Frühjahr 2003- Patricide

Ich bin tot. Nur die Rache kann mich wiederherstellen.

 

                                                                                                               - Terry Goodkind

 

Es war weit nach Mitternacht, als ein leichter, kühler Nieselregen in Saint Berkaine einsetzte und vom heftigen Herbstwind gegen die Fenster getrieben wurde. Zur Erleichterung der schlafenden Bevölkerung war der plötzliche Erguss der schweren, grauen Wolken lautlos und somit keine Bedrohung für weitere friedliche Stunden in ihren gemütlichen Betten.

Trotz der Stille, die über der Stadt lag, zuckte unter einer Bettdecke, in einer imposanten Villa, unkontrolliert die schmale Hand einer dunkelhaarigen jungen Frau.

Neutrale Beobachter würden diese kurzen Bewegungen für die Zeichen eines unruhigen Schlafes halten, doch die Wahrheit sah anders aus. Dumpfe Schmerzen, die die Frau seit vielen Stunden quälten, waren der Grund, warum sie keine Ruhe fand.

Besonders die Verletzungen ihres Brustkorbs, die sie den kräftigen Tritten ihres Vaters zu verdanken hatte, machten ihr zu schaffen. Bei jedem Atemzug schoss ein brennendes Stechen durch ihren Körper und ließ sie würgen. Dabei gab es in ihrem Magen nichts mehr, das herauskommen konnte, da sie sich heute Abend mehrere Male übergeben hatte. Dies hatte sie seit den ersten Schlägen ihres Vaters vor zehn Jahren nicht mehr getan, da die Routine der alltäglichen Misshandlungen sie abgehärtet hatte.

Doch der heutige Abend war der Gipfel seiner Grausamkeiten und würde ihr ewig im Gedächtnis bleiben. Begonnen hatte es wie immer: Ihr Vater rastete aus, einen Grund dafür brauchte er schon lange nicht mehr, und verprügelte sie. Hin und wieder machte er eine Pause, in der er einen Drink nach dem Anderen kippte und Ophelia beschimpfte. Währenddessen krümmte sie sich vor Schmerz und spuckte Blut.

Sie riss sich zusammen und hoffte, dass er bald fertig war und von ihr abließ. So war es schließlich die letzten Jahre gewesen. Nathaniel Monroe sah seine Tochter jedoch anders an, als sonst. Wie besessen ließ er seine stechend blauen Augen über ihren Körper wandern. Sie trug nur ein schwarzes Neglige und ein Spitzenhöschen. In seinem Blick entdeckte sie etwas Bedrohliches; etwas Abstoßendes, das sie das Fürchten lehrte.

Als er sich aus seinem Sessel erhob, robbte sie nach hinten, um sich zu retten, aber sie hatte keine Chance, wie üblich. Kurzerhand hob ihr Vater sie hoch und warf sie auf die große Ledercouch. Ophelia schrie wie am Spieß.

„HALTS´ MAUL, MISTSTÜCK!“, brüllte er, bevor er sich neben sie setzte und zu ihrem Entsetzen damit begann, sie zu begrabschen. Zuerst ihre festen Brüste, dann ihren Hintern. Stocksteif lag sie da und rührte sich keinen Zentimeter.

„Du bist schöner, als es gut für dich ist.“ Seine raue Stimme war nicht mehr, als ein gefährliches Flüstern. „Denn Männer lieben junge, hübsche Mädchen, besonders, wenn sie sich aufreizend kleiden. Dann kennen sie keinen Anstand mehr und verlieren jegliche Kontrolle.“ Eine Hand ihres Vaters glitt ihr linkes Bein hinauf. Ophelia erschauderte.

„Seit Jahren bringst du reihenweise Männer um den Verstand, indem du halbnackt herumläufst und mit ihnen fickst.“ Er zeigte ihr ein teuflisches Grinsen.

„So, wie du rumhurst, musst du mittlerweile richtig gut sein, oder?“, fragte er ungeniert und leckte sich gierig die Lippen. Seine Tochter war nicht im Stande ihm zu antworten. Zu sehr war sie damit beschäftigt ihren grenzenlosen Ekel zu unterdrücken.

„Ich denke es ist nur gerecht, wenn ich mich selbst davon überzeuge, meinst du nicht?“ Ehe Ophelia reagieren konnte, schob er brutal ihre Beine auseinander und drängte seine Hüften zwischen ihre Schenkel.

Ihr entfleuchte ein schockiertes „Nein“, aber ihr Vater hörte nicht auf ihren Protest. Stattdessen öffnete er seine Hose, bevor er sie grob küsste. Die Brünette spürte seine widerliche Zunge, die nach Einlass verlangte. Ihr wurde speiübel.  

„Was stellst du dich so an, huh?“, raunte er ihr zornig ins Ohr und zog kräftig an ihren langen Haaren. Die junge Frau jaulte qualvoll und schlug nach ihm, was sie bisher nie gewagt hatte, doch Nathaniel Monroe hatte nur ein müdes Lächeln für seine Tochter übrig. Gewaltsam umfasste er ihre Handgelenke und unterbrach ihre Versuche sich zu wehren.

„Du hast nicht die Macht mich zu stoppen, du kleines Flittchen. Ich habe das Sagen. Ich bestimme über dein Leben und du gibst mir, was ich will!“ Erneut presste er seine rauen Lippen auf ihre, während er mit seiner rechten Hand grob zwischen ihre Beine fasste.

„Wir werden schon unseren Spaß haben.“ Er blickte fanatisch auf sie herab, während Tränen über ihre schneeweißen Wangen liefen. Ophelia schloss ihre Augen und machte sich bereit dem abscheulichsten und schrecklichsten Augenblick ihres Lebens entgegenzutreten. Ihr eigener Vater würde sie vergewaltigen.

Ihr Gedankengang brach ab, als er lustvoll über ihre Lippen, ihren Hals und ihr Brustbein leckte. Sie zitterte am ganzen Körper.

„Du siehst aus wie deine Mutter. Du bist genauso atemberaubend schön, wie sie“, wisperte er und durchbohrte sie mit seinen blauen Augen. Doch dann, ganz plötzlich, umschloss er brutal ihre Kehle und kam ihrem Gesicht ganz nahe.

„Und ich hasse dich, genau wie sie.“

Ophelia spürte seinen heißen, widerwärtigen Atem auf ihrer Haut und seine Erektion an ihrem linken Oberschenkel. Ihr Vater grinste triumphal, bevor er ihr gnadenlos seine Zunge in den Hals rammte. In diesem Moment wünschte sie sich zu sterben, denn sie war lieber tot, als weiterhin den Qualen ihres Vaters ausgesetzt zu sein.

„Ich werde dich zerstören. Ich werde dich vernichten. Ich…“

Auf einmal durchbrach ein hohes Schrillen die Stille und ließ Nathaniel Monroe aufschrecken.

„Verdammte Scheiße“, knurrte er aggressiv und ging von ihr herunter. Für seine Tochter war dies die Erlösung. Sein klingelndes Handy hatte sie im letzten Moment gerettet…

Als die grausamen Erinnerungen an diesen Abend in ihr hoch krochen, zitterten ihre vollen, zartrosanen Lippen vor Zorn und Hass. In den vergangenen Jahren hatte sie bereits Einiges durchgemacht, aber der heutige Tag hatte ihr gezeigt, dass es stetig schlimmer wurde und ihr geisteskranker Vater keine Grenzen kannte.

Wann wird er mich wieder schlagen? Wie lange wartet er, bis er ein weiteres Mal versucht mich zu ficken? Ophelias Körper fing an, wie verrückt zu beben. Er wird niemals aufhören. Er wird mich weiter quälen und irgendwann, da bin ich mir sicher, wird er mich töten, aber das lasse ich nicht zu. Ich breche aus meinem Leben aus und mache meinem Leid ein Ende. Es ist endlich an der Zeit meinen Vater, der mir alles genommen hat, in die Hölle zu schicken.

Wie ein Blitz schoss der Entschluss, ihn zu töten, durch sie hindurch und verlieh ihr unvorstellbare Kraft. Ruckartig setzte sie sich auf und nahm ihre Schlafbrille aus Satin ab. Ihre blau-grünen Augen wanderten automatisch zum großen Fenster, wo sie gedankenverloren den Regentropfen dabei zusah, wie sie sich zu kleinen Rinnsalen zusammenschlossen und das Glas entlang flossen. Ophelia machte zwei tiefe Atemzüge, bevor sie ihre Beine über die Bettkante schwang, aufstand und ihr geräumiges Zimmer verließ, in dem sich die Dunkelheit mittlerweile ausgebreitet hatte und das Mobiliar zu verschlucken schien.

Sie trat in den langen Flur und schlich Richtung Treppe, die ins Erdgeschoss führte. Im gesamten Haus herrschte eine bedrückende, unheimliche Stille, die ihr zusätzlich klar machte, wie sehr sie hier in ihrer Kindheit und Jugend gelitten hatte.

Das ist jetzt endgültig vorbei. Ich werde ihm all meinen Schmerz zurückzahlen und genüsslich dabei zusehen, wie er elendig verreckt.

Die Brünette lächelte und klatschte voller Vorfreude leise in die Hände, ehe sie leichtfüßig die letzten Stufen überwand. Unten angekommen schlug sie den direkten Weg zur Küche ein, denn dort fand sie das Mittel, was sie für ihre Rache unbedingt benötigte.

Das kalte, weiße Mondlicht fiel durch die riesige Fensterfront und verwandelte die Küche in eine mysteriöse Geisterwelt. Ophelia steuerte die Küchenzeile an, zog eine der unzähligen Schubladen auf und nahm ein 20 cm langes Messer aus Carbonstahl heraus. Die scharfe Klinge blitzte unheilvoll im Licht, als wisse sie, welche Aufgabe sie in wenigen Minuten übernehmen würde.

Sie verlor keine Zeit und eilte lautlos wieder nach oben, doch kurz vor ihrem Ziel, dem Schlafzimmer ihres Vaters, machte sie Halt. Die junge Frau starrte hypnotisch auf das edle Holz der Tür, die die letzte Barriere zwischen ihr und ihrem Vater darstellte. Wenn sie diese Tür öffnete, dann gab es kein Zurück mehr. Obwohl sie sich ihrer Entscheidung, ihn umzubringen, absolut sicher war, stoppte sie irgendetwas. Es waren jedoch weder Mitleid, Skrupel, noch Zweifel, aber was war es dann?

Lass dich nicht irritieren. Tu, was du tun musst. Dieser Bastard hat den Tod verdient, also lass ihn leiden. Lass ihn die Qualen spüren, die du jahrelang ertragen musstest!!!

Ihre innere Stimme hatte recht. Sie würde sich nicht aufhalten lassen. Nichts und niemand konnte sie am Mord an ihrem Vater hindern. Mit festem Griff umklammerte sie das Messer, als hinge ihr Leben davon ab. Anschließend drehte sie den Türknauf und lugte vorsichtig ins Zimmer.

Es war stockfinster und totenstill. Im ersten Moment hätte man glauben können, dass niemand anwesend sei, aber dann waren flache Atemzüge zu hören.

„Das werden deine Letzten auf Erden sein, alter Mann“, wisperte Ophelia hasserfüllt, bevor sie das Zimmer betrat und sich wie in Zeitlupe seinem Bett näherte. Wie sehr hatte sie als Kind diesen Raum gefürchtet? Wie oft hatte sie eine Gänsehaut gehabt, nur, weil sie an der Tür vorübergegangen war? Sie schlich weiter und roch das herbe Aftershave, das er benutzte und sah die Umrisse einer seiner maßgeschneiderten Designeranzüge, die er täglich trug und mit denen er Härte und Selbstvertrauen ausstrahlte. Wie sie all das hasste!

Eine unfassbare Wut nahm sie gefangen, die ihre Beine und Knie heftig zum Schlottern brachte. Als sie endlich vor seinem Bett stand, sah sie in sein markantes Gesicht, was zu ihr gewandt war und für sie wie ein schwarzes Nichts wirkte; ein Nichts, das sie verschlang, in einen tiefen Abgrund zog und ins Verderben stürzte.

Plötzlich bewegte sich ihr Vater. Vor Schreck blieb sie regungslos stehen und hielt den Atem an. Angespannt beobachtete sie, wie er sich auf den Rücken drehte und ruhig weiterschlief.

Erleichtert löste Ophelia ihre Starre und wagte es, wieder zu atmen. Sie ließ sich ein paar Sekunden Zeit, um sich zu konzentrieren und die vollkommene Kontrolle über ihre Gefühle zu erlangen. Es ist soweit. Heute ist dein Ende. Heute befreie ich mich aus deiner Gefangenschaft. Heute wird alles anders.

Ihr Griff um das Messer wurde stahlhart, ehe sie ihren rechten Arm hob und die tödliche Waffe, ohne zu zögern, auf ihn herunterschnellen ließ. Der erste Stich traf ihn in den Brustkorb, nahe seinem Herzen. Es erklang ein merkwürdiges, quietschendes Geräusch, das sich in ihr Gedächtnis einbrannte.

Kaum hatte die Klinge seine Brust durchstoßen, da riss ihr Vater schlagartig seine Augen auf und stierte sie an. Im ersten Moment war sein Blick eine Mischung aus Unglaube, Angst und Fassungslosigkeit, doch diese Verwirrung verwandte sich blitzschnell in puren Hass.

„Was…“, fing er an, aber Ophelia gab ihm nicht die Möglichkeit seine Frage zu beenden. Sie ließ ihrem Zorn freien Lauf und stach mit voller Kraft zu. Sieben. Acht. Neun.

Bei jeder Wunde, die sie ihm zufügte, spritzte Blut aus ihm heraus und befleckte sie. Als ihr der metallene Geruch in die Nase strömte und sie die Bluttropfen, die auf ihren Lippen landeten, ableckte, verfiel sie einem mächtigen Rausch. Wie im Wahn stach sie auf ihn ein und sah grinsend dabei zu, wie er lautstark eine Menge Blut hustete, das sie wie Nebel einhüllte.

Die Brünette spürte keine Schwäche, keine Anstrengung, nichts. In ihr herrschte eine unglaubliche Leere, die sie begleitete und an ihr haftete, wie ihr Schatten. Dass ihr Vater nach dem zwölften Messerstich bereits tot war, realisierte sie gar nicht. Ihre Zufriedenheit über seine Qualen überschattete einfach alles.

Was für ein Rausch! Die Befriedigung einen Menschen zu töten, die Angst in seinen Augen und die eigene Macht waren stärker, als jeder Drogentrip, den sie bisher erlebt hatte.

Sie war süchtig. Sie wollte dieses unvergleichbare Gefühl nie wieder aufgeben, es sollte für immer in ihr existieren, sie berauschen und niemals verlassen.

Ophelia wollte es in ihrem Inneren einschließen, aber es begann bereits ihren Fingern zu entgleiten. Es sank rapide und floss aus ihrem Körper.

Nein!, dachte sie geschockt, unfähig einen Weg zu finden, es wieder einzufangen. Dann hatte sie einen Geistesblitz. Wieso das Gefühl verzweifelt festhalten, wenn es die Möglichkeit gab, es erneut hervorzurufen und zwar nicht nur einmal, sondern unzählige male? Ein gerissenes Grinsen befiel ihre Lippen, als sie über ihre nächsten Schritte nachdachte.

Ihre Zukunft würde einfach fabelhaft werden…

 

 

 

 

 

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