Fanny

Evan war ganz einfach nicht zu übersehen mit seiner roten Mütze und seiner orangen Jacke, mal ganz abgesehen davon, dass er auf der zentralsten Stelle des Platzes seine Minibühne aufgebaut und sich eine ansehnliche Menge begeistert um den jungen Sänger versammelt hatte. Fairerweise ist jedoch zu erwähnen, dass bevor ich ihn sah, ich ihn beziehungsweise seine Musik über den Platz hallen hörte.

You´re a shooting star
That is what you are
You broke into my world but didn´t get far
´Cause we´re looking for connection
A feeling of protection
And from where I stand
My only chance is you

We´ve got something
And I wish that you could see
That alone we´re nothing
But together we could be
Unbreakable


Ich wartete respektvoll, bis die Leute ihren Beifall beendet hatten, dann - als ich sah, dass Evan Ausschau nach mir hielt, anstatt einen weiteren Song zu beginnen - bahnte ich mir meinen Weg zu ihm. Keine Ahnung, wieso, aber ich grinste.
"Wow! Du bist echt richtig gut, wenn ich das mal so sagen darf!", teilte ich ihm anerkennend mit. Er sah immer noch genauso aus, wie ich ihn von unserer flüchtigen ersten Begegnung in Erinnerung hatte. Mit dem kleinen Unterschied, dass er bei Tageslicht deutlich fotogener wirkte, was man auch nicht von vielen behaupten konnte - von mir schon gar nicht.
"Danke, hi erstmal!", grüßte er mich verlegen und packte sein Equipment zusammen. "Schön, dass du kommen konntest."
Ich vergrub die Hände in meinen Manteltaschen und zuckte mit den Schultern. "Wie´s der Zufall will, war ich gerade in der Gegend und hätte jetzt Lust auf ein Riesenfrühstück. Mir knurrt schon der Magen. Echt peinlich, gerade in der Bibliothek."
Evan lachte und wir setzten uns in Bewegung. "Büffeln am Samstag?"
Ich schüttelte den Kopf. "Nee, nur ein überfälliges Buch abgeben."
Evan nickte langsam, dann warf er mir einen betont beiläufigen Blick zu. "Gehst du noch zur Schule?"
Geschmeichelt, weil er mich anscheinend für jünger hielt als ich war, schmunzelte ich. "Um Gotteswillen nein, ich studiere. Besser gesagt, ich bin demnächst fertig. Kommunikationswissenschaften."
Ich konnte ihm seine Überraschung an der Nasenspitze ansehen. "Im Ernst? Wie alt bist du denn?"
"Dreiundzwanzig."
Wir steuerten derweil ein heimeliges, kleines Touristencafe an, das von außen mit warmen Backwaren und Kaffee und Konsorten warb. Ich ging Evan voran hinein und bestellte mir einen heißen Kakao, ein belegtes Brötchen und eine Nusstasche, während ihm sichtlich noch ein Dutzend weiterer Fragen auf der Zunge lagen. Mit unseren Bestellungen setzten wir uns an den Tresen am Fenster, wobei mir nicht entging, dass Evan seinen Hocker extrem nah an meinen stellte.
Ich warf ihm einen neckenden Blick zu. "Und jetzt sag nicht, dass du noch zur Schule gehst. Das wär´s jetzt."
Evan verschluckte sich fast an seinem Sandwich und trank hastig einen Schluck von seinem Tee. "Quatsch. Ich hab vor zwei Jahren meinen Bachelor of Music gemacht."
Das beeindruckte mich dann doch irgendwie. "Wow, alle Achtung. Und? Schon deine erste CD veröffentlicht?"
Damit schien ich bei ihm irgendeinen wunden Punkt getroffen zu haben. Er wandte den Blick auf den Emmerson Square und tat so, als würde er einem japanischen Pärchen dabei zusehen, wie es versuchte, ein Selfie von sich zu machen, während er selber auf einem Stück Gurke herumkaute. "Der Durchbruch lässt noch auf sich warten, wenn du das meinst. Aber ich hab Demos, das schon."
"Also willst du Sänger werden", schlussfolgerte ich vorsichtig und traf genau ins Schwarze mit meiner Vermutung.
Seine grauen Augen richteten sich wieder entflammt, wie jedes Mal, wenn er von Musik sprach, auf mich. "Sänger, Songschreiber, Künstler! Aber rein von der Definition bin ich das ja alles schon längst. Auftreten tue ich auch. Aber ich will, dass man meine Musik kennt, weltweit, klar auch meinen Namen - aber ... du verstehst schon, was ich meine."
Der Junge hatte eine Vision, das musste man ihm lassen. Ich rührte meinen Kakao um. "Und was arbeitest du zurzeit? Wovon lebst du, mal abgesehen von Straßenmusik?"
"Ach, ich bin Radiomoderator bei B-Side FM. Relativ neu, aber definitiv hörenswert", erklärte er, so als wäre er es bereits gewohnt, dass den Leuten der Name des Senders nichts sagte - zugegeben, ich hatte noch nie von ihm gehört.
"Du lebst echt für die Musik, oder?" Ich lächelte.
"Ich atme Musik!", bestätigte er mir breit grinsend. "Und du?"
Ich konnte nicht anders, ich zog meinen rechten Ärmel hoch, sodass mein Armgelenk frei wurde und ich es Evan zur Begutachtung direkt vor die Nase halten konnte. "Ich denke, das beantwortet deine Frage."
Er betrachtete einige Sekunden das breite Gummiarmband, das ich trug. "Was ist das? Sind das ...?"
"Autogramme? Jep: Mike Shinoda, Simon Neil, Isaac Slade und noch ein paar. Ich bin definitiv auf der alternativen Seite", bekannte ich und ließ stolz das Armband wieder unterm Ärmel verschwinden. "Ich bin aber nur begeisterter Fan. Selber spielen tue ich nicht."
"Musst du auch nicht, ich finde es schon super, wenn jemand so einen guten Musikgeschmack hat." Er sah mich an, als wäre ich ein Sechser im Lotto. Niedlich war seine Begeisterung ja schon. Ich konnte regelrecht sehen, wie es in seinem Kopf ratterte und rauchte. "Ähm. Nächsten Mittwoch gehe ich mit Freunden zu Mallory Knox, die haben ja gerade ihre neue Scheibe rausgebracht."
Ich nickte wissend. "Ich weiß, die höre ich rauf und runter."
"Echt? Willst du mitkommen? Wir vom Radio kriegen Freikarten."
Ich war hin und hergerissen. Mallory Knox waren zurzeit eine von meinen Lieblingsbands. Aber mitten in der Woche auf ein Konzert? Ob das meine Eltern erlaubten? Und hatte ich überhaupt Lust mit dem lustigen, aber etwas seltsamen Evan und irgendwelchen unbekannten Typen spätabends wegzugehen? Evans flehender Blick überredete mich. "Also gut. Wenn das echt kein Problem ist?"
"Nein! Quatsch! Das geht in Ordnung! Hey, Wahnsinn. Das wird toll!", rief er begeistert, fuhr sich ein paar Mal durch die blonden Haare und grinste mich bis über beide Ohren an.
"Mann, ich war echt lange nicht mehr auf einem Konzert", gab ich zu. Das letzte Mal war noch in der Highschool, bevor ich Michael kennengelernt hatte. Er hörte nur Hip Hop und EDM, nicht so mein Fall, und irgendwie hatte ich, in dem Versuch, etwas mit ihm zu unternehmen, immer auf meine eigenen Interessen verzichten müssen. Jetzt wieder mal was zu machen, was mir Spaß machte, fühlte sich richtig an. Das hatte ich mir verdient. Immerhin war ich fast mit dem Studium fertig.
"Echt? Ich bin fast jede Woche auf einem. Ich schreib für den Sender und den Internetblog Kritiken", erzählte Evan.
"Bezahlter Spaß", meinte ich und er lachte zustimmend. "Wahnsinn. Wenn ich mir vorstelle, dass ich in einem Büro am Computer arbeiten werde, tagein, tagaus. Und du gehst auf Konzerte von coolen Bands. Das Leben ist schon unfair."
Er rutschte auf seinem Hocker so herum, dass er mich direkt ansehen konnte und meinte dann mit einem selbstbewussten Lächeln: "Mag sein, aber an Tagen wie diesen sehe ich nur die sonnige Seite des Lebens." Und genau in diesem Moment brach draußen durch die Wolkendecke goldenes Licht, fiel direkt durch die Glasscheibe und ließ Evans Gesicht in all seinen Facetten erstrahlen. Ich schluckte schwer. Mir augenblicklich bewusst, was ich hier gerade tat.

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