Auf dem Frühstückstisch von Ferdinand Pfefferkorn hatte Dr. Chaos die Herrschaft übernommen. Im Marmeladentöpfchen mischten sich Butterreste mit dem süßen Brotaufstrich, im Gegensatz dazu befanden sich sichtbar rote Streifen der leckeren Kirschkonfitüre in der Butterschale. Das Buttermesser, dass Ferdinand Pfefferkorn beiseite gelegt hatte, tat das seine und verschmierte das Tischtuch. Die Eierschalen von Ferdinands Frühstückseiern waren wahllos über den Tisch verstreut und der Kaffeelöffel lag nicht, wie es sich eigentlich gehört auf dem Tellerrand der Untertasse, sondern er zeichnete langsam ein hellbraunes Muster ins Tischtuch. Bauer Pfefferkorn war es gewohnt den Kaffeelöffel nach dem umrühren seines natürlichen Herzschrittmachers, wie der Hausherr seine extrastarke Hallowach Brühe zu bezeichnen pflegte, ganz einfach neben die Kaffeetasse aufs Tischtuch zu legen. Auch auf der Schale mit dem Aufschnitt sah es teilweise aus, wie draußen auf seinem Acker, nämlich wie Kraut und Rüben.

Seit seine heißgeliebte Henriette von ihm gegangen war, ja leider nahm ihm der Herrgott vor achtzehn Monaten das was Ferdinand über alle Maßen heilig war – seine geliebte Ehefrau. Von Stund‘ an regierte im Hause Pfefferkorn nur noch Dr. Chaos. In Punkto Ordnung hatte nämlich Henriette das sagen.

Ferdinand Pfefferkorn berührte das alles nicht, im Gegenteil! Augenblicklich überschattete der Riesenauer Landwirtschafts-Kurier, was des Bauers Tageszeitung war, das Durcheinander auf dem Esstisch. Die landwirtschaftlichen Produkte wurden neu verhandelt. Na, und wen interessieren an Hand von Kartoffel, Gemüse, Milch und Fleisch Preise schon so banale Dinge, wie … Ordnung auf einem Frühstückstisch.    

Draußen auf dem Hof des Bauern meldet sich zur gleichen Zeit lautstark Fritz der Hahn zu Wort, der sich vor den Hühnern gerne groß tat und ihnen dann nachstellt. Soeben hat er mit viel Brimborium und reichlich Tam Tam, natürlich nur um auf sich aufmerksam zu machen, den Misthaufen erklommenen, auf dem er sich sichtlich wohl zu fühlen schien.

»Kikeriki, Kikeriki, Kikeriki«. krakelte der liebestolle Gockel mit hochrotem und Stolz geschwelltem Kamm, droben vom Misthaufen herab.

Fast wie bewundernd, tänzelten unten die Hühner Damen, neugierig mit lang ausgestreckten Hälsen und wackelnden Schwanzfedern um den Haufen herum.

»Gag, Gaga, Gag«. tuschelten die gefiederten Ladys miteinander und zierten sich dabei, wie eine Zicke am Strick.

Fritz interessierte das weibische Gehabe nicht die Bohne. Er hatte nur Augen für die Hühner Damen des Nachbar Hofes, die er von seiner Erhabenen Position aus wunderbar beobachten konnte. Für ihn der einzige Grund auf den Misthaufen zu steigen. Die dummen Hühner, müssen ja nicht alles wissen, dachte er bei sich.

Sein Konkurrent vom Nebenan litt mit der Zeit an Altersschwäche. Das junge Federvieh nahm ihn kaum noch für voll. Sie tanzten ihm auf dem Schnabel herum, veralberten und neckten ihn aber Eier legten die aufmüpfigen Junghennen schon lange nicht mehr. Dafür ließen sie es sich nicht nehmen, immer öfter einen Blick zum selbstherrlichen Fritz zu werfen, besonders, wenn er für alle weit sichtbar, hoch oben auf besagtem Misthaufen thronte. Dort ließ er dann den Chef heraus hängen, machte einen langen Hals, warf den mitunter noch sehr mädchenhaften Glucken heiße Blicke zu und ereiferte sich derart, dass sein eh schon geschwollener Kamm, einer Fackel gleichend, dunkelrot leuchtend und weithin sichtbar, sein stolzes Haupt schmückte.

Und es wirkte. Die dummen Junghühnchen von Gegenüber rannten, mit aufgeplustertem Gefieder wild durcheinander und fuhren voll ab auf sein arrogantes Machogehabe. Fritz fühlte sich dadurch natürlich immer wieder in seiner Rolle als sprichwörtlicher Hahn im Korb bestätigt.

Es war am Morgen des folgenden Tages, als Reinecke Fuchs dem Fritz, ohne das er es beabsichtigte, den Weg ins Paradies ebnete. Des Morgens in der Früh, noch vor Sonnenaufgang und noch bevor die gefiederte Bagage den Kopf zwischen den Flügeln hervor brachte, schlich sich der geschickte, schlaue Jäger an den Pfefferkornschen Hof heran. Listig kundschaftete er die Lage aus, umrundete schließlich das Haus und grub sich, da der Geflügelverschlag noch verschlossen war, vorsichtig unter den angrenzenden Zaun zum Nachbarn  hindurch. Dort stand nämlich das Tor zum Hühnerstall sperrangelweit offen.

Eins, drei fix huschte der abgefeimte Schlaukopf hinein und schnappte sich den fettesten Braten aus des Nachbars Garten und machte sich flugs mitsamt seiner Beute wieder aus dem Staub.

Mein Gott, war das ein Geschrei. Das Federvieh kreischte und gackerte wie wild durcheinander, kopflos rannte die gesamte gefiederte Damenschar in der Gegend umher und sie ließen dabei reichlich Federn. Der alternde Hahn krähte als galt es eine ganze Armee zu verjagen, doch Reinecke Fuchs war längst mit seiner Beute auf und davon und bis die Frau des Bauern, die dicke Minna, aus dem Haus kam, hatte sich die ganze Aufregung im Stall schon wieder halbwegs erledigt.

Selbst Bruno, der Hofhund, der gekläfft hatte als hinge sein Leben davon ab, konnte den dreisten Diebstahl nicht verhindern, denn der lag vor seiner Hütte und hatte eine Kette um den Hals.  

Gockel Fritz hingegen hatte nun, wie er begeistert feststellen konnte, einen direkten Zugang zu den flotten Junghühnern des Nachbarn.

Sogleich nahm Fritz die Gelegenheit beim Schopfe und stolzierte mit erhobenem Kopf in Richtung Zaun. Das Loch war groß genug und da er es sehr vorsichtig angehen ließ, Büste der in dem engen Durchlass nicht eine Feder ein.

Kaum aber war er auf dem Weg zum Hühnerstall, ertönte ein gefährliches Knurren hinter ihm. Sichtlich gelassen, drehte er den Kopf zur Seite um dem ihm bekannten Störenfried die kalte Schulter … äh, den locker hängenden Flügel zu zeigen, denn er dachte an die Kette die Brunos Tätigkeit beschränkte.

Doch, oh weh, wie hatte er sich da geirrt, denn nach Meister Reinecke‘ s erfolgreichem Diebstahl, hatte die Bäuerin das Tierchen von seinem hinderlichen Halsband befreit. Jetzt stand er da, mit offenem Maul, dass ihn der Sabber aus der Schnauze lief und zeigte dem Fritz sein mächtiges Gebiss.  Dabei gab er Geräusche von sich, das dem Hahn das Blut in den Adern stockte.    

Ohne weiter zu überlegen rannte der liebestolle Gockel zurück zum Zaundurchschlupf und schoss pfeilgleich und Kopf voran durchs körperenge Loch. Reichlich Federn lassend schaffte er es gerade noch zum heimischen Hühnerstall, wo er sich schwer atmend in eine dunkle Ecke verkroch.

Vergessen war sein Liebesdrang, das Herz ihm fast im Leib zersprang, so saß er zitternd in seiner hölzernen Behausung und tat einem gar ein wenig leid, in seinem doch so ramponierten Federkleid.

In Zukunft blieb er brav zu Haus, mied es auch auf den Mist zu steigen um sich dem nachbarlichen Federvieh zu zeigen.

Und die Moral von der Geschichte: schau nach fremden Mädchen, äh … Hühnchen nicht.

 

Kommentare

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    Dein humorvoller Text macht mich gleich frühmorgens schmunzeln... Herzlich willkommen auf Belletristica!

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