Frechheiten

Wie von einer Tarantel gestochen zuckte Lucius Malfoy zurück und entließ Hermine aus dem unangenehmen Gefängnis zwischen seinen Armen und dem Tisch.

„Severus, ich habe dich gar nicht hereinkommen hören“, sagt Malfoy, sichtlich damit kämpfend, einen normalen Tonfall anzuschlagen. Die Augen von Snape ruhten noch für einen Augenblick auf der jungen Hexe, die mit gesenktem Blick und zitternden Händen neben dem Tisch stand, dann wandte er seine Aufmerksamkeit dem Todesser-Kollegen zu.

„Twinkle hat mich hereingelassen, und als niemand erschien, um mich zu empfangen, war ich so frei, ungefragt zu dir zu stoßen“, erklärte er, runzelte dann jedoch die Stirn und fügte hinzu: „Frühstückst du neuerdings alleine mit deiner Sklavin?“

„Nein“, erwiderte Malfoy und, während er mit einer Handgeste seinem Gast einen Platz am Tisch anbot, setzte zur Erklärung an: „Es gab einen kleinen Streit heute Morgen … du weißt ja, wie ich bin … unnötiger Stress in der Früh ist mir ein Greul, also habe ich Narzissa und Draco rausgeschickt.“

Mit einem dankbaren Nicken ließ Severus Snape sich in einen der dunklen Stühle sinken. Sofort eilte Hermine zu ihm, um ein weiteres Besteck sowie Teller und Tasse bereit zu stellen. Während sie mit geübten Bewegungen Messer, Gabel und verschiedene Löffel in korrekter Reihenfolge zurechtlegte, konnte sie erneut Snapes forschenden Blick auf sich spüren. Sie fühlte, wie ihr Gesicht rot wurde, so nackt kam sie sich unter diesem Starren vor, doch sie ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und trat so schnell als möglich wieder an ihren gewohnten Platz neben dem Hausherrn.

„Und, was hat sie angestellt?“, fragte Snape, während er gezielt ein Brötchen aus der Mitte des reich gedeckten Tisches angelte.

„Bitte?“

„Als ich eintrat schien es mir, als würdest du Granger gerade eine Standpauke halten. Oder habe ich mich geirrt …?“, führte er seine Frage aus, wobei er den zweiten Teil durch ein Hochziehen seiner Augenbraue absichtlich offen und suggerierend ausklingen ließ. Ein nervöses Lachen entfuhr Malfoy, doch seine Antwort war ruhig: „Herrje, nein. Was du nur sofort denkst. Sie hat mich mit ihren frechen Worten gereizt – und eine Sklavin sollte nicht frech zu ihrem Herrn sein!“

„Frech, ja?“, meinte Snape. Zum wiederholten Male ruhte sein Blick nachdenklich auf Hermine. Als sei er sich dessen plötzlich bewusst geworden, wandte er sich einen Augenblick später ab und musterte die Inneneinrichtung des großen Speisesaals. Der Tisch aus dunklem Holz erstreckte sich langgezogen durch den ganzen Raum und er wusste aus eigener Erfahrung, dass bequem dreißig Menschen daran Platz nehmen konnten. Jetzt waren nur der Platz am Kopf der Tafel und jener zur Linken des Hausherrn besetzt, wobei zu seiner Rechten an zwei Plätzen ebenfalls Frühstücksgeschirr stand. Entgegen vieler seiner Kollegen ließ Lucius Malfoy den Tisch morgens immer vollständig mit allem, was zu einem großzügigen Frühstück dazugehörte, decken. Andere Zauberer äußerten einfach ihre Wünsche gegenüber den Hauselfen und diese zauberten sie eilig aus der Küche herbei. Nicht so im Hause Malfoy: Snape wusste, dass sein alter Kollege die Anwesenheit von Hauselfen während des Essens als störend empfand und seinen Appetit durch den Anblick all der prächtig zubereiteten Speisen noch verstärkt wurde. Und so war der große Tisch beladen mit allerlei Leckereien, stets in Griffreichweite für die Anwesenden.

Umso erstaunlicher, dass nun die menschliche Sklavin anwesend sein durfte. Offenbar hatte sie keine andere Aufgabe, als den Kaffee oder verschiedene Säfte nachzufüllen, wann immer es einer der Herrschaften verlangte – eine Aufgabe, die früher Narzissa Malfoy sehr zu ihrem eigenen Unmut zugekommen war. Sie hatte stets damit zu kämpfen gehabt, in diesem Punkt als Dienerin für ihren Ehemann herhalten zu müssen.

Der Raum selbst war in einem perfekten Rechteck geschnitten und bis etwa zur Hälfte der Wandhöhe mit dunklem Holz vertäfelt. Darüber erstreckte sich über noch einmal etwa zwei Meter eine blütenweiße Wand, die schließlich in mehreren, ebenfalls perfekten Kreuzgewölben endete. Von jedem der insgesamt drei Kreuzgewölbe hing ein großer, silberner Kronleuchter hinab, ein jeder von ihnen versehen mit exakt zwanzig magischen Kerzen, die stets zu brennen anfingen, sobald ein Mitglied des Hauses oder ein Gast den Raum betrat.

Die hohen Fenster, die sich die komplette Seite entlang zogen, waren mit weißen, schweren Vorhängen im Farbton der Decke versehen. Der Raum lag Richtung Osten, sodass die aufgehende Sonne ihn morgens ihn ein warmes Licht tauchte, im Laufe des Tages aber nicht zu stark aufheizen konnte.

In all dieser zurückhaltenden Pracht und Eleganz wirkte die Idee, Lucius Malfoy könne eine freche Sklavin am Frühstückstisch dulden, bizarr auf Snape. Er kannte den Hausherrn nur zu gut und wusste, dass es ein Leichtes für ihn wäre, einen Sklaven so abzurichten, dass dieser ihm wie ein Hauself gehorchen würde. Selbst ein renitentes Wesen wie Hermine Granger.

Sein Blick kehrte zum Ausgangspunkt seiner Reise zurück: zu der jungen Frau, die mit gesenktem Blick neben dem Stuhl ihres Herrn stand.

„Wie kommt es, dass sie sich noch immer traut, frech zu sein?“, formulierte Snape die Frage, die sich bei seinen Betrachtungen des Raums wie von selbst gebildet hatte, „Ich hätte angenommen, unter deiner Herrschaft ist ihr dieser Charakterzug schnell ausgetrieben.“

Malfoy, der sich ob seines verstummten Gastes wieder dem Tagespropheten gewidmet hatte, ließ nun die Zeitung erneut sinken und wandte sich ihm zu: „Das sollte man meinen, oder? Ich fürchte, das liegt an ihrem Gryffindor-Stolz. Die meiste Zeit ist sie artig wie ein Hauself, aber dann und wann blitzt ihr alter Charakter durch … eine anstrengende Sklavin habe ich mir da ausgesucht. Aber immerhin ist sie wertvoll!“

Snape bemerkte sofort, dass seine Frage nicht beantwortet worden war und das machte ihn nur noch misstrauischer. Etwas passte nicht ins Bild, doch er konnte nicht recht den Finger drauf legen. Achselzuckend widmete er seine Aufmerksamkeit wieder seinem zweiten Frühstück und schielte nur ab und an zu Hermine rüber.

oOoOoOo

„Du putzt die Küche?“

Erschrocken wirbelte Hermine herum. Sie war gerade dabei gewesen, den Boden unterhalb gewaltigen, magischen Ofens zu säubern, als hinter ihr eine Stimme erklang. Verunsichert schaute sie, noch immer auf den Knien sitzend, zu dem unerwarteten Eindringling hinauf. Dieser blickte nur ebenso wortlos auf die junge Sklavin hinab, ehe er einige Schritte weiter in die Küche hinein trat und sich auf einen Schemel an dem großen Zubereitungstisch fallen ließ.

Was wollte Snape hier? Wieso war sie schon wieder alleine mit ihm? Und wieso starrte er sie schon wieder stumm an?

„Kann …“, fing Hermine an, doch ihre Stimme brach und sie musste sich räuspern, ehe sie ihre Frage stellen konnte: „Kann ich … Euch helfen, Sir?“

Immer noch blieb der unwillkommene Gast stumm und schaute nur von seinem Platz aus über den Tisch auf die am Boden sitzende Hermine herab. Die Küche war groß, alleine der Tisch maß sicherlich fünf Meter in der Länge und zwei in der Breite. Und doch schien es ihr plötzlich, als sein der Raum zu eng geworden, als würde sie von der Präsenz ihres ehemaligen Tränkelehrers erstickt. Nervös räusperte sie sich erneut.

„Ich … ich muss hier sauber machen, also, wenn Ihr nichts braucht …“

„Nur zu, ich brauche nichts, fahre fort, worin ich dich unterbrochen habe.“

Hermine konnte sich nicht vorstellen, dass irgendeine andere Antwort von Snape sie mehr hätte verunsichern können als dieser ruhige, gleichgültige Tonfall. Kurz schaute sie ihn noch an, dann drehte sie sich wieder um, griff nach dem Lappen und reckte sich, um die Stelle tief unter dem Ofen zu finden, an der sie zuletzt geputzt hatte.

Es gefiel ihr nicht, dass Snape hinter ihr saß, dass sie ihm den Rücken zudrehen musste, während sie beinah liegend unter dem Ofen hing. Sie konnte seine Augen auf ihrem Rücken spüren, doch der Mann selbst gab kein Geräusch von sich. Verärgert rief Hermine sich zur Ordnung. Sollte er doch starren. Ihr Rock war kurz, vermutlich konnte er ihre nackten Oberschenkel bewundern, aber mehr nicht. Er würde es nicht wagen, die Regeln des Hausherrn zu brechen und sie anzufassen. Was auch immer in seinem kranken Kopf vor sich ging, sie würde ihm nicht die Freude machen und Angst zeigen.

„Warum putzt du hier und nicht die Hauselfen mit ihrer Magie?“, erklang die tiefe Stimme plötzlich dicht hinter ihr. Entsetzt ließ Hermine den Lappen los und richtete sich auf. Snape hockte neben ihr und schaute sie mit seinem nichtssagenden Blick an.

„Was … keine Ahnung“, brachte sie heraus, „ich schätze, den Malfoys ist noch nichts Besseres eingefallen, wie sie mich demütigen können. Sie sind allesamt nicht sonderlich helle, habe ich den Eindruck!“

Nach einem kurzen Augenblick des Schweigens konnte sich Hermine nicht verkneifen noch hinzuzufügen: „Wie überhaupt alle Todesser nicht sonderlich helle sind.“

Provozierende reckte sie das Kinn vor und schaute dem Todesser vor sich direkt in die Augen. Doch statt Wut oder Verachtung entdeckte sie dort nur … nichts. Ausdrucksloses Starren, mit großer Intensität auf sie gerichtet, aber unmöglich, es zu interpretieren. Sie starrte zurück, doch sie spürte, dass sie die erste sein würde, die den Blickkontakt unterbrechen würde. Röte kroch ihr über den Hals ins Gesicht und wieder ärgerte sie sich, dass sie sich überhaupt auf Gespräche oder Blickduelle mit diesem Mann, mit diesem Mörder einließ.

Als hätte der Starrwettbewerb nie stattgefunden richtete sie sich schließlich auf, erhob sich und schlenderte zu der Wand mit den kupfernen und gusseisernen Töpfen. Das Wasser in dem großen Holzkessel war noch heiß, Schaum schwamm auf der Oberfläche und wartete nur darauf, schmutziges Geschirr, Töpfe, Pfannen und Besteck zu verschlingen. Gemächlich, um einen ruhigen äußeren Eindruck bemüht, ließ Hermine das Frühstücksgeschirr und die Zubereitungsgefäße langsam im heißen Wasser versinken. Betont gleichgültig griff sie nach dem Schwamm – und stellte fest, dass dieser nicht dort lag, wo er sein sollte.

„Du wäschst tatsächlich per Hand ab?“, fragte Snape gelangweilt, während er eben jenen Schwamm in seiner Hand musterte.

„Ja“, fauchte Hermine, „wenn man mich lässt! Gebt mir den Schwamm zurück … Sir!“

Sie bemerkte, wie Snape für den Bruchteil einer Sekunde zur Seite schaute, ehe er mit einem großen Schritt auf sie zuging. Ehe sie reagieren konnte, tunkte Snape den Schwamm tief in das Abwaschwasser ein, ließ ihn sich vollsaugen – und drückte ihn dann über ihr aus. Das Wasser wurde sofort kalt und rann ihr die Haare, das Gesicht bis auf ihr Kleid hinunter. Hermine spürte, wie ihre Brustwarzen sich unter der Kälte aufstellten, und wollte ihre Arme vor der Brust verschränken. Doch Snape hinderte sie daran. Er packte beide Handgelenke und hielt sie hinter ihrem Becken zusammen.

„Du solltest vorsichtig sein, Granger“, flüsterte er ihr zu, „Frechheiten stehen einer Sklavin nicht gut zu Gesicht. Und wer weiß, welcher von diesen nicht so hellen Todessern nicht eines Tages auf die Idee kommt, Lucius das Geld zu zahlen, damit er dann mit dir machen kann, was er will? Meinst du, da ist es gut, vorher so frech zu allen gewesen zu sein?“

Das Flüstern war ebenso emotionslos wie sein Starren, doch Hermine lief es kalt den Rücken runter. Sein Gesicht näherte sich ihrem Hals bis sie erst seinen heißen Atem, dann seine Zähne an ihrer Schlagader spürte. Entsetzt riss Hermine die Augen auf. Snape stank nicht wie Fenrir Greyback, er war gewaschen und gepflegt – und dennoch verursachte diese körperliche Nähe in ihr eine größere Übelkeit als es der Werwolf vermocht hatte. Sie konnte spüren, wie der ältere Mann seine Zähne leicht in ihrem empfindlichen Fleisch versenkte, konnte spüren, wie er sie näher zu sich zog. Doch ihr Verstand wollte es nicht begreifen. Sie hatte das Gefühl, neben sich zu stehen, als sei das, was ihrem Körper geschah, nicht verbunden mit ihr. Es kam ihr vor, als starre sie von außen auf den schwarzgewandten Mann hinab, den Mörder Dumbledores, den Verräter, der Ginnys versklavt hatte – und der sich jetzt an ihrem Körper erfreute, als gehöre er ihm, als wäre sie tatsächlich nichts mehr als dieser Körper, zur freien Verfügung für jede, der ihn nutzen wollte.

Ein plötzlicher Schmerz riss Hermine aus ihrem tranceähnlichen Zustand – Snape hatte tatsächlich zugebissen. Angeekelt wand sie sich unter seinem festen Griff, doch der Zauberer machte keine Anstalten, sie weiter fest zu halten. Er richtete sich auf, leckte sich über die Lippen und ging mit einem letzten, undurchdringlichen Blick von dannen.

Und erst jetzt, als Hermine ihm verängstigt und wütend nachschaute, fiel ihr auf, dass eine weitere Gestalt am Eingang der Küche stand.

Draco Malfoy.

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