Fanny

Mithilfe meines Handys und Evans Support in Form von nicht enden wollender Nachrichtenflut fand ich den Veranstaltungsort kurz bevor die Vorgruppe anfing. Evan winkte mich an der Einlassschlange vorbei zu einer Hintertür, die offensichtlich nicht für den öffentlichen Pöbel gedacht war. Wie ein VIP betrat ich den engen Flur und wurde dort erst mal von Evan in einer engen Umarmung begrüßt.
"Ich bin so froh, dass du hergefunden hast! Dann kann der Spaß ja beginnen", brüllte er mir ins Ohr, sodass ich ihn aus Reflex von mir wegschieben musste. "Ha, ha, du meinst Arbeit!"
"Genau!"
Ich sah, dass er bereits Ohrstöpsel in den Ohren zu stecken hatte. Ich tippte mir an meine eigenen und machte ein entsetztes Gesicht. "Oh nein!"
"Keine Stöpsel dabei? Kein Ding, ich hab die volle Notfallausstattung dabei. So ein Konzert kann - so toll und erfüllend die Musik auch sein mag - ziemlich anstrengend sein, sofern man nicht ausreichend vorbereitet ist." Er grinste.
Ich trat einen Schritt zurück. "Jetzt bin ich aber gespannt."
Aus einer abgetragenen Bauchtasche zauberte er ein zweites Paar neuer Ohrstöpsel, außerdem unsere Tickets, Lichtstäbe und eine Tüte Süßigkeiten.
"Ich dachte immer, Essen mitbringen ist verboten", meinte ich verblüfft.
Evan grinste noch breiter, sichtlich froh, dass er mich beeindruckt hatte. "Ich hab´s ja auch nicht mitgebracht. Das hab ich aus dem Backstagebereich. Exklusiv und gratis. Diese Tüte war eigentlich für die Jungs von Mallory Knox gedacht."
Meine Augen weiteten sich. "Du hast sie ihnen einfach geklaut?"
Seine Mundwinkel gingen nach unten. "Nein. Ich darf das. Ich kenne die Veranstalter. Außerdem haben diese Rockstars sowieso einen Haufen von Essen da drinne ... Da kann man direkt eifersüchtig werden ..."
"Das war ein Scherz", lachte ich und stieß ihm spaßeshalber mit dem Ellbogen in die Rippen. Er taumelte überrascht nach hinten und ich sah ihn freudestrahlend an. "Und jetzt? Gehen wir rein? Ich will die Vorband nicht verpassen."
"Äh, klar." Er hinkte hinterher, während ich den Schildern folgte, die uns zum Zuschauerraum führten. Dabei war ich mir jedem meiner Schritte überdeutlich bewusst. Ich trug nur ein etwas längeres Tanktop unter einer roten Kunstlederjacke. Meine Beine waren praktischerweise nur von einer schwarzen Leggings bedeckt, die in meinen bequemen Stiefeln endete. Ich wusste, wie warm es auf so einem Konzert werden konnte, deswegen hatte ich bereitwillig in Kauf genommen, den Weg hierher und wieder zurück wie verrückt zu frieren. Nun stellte ich mir aber vor, wie Evan mich die ganze Zeit anstarren würde. Da hatte ich wohl nicht gut genug nachgedacht bei der Wahl meiner Ausgehgarderobe.
"Wo sind deine Freunde?", versuchte ich, uns beide abzulenken, während wir uns im Zuschauerraum einen guten Platz zum Stehen suchten.
"Mack ist irgendwo da hinten. Er kennt den Techniker und quatscht wahrscheinlich mit ihm. Mein einziger Job ist es, das Konzert zu genießen und zu bewerten. Kannst mir gern dabei helfen!", spielte er den Ball wieder an mich. "Komm, ich nehm dir die Jacke ab."
"Äh, nee, lass mal. Ich behalte sie noch an. Ist ja noch frisch hier drin."
Evan zuckte die Achseln und blickte wieder zur Bar. "Wie du meinst. Willst du eine Cola? Oder Wasser? Ich krieg´s umsonst. Keine Sorge!"
"Wow, das hat ja echt seine Vorzüge, mit dir durch die Nacht zu ziehen", scherzte ich.
Seine grauen Augen wurden doch tatsächlich für einen kurzen Moment ernst, als er erwiderte: "Und nicht nur durch die Nacht." Ich blinzelte, doch da war dieser Ausdruck auch schon wieder verschwunden. "Also, Cola?" Ich nickte überrumpelt. "Gut, bin gleich wieder da. Nicht weglaufen!"
Das war schwieriger als ich dachte. Worauf hatte ich mich hier eigentlich eingelassen? Mittendrin kalte Füße kriegen, typisch Ich mal wieder. Aber irgendwie musste es doch möglich sein, mit Evan abzuhängen, ohne ständig von ihm angebaggert zu werden. Nichtsahnend von meinen konfusen Gedanken brachte er mir mein Getränk in einem großen Becher. Die Vorband hatte zu spielen begonnen und so waren wir wenigstens nicht mehr gezwungen miteinander zu reden. Jeder für sich nippten wir an unserer Cola und sahen zur kleinen Bühne hinauf, wo eine Band namens Decade die Menge für den Hauptact so richtig aufheizen sollte, was ihr meines Erachtens ziemlich gut gelang.
Während die Band ihr Set spielte, blickte ich immer wieder neugierig zu meiner Begleitung hinüber und musterte ihn unbemerkt. Ich wusste zwar nicht, wie er sonst so rumlief, aber er hatte sich sichtlich in Schale geworfen. Er trug ein schickes Kragenhemd in Holzfälleroptik und neu aussehende, perfekt sitzende Jeans - nicht zu eng, nicht zu baggy. Nur seinen Haaren hatte er nach wie vor keinen Kamm angetan. Die blonden Strähnen hingen hier und da, nur wie durch ein Wunder nicht in sein Gesicht. Musikermagie, nahm ich stumm vor mich hinlächlend an. Wie sonst war dieses Phänomen zu erklären?
Plötzlich beugte er sich zu meinem Ohr runter und rief laut, damit ich ihn verstehen konnte: "Sehe ich so witzig aus?"
Auweia, er hatte mich erwischt!

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