Falkenau 1/2

Das Licht des Himmels veränderte sich. Wechselte sein strahlend blendendes Sein in ein für die Augen behagliches orangerot. Es war die Zeit jener, die gern in Erinnerungen schwelgten und der untergehenden Sonne ihren Gruß mit auf ihrem langen Weg entboten. Man erzählte sich, dass je mehr Grüße die Sonnenscheibe erreichten, der bevorstehende Aufgang um so wunderbarer würde.
Der Blick vom hohen Zwingerwall über die weitläufigen Getreidefelder blieb jedoch der Schönste von allen. Übertreffen könne diese Aussicht lediglich noch, wenn am Horizont keine Berge, sondern das brausende Meer zu erkennen wäre. So hingegen setzten sich die golden schimmernden Ähren vom Hintergrund ab und erfreuten romantische Herzen.
Häuser, Höfe und einzelne Gewerke zeichneten sich in dunklen Rot- und Brauntönen ab. Greifvögel verschiedenster Gattung glitten auf den Böen jener Winde, die am Boden niemand mehr zu spüren vermochte. Das gemeine Landvolk vertrat die Ansicht, sie fliegen, weil Vögel halt fliegen - weil sie es eben können. Andere hingegen behaupten, diese Lebewesen wurden einst als Wächter zurückgelassen. Sie bestreiften das Land, ihr Land, wo deren zweibeinigen Bewohner einzig geduldet seien.
»Eine Aussicht wie von einem Künstler geschaffen, nicht wahr.«
»Es ist wunderschön«, bestätigte Kayden kleinlaut. »Ma' und Pa' würden sich hier bestimmt wohlfühlen.« Eine Träne rann ihm die Wange hinab, als sein Blick entrückte. Sichtlich kämpfte er mit seiner Fassung, als er einen augenscheinlich schweren Kloß hinabwürgte.
Kremir legte ihm in versöhnlicher Geste seine Linke auf die Schulter und rüttelte den Burschen zurück ins Hier und Jetzt. »Würden sie mein Junge. Aber bedenke, dass ihre Heimat dort ist, wo ihr Herz schlägt. Dennoch. Könnten sie es wagen, was glaubst du, wo sie wohl am liebsten wären?«
Er sah auf und seine Augen schimmerten feucht. »Du meinst, sie wären längst hier?«
»Ja, da bin ich mir ganz sicher.« Um seiner Worte Nachdruck zu verleihen, sank er auf ein Knie, sah ihm aufmunternd ins Gesicht und nickte.
»Aber ... was hält sie? Haben sie uns ... denn nicht mehr ... Lieb?« Seine Stimme klang quälend und dem Weinen nah.
»Doch, auch dessen bin ich mir sehr sicher. Sie wissen aber auch, das sie eine Aufgabe zu meistern haben und diese können sie nur bestreiten, wenn sie bleiben, wo sie sind.«
»Eine ... Aufgabe?«
»Mmh. Von großer Wichtigkeit. Vertrau mir.«
»Erzählst du mir davon?«
Sein Gegenüber schüttelte den Kopf. »Es tut mir leid, aber ich weiß nichts Genaues. Schau, ich habe eine Aufgabe. Kylion hat eine, die Magd hat eine und viele andere ebenfalls die ihre.«
»Verstehe und Ma' und Pa' haben die ihre. So wie Veyed der ›Falke‹ sein wird.« Er wendete den Blick und glaubte in der Ferne Reiter zu erkennen, reagierte jedoch nicht weiter darauf. Es waren vermutlich nur Wächter, die von einem ihrer Ausritte zurückkamen.
Kremir reichte ihm aufmunternd seinen dickgefütterten Lederhandschuh. »Magst du es versuchen?«
Kaydens Stimmung erhellte sich schlagartig. Dessen ermattende Trauer wich freudiger Erwartung und ein frohlockender Glanz stahl sich in seine saphirblauen Augen. Der Falkner hatte es geschafft, den Jungen aus seiner Lethargie zu befreien.

Mitten in der Bewegung hielt er inne. Daumen und Mittelfinger bereits auf dem Weg zum Mund, um durch diese einen schrillen Laut zu erzeugen.
»Was ist los«, erkundigte sich der Falkner und verzog stutzend die Mundwinkel.
Leichtfertig zuckten des Jungen Schultern. »Eigentlich brauche ich die Finger gar nicht«, gab er zu und senkte die Hand an den Hosenbund.
Tief sog er Luft in die Lunge, legte die Zunge unter seine obersten Schneidezähne, schob sein Kinn vor und presste den Atem hervor. Kremir empfand den gellenden Ton deutlich Lauter und klarer, als würde Kayden sich der Finger behelfen und war angenehm beeindruckt.
Es verstrichen nur Momente, als eines der weit oben fliegenden Tiere den Pfiff mit einem bekannten Ruf erwiderte. Es legte die Flügel eng an und senkte seinen Körper zum Sturzflug. In rasanter Geschwindigkeit jagte es in die Tiefe und präsentierte keinen Steinwurf oberhalb ihrer Köpfe seine gesamte Spannweite, um mit weit gespreizten Klauen gemächlich auf der dargebotenen Hand zu landen.
»Leg ihm die Schlaufe über die Füße.«
Kayden hob mit runzelnden Brauen den Blick und schüttelte den Kopf. »Nein, er soll kommen und gehen, wie er es mag. Ich bin nicht sein Herr und er nicht mein Diener.«
Wie zum Einverständnis öffnete der Falke den Schnabel und nickte einvernehmlich. Kremir und Kayden lachten, deuteten sie die Geste allem Anschein nach gleich.
»Ich glaube, eines Tages wirst du ein viel fähiger Falkner als ich es je sein werden.«
Agbar hüpfte vom Handschuh auf die Brustwehr, als Kayden die Hand an diese hielt. »Schau, ich brauche nichts weiter zu tun.«
»Verblüffend«, bestätigte der Beizjäger. »Wo bleibt dein Bruder heute?«
Der Junge verzog die Mundwinkel und zuckte mit den Schultern. »Bei Aellin?«
Fragende Blicke umspielten Kremirs Züge und so hob er einzig die Brauen. »Sei`s drum. Dann verrätst du ihm halt, was ich über diesen Wald zu erzählen weiß.« Sein Augenmerk heftete sich in Richtung der entfernten Baumgrenze.

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