Götterbotin

So, ihr Lieben,
wie von euch allen sicher schon erwartet, hat heute Jorunn das Sagen. Es hat ein wenig länger gedauert, dieses Kapitel zu schreiben, weil ich ganz genau planen musste, was die Völva denn nun sagt und verlangt.
Aber ich denke, Ragnar kommt nicht zu kurz ...

Musiktechnisch war heute Nox Arcana hilfreich. Empfehlen würde ich zum Dazuhören z.B. Highland Storm:
https://www.youtube.com/watch?v=avCcKRZD_Gs

Nebenbei bemerkt: Mehr zu Jorunns Räucherkräutern und den Hintergründen zur Geschichte findet ihr hier: Historische Hintergründe zu " "Sæwicingas"
in meinem Profil hier auf Belle:
https://belletristica.com/de/text/der-historische-rahmen-um-s%C3%A6wicingas-9073
Viel Spaß!
Eure Sophie

Ragnar schlug seiner Stute die Fersen in die Seiten und jagte das erschrockene Tier den Strand entlang, hinaus aus Straumfjorður, weg von der Siedlung, weg von den angstvollen Augen Rúnas und dem verschlossenen Blick der mächtigen Völva.
Das, was er seit dem Morgen nach der Nacht mit Rúna befürchtet hatte, war nun eingetreten.
Jorunn aber wusste, dass sie eigentlich zunächst nach Rúna hätte sehen müssen. Doch dazu blieb ihr keine Zeit mehr. Die Botschaft der Götter war eindeutig gewesen. Nun, da feststand, dass der Jarl gegen die Wünsche der Unsterblichen verstoßen hatte, blieb ihr nur noch eines zu tun - den Schaden so gut es ging zu begrenzen. Doch um dies zu bewerkstelligen, musste sie den Kontakt zu den Ewigen suchen.

Innerlich bereits auf dem Weg zu den Klippen, lief die Völva so schnell sie konnte zurück zu ihrer Grubenhütte und klaubte das kleine Gefäß mit dem Bilsenmet aus ihren Vorräten. Dazu kam ein Bündel Beifuß, eine Handvoll getrockneter Teichrosen, ein Rabenflügel und ein Krähenschädel, die als Boten der Beschwörung dienen sollten. Zum Schluss hob Jorunn von ihrer Feuerstätte noch ein paar glühende Holzkohlestücke in ein Tongefäß mit durchstoßenem Deckel. Dann machte sich die Botschafterin der Götter auf den Weg - dorthin, wo das Übel seinen Höhepunkt gefunden hatte, auf die Klippen von Straumfjorður.

Noch war der Tag nicht über den Mittag hinweggegangen, als jeder, der es sehen wollte, eine feine Rauchfahne über den Uferfelsen aufsteigen sah. Das kleine Feuer aus Treibholz flackerte mit einer geheimnisvollen bläulichen Flamme und der Duft von verbranntem Beifuß und Salbei erfüllte die Luft.
Murmelnd, summend und leise singend brachte sich Jorunn für das Ritual in Trance, sich dabei immer wieder unterbrechend, um einen Schluck Bilsenmet zu trinken oder eine Blüte der Teichrosen zu kauen. Noch wartete die Alte, doch es würde nicht mehr allzu lange dauern. Die Götter würden ihren Wunsch gewiss erfüllen und den Jarl zu ihr führen.

Ja, Jorunn wollte den Anführer nicht auf billige Weise zur Rede stellen. Er wusste, dass er erkannt war. Wenn er tatsächlich so viel Mut besaß, wie die Völva glaubte, dann würde er sich den Göttern freiwillig stellen. Und vielleicht, wenn Ragnar seinen Fehler vor den Ewigen eingestand, konnte sich das Schicksal der Siedlung noch zum Guten wenden. Wenn nicht … Nun, Jorunn hatte den Drachen gesehen, den es zu besiegen galt, einen sich über die taufrischen Wissen schlängelnden Lindwurm aus Dutzenden, vielleicht gar hunderten feindlicher Krieger. Ihnen voran ging ein Mann, dessen Gesicht sie noch nicht erkennen konnte. Durch die Waffen und die wohlgeformte Rüstung glaubte Jorunn jedoch darauf schließen zu können, dass sie hier einen der wagemutigen Ritter des Festlandes vor sich sah. Was auch immer den Fremden und sein Gefolge nach Dänemark führte - er war ein bedrohlicher, übermächtiger Feind, den nur Einigkeit besiegen konnte. Zwietracht unter den Nordmännern aber würde den Untergang von Straumfjorður bedeuten. Ja es mochte sein, dass ihre ganze Küste dann den Feinden anheim fiel.

Ein leichter Wind kam auf und trieb den Rauch des Beifußes tiefer ins Inland. Bald schon war von den feinen aufsteigenden Wölkchen nichts mehr im hellen Tageslicht zu sehen. Doch der Duft des magischen Krautes drang bis an die Nase jenes Mannes, der die Gedanken der Völva beherrschte. Tief atmete Ragnar den Geruch des ihm nur zu bekannten Gewächses ein. Er musste nicht lange nachdenken, um zu wissen, was gerade geschah. Die Völva hatte ein Ritual eröffnet. Und es lag auf der Hand, worum es ihr dabei ging. Eine Warnung der Götter sollte immer beherzigt werden. Wenn er nun dagegen verstoßen hatte, war es eine vollkommen unabwendbare Folge, dass Jorunn nun erneut die Asen kontaktierte.

Unwirsch fuhr sich der Jarl mit der Linken über sein Gesicht. Doch egal, wie lange er auch sann, der Fehler war erfolgt und ließ sich nicht ungeschehen machen. Es gab für ihn nur einen Weg, sich dem Zorn von Odin Hrafnáss zu stellen. Also legte Ragnar sein Zögern ab und schwang sich erneut in den Sattel. Bis zu den Klippen war es zwar nicht weit, doch er wollte sein Pferd auch nicht allein im Wald zurücklassen.

Die Stute des Jarls war ein ruhiges Tier und ließ sich mühelos am Waldrand oberhalb der Klippen anbinden. Nachdem er sein Pferd versorgt hatte und es nun keinen Grund mehr gab, das Unvermeidliche weiter hinauszuzögern, wandte er seinen Blick auf den äußersten Punkt der Klippen, dorthin, wo die Völva ihn erwartete. Ihre rituellen Gewänder ließen sie größer und eindrucksvoller erscheinen, als sie war und Ragnar schauderte. Schon einmal hatte er sich Jorunn stellen müssen, damals, als er von seinem ersten, noch recht unsicheren Beutezug mehr Tote als Beute mitgebracht hatte. Doch heute würden auch die Götter von ihm Rechenschaft fordern … Der Jarl seufzte. Dann - und er hatte ja gar keine andere Wahl - machte er sich auf den Weg zu der Ritualstätte.

Jorunn hatte den Mann längst gesehen, schon, als er sein Pferd am Waldrand festband. Doch noch tat sie, als sei sie in den Zug der Wolken und den Flug der Möwen vertieft. Mit ihrer Linken warf sie erneut ein Bündel Beifuß und einige Blätter Salbei auf das Feuer. Ihre rechte Hand zog den Krähenschädel aus den Falten ihres Gewandes und platzierte den Knochen so, dass sein Schnabel auf den Ankömmling wies. Dann straffte sie sich. Es war so weit.

Der Wind kam vom Meer und trieb Ragnar den Rauch der verbrennenden Kräuter ins Gesicht. Der Krieger versuchte flach zu atmen und sich nichts anmerken zu lassen. Jetzt zu husten oder sich abzuwenden, kam nicht infrage. Langsam trat er näher und nahm das Bild vor sich in Augenschein.
Jorunn trug das vollständige rituelle Gewand der Völva - ein weites sackförmiges Kleid aus Fellen von Rehen und Hirschen, geschmückt mit grell leuchtenden gewebten Bändern und verschiedenerlei Tierknochen und anderem magischen Beiwerk, das nur sie allein kannte. Vor ihr lag der lange Stab der Seherinnen, dessen Handgriff, das wusste er, mit Leder aus dem Gemächt eines Elches umwunden war. Auch hier hingen verschiedene Säckchen und Bündelchen an dem dicken Eschenstock, deren Inhalt die Völva geheim hielt. Nicht geheim war ihr schwerer Kopfschmuck aus dem Fell eines Wolfs, gekrönt vom Gehörn eines Steinbocks. Zwischen den Hörnern ruhte der einbalsamierte Körper eines Raben und dessen ausgebreitete Schwingen verliehen dem Kopfputz zusätzliche Macht und das Aussehen eines fliegenden Helms. Jorunns Gesicht war hinter einer Schminke aus Asche und zerriebenem Ton unkenntlich, doch ihre schwarz umrandeten Augen starrten ihn herausfordernd an.
"Du kommst spät, Ragnar Loðbrók, Jarl von Straumfjorður, Sohn des Sigurd, Vater des Björn." Mit ihrer Rechten wies sie dem schweigenden Mann einen Platz vor sich an, der ihn zwang in die augenlosen Höhlen des Krähenschädels zu sehen.
"Die Götter warten nicht gern", fuhr sie fort. "Und nachdem du ihre Geduld schon genug herausgefordert hast, solltest du demnächst vorsichtiger sein. Es sei denn, du willst, dass sie dir wirklich ernsthaft zürnen!"

Ragnar nickte zunächst stumm und hielt den Blick gesenkt. An jedem anderen Tag wäre er Jorunn wie einer Gleichgestellten begegnet. Heute aber, da sie für Odin sprach, sah die Sache ganz anders aus. Als Gesandte der Götter stand sie weit über ihm und er musste ihren Schiedsspruch annehmen, wollte er nicht weiteren Zorn bei den Asen heraufbeschwören.

"Wir wissen beide, warum ich hier sitze und auch, warum du zu mir gekommen bist", fasste sich Jorunn kurz. "Indem du Rúna bestiegen hast, egal ob mit oder ohne ihr Einverständnis, hast du gegen das ausdrückliche Zeichen von Odin Hrafnáss gehandelt. Das ist die Schuld, die du auf dich geladen hast. Odin sieht in dir die Zukunft Straumfjorðurs und er hat dich geprüft, um deine Würdigkeit als Jarl zu testen. Nun, da du die erste Aufgabe nicht erfüllen konntest, wird er dich und alle deine Krieger vor eine zweite Herausforderung stellen. Doch bevor ich berichten darf, was ich gesehen habe, wirst du deine Schuld sühnen müssen."

Zufrieden sah Jorunn, dass der Jarl bei ihrer Rede blass geworden war. Nun ja! Auch die tapfersten Krieger konnte schon der Mut verlassen, wenn sich die Götter gegen sie entschieden. Doch sie hatte auch gesehen, dass die Folgen von Ragnars Versagen noch abgewandt werden konnten. Mit Einigkeit, mit Mut, mit Tapferkeit und Geschick konnte dem Heer, das einem Drachen gleich irgendwann in der Zukunft über das Land ziehen würde, Einhalt geboten werden. Noch wusste sie zwar nicht, dass es Ragnar sein würde, der die Männer der Siedlung anführte, doch erschien ihr jede andere Vorstellung so widersinnig, dass sie den Jarl unwillkürlich an die Spitze seiner Krieger stellte.

Der, über den sie immer noch nachsann, räusperte sich. "Was also wünschen die Götter? Wie soll ich mein Tun ungeschehen machen?"
Jorunn warf dem Jarl einen scharfen Blick zu. "Du kannst nichts ungeschehen machen. Das Rad der Zeit hat sich längst weitergedreht und mit den Folgen deiner Unbeherrschtheit und Gewalt wirst nicht nur du von heute an leben müssen. Ja, du kannst froh sein, dass Rúna nicht empfangen hat bei allem, was du mit ihr gemacht hast. Trüge sie dein Kind, käme jede Sühne zu spät! So aber fordern die Götter nichts, was du nicht geben könntest." Sie schwieg und zwang den erwartungsvollen Krieger dadurch, sie um weiteres Wissen zu bitten. Mit einem leisen Zähneknirschen ging der Jarl darauf ein.

"Die Götter fordern, was sie immer wollen, Jarl Ragnar", ließ ihn Jorunn schließlich wissen. "Odin und seine Asen erwarten dein Blut." Sie genoss das erschrockene Keuchen des Mannes bei diesen für ihn unerwarteten Worten der Völva.
Kichernd wie eine Elster und dann krächzend wie ein Rabe warf die Alte nun das Knochenorakel vor Ragnar auf den Felsen. Und obwohl er wie immer nicht wusste, was diese Zeichen besagten, so nickte die Völva doch gnädig. "Sie wollen, dass du dich öffentlich bekennst und für deine Verfehlung an der Gefährtin Thorsteins zwei Schläge mit dem Schwert entgegennimmst, ohne dich zur Wehr zu setzen." Sie fuhr die vom vielen Gebrauch polierten und glänzenden Knöchelchen mit den Fingerspitzen nach.
"Der, der die Klinge führen soll, ist der, den du hintergangen hast. Und es wird ganz in Thorsteins Hand liegen, ob und wie du danach weiterlebst." Sie strich über einen zarten Wirbelsäulenknochen, der bei der Berührung zur Seite kippte. "Ich bin mir sicher, dass er dich nicht töten wird. Dazu kenne ich den Steuermann zu gut. Doch egal, wie es ausgeht, es ist ein gerechtes Urteil Odins: Deine zerstörte Ehre wird seine zerstörte Ehre wiederherstellen."
Mit einem gezielten Schlag zerbrach Jorunn das feine Knochengebilde und blies in den Staub. "Soweit zu den Wünschen der Götter", fuhr sie fort. "Doch bevor du aufstehst und dann hoffentlich bald mit Thorstein über den Ritus sprichst, sollst du wissen, dass mir persönlich diese Strafe nicht reicht. Bei diesem Ritus bleibt deine Schuld bei Rúna weiter ungesühnt und ihr Gewissen wird so keine Ruhe finden. Also verlange ich von dir, dass du dich bei ihr entschuldigst, von ganzem Herzen und vollkommen glaubhaft und ihr bei allem, was dir heilig ist, schwörst, dass du sie nie wieder körperlich oder durch Worte bedrohst. Erst dann werde ich bereit sein, mit dir über den Preis zu verhandeln, den es kostet, wenn ich das Ritual der Götter für dich leiten soll."

Die Alte erhob sich schwerfällig, nahm dann den Krähenschädel wieder an sich, hob ihren Stab  auf und stieß zum Schluss die Reste des kleinen Feuers über den Klippenrand in die Tiefe. Als auch Ragnar Anstalten machte, aufzustehen, schob sie ihn mit ihrem Stock zurück in eine sitzende Position. "Du, Ragnar Loðbrók, solltest dich bis zum Abend nicht von diesem Ort wegrühren", wies sie an. "Hier stand vor wenigen Tagen eine junge Frau und zwang ihren Schritt über die Klippen hinaus. Du solltest dir sehr schnell klar darüber werden, was dein Verdienst daran war und ob dies mit der Ehre eines Jarl vereinbar ist. Der Blick auf den Ort, der beinahe Rúnas Sterbeplatz geworden wäre, wird dir zweifellos dabei helfen!"

Kommentare

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    Wow! Für mich ist das eines der stärksten Kapitel, Sophie! Meisterhaft, wie du Jorunns Tun beschreibst und wie Ragnar endlich endlich beginnt zu verstehen (so meine ich zu spüren). Ich freue mich auf die Fortsetzung!

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Feenstaub

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