Friedhöfe, Freunde, Flöten

Warum beginnen traurige Geschichten immer mit einem wolkenverhangenen Himmel, schwarzen unheilvollen Wolken und einem Regenschauer? Weiß das Universum oder der scheinbar allmächtige Kaiser, dass jemand gestorben ist, dass man etwas verloren hat oder verlassen wurde? Irgendjemand wusste es und schickte auch Killian am Grab seiner Großeltern erneut dieses Wetter. Eingewickelt in einen weißen bodenlangen Mantel ließ er zwei weiße Lilie auf die letzte Ruhestätte der beiden wichtigsten Menschen in seinem Leben fallen. Wie jedes Jahr.

Er war mittlerweile 22 Jahre alt und stand schon lange auf eigenen Beinen. Auf sehr langen und teilweise muskulösen Beinen sogar. Aus dem Jungen der einem Märchen lauschte war ein Mann geworden. Stattlich, aufmerksam und mit dunkelbraunen langen Haaren die ihm bis zum Hintern den Rücken hinab fielen. Viele Mädchen der Kleinstadt beneideten ihn um diese Haarpracht, holten sich Tipps für die neuesten Flechtfrisuren oder Pflegehinweise. In Aspura, seiner Heimatstadt war er eine kleine Berühmtheit und das nicht nur aus positiven Gründen. Viele hielten ihn für einen Spinner und munkelten, er wäre genauso ein Tagträumer wie es sein Großvater gewesen war. Aus dem Märchen der Wünsche, war sein Alltag geworden, gewissermaßen. 

Killian war in Gedanken versunken als er eine leise Melodie vernahm, welche über den kleinen Friedhof waberte. Von der Straße aus konnte man fast nichts von dem Gelände einsehen, eine hohe Hecke und alte große Bäume gaben den hier ruhenden Seelen und ihren Besuchern die nötige Privatsphäre. Lediglich die kleinen runden Steine zeigten an, wer wo seinen Platz gefunden hatte. Der Rest war von Blumen, Büschen und Gras überwuchert. Killian musste sich nicht umdrehen um zu wissen, wer ihn störte. Dafür kannten sie sich schon zu lange und er wusste ebenso gut was von ihm erwartet wurde. Die Hände zu Fäusten geballt und leise schnaubend wandte er sich von dem Grab ab und lies den Blick schweifen. Lauschend folgt er der Melodie die irgendwie von überall zu kommen schien. "Wie ich das hasse... ich bin keine Ratte... warum steige ich überhaupt darauf ein?" Sein Gemurmel war nur wenige Schritte weit zu hören gewesen, doch kurz verstummte der Klang der Querflöte und ein leises Lachen wurde mit dem Wind heran getragen. 

Mit wehenden Haaren und knatternden Mantel begann Killian zu rennen, die Melodie zu jagen und das obwohl er wusste, das er keine Chance hatte. Er konnte es spüren, ihn spüren... doch dafür war es zu spät. An der nächsten höheren Hecke, konnte er gerade noch einem langen Bein ausweichen, das ihn sicherlich zu Fall gebracht hätte. Mit einer Hechtrolle flog er ein Stück gerade aus, schlitterte einen Moment und sofort stand er wieder auf den Beinen. "Wenn mein Mantel auch nur einen Fleck hat Jaroth, dann mach ich dir einen Knoten in deine Querflöte. Hat man niemals seine Ruhe?"  Die Antwort war ein Lachen und ein triumphierender Tusch auf der Flöte.
An einen Baum gelehnt, ein Bein lässig an selbigen angewinkelt, stand sein  Freund. Jaroth war fast so groß wie Killian selbst, aber sah deutlich weniger männlich aus. Sein Körperbau glich einem Tänzer, sanft und sinnlich. Jedenfalls beschrieben die jungen Mädchen die ihn anhimmelten so und davon gab es reichlich. Seine Haare waren so blond, dass sie fast weiß waren und reichten ihm bis zur Mitte des Rückens, seine Augen waren dafür dunkelbraun, im richtigen Licht fast schwarz. "Ich habe dich wieder mal erwischt. Verrückt wie sehr du auf diese Melodie anspringst. Du wirst sofort wütend, ein gelungenes Experiment!" Jaroths tiefe Stimme war die Belustigung deutlich anzuhören und die aufgeplusterten Wangen und das Schmollen Killians, lies ihn erst recht laut lachen. "Nun schau nicht so, dafür koche ich heute Abend was meinst du?"

Auf dem Heimweg redeten sie kein Wort miteinander. Jaroth trug ein selbstgefälliges Grinsen zur Schau, Killian eine mürrische Miene. Er war in Gedanken und fragte sich wie so oft, warum er ihn eigentlich ertrug. Sein Freund war eingebildet, angeberisch und manchmal geradezu selbstsüchtig. Trotzdem konnte er sich nicht vorstellen wie es wäre wieder allein zu leben. Nach dem Tod seiner Großeltern vor 5 Jahren, hatte er das Haus umgebaut und zu seinem gemacht. Die Kochstelle und der Kamin waren natürlich geblieben, aber er hatte sich endlich ein eigenes Zimmer schaffen können. Den niedrigen Keller hatte er ausgeräumt und nutzte ihn nun fast vollständig zur Vorratshaltung.   Sein Großvater hatte dort noch Dinge gebastelt und gebaut, doch seine zwei linken Hände verboten ihm solcherlei Sachen von selbst. Alles in allem war er zufrieden. Nicht alle in Aspura hatten das Glück ein richtiges Haus zu besitzen, mit einem relativ festen Dach und einem Brunnen im Hinterhof.

Apropo Aspura, seine Heimat. Ein Dorf mit ungefähr 800 Seelen nicht weit von der Hauptstadt des Reichs entfernt, aber weit genug um nicht beachtet zu werden. Die Gegend war von Landwirtschaft und Handel geprägt, da eine wichtige Handelsstraße nur etwas mehr als eine halbe Wegstunden entfernt war. Reich gemacht hatte es sie trotzdem nicht. Wenige Straßen waren fest gepflastert, eine Mauer fehlte ganz. Abgerundet wurde das Bild von einem Gebetsplatz in der Mitte mit der klassischen Abbildung von Sonne und Mond und einer Versammlungshalle, in der an jedem fünften Tag der Woche der Dorfvogt die Bewohner zu tote langweilte. Alles in allem ein Ort wie jeder andere.  

Vor der Haustür angekommen öffnete Jaroth für sie und sofort stieg Killian ein unglaublicher Duft in die Nase. Schnuppernd sah er zu seinem weißhaarigen Freund. "Du hast schon gekocht!" Jaroth schmunzelt bei der Feststellung und entzündet einige der Kerzen an, die dann den Wohnraum erhellten. "Es ist ihr Todestag oder? Da koche ich immer dein Lieblingsessen... und nur dieses eine Mal im Jahr, weil ich es eklig finde. Also genieß es."  Killian lächelte seine blauen Augen leuchteten.                  

Kommentare

  • Author Portrait

    Ich bin ein absoluter Fan deines Schreibstils, es ist als ob man deiner Geschichte lauschen würde, anstatt sie zu lesen. ***** Sehr gelungenes Kapitel, auch wenn lange Haare bei Männern nicht wirklich mein Fall sind XD

beta
Feenstaub

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