Evan

Als Kurt Cobains Stimme gepaart mit einem fetzigen Riff ertönte, riss ich mir den Kopfhörer vom Kopf und sprang über sämtliche Möbel, um so schnell wie möglich zu meinem Rucksack zu gelangen.
"Hey, was soll´n das, du Spinner!", rief Mack empört, doch ich wusste, dass er alles unter Kontrolle hatte. Er hatte meine Playlist vor Augen, brauchte sich also nur meinen Kopfhörer überzuziehen und die Überleitung alleine zu machen.
Mein Handy war in diesem Moment tausendmal wichtiger als irgendein gut bezahlter und angesagter Job, der mein Hobby idealerweise mit der Arbeit verband: Radiomoderator bei einem Indie-Sender mit Namen B-Side FM, gegründet von den Zwillingen Mack und Richie Phillips, meinen ehemaligen Mentoren in der Musikschule und genialen Gitarristen und Musikkennern.
Zeitgleich mit Beginn von Loser von den 3 Doors Down ließ ich mich auf dem Ledersofa neben der Kabinentür nieder und tippte entmutigt auf dem Display herum.
Ich hatte Fanny heute früh eine kurze Nachricht per Whatsapp geschickt (Hi, gut nach Hause gekommen?) und sie hatte seit nun insgesamt sechs Stunden noch nicht geantwortet. Dabei hatte sie die Nachricht, wie ich zusätzlich zu meinem gekränkten Selbstwertgefühl erkennen konnte, gesehen und gelesen. Wer hätte gedacht, dass mir die Technik auf diese Weise einmal dermaßen in den Allerwertesten treten würde? Dabei hatte sie so viel Wunderbares hervorgebracht: Verstärker, Basse, Audio-Interfaces, etc. Hatte ich ihr irgendetwas getan? Gut, ich mochte keine Synthies, aber wer tat das schon? Ich hoffte, Fanny nicht. Und wie es wohl um Autotune stand?
Eliza, Richies südländische Freundin, riss mich aus meinen Überlegungen, sie setzte sich zu mir und versuchte einen Blick auf mein Handy zu erhaschen. "Seit wann bist du so heiß darauf, eine Nachricht von Jane zu kriegen? Ich denke, sie ist creepy?" Ich steckte mein Telefon weg, fuhr mir einmal mit den Fingern durch die Tolle - Haarbürste war ein Fremdwort für mich, dementsprechend verhakte ich mich in sämtlichen Knoten - und schüttelte dann den Kopf. "Sie ist ein Fan. Alle Fans sind creepy."
"Creepy, weil sie auf dich stehen?", bohrte Eliza unaufgefordert weiter nach.
Ich seufzte. "Ich sag mal so, es gibt solche Fans und es gibt solche Fans. Die einen lieben dich deiner Musik, deiner Gedanken, deines Charakters wegen ..."
"Bestenfalls", quetschte sie dazwischen.
"... und dann gibt es solche wie Jane, die dich mit Nachrichten bombardieren und klammern, bis der Arzt kommt, nur, weil du einmal ..."
"EINMAL!", kam es nun auch noch von Mack an den Reglern.
"... einen Justin Bieber Song auf der Hochzeit einer Freundin gespielt hast und sie dich seitdem für Bieber per se hält. Ganz einfach deswegen, weil du im Gegensatz zu ihrem Teenie-Schwarm erreichbar bist."
"Na, na, na, Ev, so langsam steigt dir dein Ruhm zu Kopf", witzelte sie und schlug mir mit ihrer halb geleerten Fantaflasche auf den Kopf. "Die Leute mögen keine selbstverliebten Stars." Sie schenkte mir ein liebes Lächeln, dann wurde ihr Gesicht neugierig. "Aber, mal im Ernst. Du rennst den ganzen Tag pausenlos zu deinem Handy. Erwartest du gute Nachrichten? Einen Plattenvertrag vielleicht?"
Da wurde auch der gute Mack hellhörig und zog das Headset von seinen Ohren. "Ne, echt? Sag schon! Wollte sich nicht dieser ... dieser Guy Iron melden? Was wurde eigentlich daraus?"
Unwohl, weil beide mich nun erwartungsvoll und keine Enttäuschung zulassend anblickten, rutschte ich nach hinten und stützte mich mit den Ellbogen auf meinen Knien ab. "Das war im Januar. Der hat´s sich anders überlegt." Eliza rieb mir mitfühlend über den Arm. "Aber kein Ding, der war sowieso nicht so wirklich mein Fall. Ich warte lieber noch."
Mack verdrehte die Augen. "Du klingst wie eine Jungfrau, Mann! Wir reden hier von einem Plattenvertrag! Von deiner verdammten Zukunft!"
"Lass ihn, Mack! Er will sich halt nicht an jeden dahergelaufenen Anzugträger verkaufen, sondern mit seiner Musik überzeugen", kam Unterstützung von Eliza.
Mack stellte den nächsten Song an und rollte ein Stück näher in unsere Richtung. "Und das ist ja auch gut so, bleib dir und deiner Musik treu, du weißt, wie ich dazu stehe, aber keiner wird dir das perfekte Angebot machen! Du wirst Kompromisse machen müssen, so läuft das nun mal", sagte er und machte ein Gesicht, wie ein Guru, der die Welt gesehen hatte.
Richies Freundin suchte nach einer Entgegnung, meinte dann schließlich: "Gut, da hat er auch wieder Recht. Das Mittelmaß ist halt wichtig. Du weißt schon, das Goldene."
Ich nickte, während ich versuchte, alles, was die beiden mir in den letzten fünf Minuten gesagt hatten, abzuspeichern und später einmal zu beherzigen.
Aber jetzt und auch eine Stunde später, als meine Sendung vorbei war und ich meinen traurigen Nachhauseweg antrat, galten meine Gedanken nur diesem Mädchen und meinem nicht zu meinen Gunsten Dienst leistenden Handy, und Brad Arnolds Stimme in meinem Kopf:

You're getting closer
To pushing me off of life's little edge
'Cause I'm a loser, baby
And sooner or later you know I'll be dead
You're getting closer
You're holding the rope and I'm taking the fall
'Cause I'm a loser, I'm a loser, yeah.

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