Fanny

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Anmerkung vorweg: Bitte musikalische Beilage beachten (Rechte liegen bei den im Text namentlich erwähnten Künstlern, viel Spaß) ->
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Als ich und meine Freundin Casie gegen Viertel vor Elf aus dem Kino traten, sahen wir schon den vorfahrenden Bus, der einen Block weiter an der Haltestelle hielt. Wir tauschten einen kurzen Blick und rannten dann wie vom Blitz getroffen los und erreichten ihn unter unästhetischem Keuchen. Obwohl der Busfahrer bereits die Türen geschlossen hatte, öffnete er dennoch erneut die mittlere für meine Freundin. Bei mir machten die Fahrer sowas nie. Casie hatte einfach immer Glück, was solche Sachen betraf. Auch gewann sie mindestens einmal pro Woche irgendetwas aus Zeitschriften, Radioshows oder Lostöpfen. Wohingegen ich bisher nur ein einziges Mal etwas gewonnen hatte: Inlineskates, die mir aber leider ein paar Nummern zu klein waren und die ich, in der Hoffnung andere zu kriegen, wieder zurückschickte. Tja, denkste.
"Wir schreiben!", rief Casie, umarmte mich hastig, bevor sie in den Bus sprang und neben einem Typen am Fenster Platz nahm, der sie interessiert musterte. Ich winkte ihr noch einmal hinterher und wollte mich gerade in Bewegung setzen, da hörte ich plötzlich eine leise Melodie durch die Nacht tanzen, über die Luft an mein Ohr getragen. Ich drehte den Kopf in die Richtung, aus der die sanften Gitarrenklänge zu kommen schienen, und erblickte einen jungen Musiker in orangener Winterjacke und mit roter Mütze auf dem Kopf, der neben dem U-Bahneingang unter einer Bedachung stand und scheinbar noch nicht nach Hause gehen wollte, obwohl es a) stockfinster, b) arschkalt und c) ich momentan die einzige Passantin weit und breit war. Normalerweise wäre ich betont unbeeindruckt weitergegangen, aber irgendetwas an der Melodie und der Art, wie er sie spielte, hielt mich fest; und als er schließlich zu singen begann, hielt ich doch tatsächlich den Atem an, um auch ja keine Silbe zu verpassen. Er klang wie Eddie Vedder mit einer Prise Josh Franceschi und der Song, den er spielte, kam mir irgendwie bekannt vor:

Desperate for changing
Starving for truth
Closer to where I started
Chasing after you

I´m falling even more in love with you
Letting go of all I´ve held onto
I´m standing here until you make me move
I´m hanging by a moment here with you

Er sang mit geschlossenen Augen, völlig konzentriert in sein Spiel, und nahm mich völlig in seinen Bann. Mein Herz schlug während des Refrains im Beat des nichtvorhandenen Schlagzeugs. Wie ich so hier auf der verlassenen Straße stand, zehn Meter und zwei Säulen vom Straßenmusiker entfernt, kam ich mir vor, als gäbe er ein Privatkonzert extra für mich. Noch während der Bridge, die er mit voller Hingabe schmetterte, kam mir der Gedanke, ihm noch vor Ende des Liedes etwas Geld in seine Schachtel zu werfen und dann schnell ab nach Hause zu verschwinden. Ich wollte ja nicht in den Genuss einer peinlichen Unterhaltung kommen, ich wollte ihm lediglich durch eine kleine Geldspende mein Lob aussprechen. Also klaubte ich rasch die etwas größeren Münzen aus meiner Manteltasche und ging straight auf seine Spendenbox zu, die heute scheinbar noch nicht geleert worden war. Der Junge verdiente echt gut! Er war mitten in der vorletzten Wiederholung des grandiosen Refrains, hatte die Augen geöffnet und sah mich überrascht an, als ich flüchtig lächelnd und verständig den Daumen hochzeigend meine Münzen fallen ließ und mich dann beeilte, auf dem Absatz kehrt zu machen. Er vereitelte meinen Plan jedoch, indem er aufhörte zu singen und sein Spielen verlangsamte, bis es schließlich ganz verstummte. Ich blieb wie angewurzelt stehen, weil die Absätze meiner neuen Stiefel laute Klackgeräusche auf dem Asphalt verursachten und ich mir auf einmal wie ein Störenfried auf dieser öffentlichen Straße vorkam.
"Entschuldigung", sagte ich unsicher, "ich wollte dich nicht unterbrechen."
Der Kerl schwang die Gitarre auf seinen Rücken und zog sich mit der rechten Hand die Mütze vom Kopf ab; darunter hervor kamen dunkelblonde, statisch aufgeladene Haarsträhnen und ich konnte nicht anders, als seinen starren Blick aus grauen Augen irritiert zu erwidern. Langsam hob er einen Mundwinkel an. "Danke", sagte er unvermittelt.
"Äh, bitteschön. Das hast du dir aber auch verdient", fügte ich verlegen hinzu. "Du bist echt gut."
"Mein Name ist Evan."
"Hallo." Er sah mich erwartungsvoll an. Innerlich seufzend fügte ich hinzu: "Fanny. Mein Name."
"Fanny, dein Name", wiederholte Evan und gemeinsam grinsten wir über diese belämmerte Formulierung, während sich erneut eine peinliche Stille zwischen uns ausbreitete.
"Das war von Lifehouse", erklärte er, während er vor meinen Augen anfing, sein Zeug zusammenzupacken. "Kennst du die?"
"Schon mal gehört", meinte ich. "Im Radio."
"Ah", er verzog das Gesicht, "da spielen die nur die neuen Singles. Das hier", und er deutete vielsagend auf seine Gitarre, "das ist der richtig gute Kram!" Er sah mich eindringlich an, so als wollte er mich hypnotisieren.
Ich checkte meine Stiefelspitzen, in der Hoffnung, er würde den Wink verstehen. "Glaube ich dir."
"Auf dem Weg nach Hause?", wollte er schließlich wissen und ich überlegte, wie viel ich ihm von mir preisgeben sollte.
Ich blickte die Straße hinunter. Ich hatte nur drei Blocks zu laufen, dann war ich auch schon zu Hause. Echt praktisch, wenn man mitten in der Woche eine Neuerscheinung angucken wollte. Meine Eltern konnten es mir nicht verbieten, weil ich immer spätestens gegen Elf zu Hause war. Aber wollte ich, dass der Typ wusste, wo ich wohnte? "Ja, ist echt spät. Ich muss dann auch ..."
"In die Richtung? Dann begleite ich dich ein Stück", kam Evan mir zuvor, lächelte mich begeistert an und weil ich nicht unhöflich wirken wollte, ließ ich ihn neben mir herlaufen.
"Spielst du oft auf der Straße?", fragte ich ihn, weil es mich wirklich interessierte. Straßenmusiker waren ein mysteriöses Phänomen.
Er nickte eifrig, während er seine Gitarre höher zog und neben mir herstiefelte. Sein Gang erinnerte mich dezent an den der Zombies aus Warm Bodies. "So oft es geht. Mal hier und da. Aber das Wetter ist gerade nicht so gut."
"Hast ja trotzdem ganz schön verdient", warf ich ein und deutete auf seinen Rucksack.
"Willst du mich etwa in der nächsten Seitenstraße abziehen?", fragte er augenzwinkernd halb zu mir gewandt und brachte mich so zum Lachen.
"Vielleicht. Du kennst mich ja nicht. Genauso gut könntest du mich in der nächsten Seitenstraße abziehen, oder?"
"Vielleicht ziehen wir uns auch gegenseitig ab. Wer weiß?", grinste er. Ich hatte den Blick nach vorne auf die nächste Ampel gerichtet, spürte aber Evans Blick auf meinem Gesicht. "Aber mal im Ernst, ich hab nicht vor, dir irgendetwas zu tun. Ich bin der harmloseste Kerl, den die Welt je gesehen hat. Und zum Beweis, verabschiede ich mich hier und jetzt von dir und gehe zurück zur U-Bahn. Nicht, dass du denkst, dass ich dich stalke."
Okay, damit hatte ich nun gar nicht gerechnet. Bevor ich so etwas erwidern konnte wie "Würde genau das nicht ein Stalker sagen?", holte er sein Handy aus der Hosentasche heraus und tippte meinen Namen ins Adressbuch. Dann hielt er es mir unter die Nase.
"Natürlich nicht, ohne vorher deine Nummer bekommen zu haben, sonst wäre ich wirklich verrückt." Er schenkte mir ein süßes Musikerlächeln, womit er seine noch viel süßere Unsicherheit zu überspielen versuchte, und wartete, dass ich meine Nummer in sein Handy tippte.
Ach komm, Fanny! Er ist nett. Was ist schon dabei? Und so gab ich zum ersten Mal in meinem Leben einem Jungen, der nicht Michael war, meine Nummer.

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