Evan

"Sehe ich so witzig aus?", hatte ich ihr ins Ohr gebrüllt und sofort durfte ich Zeuge ihrer zunehmenden Gesichtsfärbung werden. Es war ihr anscheinend peinlich, dass ich sie beim Starren erwischt hatte. Und diese Tatsache gefiel mir, denn das war eindeutig ein gutes Zeichen.
Sie strich sich verlegen eine blonde Strähne hinters Ohr und blickte zu Boden - und dieses Lächeln! Ich musste echt an mich halten, um sie nicht an mich zu ziehen und den Rest des Abends nicht mehr loszulassen. Bis sie sagte: "Ich muss mir noch dein Aussehen einprägen, damit ich dich nicht in der Menge verliere."
Entweder war das ein Witz - und ihrem Grinsen nach zu urteilen, war es (bitte!) einer - oder sie liebte es einfach, mich zu quälen. Wahrscheinlich beides.
Sie hatte den Blick wieder stur auf die Bühne gerichtet und blockte mich ab. Das war schwieriger als ich dachte. Wie sollte ich ihr näherkommen, an so einem lauten und reizüberflutenden Ort? Schlechtes erstes (Pseudo)-Date, Evan. Andererseits schien sie sehr konzentriert in die Musik und das konnte ich ihr ja nicht verübeln. Ich kam zu dem Schluss, dass ich mich einfach mal ein bisschen entspannen und den Abend mit ihr so gut es ging genießen sollte. Als die Jungs von Decade die Bühne verließen und nun die Roadies an der Reihe waren, ihren Job zu tun, konnte ich mich trotz allem nicht zügeln, griff nach Fannys Hand und zog sie, bevor sie protestieren konnte, in Richtung Bar, wo Mack hockte und mir bereits anerkennend zuprostete.
"Das ist Mack, mein Teilboss", stellte ich ihn vor. "Er ist bei uns für die Technik zuständig, sein Bruder fürs Organisatorische und ich ..."
"Ev steuert Naivität und Kleinkinderverstand bei."
"LIEBE ZUR MUSIK!", übertönte ich ihn empört.
Mack lachte, bevor er seine Augen auf mein Heiligtum richtete. "Und wie heißt diese reizende Lady?"
"Fanny", anwortete sie.
Mack grinste. "Ist ja funny!" Ich verdrehte nur die Augen, angesichts dieses flachen Witzes.
Fanny zuckte mit den Schultern. "Meine Mutter ist großer Jane Austen-Fan. Ich bin nur froh, dass ich nicht Darcy heiße. Das wäre sowas von peinlich geworden!"
"Ich finde deinen Namen schön", betonte ich und versuchte, ihren Blick einzufangen, aber das Gegenteil passierte: sie sah zu Mack, rückte von mir ab und wand zeitgleich ihre Finger aus meiner Hand. Mack hob fragend eine Braue.
"Und ihr seit richtig professionell, ja?", lenkte sie geschickt ab.
Ich trat betreten von einem Bein aufs andere. Also übernahm Mack das Reden. "Jep, zumindest versuchen wir´s. Jeder fängt mal klein an, aber der Sender macht sich. In ein, zwei Jahren wollen wir so richtig auffahren: mit Werbeplakaten und so."
"Und ihr spielt Rockmusik?"
Wir nickten. Mack sagte: "Oh, ja. Wir bieten den guten Stoff für musikalisch frustrierte. Die Gegenantwort auf kommerzielle Plastikmucke."
Fanny machte ein beeindrucktes Gesicht. "Wow, ich werde echt mal einschalten. Das klingt zu gut, um wahr zu sein!"
"Besser!", konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. "Wenn du willst, kannst du auch mal live dabei sein, bei einer meiner Sendungen."
"Wir haben auch Essen und Trinken und eine Notsausgangtür", fügte Mack verschmitzt hinzu, "falls dir der Kerl zu viel werden sollte", und zeigte doch tatsächlich auf mich. Ich brachte ihn mit Blicken um, während Fanny eines ihrer bezaubernden Lächeln auf mich abfeuerte und nichts weiter dazu sagte.
"Wollt ihr was trinken? Bob, zwei ... Cola? Cola für die Kinder hier!" Bob, der tätowierte Stiernacken hinterm Tresen, nickte und schwang die Gläser. "Kommt, setzt euch. Ich geh mal schnell für kleine Jungs, bevor die Show anfängt."
"Alles klar!", nickte ich ihm zu, froh darüber, dass er endlich weg war und ich Fanny wieder ganz für mich alleine hatte. "Und, wie gefällt´s dir bisher?", fragte ich sie, weil ich nicht wusste, was ich sonst sagen sollte.
Sie rutschte auf ihrem Hocker herum und blickte kurz in den Raum hinter uns. "Ganz cool. Decade kannte ich noch gar nicht, aber die waren wirklich richtig gut! Du?"
"Doch, ich hatte mal eine Newcomer-Rubrik mit ihnen. Daisy May ist legendär!"
"Aber ich freue mich vor allem auf Mallory Knox. Der Typ mit dem Besen ist ja ganz cool, aber ..." Sie deutete auf die mit Kabeln und allerlei Equipment herumhantierenden Kerle auf der Bühne und wir brachen in einstimmiges Gelächter aus. "Die Pause kommt einem immer quälend lange vor und man kommt dazu, sich zu fragen, was man überhaupt hier zu suchen hat, zwischen diesen ganzen überdrehten, verschwitzten und gezwungen fröhlichen Menschen, die man nicht kennt."
"Und dann fängt deine Lieblingsband an zu spielen und du weißt es schlagartig wieder. Echt verrückt", pflichtete ich ihr bei. "Musik verbindet eben doch."
"Fans." Fanny schüttelte den Kopf und nahm einen großen Schluck Cola. "Wer sind eigentlich deine Helden?"
"Oh, gar nicht so leicht."
"Okay", rief sie dazwischen. "Es ist offensichtlich, dass du eine Menge Musik kennst, also lass es mich so fragen: Wer ist schon seit deiner Kindheit deine absolute Lieblingsband? Du darfst nur eine nennen!"
Sie sah mich mit funkelnden Augen an und ich konnte mich kaum konzentrieren und die für mich am allerwenigsten peinliche Antwort heraussuchen, weswegen ich doch tatsächlich wahrheitsgemäß "A-ha" antwortete.
"Wow! Und der Junge hält anderen Predigten über Synthiepop!", lachte sie.
"Es sind ja nicht nur Synthesizer, sondern klasse Gesang, wunderschöne Melodien, ehrliche Texte! Spirituell! Und in den meisten Songs sind richtige Instrumente! Also bitte! Du hast gefragt! Jeder hat Leichen im Keller!" Trotzig wie ein kleiner Junge schob ich schmollend die Unterlippe vor und schnaubte in mein Colaglas. Da griff sie plötzlich nach meinem Oberarm und tätschelte mich entschuldigend. Fassungslos sah ich erst auf ihre Hand, die auf meiner Haut unter dem Stoff ein angenehmes Kribbeln verursachte, und dann wieder in ihr Gesicht und ich musste aussehen, wie jemand, der einem leibhaftigen Engel gegenüberstand.
"Sorry, war nur Spaß. Ich war früher auch Fan von den Jonas Brothers. Ich wär die Letzte, die dich deswegen verurteilen würde. Außerdem hast du Recht, es geht um die Intention, die Musik verfolgt. A-ha sind da definitiv nicht die schlechteste Leiche."
Sprachlos und mal wieder komplett beeindruckt sah ich sie bedeutungsvoll an, in der Hoffnung, sie würde die geballte Ladung meiner Gefühle für sie in meinen Augen lesen können. Sie sah genauso still zurück und lächelte gütig. Und dann überkam es mich, ich begann zu singen, hier und jetzt an der Bar über den Lärm hinweg (Morten Harket wäre stolz auf mich gewesen):

"Butterfly, butterfly
Flying into the wind
You can be sure of it
That's no place to begin

Over-thinking every little thing
Acknowledge the bell you can't unring

Tomorrow,
You don't have to say what you're thinking
You don't have to mean what you say

Butterfly, butterfly
Flutter into the skies
Butterfly, butterfly
Their molecular cries

Chrysalis dreams waiting on the fifth in-star

These stained glass wings could only take you so far

Tomorrow,
You don't have to say that it matters

You don't have to turn something in
Stay with it through thick and thin
Butterfly, begin!"

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