Frau Baier wohnt im dritten Stock, in einem Achtfamilienhaus. Die Wohnanlage ist gepflegt, sie wohnt seit mehr als vierzig Jahren in der gleichen Wohnung. Sie ist alt geworden mit dem Haus. Früher lebten ihre Kinder bei ihr und ihr Mann. Die Kinder sind inzwischen in alle Winde verstreut und ihr Mann seit drei Jahren tot. Eigentlich wartet sie sehnsüchtig auf den Tag, an dem sie ihn endlich wiedersieht. Aber der liebe Gott hat sie anscheinend vergessen. So sitzt sie da und wartet stattdessen auf den netten Krankenpfleger Marco, der morgens kommt, um ihr ihre Stützstrümpfe anzuziehen. Das ist ihr Highlight des Tages. Sie bereitet schon alles akribisch vor, damit Marco nicht allzu viel Zeit verschwenden muss. Er hat ihr erklärt, dass er sehr gern mal etwas länger bei ihr bleiben würde, aber die Zeitvorgaben des Pflegedienstes sind streng. Für Frau Baier sind grad mal fünf Minuten eingeplant. In dieser Zeit muss er, außer ihr die Strümpfe anziehen, auch noch die Eintragungen im Kardex machen. Das ist eine Mappe in der alles steht, was für die Pflegestation relevant ist. Marco trägt ein, wann er da war und wie lange. Er trägt auch ein, wie es Frau Baier geht und einmal im Monat wird der Blutdruck gemessen. Nur 5 Minuten ist er da. Fünf Minuten, auf die Frau Baier sich den ganzen Tag freut.

Ansonsten hat sie wenig Abwechslung. Ein Nachbar kauft ein. Ein Brief von den Kindern, so einmal im Monat. Die Fensterbank, von der aus sie die Straße beobachtet. Wenn sie sieht, dass die Kinder im Hof sich streiten, ruft sie ihnen zu, sie sollen sich vertragen. Die Kinder schauen hoch, lachen und streiten sich weiter. Im Haus wohnen nicht mehr viele Menschen die Frau Baier kennt. Viele Nachbarn sind ihr unbekannt. Manchmal hört sie die Leute streiten, Kinder weinen oder laute Musik. Sie kümmert sich nicht darum. Seit drei Monaten wohnen jetzt neue Mieter unter ihr. Der Mann sieht sehr ordentlich und respekteinflößend aus. Seine Frau ist schmächtig und unscheinbar. Das Kind, ein Mädchen, ist höchstens 5 Jahre alt und wohlerzogen. Das sind Nachbarn wie sie Frau Baier gefallen.

Neuerdings hört sie jedoch das kleine Mädchen oft weinen. Der Mann ist an manchen Tagen sehr laut. Es geht sie nichts an. Sie sagt nichts. Sie sieht aus dem Fenster und sieht die Frau. Die trägt eine Sonnenbrille. Die Sonne scheint nicht. Das Kind hat einen Verband um den Arm. Kinder brechen sich schon mal was. Im Haus wird viel geredet. Keiner handelt. Privatsache. Frau Baier ist still. Sie will keinen Ärger.
Nachts fängt es wieder an. Ein Mann schreit, eine Frau schreit und ein Kind weint.
Frau Baier nimmt ihr Telefon. Ihre Hände zittern. Sie wählt die Nummer:110


Kommentare

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    Es hat mich sehr betroffen gemacht, wie trist das Leben der alten Dame aussieht, zumal dieses Schicksal sich so tausendfach überall ereignet... toll geschrieben!

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Feenstaub

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