Gedankenverloren laufe ich den Steg entlang. Darauf sind bunte Blätter in rot, orange, gelb und braun. Manche sind schon vertrocknet oder zu einer schlammigen Masse geworden, auf der man leicht ausrutschen kann. Jahr für Jahr wachsen neue Blätter auf den Bäumen, nur um dann im Herbst auszufallen und den Boden zu verdecken. Was bringt uns dieser endlose Zyklus? Die Natur folgt immer streng den Regeln, die ihr Schöpfer ihr vorgibt. Und ich stehe hier am Steg und blicke auf das ruhige Wasser des Stausees. Auf der Wasseroberfläche schwimmen Blätter. An seichten Stellen in Ufernähe sehe ich bis auf den Grund und auch dort liegen verrottete Blätter. Ein paar Enten drehen ihre Runden und dort wo sie schwimmen, zerstören sie die prächtigen Spiegelungen der Bäume im Wasser die von blauem Himmel umrandet werden. Letzten Sommer waren wir an diesem See schwimmen, im letzten Herbst haben wir einen Spaziergang um den See gemacht und bunte Blätter gesammelt. Im Winter waren wir auf dem gefrorenen Eis Schlittschuhlaufen und danach haben wir beim Kiosk heißen Punsch getrunken. Im Frühling hast du mich verlassen.

Mir ist kalt, da ich nur meinen leichten Sommeranorak dabei habe. Wärst du jetzt hier, würdest du mir sofort deine Jacke geben. Doch du bist damals einfach weggegangen. Am 27.März. Ohne dich zu verabschieden. Ich nehme meinen kleinen Silberring vom rechten Ringfinger. Er ist mit einem wunderschönen Saphir verziert. So blau wie das Meer in Kroatien. Unser erster Urlaub wird mir immer in Erinnerung bleiben. Ich habe mich noch nie so frei gefühlt. Zum ersten Mal durfte ich ohne meine Eltern wegfahren. Du hast sie ohne mein Wissen angebettelt und mich in ein vollgepacktes Auto geführt. Und du bist einfach losgefahren ohne auf mein neugieriges Gequengel zu achten. Ich konnte die Spannung gar nicht aushalten. Doch nach Stunden war ich eingeschlafen, weil ich von der Arbeit so fertig war. Als ich die Augen wieder aufgemacht hatte, fuhren wir am Meer entlang. Es war so warm und du hattest das Dach von deinem kleinen Cabrio heruntergefahren. Und das Meer war so wunderschön blau. Dieser Ring in meiner Hand enthält die ganze Schönheit dieses Augenblicks.

Der Himmel hat sich in eine traurige, graue Pfütze verwandelt und die Spiegelungen der Bäume sind weg. Ich vermisse dich.

Ich betrachte den anderen Ring an meiner linken Hand. Ein simpler aber doch eleganter Ring in silber. Kein Saphir. Ein kleiner Kratzer, der so viel bedeutet.

Beide Ringe stammen aus einem Auto mit Totalschaden. Aus deiner Jackentasche. Du kamst vom Juwelier und auf dem Weg zu unserem Date, bei dem wir uns verloben sollten, hat dich ein betrunkener Autofahrer von der Fahrbahn gedrängt. So lange hab ich auf ein Zeichen von dir gehört. Doch alles was mir blieb, waren die Ringe.

Es regnet und ich stehe immer noch am Steg. Ich glaube, mein Herbst wird niemals enden.

Kommentare

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    Das Ende kam auch für mich unerwartet und es ist bedrückend zu wissen, dass ähnliches sich wirklich fast alltäglich irgendwo abspielt. Dein einfühlsamer Schreibstil gefällt mir sehr gut :)

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    Was für ein "schöner", doch trauriger Text. Und der Twist kommt unverhofft. Echt gut geschrieben. Man leidet zum Schluss richtig mit. Und hofft, dass diesem Herbst kein Winter folgt.

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    Ich finde deinen Text wirklich gut, vor allem die letzten zwei Sätze ^-^ Mach weiter so!

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Feenstaub

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