu satteln, welches aber bockte und ihr das Leben schwer zu machen gedachte. Erst jetzt fiel Redawend auf, das Blutspritzer einige Hütten verunstalteten und das Dorf nicht verlassen, wirkte, als wäre man mit Sack und Pack weitergezogen, sondern in wilder Flucht. Vor einer kleinen, hutzeligen Behausung lag ein Topf mit dem Rest eines Eintopfs darin, verwässert vom Regen. Vor einer anderen lagen Decken, ein Kleid und Kinderschühchen, blaue mit weißen, aufgenähten Punkten darauf. Bei einer anderen Hütte stand die Tür noch weit offen, eine kaum sichtbare, verwässerte Blutspur lief über die kleine Treppe von der Pforte hinab auf den Rasen davor. Dort wurde offensichtlich jemand der stark blutete entlang geschleift. Er wunderte sich jedoch, dass er nirgends eine Leiche gesehen hatte.

„Der Homo Magna Piscis neigt dazu, seine Opfer, sagen wir, einer Wasserbestattung zu unterziehen.“, klärte ihn der Magister auf. Die junge Frau, welche ihre langen, feuerroten Haare nun frei trug, warf ein: „Er hat sie alle ins Wasser geworfen. Hat ihnen die Schädel eingeschlagen oder sie zerrissen, ihnen die Därme wie Würstchen heraus gezogen und dann erst ertränkt. Auch Frauen. Auch Kinder.“ Peélius beäugte sie aus einiger Entfernung misstrauisch. Unter der kalten Miene, mit welcher sie ihrer Beschäftigung nachging konnte ein geübter Blick Panik erkennen, Furcht und tief sitzende Angst. Ein Umstand, welcher nicht alles andere als irrational war. Sie hielt inne, als sie gerade versuchte eine Satteltasche zu schließen, dreht sich zu den beiden Männern um, ging direkt auf sie zu und fiel Redawend um den Hals. Der Magister versteckte sein Gesicht unter der Hutkrempe, zwirbelte seinen Schnauzbart. Der Söldner hingegen blieb stocksteif stehen und brauchte erst einen Wink von Seiten des Monster erschlagenden Archäologen, um zu begreifen, die Umarmung zu erwidern. Sie zitterte in seinen großen, eisernen Armen wie Espenlaub. Sie weinte, still zwar, aber dennoch nicht weniger heftig.

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