Flucht und Gegenwehr 2/4

»Brrrr«, raunte Klarich und zog an den Zügeln.
»Da seid ihr ja endlich.« Alnas Blick erstarrte, als sie den seinen bemerkte. »Was ist passiert?«, wollte sie ohne Umschweife erfahren, als sie von dem Wohnhaus kommend hinüber zum Karren schritt. Ihre Miene heftete sich auf derer ihres Geliebten.
»Es war ein Fehler sie mitzunehmen«, gestand er ohne seine Jungs dabei eines Blickes zu würdigen. »Vom ersten Moment an waren sie Hohn und Spott ausgesetzt.« Er schnaufte und drosch mit der Faust auf den Rand des Karrenaufbaus. Seine Finger zitterten, als er sie spreizte. Eine Hand legte sich auf die Seine und hielt sie fest an Ort und Stelle. Mit der anderen streichelte sie seine Wange.
»Sprich nicht darüber. Behaltet es für euch.«
Sie nickte, hob die Brauen und schenkte ihm ein keckes Lächeln. »Doch, das werde ich.«
Er dreht sich ihr zu, nahm ihr Gesicht in beide Hände und sein Kopf nährte sich dem ihren. »Du hast es vorhergesehen und ich wollte nicht auf dich hören.« Er gab ihr einen Kuss auf die Lippen.
»Pa' wohin soll das viele Werkzeug?«
Kayden klopfte seinem Bruder auf die Schulter und deutete voraus, in jene Richtung, aus welcher sie selbst kürzlich fuhren. »Pa'? Da kommen Reiter.«
Seine Augen fixierten die seiner geliebten und die Brauen verengten sich zum Nasenansatz. Er sah in erschrockene, sich trübende Seen. »Ich will nicht, das sie uns die Kinder nehmen«, flüsterte sie benommen.
Der vorderste Reiter pfiff zum Erkennen ein Klarich bekanntes Signal, der sogleich begann, sich sichtlich zu entspannen. Seine Züge wurden weicher und seine verzerrten Mundwinkel erschlafften. Er war spürbar erleichtert. »Alric. Er kommt spät und in Begleitung.« Dass sie ihn bereits bei der Burg Bestlins zu sehen bekamen, behielt er für sich. Was er dort oben zu suchen hatte hingegen, blieb noch in Erfahrung zu bringen. Er erinnerte sich daran, ihn danach fragen zu wollen. Glücklicherweise enthielten sich die Brüder auch jedweden Kommentars.
Alna sah auf und erblickte nur eine sich stetig nähernde Staubwolke, aufgetrieben von Pferden im Galopp.
Sie traute ihrem Mann und verließ sich auf seine Sinne, wusste oder vielmehr ahnte sie, dass ihr Geliebter mehr war, als er vorgab zu sein. Ein unausgesprochenes Geheimnis rankte um ihn, hatte bisweilen jedoch nie darüber nachgedacht, ihn in dieser Angelegenheit zu bedrängen. Der Tag würde kommen, an welchem er sie einweihte.
Es waren sechs Reiter, die ihre Pferde auf dem Vorplatz des Hofes zügelten. Bekleidet allesamt in lederner Montur, an derer findige Handwerker kleine metallene Plättchen anbrachten. An den Hüften trugen sie zur Linken wie zur Rechten jeweils ein leicht gekrümmtes Schwert, wobei das Zweite kürzer schien. Ein jeder führte an seinem Sattel einen gefüllten Köcher und einen Reflexbogen, gefertigt in den Westländern. Woher die Reiter diese Waffen haben mochten? Diese galten als berüchtigt unter den Berittenen. Man nannte diese Bogen auch Reiterbogen, da diese leichter zu verwenden waren als die hiesig benutzten Langbogen. Kürzer aber aufgrund ihrer Überspannung und einfacher Handhabung zu Fuß wie zu Pferd deutlich effektiver. Grundvoraussetzung, man war mit dem Umgang einer solchen Waffe ausgebildet. Klarich hielt es für grundlos, an ihrem Können zu zweifeln, ebenso das wirken mit den Klingen, die ebenfalls aus den Feuern westlicher Schmieden entstammten. Dort wo man diese Art Schneide fertigte, gab man diesen den Namen Scimitar und beides waren hierzulande nahezu unbezahlbare Gegenstände.
»Alric was hat dieser Auftritt zu bedeuten?« Er schob seinen Kopf ganz nah an den seinen, während er die losen Zügel straff heranzog. »Du und die Schattenjäger?«
Angesprochener sah sich um und nestelte mit seiner in braunen Handschuhen steckenden Fingern der rechten, zügellosen Hand. Er verteilte sprachlose Befehle, die seine Begleiter ebenso kommentarlos befolgten. Er selbst saß ab, klatschte auf die Flanke seines Pferdes, welches sogleich außerhalb der Sichtweite des Hofs trabte, um mit den Schatten der Bäume zu verschmelzen. Er schien gehetzt und musste den gesamten Weg über angespannt geritten sein. »Sie müssen weg, sofort. Ist der Proviant noch so, wie wir es besprochen haben?«
Nacheinander wechselte sein Augenmerk von Klarich zu Alna und hinüber zu den dastehenden Jungs. Ihre Blicke straften ihn mit Verständnislosigkeit, war er doch ein einfacher Händler und kein Waffenmann.
»Pa'? Ma'? Was ist los und wieso trägt Onkel Alric Waffen?«
»Sch. Nicht jetzt Kay«, schalt sein Vater und hob seine Linke. »Verdammt Alric, sprich endlich.«
Angesprochener mahnte sich zu Ruhe und atmete bewusst ruhig und gleichmäßig. Der Ritt und die begleitende Furcht und das was bevorstand, nahm ihn mit. »Bestlin weiß von dem Mal. Er will ihn, noch heute Nacht. Seine Soldaten werden ihn holen kommen.« Er griff seinem Vetter an die Schulter und sein Blick suchte den seinen. »Bitte Klarich, uns bleibt nicht viel Zeit.«
Alna trat zurück zu ihren Jungs und umklammerte sie schützend. »Was hat das alles zu bedeuten? Klarich, Alric, was geht hier vor?«
Es war Alric, der sich zuerst bewegte. Er kam Näher und kniete sich vor Veyed und Kayden. Einen jeden beschenkte er mit einem Lächeln und fasste beiden an den Oberarmen. »Erinnert ihr euch an den Weg hinab zu den Sandsteingruben und hinüber zum Rabengehölz?«
Kayes Augen hoben sich und ein unbestimmter Glanz stahl sich auf dessen Züge. »Du meinst den alten Wasserlauf. Der, der uns unter die Wurzeln des großen Baumes führt?« Sein Onkel nickte zustimmend.
»Ihr habt auch nicht vergessen, wie man geräuschlos läuft und sich in den Schatten bewegt?«
»Nein, haben wir nicht.«
Alrics rechte Hand ruhte auf Veyeds Kopf und glitt in dessen Nacken. Sein linker Mundwinkel zuckte und sein Adamsapfel hüpfte einmal auf und ab, als er begann zu sprechen. »Du bist der Ältere und musst auf deinen Bruder aufpassen, versprich mir das.«
Eisige Wehen krochen ihren Hals entlang und zogen sich hinab bis zum Steiß. Härchen richteten sich auf ihren Armen und ein bitterer Geschmack entstand unter ihren Zungen.
»Die Soldaten des Lords werden nach euch suchen und sollten sie euch finden«, er stockte und senkte den Kopf. »Wisset. Ihr habt nichts Unrechtes getan. Ihr lebt in einer unrechten Zeit. Lauft, flieht so lange wir sie aufhalten können.«
»Aber ...«
Es wurde beängstigend ruhig, kein Tier ging dem seinem nach und selbst der laue Wind hielt den Atem an, um das noch ferne Gebell von Hunden hören zu lassen. Der Ruf eines einsamen Kauzes rückte die beklemmende Zeit des bevorstehenden Abschieds wieder ins Lot.
Alric richtete auf. »Nichts aber. Flieht und blickt nicht zurück. Wenn nötig wagt den Schritt in den ›flüsternden Wald‹.« Eine einzelne Träne rann ihm aus dem linken Auge. Stockend atmete er tief ein, drückte beide Jungs an sich und schubste sie dann voran. Alna weinte, wusste sich nicht anders zu helfen und klammerte sich Halt suchend an seine Arme. Sie sah bittend wie fordernd zu ihm auf. »Ich hasse dich und deine verfluchten Geschichten.«
»Lauft verdammt!« Alric zog beide Klingen Blank und verschmolz mit den Schatten, die das große Lager auf dem Hof spendete.

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