Es muss so sein


Ich sitze in einer meiner Nebenstraßen. Eine meiner vertrauten Nebenstraßen. Ich habe viele gute Jahre nur wenige Meter entfernt gewohnt. Hier habe ich mehr Geld für Kaffee, Kuchen, Parktickets und Strafzettel ausgegeben als für Waren des täglichen Bedarfs. Ich war mehr Stunden im Kiez und Kneipen als Zuhause. Ich war Kiez. Jetzt sitze ich hier als Gast. Die Häuser und Straßen sind schon lange schön. Ein Grund hier her zu ziehen. Subkultur und Zufriedenheit, ein Stück Italien in Deutschland sind vielleicht die anderen. Irgendwie kommt mir was abhanden, ich bin raus obwohl ich mittendrin sitze. Die Menschen werden immer geleckter, die Gastronomie immer egaler. Der Tourist bestimmt das Bild und das Angebot. Es muss alles so sein. Es muss immer überall so sein. Ich sitze hier, leider, als ein Gast im Kiez. Ich werde gesiezt, das gibt mir zu denken. Freunde beklagen sich über Verdrängung und kaum bezahlbare Mieten. Die Stadt teilt sich. Menschen wollen hier leben. Menschen müssen hier leben. Menschen können es sich leisten, hier zu leben. Aber ein Zusammenleben ist auf längere Sicht nicht eingeplant. Der kleinste Teil bestimmt über den größten. Einer führt an. Alle müssen folgen. Die Stadt macht sich hübsch. Ausbauen, umbauen, neubauen. Alter Dreck muss weg. Vergangenheit verwischen. Gegenwart kaufen. Vergangenheit, wie man sie gern hätte, einfach zukaufen. Es war die zugängliche Kultur und Geschichte, die so selbstverständlich vorhanden war wie heute ein Klo in einer Wohnung. Jetzt ist es das nicht mehr. Es ist ein Geschäft. Alles ist Geschäft. Ich hatte Nachbarn die Klavier spielten oder bis spät in die Nacht Elektro auflegten. Es war gut. Es war Community, gemeinsam leben. Heute klingeln Nachbarn, weil die Dielen knarren oder ein Kind in der Wohnung mit dem Ball spielt. Verrückte Welt. Nicht meine. Ich sitze hier in meinem Kiez und bekomme in besonders individuellen Ambiente ein Essen wie auch nebenan und eine Straße weiter. Der Mut ist weg. Der Mut, anders zu sein. Es muss so sein. Es entwickelt sich so. Überall? Ich bezahle, ich bin satt aber nicht glücklich. Ich habe gegessen aber nicht genossen. Es gab Zeiten da war es anders herum. Mein Parkticket läuft gleich ab, ein Grund, los zu fahren.

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