Februar 2006- Nothing Can Kill Me Like You Do

Die Liebe stirbt nie einen natürlichen Tod. Sie stirbt an Blindheit und Missverständnissen und Verrat. Sie stirbt an Wunden, sie siecht dahin, aber sie stirbt nie einen natürlichen Tod.

 

                                                                                                                                -Anaïs Nin

 

Der fruchtig-erdige, von ihr bestellte, Pinot Noir füllte ihre Mundhöhle und verzückte ihre Geschmacksknospen. Für sie war der Genuss eines exquisiten Weines ein Moment völliger Glückseligkeit.

Emilia Sophia McDermott ließ sich das einzigartige Bouquet sinnlich auf der Zunge zergehen und seufzte zufrieden, während ihre Augen an ihrem Begleiter hingen, der sich gerade selbst einen Schluck aus seinem Glas gönnte.

„Der Pinot war eine ausgezeichnete Wahl, Emilia“, lobte Marcus Dubois sie charmant lächelnd. „Du bist eine talentierte Weinkennerin.“

„Nun ja, ich habe mir mein Wissen durch zahlreiche Verkostungen in den letzten Jahren selbst angeeignet“, verkündete sie stolz, bevor sie amüsiert kicherte.

„Mit anderen Worten: ich habe Ahnung von Wein, weil ich sehr viel davon getrunken habe.“ Ihr Geständnis führte bei ihm zu einer erstaunten Miene.

„Also, das hätte ich nicht von Ihnen erwartet, Miss McDermott.“ Keck zwinkerte er ihr zu.

„Ich habe auch Facetten, die dir bisher unbekannt sind“, wisperte sie geheimnisvoll, stützte ihre rechte Hand auf ihr Kinn und legte den Kopf schräg.

„Auch die werde ich noch kennenlernen“, war er sich sicher, dass sie ihn, im Laufe der Zeit, hinter ihre verborgenen Seiten schauen ließ. Seine hoffnungsvolle Aussage quittierte sie schweigend mit einem strahlenden Lächeln.

Anschließend schweifte ihr Blick flüchtig durch das gut besuchte Restaurant, in das Marcus sie eingeladen hatte. Es lag am Stadtrand, was die Leute jedoch nicht daran hinderte hierher zu kommen. In der Luft schwebten die köstlichen Düfte der französischen Küche und die angeregten Gespräche der anderen Gäste. Die blonde Killerin genoss das wohlige, entspannte Flair und atmete tief durch. Sie vergaß ihren Alltag, denn lieber ergötzte sie sich an Marcus` Attraktivität, als sich Gedanken um den morgigen Tag zu machen, an dem sie wieder ihrem verhassten Beruf nachgehen musste.

Sie konnte nicht aufhören in seine blauen Augen zu sehen, die ihr halfen sich besser zu fühlen. Der Anblick seines kantigen Gesichtes, in dem sie stets einen Funken Hoffnung entdeckte, heilte Emilia. Marcus nahm ihr ihre Sorgen; ihren Schmerz…

Plötzlich brach ihr Gedankengang ab, da ihre Aufmerksamkeit auf einen dunkelhaarigen Mann in einem Anzug gelenkt wurde, der sich ihrem Tisch zielsicher näherte. Emilia öffnete bereits den Mund, um ihr Gegenüber zu fragen, ob er ihn kennt, als der Mann bereits bei ihnen ankam.

„Marcus? Marcus Dubois?“ Seine Miene zeigte großes Erstaunen. „Was für eine Überraschung, dass ich dich hier treffe“, wurde er verblüfft von dem Mann begrüßt, der ihm lässig auf die rechte Schulter klopfte. „Wir haben uns ja Monate nicht gesehen.“

Bei Marcus` Bekannten überwog eindeutig die Freude über das Wiedersehen, er hingegen sah ihn an, als sei er ein Geist; ein Wesen aus einer anderen, düsteren Welt, das gekommen war, um ihn ins Verderben zu stürzen. In Emilia kroch indes ein verschlingendes, unangenehmes Gefühl hoch. Es war eine Vorahnung.

„Wie geht es Tabitha? Meine Frau hat mir erzählt, dass sie lange Zeit mit einer hartnäckigen Erkältung zu kämpfen hatte.“

„Sie ist wieder gesund, danke der Nachfrage“, knirschte er zwischen seinen Zähnen, als wolle er damit das Gesprächsthema auf der Stelle beenden.

„Ich hoffe du hast dich gut um deine Ehefrau gekümmert“, folgte es augenzwinkernd und kokett grinsend.

Bei dem Wort Ehefrau legte sich eine Totenblässe über Emilias Gesicht und ihre Unterlippe fing unwillkürlich an zu zittern.

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ Dass die Frage an sie gerichtet war, nahm sie gar nicht wahr, denn ihre Umgebung verschwamm vor ihren Augen zu einem trüben, undurchdringlichen Strudel.

„Geht es…“

„Es geht ihr gut, Andrew, danke!“, unterbrach ihn Marcus mit kalter Höflichkeit, der davon sichtlich irritiert war. „Es war nett dich wiederzusehen.“ Offensichtlicher konnte er ihm nicht bedeuten umgehend zu verschwinden. Marcus´ blaue Augen strotzten vor Zorn.

„Das finde ich auch“, erwiderte Andrew verunsichert, bevor er sich umwandte und ihren Tisch beinahe fluchtartig verließ. Das Schweigen, das nach seinem Abgang folgte, war quälend und unerträglich. Emilia stierte ins Leere. Sie fühlte nichts, was sie beunruhigte, da sie ungeduldig auf den überwältigenden Schmerz ihres gebrochenen Herzens wartete.

„Emilia.“ Der Klang seiner Stimme ging ihr durch Mark und Bein und löste ungeahnte Abscheu in ihr aus.

„Bitte lass mich dir diese Situation erklären.“

„Schluss mit den Ausreden, Marcus, sag mir endlich die Wahrheit! Bist du tatsächlich verheiratet?“ Ihre Forderung setzte ihn gewaltig unter Druck, das wusste sie. Machte er den nächsten Zug, dann bestünde die Gefahr, dass sie ihn verließ und für immer aus seinem Leben verschwand. Wagte er sich hingegen jedoch nicht in die Arena der Realität, wäre jede weitere Lüge vergebener Kraftaufwand, denn Emilia würde die Negation ihrer Frage als Bestätigung seiner Hinterhältigkeit ansehen. Marcus war in ihren Augen bereits verloren.

„Du schuldest mir die Wahrheit“, krächzte sie mit staubtrockener Kehle, die sie mit einem großzügigen aus ihrem Glas umgehend befeuchtete. Marcus blieb nach ihrer direkten Frage, wie zu erwarten, stumm. Seiner starren, angespannten Miene war zu entnehmen, dass ihn die prekäre Lage zu schaffen machte und er darum bemüht war einen Ausweg zu finden und zwar auf eine Weise, die ihn mit so wenigen Blessuren und Narben, wie möglich, davonkommen ließ.

Emilias Augen suchten seinen Blick. Es dauerte einige Sekunden, bis sie fündig wurde und auf einen verunsicherten Mann traf. Kaum zu glauben, wie schnell sich ein selbstbewusster, intelligenter und charmanter Mann in einem bedauernswerten Schwächling verwandeln kann.

Die Konfrontation mit der Wahrheit; die Aufdeckung der Lügen bringen jeden dazu sein wahres Ich zu offenbaren, dachte sie bitter und verzog geringschätzig die Lippen.

„Ich bin verheiratet“, kam es plötzlich von ihrem Gegenüber. Obwohl sie nur diesen einen Satz von ihm hatte hören wollen, fühlte sie sich billig abgespeist. Über Monate hatte er ihr etwas vorgemacht und war wie ein Schauspieler in eine andere Rolle geschlüpft. Wie konnte mir seine Verlogenheit entgehen?

„Du hast mich also die ganze Zeit belogen“, stellte sie trocken fest. Marcus´ Pupillen schienen zu zucken, als sie ihn mit dem Offensichtlichen konfrontierte.

„Wieso, Marcus?“ Die Blondine brauchte und verlangte Antworten. „Woher nimmst du dir das Recht mich zu hintergehen, mir wie selbstverständlich, ohne Reue, ins Gesicht zu lügen und auf meine Gefühle zu spucken?“ Ihre sonst feine, zarte Stimme bebte bedrohlich über den Tisch hinweg. Sie behielt die Kontrolle über sich, obgleich sie am seelischen Abgrund stand und ihre Qualen sie zerrissen.

„Emilia.“ Ihren Namen erneut aus seinem Mund zu hören, war eine tiefe Erniedrigung und kam für sie einer Straftat gleich. Vor Zorn blähten sich ihre Nasenflügel und ihre blassen Hände bebten.

„Ich wollte nie, dass es so weit kommt.“

„Was? Deine Lügen?“ Schrill lachte sie auf. „Du warst wohl selbst überrascht, wie lange du mich hinters Licht führen und deine gepflegte Fassade aufrecht erhalten konntest“, spie sie Marcus voller Geringschätzung entgegen. Darauf wusste er nichts zu erwidern, was sie dazu veranlasste, weiterzusprechen.

„Dass du die Unverschämtheit besitzt mich für dein eigenes Vergnügen zu missbrauchen, ist der Gipfel deiner Intrigen, du mieses Drecksschwein! Wenn ich an unsere Treffen denke, an deine Berührungen und die Nächte, in denen wir Sex hatten, dann überwältigt mich unvergleichlicher Hass.“ Emilias rechte Hand ballte sich mechanisch zu einer Faust.

„Durch dein Schweigen und deine Lügen hast du mich zu einer Verräterin gemacht. Ich habe deine Frau, ohne mein Wissen, verraten. Ich habe sie gedemütigt, indem ich mit dir zusammen war und mich in deinen Laken wälzte.“ Zornestränen sammelten sich in den Augenwinkeln der Blondine, doch sie gab ihnen nicht die Chance auszubrechen. Ihre Würde trug über ihre Verzweiflung in diesem Moment den Sieg davon.

„Dein Mangel an Anstand und Aufrichtigkeit macht dich zu einer Witzfigur, Marcus. Du bist ein erbärmlicher und schwächlicher Feigling, der sich überlegen fühlt, wenn er Frauen hintergeht und für seine Zwecke missbraucht.“ Mit der Faust haute sie kräftig auf den hölzernen Tisch, der zu wackeln begann und die Gläser zum Klirren brachte. Ein messerscharfer Schmerz schoss durch ihre Hand, was sie geflissentlich ignorierte, so, wie ihre Mitmenschen, die sie entgeistert anstarrten. Marcus´ plötzlich auftretende Empörung über ihre Vorwürfe verwandelte sein aristokratisches Gesicht in eine abstoßende Maske.

„Ich bin kein Feigling und missbrauche auch keine Frauen, Emilia“, presste er angestrengt hervor, denn er konnte sein Temperament kaum noch im Zaum halten.

„Ich bin ein Mann, der mit dieser außergewöhnlichen Situation lange Zeit überfordert war. Glaubst du mir hat es Freude bereitet dich zu belügen? Dass es ein Leichtes für mich war dich anzusehen und zu wissen, dass ich an meine Frau gebunden bin?“, fuhr Marcus energisch, mit wild blitzenden Augen, fort.

„Wie oft habe ich daran gedacht dir alles zu sagen und sie zu verlassen?“ Der aggressive Unterton in seiner Stimme entging ihr nicht und entlarvte seinen trügerischen, manipulativen Charakter, den er so lange vor ihr hatte verbergen können.

„Seit unserer ersten Begegnung kann ich dich nicht vergessen. Ich habe versucht dein wunderschönes Antlitz aus meinen Gedanken zu vertreiben. Ich wollte die Erinnerungen und Bilder von diesem Abend aus meinem Kopf verbannen, aber verdammt, Emilia, es war mir nicht möglich.“ Marcus bemühte sich seinen Ton sanfter klingen zu lassen, woran er jedoch kläglich scheiterte.

„Du wagst es allen Ernstes mich mit diesen fadenscheinigen Erklärungen und Ausflüchten besänftigen zu wollen?“, fragte Emilia erbost. Sie stand kurz davor ihm eine zu scheuern.

„Das sind keine Ausflüchte. Das ist die Wahrheit, Emilia. Die Wahrheit, die mich quält, denn jedes Mal, wenn ich meine Frau ansehe, wünsche ich mir, dass du an ihrer Stelle wärst. Dass ich dich, statt ihrer, berühren und küssen würde“, offenbarte er ihr, doch seine Ansichten schmeichelten ihr nicht, sondern erschütterten sie.

„Oh, es tut mir furchtbar leid, dass dein Leben mit deiner Ehefrau so schrecklich ist“, witzelte sie zynisch und schürzte die Lippen. „Du hattest keine andere Wahl, als sie zu betrügen und dir eine Geliebte zu suchen, der du verlogene Liebesschwüre ins Ohr hauchen kannst.“

Frustriert kippte sie den restlichen Inhalt ihres Weinglases mit einem mal herunter und schloss die Augen.

Einen Moment später wurde ihr Frieden; ihre Ruhe brutal zunichte gemacht, als sie Marcus´ Bitte hörte, die Augen zu öffnen und ihn anzusehen. Emilia reagierte nicht, denn sie fochte einen inneren Kampf aus. Sie spürte jeden Schlag ihrer Gefühle und Gedanken, die gegeneinander antraten. Aber je länger sie sich mit dem Verrat ihres Gegenübers auseinandersetzte, desto schneller schrumpfte die Kraft ihrer Liebe in sich zusammen und musste sich der Wirklichkeit geschlagen geben. Wie im Boxring war der Verlierer zu Boden gegangen, während der Gewinner strahlend über ihn triumphierte.

Emilias Liebe zu ihm lag blutend vor ihren Füßen und flehte um eine zweite Chance, was sie, trotz ihres Hasses, emotional aufwühlte.

„Emilia, sieh mich bitte an.“ Auf seine erneute Aufforderung hin hoben sich ihre Lider, aber ihr Blick wanderte mechanisch zu ihrem leeren Glas.

„Ich kann dich nicht ansehen, Marcus“, fauchte sie. „Ich kann nicht in deiner Nähe sein. Ich kann nicht ertragen, dass du atmest.“ Sie hörte seine Reaktion auf ihre harten Worte in Form eines entsetzten Luftschnappens.

„Ich hätte nicht gedacht, dass du mich lieber tot, als lebendig sehen willst. Das verletzt mich zutiefst, Emilia.“

„Was kümmert mich das? Um meine Gefühle hast du dich von Anfang an einen Dreck geschert. Du hast nicht das Recht mir Vorwürfe zu machen, also halt deinen Mund! Jedes Wort ist wie ein Messer, das du mir durchs Herz bohrst. Du folterst meine Seele. Du siehst genüsslich dabei zu, wie ich verblute und durch deine Hand sterbe. Du genießt deinen Triumph über mich“, hysterisierte sie mit hochroten Wangen.

Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie ihren Verstand verlieren und komplett durchdrehen würde. Die Situation überforderte sie und drückte sie gnadenlos nieder. Der Sog der Herabwürdigung zog sie unerbittlich in die Finsternis.

Dennoch versuchte Emilia weiterhin stark zu sein. Sie nahm all ihre Kraft zusammen, damit sie nicht heulend vor ihm zusammenbrach. Marcus hatte ihr bereits ihren Stolz, ihre Selbstachtung und ihr Herz geraubt und zusätzlich noch darauf herumgetrampelt, da musste er nicht noch Macht über ihren Körper besitzen und einen Kontrollverlust bei ihr auszulösen. Das würde sie nicht zulassen, denn diese Genugtuung wollte sie ihm keinesfalls geben.

Daher schluckte sie den riesigen Kloß in ihrem Hals herunter und ignorierte den Klumpen in ihrem Magen. Statt sich völliger Verzweiflung und grenzenlosem Schmerz hinzugeben, wandte sie ihren Kopf zu ihm und erwiderte mutig seinen Blick. Als sie in diese stechend blauen Augen schaute, überkam sie unvorstellbarer Ekel und Übelkeit, was sie an die Grenze des Erträglichen trieb. Emilia spürte, wie ein Schaudern sie gefangen nahm.

Marcus war wie eine Krankheit; ein Virus, der sich heimlich und verborgen in deinen Körper schleicht und dich unwiederbringlich vernichtet. Er greift dein Herz, deinen Verstand und deine Seele an. Er macht dein Inneres zunichte, löscht dein Wesen aus und rammt dich ungespitzt in den Boden.

Das Tragische und Entwürdigende daran war, dass man von diesem Prozess nichts mitbekam. Erst, wenn die Katastrophe ihren Lauf nimmt, dringt die Erkenntnis gnadenlos in das Bewusstsein ein und man steht vor den Trümmern seines Seins. Zu diesem Zeitpunkt ist es bereits zu spät, um sich vor der vollkommenen Zerstörung zu retten.

Marcus hat mich ins Verderben gestürzt, als er sich wie ein mieser Dieb in mein Herz geschlichen und mir alles Gute genommen hat. Er hat mich bestohlen und nichts zurückgelassen.

Ihm fiel nach ihrem Gefühlsausbruch tatsächlich nichts Besseres ein, als eine schwächliche Entschuldigung zu murmeln, die sie ihm nicht einen Moment abkaufte, denn dieser Mann besaß keine Reue. Ihm war jegliches Schuldgefühl fremd.

Er ist wie meine Kollegen. Er ist ein seelenloser Mensch, der nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist; dem es gleichgültig ist, wen er mit seinem Egoismus verletzt.

„Du bist jämmerlich und verlogen, Marcus. Deine Entschuldigung ist bloß eine weitere Beleidigung und manövriert dich immer tiefer in diese Misere“, erklärte sie ihm, in der Hoffnung, dass er endlich verstand, dass seine Bemühungen umsonst waren.

„Nichts kann dich retten. Nichts wird meine Meinung über dich ändern, denn für mich ist diese Beziehung purer Sadismus.“ Ihre Stimme klang mechanisch und wimmernd zugleich.

Melancholie gewann die Oberhand und verdüsterte ihre Stimmung zunehmend. Emilia fühlte sich gefangen.

Sie glaubte sich in einem Kokon aus Trauer, Wut und Enttäuschung, aus dem sie nicht schlüpfen konnte. Für das Ablegen der Hülle aus Depression und Zweifeln war eine Transformation von Nöten, die der blonden Killerin noch bevorstand. Es würde ein langer und harter Weg werden. Ein Weg, gepflastert mit vielen Qualen und Entbehrungen.

Die größte Herausforderung für Emilia würde mit Abstand die Selbstfindung werden. Sie musste von vorne beginnen und versuchen ihr Leben, vor Marcus Dubois, zurückzubekommen. All die Erinnerungen, Emotionen und Momente, die sie mit ihm verband, wollte sie unbedingt aus ihrem Kopf und Herz verbannen. Ein für alle mal.

Leicht würde dies nicht werden, schließlich hatte sie mit ihm eine wunderbare und intensive Zeit erlebt, die sie noch zu Beginn dieses Abends niemals hätte vergessen wollen.

Dass sich ein Leben in wenigen Stunden dermaßen negativ verändern kann, ist unvorstellbar. Man wird von einem Menschen getäuscht, dem man Liebe und Vertrauen entgegengebracht hat.

„Es ist Sadismus, wenn du mich verlässt, obwohl du mich liebst. Damit bestrafst und quälst du nur dich selbst.“ Du hast ja keine Vorstellung, wie erbärmlich und lächerlich du bist. Und deine Arroganz nicht zu vergessen! Dass du überhaupt auf die absurde Idee kommst, dass ich dich brauche und ohne dich nicht glücklich sein kann, ist an Hochmütigkeit nicht zu überbieten, dachte Emilia gehässig und wusste nicht, ob sie deswegen weinen oder lachen sollte.

„Du hast meine Liebe zu dir eingebüßt, Marcus, und nichts kann sie zurückbringen. Genau wie deine Glaubwürdigkeit“, schärfte sie ihm ein und ohrfeigte sich innerlich dafür, dass sie diesem abtrünnigen und ehrlosen Mann vertraut hatte.

„Es ist unmöglich, dass deine Gefühle für mich so plötzlich verschwinden, als seien sie niemals existent gewesen. Du machst dir etwas vor, Emilia. Du willst dir nur nicht eingestehen, dass du mich trotz alledem noch liebst. Also, bist du dir wirklich sicher, dass du mir nicht noch eine letzte Chance geben willst?“, bohrte er hartnäckig nach. Trotz seiner lauten, energischen Ansprache registrierte sie einen Anflug von Schwermut und Unsicherheit in seiner Stimme.

„Ich werde alles tun, damit du bei mir bleibst. Sag mir einfach, was ich tun soll, Emilia.“ Aus heiterem Himmel griff er nach ihren Händen, die er mit dem enormen Druck, den er ausübte, beinahe zerquetschte. Seine Berührung; das Gefühl seiner Haut auf ihrer widerstrebte ihr.

„Soll ich meine Frau verlassen?“ Emilia traute ihren Ohren nicht.

„Dass du mir überhaupt diese Frage stellst, bestätigt mich nur in meiner Entscheidung“, äußerte sie pikiert, zog ihre Hände weg, als sei seine Haut glühend heiß, und strafte ihn mit Missbilligung. Dieser trat er mit Entschlossenheit und Willenskraft entgegen.

„Ich gebe nicht auf. Ich gebe dich nicht auf, Emilia…“

Ihr Gegenüber sprach weiter und steigerte sich in seine Zurückeroberungsfantasien hinein, die sie allerdings nicht hören konnte. Sie sah bloß seine dramatischen Gesten und weit aufgerissenen blauen Augen. Die Blondine bemühte sich um Konzentration, doch sie versagte. Die Sinneseindrücke liefen einfach an ihr vorüber, wie ein grauer Film. Ihr wurde alles zu viel: Marcus´ Verrat, seine Worte und Nähe.

„Ich kann nicht mehr. Ich muss hier raus. Sofort!“, sprudelte es aus ihr heraus. Dabei klang es, als spräche eine fremde Person und nicht sie.

Von einer Sekunde auf die andere schoss Emilia in die Höhe und flüchtete panisch. Sie hastete an verdutzten Kellnern und neugierigen Gästen vorbei, während sie, auf der Suche nach dem Ausgang, fieberhaft die Umgebung scannte. Marcus´ Rufe nach ihr verwandelten sich in ein dumpfes Rauschen, das sie bloß am Rande vernahm, denn es gab momentan nur einen Gedanken, der sie beherrschte und weshalb sie nichts anderes wahrnehmen konnte: ICH MUSS DIESER HÖLLE ENTKOMMEN!

Als sie die Tür sah, die ihr den Weg in die Freiheit ermöglichte, raste ihr Puls und ein erleichterter Seufzer entfleuchte ihr. Mit voller Kraft warf sich Emilia gegen das edle Holz und hastete hinaus.

Frostiger Wind empfing sie und zerrte gewaltsam an ihren Haaren und der Schleppe ihres Kleides, die heftig um ihre Beine flatterte. Dies schmerzte und glich Peitschenhieben, da ihre nackte Haut durch die extreme Kälte bereits jetzt schon an Gefühl verlor.

Dennoch dachte sie nicht einen Augenblick daran umzudrehen und ihren Mantel zu holen. Um nichts auf der Welt würde sie in das Gebäude zurückkehren, in dem er saß und die Luft mit seiner bloßen Anwesenheit vergiftete.

Also rannte Emilia los.

Sie rannte wie elektrisiert durch das eisige, reine Weiß und ließ Meter um Meter das Leben, das sie die letzten Monate mit Marcus geführt hatte, hinter sich. Ihre Füße, die nur von hochhackigen Sandaletten bekleidet wurden, waren taub und wie Fremdkörper für sie.

Dessen ungeachtet nahm sie an Geschwindigkeit zu. Ihre Atmung wurde automatisch hektisch und unkontrolliert, was sie durch die Nebelwolken, die sie ausstieß, erkennen konnte. Emilia hielt jedoch nicht einen Moment inne, um sich zu sammeln oder auszuruhen, obwohl ein unerträgliches Zwicken ihre Waden und Oberschenkel peinigte. Wie unwichtig war dieser körperliche Schmerz im Vergleich zu ihren seelischen Qualen!

Gedankenverloren überquerte die Blondine gerade eine Straße, die vom kühlen Licht der Laternen beleuchtet wurde. Ihre Haut, die von Gänsehaut überzogen war, verwandelte sich in farblosen Marmor.

Emilia lief weiter und genoss dabei die herrliche Stille, die draußen herrschte. Es war der völlige Kontrast zu dem vollbesetzten Restaurant, dessen Atmosphäre ihr die Luft zum Atmen genommen hatte. Für einen Moment besserte sich ihre Laune, was sie beflügelte. Aus den anstrengenden und schleppenden Schritten wurden sanfte, federleichte Hopser. Sie schien zu schweben.

Als sie nach wenigen Minuten auf einer weitläufigen Fläche ankam, machte sie abrupt Halt. Es war der perfekte Ort. Hier war sie alleine. Hier war sie weit genug von ihm entfernt. Hier konnte sie ihren Verstand klären.

Mit den Knien voran ließ sie sich in den Schnee fallen. Aufgrund der klirrenden Kälte versteifte sich ihr Körper blitzschnell und wurde zu einer Statue, doch dem pflichtete sie keine Beachtung bei. Stattdessen blickte sie starr geradeaus, wo sich die Pracht dieser einzigartigen Stadt erstreckte. Die unzähligen Lichter in den Hochhäusern wirkten wie Sterne, die so intensiv im Angesicht der Nacht strahlten, als wollten sie sie blenden. An den Anblick der beklemmenden Enge und des Dunstes, der in den Himmel stieg, war sie gewohnt. Selbst den Lärm und leicht fauligen und beißenden Gestank, der einem in manch einer Gasse um die Nase wehte, hatte sie lieb gewonnen.

Saint Berkaine bedeutete ihr alles, denn die Stadt hatte sie geprägt und zu dem gemacht, wer sie heute war. Zwischen den Klötzen aus Metall und Granit verbargen sich ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Stadt war wie eine Landkarte, die mit Stationen ihres Lebens gespickt war. Sie war hier aufgewachsen. Ihre Familie lebte hier. Hier hatte sie ihr Studium abgebrochen und war eine Killerin geworden. Und hier hatte sie sich verliebt.

Genau in diesem Augenblick erinnerte sich Emilia an die Kette, die Marcus ihr einst geschenkt hatte und die sie ausgerechnet heute Abend trug.

Sogleich spürte sie das Metall um ihren Hals, das so schwer wurde wie ein Stein, der sie in den Abgrund zog. Sie fühlte sich wie seine Gefangene; wie sein Besitz, was sie dazu veranlasste sich das goldene Herzmedaillon kurzerhand gewaltsam vom Hals zu reißen und in die Dunkelheit zu werfen, von der es förmlich verschluckt wurde. Sie konnte hören, wie es im hohen Schnee landete. Dieses leise, belanglose Geräusch bedeutete für sie das Ende ihrer Beziehung. Als ob ihre Tränendrüsen bloß auf diese Erkenntnis gewartet hatten, nahmen diese ihre Arbeit auf und produzierten eine unaufhörliche Flut aus Tränen, die über ihre kalten Wangen rannen und im Schnee versickerten.

Hysterie überwältigte Emilia und ließ sie kaum atmen. Verzweifelt schnappte sie nach Luft, doch ihre Kehle schnürte sich immer weiter zu. Durch die Angst, sterben zu müssen, legte sich ein enormes Gewicht auf ihre Brust, was ihren Zustand nur noch verschlimmerte.

Ich kann nicht atmen! Ich ersticke! ICH STERBE!!!

Verzweifelt suchte sie nach Halt und krallte sich mit ihren Fingern mit aller Kraft im Schnee fest. Und dann schrie sie. Sie schrie alles heraus, was sie belastete und zu verschlingen drohte. Sie schrie so lange, bis ihre Lunge ihren Dienst versagte und sie gezwungen war aufzuhören.

Emilia war am Ende.

Nach ihrem emotionalen Zusammenbruch fühlte sie sich ausgelaugt, betäubt und leer. Ihre Schreie klingelten noch immer in ihren Ohren und ihr Herz war kurz davor zu explodieren.

Was hast du aus mir gemacht, Marcus? Wieso hast du mich hintergangen und belogen? Warum hast du mich zerstört?...

Ihre Gedanken siechten langsam dahin und zerflossen zu einem trüben, schmutzigen Rinnsal, der ihren Verstand verseuchte und sich auf jede Faser ihres Körpers ausbreitete. Ein permanenter Tränenschleier hing vor ihren Augen und machte sie fast blind.

Emilia war zu nichts mehr in der Lage. Bewegung, Atmung, Spüren, Hören, Sehen, alles war außer Kraft gesetzt. Sie war ein funktionsloses Stück Mensch in einer herzlosen und grausamen Welt, aus der es keinen Ausweg gab.

Für sie gab es keine Aussicht auf Besserung ihres hoffnungslosen Zustandes. Wie paralysiert hockte sie im Schnee und schluchzte leise über ihr Schicksal, während sich die Dunkelheit wie eine Decke über sie legte und das Gefühl der Isolation erdrückend und unerträglich wurde.

 

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