Familientreffen

Sassy erwachte alleine in einem dunklen Raum. Benommen streifte sie die Decke ab und stolperte beim Aufstehen fast über ihre eigenen Waffen. "Du bist also wach", eine unfreundliche Frauenstimme begrüßte sie schnippisch. Sassy kannte die Stimme und kramte kurz in ihrem Kopf nach dem Namen. "Clarissa!", da war der Name, "Wie schön, dass gerade du mich bewachst!" Clarissa schnaubte verächtlich: "Glaub nicht, dass ich das freiwillig mache! Die Menschen hier schulden Alpha zum Großteil ihr Leben, darum stehe ich hier!" Sassy rieb sich kurz die Augen, dann begann sie ihre Waffen an Ort und Stelle zu verstauen. Sie streckte sich noch einmal, bereit um aufzubrechen. "Schön, das freut mich für dich", sie gähnte übertrieben laut, "Ich bin ausgeschlafen! Wo ist Alpha? Ich schätze er und ich haben noch das eine oder andere vor!" Langsam konnte sie Clarissas Umrisse erkennen, Sassy fragte sich, wie Alpha sich so leicht in der Dunkelheit zurechtfinden konnte. Clarissa schien ihre Hände zu Fäusten geballt zu haben, ihr wirres braunes Haar fiel ihr wild ins Gesicht und sie war sehr verärgert. Sassy hatte keine Lust, sich mit der Eifersüchtelei dieser plumpen Person zu befassen. "Was ist das Problem, Kleine? Ich nehme dir deinen Freund schon nicht weg. Ich habe hier zu tun, ich suche etwas. Und wenn ich habe, was ich will, kehre ich diesem Ort den Rücken und kehre nie wieder zurück! Dann brauche ich ihn auch nicht mehr und du kriegst ihn unversehrt zurück!" Clarissa schien sie auszulachen: "Schlampe!" Sassy wurde wütend, richtig wütend. Sie hätte dieser dreisten Frau am liebsten eine verpasst und sie durch Sonne, Mond und Sterne geprügelt. Aber sie behielt, gut gesättigt, ihre Besinnung. "Beantworte doch einfach meine Frage, deine Meinung zu meiner Person tangiert mich nur sehr wenig. Um nicht zu sagen, keinen interessiert, was du denkst, Hure!", trällerte sie und räkelte sich übertrieben lange. "Ich soll dir etwas ausrichten", der Spott in Clarissas Stimme ließ Sassy mit ihrer Show aufhören, sie freute sich zu sehr über die Botschaft, die sie übermitteln sollte. "Nachdem du ja immer wieder zusammenklappst und Alpha der Meinung ist, dass du dich erholen solltest", Clarissas Worte waren wie Gift, "musst du leider hierbleiben und sollst hier auf ihn warten. Er wird alleine zum Krater gehen, um nach seinem Bruder zu suchen. Er hat ausdrücklich verlangt, dass du, Prinzessin, hier in Sicherheit bleibst!" Sassy konnte nicht fassen, was sie da hörte. Clarissa sagte die Wahrheit, aber Alpha konnte doch nicht wirklich denken, dass sie sich das bieten lassen würde. Zurückgelassen wie unnötiger Ballast. Nicht mit einer Jägerin von Elensars Wacht, nicht mit ihr.

Alpha hatte den Tunnel hinter sich gebracht. Erschöpft wischte er das klebrige Sekret der Verstoßenen, welche ihm begegnet waren, von den Messer, welches er sich von Sassy genommen hatte. Der Nachmittag war schon weit vorangeschritten. Die Sonne begann bereits unter zu gehen. Er schob den Gullideckel, durch welchen er den Platz vor der Firma erreicht hatte, wieder zurück auf seinen Platz, um keine Spuren zu hinterlassen. Von der Firma war nicht mehr viel übrig. Die Trümmer des Gebäudes hingen durch einen magischen Bann gebunden in der Luft und kreisten noch langsam um das Epizentrum des vergangenen Sturms. Immer wieder schlug ein blauer Blitz im Boden ein, die Wolken am Himmel kräuselten sich. Er bereute es nicht, alleine gegangen zu sein, Temply hatte Recht gehabt. Er sollte sich nicht ablenken lassen und die Blutsaugerin aus einer anderen Welt tat genau das. Er suchte Deckung neben einer der stehengebliebenen Wände und beobachtete das Feld der Zerstörung.
Ein Rascheln bestätigte ihm, dass er noch nicht alle seine Verfolger erledigt hatte. Schritte kamen in seine Richtung, schwere Stiefel, also kein weiteres untotes Monster. Langsam griff Alpha nach einem der umliegenden Steine und warf ihn um die Ecke. So lockte er seinen Verfolger direkt in sein Sichtfeld, ohne dabei selbst entdeckt zu werden. Ein Mann, ein Gewehr und eine Maske. Kein Verstoßener, ein einfacher Mensch, aber wer sein Gesicht verhüllt führt etwas im Schilde. Alpha wartete noch ab, bis der maskierte Verfolger nahe genug an der halbhohen Wand, hinter welcher er sich verstecke, war. Dann raubte er ihm mit zwei gezielten Faustschlägen das Bewusstsein.
"Charles?", die Rufe eines anderen Mannes verhinderten, dass Alpha einen Blick unter die weiße Maske, auf der nichts als die Zahl 13 in schwarz unter dem Ausschnitt für das rechte Auge stand, blicken konnte. Schnell ging er wieder in Deckung, weitere Männer näherten sich. Zeit für eine Bestandsaufnahme. Eine Machete, ein Messer und zwei Fäuste. Das blieb ihm also gegen drei, nein, vier mit Gewehren bewaffnete Männer.
Auch die drei Nachfolger des ersten Maskenmannes trugen dieselben eigenartigen Gesichtsverkleidungen. Das einzig weiße an der sonst so dreckigen Aufmachung der seltsamen Gestalten.
"Verdammt", dachte Alpha, "Natürlich kommen die jetzt alle auf einmal. Wohl keine Lust sich anzustellen!" Sein Blick schweifte zwischen den vier Männern hin und her, keiner von ihnen wirkte besonders kräftig. Alpha machte sich bereit, es musste so auch gehen. Auch, wenn ihm der Gedanke an einen Kampf gegen vier Gewehre ohne Rückendeckung nicht gefiel.
Blitzschnell setzte er den ersten, der schräg vor der kleinen Mauer, hinter der Alpha sich versteckt hatte, stand, mit der Machete außer Gefecht. Er nutzte die Unübersichtlichkeit der Lage, um gleich dem nächsten mit dem Messer in den Hals zu stechen. Den Dritten beförderte er mit einem Fußtritt gegen die Mauer. Der Vierte aber eröffnete das Feuer und traf Alpha genau in die Brust. Dieser sackte kurz in sich zusammen und rang mit der verschwimmenden Umgebung um sein Bewusstsein. Die Schreie des Verletzten und des Schützen drangen kurz nur noch sehr gedämpft in sein Ohr.
Dann ein widerliches Lachen.
"So, so. Nach all den Jahren treffen wir uns also wieder, Bruderherz", die spöttische Stimme des Mannes, der die anderen Maskierten ausgeschallten hatte, hallte in Alphas Ohren.
Benommen viel er auf die Knie. "Kein Grund für einen Kniefall!", spottete sein Retter. "Treplew?", Alpha hustete, die Kugel hatte seine Brust durchbohrt und in seinen Rücken ein Loch gerissen. "Oh, der Retter der Menschen kennt meinen Namen noch? Ich dachte schon, ihr hättet mich alle vergessen!", fauchte Treplew ihn an. Grinsend fuhr er eine messerscharfe Metallklaue aus seinem Zeigefinger aus und bohrte diese in das Einschussloch. Alpha schrie auf vor Schmerz: "Treplew, bitte..."
Treplew machte ein überraschtes Gesicht und drehte die Kralle dann in der Wunde herum: "Was ist los, Bruderherz? HAST DU ETWA SCHMERZEN? Hahahaha!" Alphas ganzer Körper zitterte, lange würde er diese Tortur nicht mehr aushalten: "Bitte hör auf, warum tust du das?"
Treplew dachte nicht daran, die Schikane zu beenden, er drehte die Kralle erneut: "Warum? Warum... JA WARUM NUR? Jetzt, wo unser Familientreffen kurz bevorsteht? Er hat ihn gerufen, er hat jetzt wieder die Macht... Vielleicht auch über dich? Ich töte euch beide, ich mache euch beide kaputt! Dann ist alles sicher, ja, dann sind alle sicher. Dann ist Treplew ein Held, hat alle gerettet! Niemand wird mehr lachen, niemand wird mehr abfällige Blicke nach mir werfen... Außerdem bist du nicht besser als ich, genauso verdorben... Verbirgst es nur besser!" Alpha sackte weiter zusammen, ungläubig starrte er den gehörnten Mann mit den funkelnden gelben Augen an. Selten hatte er einen solchen Wahnsinn in seinem Blick gesehen.
"Du bist verrückt geworden, Treplew", flüsterte er entkräftet, "Hast den Verstand verloren! Wir dürfen nicht... Wir dürfen ihm nicht gehorchen..."
Treplew gefielen diese Worte nicht, er riss die Kralle ruckartig aus der Wunde, dann leckte er das Blut ab. Kurz schmatzte er, dann grinste er hämisch: "Ah, eine Blondine. Ich dachte ja immer du stehst auf Brünette! Wo werde ich sie finden? Hast du sie etwa Zuhause gelassen? Gib mir die Genugtuung sie zu töten!"
Alpha krümmte sich zusammen, Treplew verpasste ihm daraufhin einen Tritt, sodass er auf dem Rücken landete.
"Das hat nichts mit uns beiden zu tun", zischte er und versuchte wieder hoch zu kommen. Treplew unterband den Versuch und stellte einen Fuß auf Alphas Brustkorb, direkt auf die Schussverletzung. "Das entscheide immer noch ich. Leider wirst du nicht mehr erleben, wie sie um ihr Leben fleht! Aber ich werde jede Sekunde ihres Todes genießen, sei dir dessen sicher wenn du abtrittst!", zischte er und erhöhte den Druck. Der Schmerz in Alphas Brust schien zu explodieren, sein Körper schien die Funktion einstellen zu wollen.
"Lass sie in Ruhe", Alphas Stimme hatte nur noch einen Hauch ihrer eigentlichen Stärke, er sammelte all seine verbliebenen Kräfte und packte den überraschten Treplew am Bein. Mit letzter Kraft schleuderte er ihn mit einer Bewegung gegen die Mauer und richtete sich auf. Er konnte kaum die Arme noch heben und wankte. "Was für ein erbärmlicher Anblick", knurrte Treplew und klopfte sich den Staub der Mauer vom Körper, "Ich hoffe, deine Blondine bereitet mir mehr Spaß! Aber ich bin mir fast sicher, dass sie und ich Spaß haben werden, so viel Spaß..."
Alpha stolperte langsam wieder auf ihn zu: "Wenn du wüsstest, die wird dich zermalmen!" Treplew packte ihn an den Schultern und schleuderte ihn gegen die Wand, dann fuhr er seine Krallen aus: "Was hat die kleine Temply dir geraten?"
Alpha versuchte sich zu wehren, aber er hatte keine Kraft mehr.
"Du sollst den Kopf nicht verlieren!", brüllte Treplew in lachend an, "Ich hoffe deine Freundin hält mehr aus als du!"
"Das kannst du gleich ausprobieren!", ein Stein traf Treplews gehörnten Kopf und ein Tritt beförderte ihn einige Meter nach hinten. Alpha wollte einen weiteren Angriff starten, wurde aber mit sanftem Druck daran gehindert.
"Was machst du hier? Du solltest nicht hier sein", flüsterte er, dann sackte er wie ein nasser Sack zusammen.
"Da hat er aber recht, kleines Mädchen", grölte Treplew und knackste sich den Nacken wieder ein. Die Wut stand ihm ins Gesicht geschrieben, genau wie der Wahnsinn, der aus jeder Pore zu kommen schien.
"Ihr solltet alle beide die Fresse halten!", Sassy strich sich wütend über den Gürtel und löste dabei die beiden Dolche. Treplew begann amüsiert zu kichern: "Wie frech sie ist, aber das ist schon in Ordnung. Ich werde deine versäumte Erziehungsarbeit nachholen Brüderlein!" Sassy starrte überrascht zwischen den beiden hin und her: "Brüder? Du sollst also auch Finns Bruder sein?" Sassy dachte an das entstellte Kind, dabei musste es sich um Treplew gehandelt haben. Was wohl in seinem Geist passiert war, sodass er völlig durchzudrehen schein. Treplew begann nun total irre und laut zu lachen: "Sie kann es nicht fassen. Wir alle haben ein wunderbares Geschenk von Papa und dem guten Onkel Doktor erhalten. Aber mir sieht man es an und den anderen beiden nicht. Alpha weigert sich sogar auf die Ressourcen zurück zugreifen, die unser Vermächtnis uns schenkt. Er ist ja ein Menschenfreund. Nicht so wie ich, ich bin der Schänder! Oder du, Vampirmädchen!"
Sassy steckte die Dolche wieder weg und zog sich stattdessen ihre Schlagringe über. Diesem Verrückten würde sie mit Freude direkt zusammenfalten.
"Tu es nicht", Alpha unternahm wieder einen Versuch aufzustehen, diesmal gelang es ihm schon besser. Ein eigenartiger Glanz lag in seinen Augen.
"Bleib doch liegen!", fuhr Sassy ihn genervt an, "Die Flasche mache ich alleine fertig! Dem werde ich sein Maul schon stopfen!"
Treplew begann wieder irre zu lachen: "Ja, komm kleines Mädchen, zeig mir, was du draufhast! Gib mir die Genugtuung dich gleich hier zu töten!"
Das ließ Sassy sich nicht zweimal sagen, sie sprintete in gewohnter Schnelle zu ihm und verpasste ihm einen Schlag auf die Wange. Als dieser auf keinen Widerstand stieß, kippte sie vorn über, rollte sich ab und sah sich erschrocken um. Ihr Gegner war vor ihr verschwunden und hinter ihr wieder aufgetaucht. Scharfe lange Metalklauen standen aus seinen Fingerspitzen, grinsend und unglaublich schnell, wollte er sie Sassy in den Bauch rammen. Sassy riss reflexartig die Arme über den Kopf um ihr Gesicht zu schützen und wartete auf den stechenden Schmerz.
Plötzlich wurde er zurückgerissen und nach hinten geschleudert. "Was?", Treplew richtete sich wieder auf und grinste, "Mein feiner Bruder greift nun doch auf seine Kräfte zurück? Welch seltenes Vergnügen!" Sassy betrachtete verwundert, wie Alpha wieder aufrecht stehen konnte. Das Loch an seinem Rücken, wo ihrer Vermutung nach eine Kugel ausgetreten war, verschloss sich. Es erinnerte an die Selbstheilungskräfte, die sie bei Celles Dunkler gesehen hatte. "Na gut, na gut!", Treplew verneigte sich vor ihnen, "Dann werde ich mich, für den Moment, anderen Dingen widmen! Aber vergesst mich lieber nicht..."
Sassy warf blitzschnell einen der vergifteten Dolche nach ihm. Treplew fing ihn spielend und schleuderte ihn ihr wieder zurück. Er verfehlte Sassy, was aber mit Absicht geschah, da war sie sich sicher. Treplew wollte seine Überlegenheit demonstrieren und das spürte sie ganz klar. "Du bist hier nicht Zuhause, vergiss das nicht. Diese Welt ist anders, aber ich bin gespannt auf eure Heimat. Ich muss meinem jüngeren Bruder danken, schließlich waren wir all die Jahre hier eingeschlossen. Aber Finn hat die Welt wieder mit den anderen verbunden, ich kann es kaum erwarten sie zu sehen... Und alle zu töten, die dir etwas bedeuten!"
Treplew war so auf seine Rede, seinen Monolog konzentriert gewesen, dass er nicht bemerkt hatte, wie schnell Sassy sich ihm genähert hatte. Diesmal traf sie ihn mit voller Wucht, der Schlag ließ ihn zurücktaumeln. Er rieb sich verärgert über das aufgeplatzte Kinn, der Schlagring hatte seinen Dienst getan.
"Versuch es doch, Pissnelke!", Sassys nächster Schlag ging zwar wieder ins Leere, aber auch sie hatte Treplews Bewegungen nun analysiert und duckte sich, als er hinter ihr erschien um sie mit seinen Klauen aufzuspießen.
"Wir werden noch genug Spaß zusammen haben!", kicherte er und löste sich auf.

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