Fanny

Zu meiner Verteidigung: ich wollte keine Fremdgeherin sein. Solange ich noch mit Michael zusammen war, würde ich ihn mit niemandem betrügen. Außerdem wusste ich immer noch nicht so genau, was ich von Evan halten sollte. Er war ein guter Musiker und Sänger mit einem guten Musikgeschmack und einer Menge Mut und Durchhaltevermögen, wie mir seine heutige Morgennachricht auf meinem Handy aufs Neue bestätigte: Guten Morgen! Ich freue mich schon wie sonst was aufs Konzert mit dir! :D. Aber so wirklich auf diese Weise konnte ich ihn irgendwie nicht sehen. Eher als potentiellen Kumpel. Mir war aber durchaus bewusst, dass er definitiv auf mich stand. Schwierige Situation. Zugegeben.
Also tat ich, was ich längst hätte tun sollen. Ich besuchte Casie. Sie war meine Nummer-Eins-Beziehungs-und-Konfusions-Anlaufstelle. Meine beste Freundin seit der Grundschule erwartete mich bereits in ihrer Wohnung mit frischen Brötchen vom Bäcker und Kaffee. Ich brauchte ihr meine Situation gar nicht lange zu schildern, da nickte sie bereits, als hätte sie diesen Tag schon lange vorher kommen sehen, und meinte: "Weißt du, Fanny, es ist einfacher als du denkst. Manchmal will einem das Leben mit solchen Zufällen etwas völlig Simples mitteilen." Sie sah mich mit ihren großen, klugen Augen an, und schob sich ihre Brille zurecht. Im Hintergrund spielte ihr Laptop die neue Single von Tonight Alive auf Dauerschlaufe. "Du musst endlich einen Cut setzen und Michael hinter dir lassen. Dieser Evan scheint eine willkommene Abwechslung zu sein. Es muss ja nichts Festes werden, du sollst einfach mal wieder Spaß haben."
Ich nippte kopfschüttelnd an meinem Kaffee. "Du magst ja Recht haben, Casie, aber ich will ihm keine falschen Hoffnungen machen. Er ist ein netter Kerl - ich will ihn nicht ausnutzen."
"Du nutzt ihn nicht aus, du nutzt nur aus, was sich dir ergibt. Verstehst du?" Casie hob vielsagend die Brauen, doch ich stand voll auf´m Schlauch. "Genieße den Moment. Hab Spaß auf diesem Konzert. Herrgott! Mallory Knox! Und du zerbrichst dir den Kopf über Jungs!" Wir lachten. "Wenn du es geschickt anstellst, schleppt dich vielleicht Mikey Chapman ab!"
Da konnte ich gar nicht mehr an mich halten und ließ mich vor Lachen auf den Boden fallen.
"Nee, im Ernst! Das wär´s! Dann könntest du glücklich sterben!", rief Casie über meine Schnappatmung hinweg. Als wir uns wieder einigermaßen im Griff hatten und ich mir zur Beruhigung ein Marmeladenbrötchen einverleibt hatte, meinte Casie noch einmal, dass ich endlich mit Michael Schluss machen sollte, damit ich einen freien Kopf kriegen konnte, um mir über all meine Optionen klarwerden zu können. Leichter gesagt als getan. Aber bisher hatte ich noch jeden ihrer Ratschläge zu meiner Zufriedenheit befolgt und es nie bereut. Ich musste nur den richtigen Zeitpunkt abwarten.
"Aber wie soll ich das anstellen? Ich habe noch nie mit jemandem Schluss gemacht", klagte ich mehr an mich selbst gerichtet.
Casie schenkte mir einen spöttischen Blick. "Äh, stimmt nicht, Fanny. Erinnerst du dich? Bobby, achte Klasse? Chemie?"
"Oh Gott, nein!" Die bloße Erinnerung ließ mich schamerfüllt die Hände vors Gesicht schlagen. "Warum musst du mich daran bloß erinnern?"
Bobby hatte mir ein Liebesgeständnis gemacht, während einer Partnerarbeit. Die beliebten Kids hinter uns hatten es mitbekommen und obwohl ich ihm keine Antwort gegeben hatte, glaubte die ganze Klasse und er, wir seien zusammen, obwohl ich ihm so gut es ging aus dem Weg ging. Bobby war jetzt kein Obernerd oder Loser, er war einfach einer der weniger Coolen. Und Liebe und Pärchen waren in der Achten so oder so eine peinliche Zerreißprobe für alle Beteiligten. Ich war einfach noch nicht bereit. Und so kam es, dass ich eines Tages nach Sport Bobby abfing und so, dass wirklich alle Lästermäuler es hören konnten, ihm die Abfuhr erteilte. Ich hatte seitdem immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich ihm begegnete und nun er mich ignorierte. Die Rechnung bekam ich Jahre später, zwei Monate bevor ich mit Michael zusammen kam: ich hatte mich doch tatsächlich leicht in Bobby verknallt, der nun aber ein richtiger Frauenschwarm war und mit Marissa Everson, der ersten Cheerleaderin, zusammen war. Tja. Das nenne ich ausgleichende Gerechtigkeit, würde ich sagen.
"Oh, ja. Die guten, alten Geschichten von der Schule. Das mit Michael wird genauso leicht. Du hast doch keine richtigen Gefühle mehr für ihn. Dann wird das schon klappen. Und ich wette, er wird´s verstehen. Er hat ja eh keine Zeit für eine Beziehung, so wie ich das sehe. Richtig?"
"Richtig", entgegnete ich schlapp. Das Koffein tat nicht, was es sollte.
"Wann ist das Konzert?"
"Mittwoch."
"Dann musst du am besten morgen Schluss machen", beschloss Casie über meinen Kopf hinweg und schien im Geiste bereits alle Eventualitäten durchzugehen.
Doch ich legte ihr rasch eine Hand auf den Arm, um sie zu unterbrechen. "Stopp, Casie! Ich habe doch gesagt, ich will warten, bis die Prüfungen durch sind. Davor kann ich getrost auf diesen Stress verzichten." Ich klang entschlossen, wieder so gefasst, wie ich diesbezüglich immer war, bevor ich diesem Evan begegnet war.
Casie verdrehte theatralisch die Augen, warf die roten Locken über die Schulter. "Stress! Du solltest dich mal hören. Du hast Angst! Das ist alles! Die ganze Situation an sich stresst dich, das was danach kommen würde, wäre die totale Entspannung und Selbstfindung. Aber wenn du das nicht einsehen willst, dann ..."
"Casie, lass bitte gut sein. Ich weiß, ich ändere augenblicklich meine Meinung, aber bitte versteh doch, dass ich jetzt deine Unterstützung brauche. Ich habe meine Prinzipien und ich werde Michael nicht betrügen, solange ich mit ihm zusammen bin."
"Und du bleibst vorerst mit ihm zusammen", ergänzte Casie, so als wollte sie sichergehen, dass sie mich nun auch wirklich verstand.
Ich nickte.
"Und was ist mit Evan?"
"Evan ist eine willkommene Abwechslung, wie du gesagt hast. Allerdings als Freund, mit dem ich ein Hobby teile. Nichts weiter. Ich hatte schon lange keine neuen, frischen Bekanntschaften."
"Bin ich Gammelfleisch, oder was?", meinte Casie gespielt beleidigt.
Ich musste lachen und zog sie entschuldigend an mich. "Sorry, so meinte ich das nicht! Es tut einfach mal gut, seinen Bekanntenkreis zu erweitern. Neue Freundschaften und so. Du, als meine allerbeste Freundin, bist unersetzlich. Das weißt du."
"Tue ich das? Ja, das tue ich", lachte Casie glockenhell und wir umarmten uns einige Sekunden fest. Ich verbrachte den ganzen restlichen Sonntag bei ihr. Wir quatschten, lachten und diskutierten über alles, was uns in den Sinn kam. Über meine Entscheidung verloren wir allerdings kein weiteres Wort mehr.
Insofern hatte mein Besuch bei Casie mir nicht das gebracht, was ich mir erhofft hatte. Ich konnte - oder wollte - ihren gut gemeinten Rat nicht befolgen. Weil es das Richtige war? Oder weil ich Angst hatte? Ich konnte es mir selber nicht ganz ehrlich beantworten und so verdrängte ich diese Frage weitesgehend und genoss den ungezwungenen Abend mit meiner besten Freundin. Solange sie an meiner Seite war, wir später zusammenzogen und uns für immer gut verstanden, würde alles gut werden. Liebe und solche Dinge waren absolut zweitrangig.

Kommentare

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    Kumpel? Sag mal spinnt die eigentlich? Wie blind kann man eigentlich sein haha :) aber schönes Kapitel!

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    Wie erfrischend und herzerwärmend, so zwei beste Freundinnen! :-)

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