Funken

„Der gestrige Abend war schön, nicht wahr?‟
„Mmh.‟
„Nora war äußerst lebhaft.‟
„Mmh.‟
„Lustig, wie sie am Ende todmüde zusammen geklappt ist. Andererseits hätte ich die Fassade der interessierten Tante keine fünf Minuten länger aufrecht erhalten.‟
„Ich bin ganz deiner Meinung.‟
„Die Essensschlacht fand ich am Besten, vor allem die Stelle an der deine Tante das Haus in Brandt gesteckt hat.‟
„Einfach toll.‟
„Josh!?‟, verlor seine Mutter dir Nerven und drehte sich mit verschränkten Armen zu ihm um, „Du könntest wenigstens so tun, als würdest du mir zuhören.‟
„Wie bitte?‟ schreckte Josh aus seinen Gedanken und sah seine Mutter verwundert an. „Tut mir Leid, was sagtest du?‟
Sie verdrehte die Augen, „Nichts. Starr nur auf dein Handy, versinke in der digitalen Welt! Wer bin ich, um eine Rolle in deinem Leben spielen zu wollen?‟
„Das frage ich mich auch oft‟, murmelte Josh leise und grinste seine Mutter neckisch an. Abermals rollte sie mit den Augen und wandte sich schmunzelnd ab. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander, bis sie sich vernehmlich räusperte und ihn ernst anblickte, ihre Umgebung wurde dunkel und bekam einen violetten Schimmer.

„Nora hat sich gestern eigenartig benommen‟, wisperte sie leise und sah ihn schräg an.
„Nicht mehr als sonst‟; antwortete Josh und sah für einen Moment von seinem Handy auf, seit Stunden wartete er auf eine Nachricht von Dorian.
Seine Mutter schüttelte langsam den Kopf. „Nein, es war etwas anderes. Glaubst du bei ihnen zu Hause ist alles in Ordnung. Ich habe Tommik kein einziges Mal zu Gesicht bekommen‟, überlegte sie laut und dachte an den Mann ihrer Schwester, der seine Zeit mit Vorliebe in ihrem niedrigen Keller verbrachte, wo seine Schätze lagerten. Josh sah sie zweifelnd an und kräuselte die schmalen Lippen.
„Nein, ich schätze sie ist einfach durchgeknallt.‟
„Risha spricht nicht mehr oft Tommik‟, widersprach ihm seine Mutter ohne auf seine Worte einzugehen und sah mit leerem Blick in die Ferne. Ihre Stirn warf tiefe Falten, während sie die letzten Gespräche mit ihrer Schwester erneut durchging. Das Klingeln von Joshs Handy riss sie aus ihren Gedanken und sie seufzte missbilligend. „Lass mich raten, du musst fort.‟
Josh zuckte entschuldigend mit den Achseln und stand auf, aber seine Mutter sah ihn vorwurfsvoll an. „Ich habe uns einen Film ausgeliehen, sei bitte pünktlich zu Hause.‟
„Hört sich gut an‟, grinste Josh und beugte sich zu ihr hinunter. „Ich freue mich.‟
„Das sagst du jetzt, aber später bekomme ich eine dreiwörtige SMS, dass du es trotzdem nicht schaffst und wie leid es dir tut‟, schnaubte sie und hielt ihn am Arm fest. „Komm pünktlich!‟, wiederholte sie mit Nachdruck und Josh verdrehte die Augen. Ihre Aura färbte sich dunkler, verlor ihre Transparenz und Sättigung. Ein dunkelgrauer Farbkranz umgab ihr Gesicht und Josh kam nicht um den Gedanken herum, dass die Farbe hervorragend in den Raum passen würde. Er schüttelte sich bei dem eigenartigen Bild und verbannte es rasch aus seinem Kopf.

„Sei unbesorgt‟; murmelte er ihr ins Ohr und gab ihr einen schnellen Kuss auf die Wange, bevor sie ihn weiter festhalten konnte, „So schnell wirst du mich nicht los.‟ Er umfasste ihre Schulter und die nagende Missbilligung und Unsicherheit, die sich schlagartig in seiner Magengrube ausbreitete, ließ ihn beinahe zusammenzucken. Er konnte die Kälte ihrer Aura und ihre träge Bewegung auf seiner Wange spüren. Zwar war er nicht im Stande die eigenen Aura zu erkennen, noch nicht zumindest, aber er fühlte wie seine Energie lebhaft durch den Körper floss, anders als die niederdrückende Last seiner Mutter.
Schnell, hoffentlich flink genug, dass sie es nicht bemerkte, wollte er ihr eine Ahnung seiner eigenen Sorglosigkeit schenken, die sich augenblicklich durch ihre Aura fraß. Mit Schrecken beobachtete er, wie ein Lichtfunken von seiner Hand, auf die nackte Haut ihres Nacken und von dort in den Farbschleier ihres Körper übersprang. Die dunkle Aura leuchtete auf, als würde ein Blitz über den sturmgrauen Himmel zucken und begann sacht zu pulsieren. Die Energie, die er auf seine Mutter übertragen hatte, hatte eine goldenen Narbe durch die Schwaden gerissen, deren leuchtende Farbe sich allmählich ausbreitete.

Joshs Mutter schwankte unter seiner Berührung und begann heftig zu blinzeln. Besorgt packte er sie fester und sah sie ernst an. „Alles in Ordnung?‟, fragte er ängstlich. Sie nickte langsam und rieb sich gedankenverloren die Schulter.
„Ja es geht mir … fantastisch.‟ Ihre Stirn warf tiefe Falten und sie blickte verwundert zu ihm auf, als wisse sie nicht, wer oder was er war. „Ich hatte gerade einen verrückten Gedanken‟, murmelte sie leise und begann breit zu lächeln.
Joshs Sorge wuchs, „Dir geht es wirklich gut?‟ Er ließ ihr Schultern los und schlug die zitternden Hände vor den Mund.
Seine Mutter stand abrupt auf und nahm ihn fest in den Arm, „So gut wie schon lange nicht mehr!‟, grinste sie ihn an und warf einen Blick auf die Uhr. „Du musst los und auch ich muss mich beeilen, wenn ich nicht zu spät kommen möchte.‟
„Zu spät?‟, wiederholte Josh irritiert und beobachtete seine Mutter dabei, wie sie sich flink eine Jacke griff und die langen Haare zusammen band.
„Die Geschäfte schließen um acht Uhr‟, erklärte sie lachend und schnappte sich auch Tasche und Schlüssel, „Wir brauchen doch Snacks zu unserem gemütlichen Filmabend.‟ Sie winkte ihm ein letztes Mal zu und Josh starrte ihr nach, bis er das Aufheulen des Motors hörte und sich aus seiner Schockstarre befreien konnte.
In seinem ganzen Leben, hatte seine Mutter keine Snacks gekauft. Er war der Einzige in seiner Klasse der weder Chips, Schokolade oder Cola im Haus hatte, nicht einmal Salzstangen befanden sich in ihrem rot glänzenden Schrank. Hustenbonbons waren das süßeste was sie besaßen.
Er starrte verwirrt auf seine Hände und rieb sie vorsichtig aneinander. Fast erwartete er neue Funken auf ihnen tanzen zu sehen, aber nichts geschah. Seine Haut war käsig wie zuvor, aber der Energiefluss seines Körpers hatte sich verlangsamt. Stöhnend schloss er die Augen und nahm ebenfalls Schlüssel und Jacke in die Hand.
Dorian würde ihm die Hölle heiß machen, wenn er je davon erführe.

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