Geburtstagskatastrophe

Neben mir hörte ich Hollys Atemzüge, regelmäßig und ruhig. Still beobachtete ich sie, um mich abzulenken und auf andere Gedanken zu kommen. Vor einer Viertelstunde war ich schweißgebadet und mit rasendem Herzen aufgewacht, weil ich einen Albtraum gehabt hatte. Einen Albtraum, der mir wohlbekannt war, denn ich hatte nicht zum ersten Mal von der Ermordung meiner Eltern geträumt.
Vielleicht hatte ich ausgerechnet diesen Traum gehabt, weil ich bei ihrem Grab gewesen war. Das war zwar bloß eine Vermutung, dennoch sagte mir mein Gefühl, dass es genau dieser Grund war, der mich nicht friedlich schlafen ließ.
In den letzten Jahren hatte ich es erfolgreich geschafft solche Albträume nicht aufkommen zu lassen, doch jetzt kam alles auf einen Schlag zurück. Es war wie früher und dass wollte und konnte ich nicht hinnehmen. Vorsichtig setzte ich mich auf, um Holly nicht zu wecken.
Diese drehte sich gerade auf die andere Seite.
Mit einem undefinierbaren Blick starrte ich auf ihren Rücken. Es waren drei Tage vergangen, seit ich durchgedreht und sie angegriffen hatte. Seitdem hatte keiner von uns ein Wort darüber verloren. Dabei war mein Bedürfnis nach einem Gespräch groß. Dennoch sprach ich das Thema nicht an, weil ich wusste, dass Holly nicht mit mir reden wollte. Ich konnte nur abwarten und hoffen, dass sie auf mich zukam.
Flüchtig fuhr ich mir durch die schweißnassen Haare, bevor ich mich aus dem Bett quälte. Obwohl die Heizung auf Hochtouren lief, fröstelte ich und bekam eine Gänsehaut. Wieso war mir denn so kalt? Ich rieb mir die Hände und schlug meine Arme um mich.
Leisen Schrittes schlich ich zum Fenster und schob den Vorhang zur Seite. Draußen war es noch stockdunkel. Es musste mitten in der Nacht sein.
Ich hasste es, wenn ich nicht schlafen konnte und ich die Stunden bis zum Morgen irgendwie rumkriegen musste. Genervt wandte ich mich vom Fenster ab und verließ das Zimmer.
Als ich in der Küche ankam, schaltete ich zuerst das Licht an. Die plötzliche Helligkeit brannte mir unangenehm in den Augen. Geblendet schlurfte ich zu einem der Hängeschränke, holte mir ein Glas heraus und füllte es mit Wasser.
Dann setzte ich mich an den Tisch und nahm einen Schluck. Erst jetzt fiel mir die Ruhe auf, die im ganzen Haus herrschte. Es war unheimlich.
Ich vergrub meine Hände in meinem Gesicht und schloss die Augen. Meine Gedanken kreisten noch immer um meinen Ausraster, aber nicht nur das. Als die Killer auf dem Maskenball aufgetaucht waren und Holly geschlagen und getreten hatten, hatte ich die meiste Zeit bloß tatenlos daneben gestanden und warum?
Weil ich sauer auf sie gewesen war; weil ich ihr vorgeworfen hatte, dass sie gedankenlos mein Leben riskiert hatte.
„Ich bin so dumm“, warf ich mir vor. Wieso konnte ich nicht einfach glücklich sein? Wieso setzte ich meine Beziehung aufs Spiel? Mit meiner Unberechenbarkeit würde ich irgendwann noch die Frau vertreiben, die ich liebte.
„James?“ Ruckartig hob ich meinen Kopf. Holly stand im Türrahmen. Sie wirkte verschlafen, denn ihre Haare waren zerzaust und sie rieb sich die müden Augen.
„Wieso bist du denn schon wach?“, fragte sie mich, als sie zu mir herüberkam und sich hinsetzte. Mit einer Hand stützte sie ihr Kinn ab und gähnte.
„Ich hatte einen Albtraum“, brummte ich missmutig.
„Verrätst du mir, wovon du geträumt hast?“
Ihr neugieriger Unterton entging mir nicht. Ich hatte Holly gesagt, dass ich seit Jahren nicht mehr schlecht geträumt hatte. Nun wollte sie von mir erfahren, was mir Albträume bescherte.
„Von meinen Eltern. Ein weiteres Mal habe ich sie sterben sehen.“ Ein bitteres Lächeln tauchte auf meinen Lippen auf.
„Das blutbespritzte Zimmer, ihre durchlöcherten Leichen, meine unbeschreibliche Angst, alles ist wieder da.“ Dafür, dass ich mich beschissen fühlte, hatte ich noch recht gelassen geklungen.
Holly legte zärtlich ihre rechte Hand auf meine Hand, die auf dem Tisch lag. Der Ärmel ihres Pullovers rutschte nach oben, sodass ich die blauen Flecken an ihrem Handgelenk sehen konnte. Meine Gewissensbisse, die sich in Form eines qualvollen Brennens zeigten, das meinen ganzen Körper befiel, wurden unerträglich.
Als Holly mein starrer, hypnotischer Blick auf ihr Handgelenk auffiel, rückte sie ihren Pulli wieder zurecht und verdeckte ihre Verletzungen.
„Vergiss es einfach, James“, meinte sie und strich mir mit ihrem Daumen über meinen Handrücken.
„Ich kann nicht“, presste ich hervor. „Ich kann unmöglich vergessen, was ich getan habe.“ Hektisch zog ich meine Hand weg und stand auf. Ich war mit der momentanen Situation vollkommen überfordert und wusste nicht, wie ich mich Holly gegenüber verhalten sollte.
„An uns beiden ist dieser Angriff nicht spurlos vorbei gegangen, aber ich akzeptiere, dass…“ Weiter kam sie nicht, denn ich trat gegen den Stuhl, auf dem ich eben noch gesessen hatte. Ein lautes Krachen durchbrach die Stille. Holly zuckte kaum merklich zusammen. Dieser eine Satz reichte aus, um mir darüber im Klaren zu werden, dass ich nicht nur Hollys Leben zerstört hatte, sondern das die Liebe zu mir sie dazu brachte, alles hinzunehmen, was ich ihr antat.
Ich atmete schwer. Meine Haut war leichenblass und ich zitterte. Gewaltsam drückte ich meine Hände gegen meinen Kopf, denn mein Schädel schien bald platzen zu wollen. Wie hatte ich nur so blind sein können?
Holly sah besorgt aus, als sie zu mir kam und mich umarmte. Normalerweise hätten mir ihre Wärme und Nähe geholfen mich besser zu fühlen, aber jetzt konnte ich ihre Nähe unmöglich zulassen. Sanft, aber bestimmend, umfasste ich ihre Arme und löste die Umarmung.
„Was ist nur los mit dir, James?“, fragte sie mich verzweifelt. Ich konnte hören, wie sehr mein Verhalten sie verwirrte und verunsicherte.
„Mich konnte ich nicht ändern, dafür habe ich es geschafft, dich zu verändern und das nicht im positiven Sinne“, meinte ich düster.
„Was soll das heißen?“ Verdutzt machte sie einen Schritt zurück.
„Verstehst du das nicht, Holly? Du hast dich damit abgefunden, dass ich dich verletze. Du akzeptierst das Böse in mir, das dich in Gefahr bringt. Das ist nicht gut. Durch mich hast du deine Eltern verloren. Ich habe Schuld daran, dass die Killer von dir wissen und bis heute hinter dir her sind“, redete ich eindringlich auf sie ein.
„Ich habe dich geschlagen, bedroht und durch meine Leichtsinnigkeit immer wieder dein Leben riskiert, Holly. Das habe ich nie gewollt, aber ich habe es trotzdem getan. Als Freund ist es meine Aufgabe für dich da zu sein und dich zu beschützen, doch ich habe kläglich versagt.“
„Das reicht jetzt, James“, raunte sie mit einer Aggressivität in der Stimme, die ich bei ihr nie erwartet hätte. Mit ihren Händen fasste sie an mein T-Shirt und zog mich runter auf ihre Augenhöhe.
„Damals habe ich eine Entscheidung getroffen und zwar habe ich mich für dich und eine Beziehung entschieden, obwohl ich wusste, was du bist. Ich würde und könnte dich nicht lieben und bei dir bleiben, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass du trotz deiner Vergangenheit und deinem impulsiven, unüberlegten und angriffslustigen Verhalten nicht doch ein gutes Herz hättest.“
Während ihrer Ansprache loderten Flammen in ihren Augen.
„Ich bin nicht mehr das naive, schwache Mädchen, das du kennengelernt hast. Ich habe mich verändern. Durch dich bin ich eine starke Frau geworden, James. Hätte ich mir sonst zugetraut gegen Patton zu kämpfen?“ Sie wartete meine Antwort nicht ab.
„Nein, dass hätte ich nicht. Du hast mir gezeigt, wie ich mich verteidigen kann und dafür bin ich dir dankbar.“ Sie schenkte mir ein flüchtiges Lächeln.
„Du hast so viel für mich getan.“ Ich schnaubte.
„Und ich habe dir umso mehr genommen, Holly“, sagte ich bekümmert. Holly schüttelte verständnislos den Kopf und ließ mein T-Shirt los.
Ich konnte keine Rücksicht auf ihren Unmut nehmen. Irgendwann musste sie doch zugeben, dass ich Recht hatte.
„Hör auf. Du hast mir nichts genommen und du hast auch nicht versagt“, wisperte sie. „Du bist mein Beschützer, James. Wie oft hast du schon dein Leben riskiert, um meins zu retten?“
„Wenn ich meine Klappe gehalten und Emilia nicht von dir erzählt hätte, dann wäre das alles nicht passiert und es wäre nicht nötig, dich zu beschützen“, entgegnete ich mürrisch. Hollys Reaktion auf meine andauernde depressive Phase war ein verärgerter Aufschrei und ein Aufstampfen mit ihrem Fuß.
„Wie kann ich dir nur klar machen, dass du dummes Zeug redest?“ Sie schien eher mit sich selbst zu sprechen, als mit mir.
„Vielleicht würde es helfen, wenn ich dir noch mal eine reinhaue.“ Nachdenklich legte sie ihre Stirn in Falten, aber schnell zierten ihre Lippen ein freches Grinsen. Sie versuchte mich mit allen Mitteln aufzuheitern. Und obwohl der Hass auf mich selbst mich unentwegt auffraß, fing ich an zu lächeln.
„Zumindest weiß ich jetzt, dass ich ein guter Lehrer war“, meinte ich und lehnte mich an die Küchenzeile.
„Hoffentlich hat es nicht allzu sehr wehgetan“, flüsterte sie und sah mich entschuldigend an.
„Wie ich mich an diesem Tag aufgeführt habe, hättest du sogar das Recht gehabt auf mich einzuprügeln, Holly. Also mach dir keine Vorwürfe“, versuchte ich sie zu beruhigen.
Daraufhin schmiegte sich Holly an mich, legte ihren Kopf auf meine Brust und schloss die Augen. Minutenlang hörte sie meinem schlagenden Herzen zu.
„Ich liebe dich, James“, sagte sie plötzlich und für eine Sekunde bohrte sich ein kaum auszuhaltender Schmerz durch mein Herz. Wie kann sie mich noch lieben? Diese Frage würde ich mir mit Sicherheit noch öfters stellen. Wenn nicht mein Leben lang.

Die nächsten Tage verliefen ohne große Vorkommnisse. Holly und ich gingen wieder normal miteinander um. So, als hätte ich sie niemals angegriffen. Für sie war das Thema beendet, für mich nicht, doch das ließ ich mir nicht anmerken. Genauso wenig, wie meinen Selbsthass und meine Schuldgefühle. Ich wollte ihr das Gefühl geben, dass mit mir alles in Ordnung war; dass meine deprimierte Stimmung der Vergangenheit angehörte. Sie sollte sich keine unnötigen Sorgen um mich machen, nur, weil ich mich schlecht fühlte. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass mich meine negativen Gedanken quälten.
Grübelnd und geistesabwesend saß ich auf der Couch im Wohnzimmer und wartete auf Holly. Auch heute würde ich sie zur Schule begleiten, wie jeden Tag.
Es war fast schon ein Ritual, das sich die vergangenen Monate entwickelt hatte. Ein Ritual, das mir besonders jetzt das Gefühl gab, zu irgendetwas zu gebrauchen zu sein.
„Wartest du auf Holly?“ Olivias klare, fröhliche Stimme drang an meine Ohren. Wie mechanisch drehte ich meinen Kopf zu ihr und setzte mein strahlendstes Lächeln auf.
„Ja“, antwortete ich. Ich dachte damit wäre unsere Unterhaltung beendet, doch Olivia betrat den Raum und setzte sich neben mich. Sogleich rückte sie etwas näher an mich heran, was mir alles andere, als angenehm war.
„Hast du schon ein Geschenk für Holly?“, flüsterte sie geheimnisvoll.
„Geschenk? Was für ein Geschenk?“, fragte ich irritiert.
„Für ihren Geburtstag natürlich“, meinte sie mit noch leiserer Stimme, als habe sie Angst, dass Holly uns hören könnte.
Obwohl mich die Nachricht, dass meine Freundin bald Geburtstag hatte, völlig überraschte, blieb ich dennoch gefasst.
„Ich habe ein Geschenk für sie“, log ich. Ich konnte nur hoffen, dass sie mich nicht auch noch fragte, was ich ihr gekauft hatte. Zum Glück nickte sie bloß und grinste mich an.
„Holly liebt Geburtstage. Ich glaube die Party mit ihren Freunden wird ihr Spaß machen. Vor allem, wenn Jamie und ich aus dem Haus sind“, brachte sie heiter hervor und gluckste.
Party? Freunde? Meine Mundwinkeln wanderten augenblicklich nach unten. Wie lange plante Holly schon ihren Geburtstag, ohne, dass ich etwas davon mitbekommen hatte?
„Wir können los, James“, ertönte auf einmal Hollys Stimme. Sie rief durchs ganze Haus. Als sie am Wohnzimmer vorbeikam und Olivia und mich zusammen auf der Couch sitzen sah, blieb sie abrupt stehen.
„Was ist denn hier los?“
„Nichts, nichts“, winkte Olivia ab und erhob sich. Holly sah skeptisch zwischen Olivia und mir hin und her.
„Sicher?“
„Ja, lass uns fahren“, warf ich ein. Ich wollte nur noch hier raus und mit Holly reden.

„Worüber habt ihr beide eben gesprochen, James?“, wollte Holly von mir wissen, als sie mit ihrem Ford zurücksetzte und auf die Straße fuhr.
„Über deinen Geburtstag“, sagte ich ohne Umschweife und war gespannt auf ihre Reaktion.
Holly verkrampfte sich umgehend und beobachtete mich verhalten aus den Augenwinkeln. Mit dieser Antwort hatte sie nicht gerechnet.
„Olivia wollte von mir wissen, ob ich bereits ein Geschenk für dich habe“, fuhr ich unbeirrt fort. Dabei genoss ich ihre steigernde Nervosität. Sie biss sich auf die Unterlippe und stierte panisch geradeaus.
„Wann hattest du vor mir von deinem Geburtstag und der geplanten Party zu erzählen? Wenn die ersten Gäste vor der Tür stehen?“ Meine Stimme triefte vor Sarkasmus.
„Ich…ich wollte es dir ja sagen, aber…aber dann habe ich es mir doch anders überlegt“, stammelte sie.
„Und warum?“
„Weil ich weiß, dass du Geburtstage nicht ausstehen kannst. Und wenn du dann noch erfahren hättest, dass ich meine Freunde eingeladen habe, dann wäre deine Stimmung gleich auf dem Tiefpunkt gewesen“, rechtfertigte sie sich. Ich verdrehte die Augen.
„Das ist kein Grund, Holly. Du hast Geburtstag und du entscheidest, ob und wie du feiern möchtest. Also hättest du mir ruhig sagen können, dass du Geburtstag hast.“
„Von deinem Geburtstag habe ich auch nur durch Zufall erfahren, James“, führte sie an. „Erinnerst du dich?“
„Ich weiß, aber der Unterschied ist, dass ich meinen Geburtstag hasse“, murrte ich.
„Und das ist ein Grund mir deinen Geburtstag zu verschweigen, ja?“, spottete sie mit hochgezogener Augenbraue. Grinsend schüttelte ich den Kopf, ehe ich in schallendes Gelächter ausbrach.  
„Was ist denn so lustig?“ Holly schaute mich lächelnd an. Vermutlich war sie froh, dass ich nach vielen Tagen endlich wieder ausgelassen war.
„Wir beide sind solche Idioten, Holly“, brachte ich zwischen zwei Lachern hervor. Zustimmend nickte sie.
„Da hast du Recht.“ Sie kicherte.
Dann herrschte Schweigen. Holly konzentrierte sich auf den Straßenverkehr und ich sah aus dem Fenster. Der Schnee war zum Glück völlig verschwunden und es war einige Grade wärmer geworden. Die Sonne kämpfte erfolgreich gegen die noch dichten Wolken und schickte hin und wieder ein paar Strahlen auf die Erde. Gestern hatte ich sogar die ersten blühenden Blumen gesehen. Der Frühling stand vor der Tür.
Den Rest der Fahrt über träumte ich vor mich hin. Erst, als die High School in Sicht kam, setzte ich mich wieder gerade hin und meine Augen wanderten nach vorne. Holly fuhr auf das Schulgelände und hielt Ausschau nach einem freien Parkplatz, als sie mich ansprach.
„Mein Geburtstag ist am Samstag und es würde mich freuen, wenn du zu meiner Party kommen würdest“, sagte sie übertrieben freundlich. Mir war klar, dass sie die Einladung bloß zur Wiedergutmachung ausgesprochen hatte. Extra für mich, weil sie mir ihren Geburtstag verschwiegen hatte.
„Ich komme gerne“, entgegnete ich höflich und zwinkerte ihr zu. Holly grinste und wirkte überglücklich, als sie das Auto parkte und den Motor abschaltete.
Sie schnallte sich ab und drehte sich zu mir. Verlegen klemmte sie sich die Haare hinter die Ohren.
„Das bedeutet mir sehr viel, James“, flüsterte sie und errötete. „Ich weiß, wie viel Überwindung es dich kostet zu meiner Party zu kommen, obwohl meine Freunde eingeladen sind.“ Ich wusste nicht, ob ich ihre Worte lustig oder traurig finden sollte.
„Du bist meine Freundin, Holly.“ Ich beugte mich zu ihr herüber und sah ihr tief in die Augen. „Nichts würde mich daran hindern zu deiner Geburtstagsparty zu kommen. Gar nichts.“ Ich nahm ihr Gesicht in meine Hände und küsste sie leidenschaftlich.
Nach einer gefühlten Ewigkeit beendete sie den Kuss und lächelte mich an. Auf ihren Wangen lag unverändert ein leichtes Rot, das sie nur noch schöner machte. Sie legte ihren Kopf schräg und fuhr mir durch die Haare. Stundenlang hätte ich hier mit ihr sitzen und sie anschauen können, aber die Schulklingel ertönte und machte alles zunichte.
„Ich muss leider los“, meinte Holly bedauernd und setzte eine unglückliche Miene auf.
„Ich weiß“, entgegnete ich bitter und beobachtete, wie Holly ihren Rucksack von der Rückbank fischte und den Reißverschluss ihrer Jacke schloss. Danach stiegen wir beide aus. Ich ging zu ihr, während sie den Wagen verriegelte. Als sie sich umdrehte, stand ich direkt vor ihr. Holly lehnte sich an die Wagentür.
„Ich dachte du musst los?“
„Für einen Kuss habe ich immer Zeit, James“, hauchte sie und umfasste meine Taille. Dann gab sie mir einen zärtlichen Kuss.
„Nur für einen?“, fragte ich gespielt enttäuscht.
„Ich fürchte ja.“ Sie löste die Umarmung und wollte schon an mir vorbeihuschen, doch ich fing sie ab.
„Was ist?“
Ohne ihr zu antworten, drängte ich sie zurück ans Auto und küsste sie erneut. Es war noch nicht lange her, da hatte ich ihre Nähe nicht ertragen können; ihre Nähe nicht zulassen wollen, aber jetzt sollte sie nicht gehen und mich alleine lassen.
Nach zwei Minuten zog Holly ihren Kopf zurück und seufzte.
„Ich muss jetzt wirklich gehen, sonst verpasse ich den Unterricht“, meinte sie und sah mich flehend an.
„Das ist mir egal“, sagte ich belanglos und fing an ihren Hals zu küssen. Sofort stieg mir ihr verführerischer Duft in die Nase, der mein Blut in Wallung brachte.
„Das machst du unmissverständlich klar“, lachte sie.
Dennoch legte sie ihre Hände auf meine Brust und drückte mich von sich weg. Ich setzte eine freudlose Miene auf.
„Ich will nicht, dass du gehst“, jammerte ich. Warum ich auf einmal so anhänglich war, konnte ich nicht sagen. Holly schulterte ihren Rucksack, bevor sie sich auf die Zehnspitzen stellte und mir einen Kuss auf die Wange gab.
„Ich würde auch lieber Zeit mit dir verbringen, statt in der Schule zu sitzen, aber ich habe keine andere Wahl. Ich muss gehen.“
Holly schenkte mir ein letztes Mal ihr traumhaftes Lächeln, ehe sie sich abwandte und den Weg zum Schulgebäude einschlug.

Ich zog ein dunkelgraues Hemd an, das ich locker in meine Jeans steckte und dessen Ärmel ich hochkrempelte. Als ich in den Spiegel im Badezimmer schaute, blickten mir leere, trostlose Augen entgegen.
Mit Leichtigkeit konnte man erkennen, dass mich dieser Abend bereits jetzt schon Nerven kostete. Ich massierte mir die Schläfen und atmete tief durch. Lange würde es nicht mehr dauern, bis die ersten Gäste hier auftauchten.
Bei dem Gedanken an ihre Freunde wurde ich wütend und wäre am Liebsten sofort abgehauen, aber ich hatte Holly versprochen an ihrer Geburtstagsparty teilzunehmen. Also schluckte ich meine Wut herunter und versuchte mich zusammenzureißen.
Nach einem letzten Blick in den Spiegel, verließ ich das Badezimmer und ging die Treppe herunter. Unten angekommen bekam ich einen regelrechten Schock. Das komplette Erdgeschoss wurde von Luftballons in den verschiedensten Farben bevölkert. Dazu kam ein knallgelbes Banner mit der Aufschrift Happy Birthday, Holly, das im Wohnzimmer hing.
Es war kaum zu übersehen, dass Holly tatsächlich Geburtstage liebte, so, wie es Olivia gesagt hatte. Die liebevolle und übertriebene Dekoration war ein eindeutiges Zeichen dafür, dass sie sich längere Zeit mit der Planung ihres Geburtstages beschäftigt hatte.
„Na, wie findest du es?“ Holly kam freudestrahlend aus der Küche auf mich zugetänzelt. Sie trug ein kobaltblaues Top, das sie in einen beigefarbenen Bleistiftrock gesteckt hatte, und dazu helle Ballerinas.
„Nicht so hübsch, wie dich“, erwiderte ich. Ihr Lächeln wurde noch ein Stückchen breiter. Ich trat auf sie zu und schlang meine Arme um sie.
„Alles Gute zum Geburtstag, Holly“, flüsterte ich ihr ins Ohr, ehe ich sie liebevoll küsste.
„Danke“, sagte sie atemlos und legte ihre Hände auf meine Oberarme. Einen Augenblick war es totenstill, doch dann…
„Ich freue mich so sehr auf meine Party“, brach es begeistert aus ihr heraus. Aufgeregt sprang sie vor mir auf und ab. Seit ich sie kannte hatte ich sie noch nie so überdreht erlebt.
„Das ist nicht zu übersehen, Holly.“ Ich klang unsicher und überfordert. Für mich war es unvorstellbar, wie man sich dermaßen über seinen Geburtstag freuen konnte.
„Tut mir leid, dass ich mich so aufführe, James“, meinte sie plötzlich kleinlaut. „Du musst mich ja für verrückt halten.“
„Ich hätte durchgeknallt gesagt und nicht verrückt, aber…“ Holly versetzte mir einen halbherzigen Stoß gegen meinen Brustkorb.
„Pass auf, was du sagst“, drohte sie mir mit erhobenem Zeigefinger.
„Jetzt habe ich aber Angst“, witzelte ich.
Spöttisch zog ich eine Augenbraue in die Höhe und beugte mich zu ihr herunter, doch Holly wich lachend zurück.
„Komm wieder her“, forderte ich sie auf, aber sie schüttelte den Kopf. „Willst du dein Geschenk denn nicht haben?“ Verwegen grinste ich, als ich ihre entsetzte Miene sah. Ich wusste, dass ich sie damit locken konnte.
Schneller, als ich gucken konnte, kam sie zu mir geeilt. Ihr Dauergrinsen war zurückgekehrt. Sofort fasste ich in meine Hosentasche, zog eine Schachtel hervor und überreichte sie meiner Freundin. Das Geschenk hatte ich vorgestern besorgt, als sie in der Schule gewesen war.
Holly hielt den Atem an, während sie die rote Schleife entfernte und die Schachtel öffnete. Mit zitternder Hand nahm sie das feine Armband heraus, das aus Platin bestand und mit Brillanten besetzt war.
Augenblicklich wurden ihre Augen groß und die Kinnlade klappte ihr herunter.
„Es…es…ist…ist wunderschön“, stotterte sie. „Aber das ist viel zu viel. Das Armband muss doch ein Vermögen gekostet haben.“ Ich hatte bereits geahnt, dass sie so etwas sagen würde.
„Kannst du dich nicht einfach über mein Geschenk freuen, ohne darüber nachzudenken, wie viel Geld ich ausgegeben habe?“, fragte ich sie ungeniert und nahm ihr die Schachtel ab. Holly seufzte und zog sich das Armband über ihr linkes Handgelenk.
„Ich versuchs“, entgegnete sie und gab mir einen Kuss auf die Wange. Trotz ihres Versprechens fing sie damit an, das funkelnde Schmuckstück argwöhnisch zu beäugen. Ich wollte noch etwas sagen, doch es klingelte an der Tür.
Na toll, wer mag das wohl sein?, dachte ich genervt. Nun war der Zeitpunkt gekommen, auf den ich am Liebsten verzichtet hätte: Hollys Freunde waren da.
Ich spürte, dass dieser Abend in einer Katastrophe enden würde, auch wenn ich Holly das natürlich nicht wünschte.
Während ich wie festgefroren stehen blieb und versuchte mich auf die mir bevorstehenden Anfeindungen ihrer Freunde vorzubereiten, hastete Holly in den Flur und riss die Haustür auf.
Sogleich hörte ich ohrenbetäubendes Gekreische und unzählige Glückwünsche, die ausgesprochen wurde. Ich verdrehte die Augen, bevor ich lustlos zu meiner Freundin schlurfte. Diese wurde gerade von Linda und Vanessa belagert.
„Wo habt ihr denn Zack gelassen? Ich dachte ihr wolltet zusammen hierher kommen?“, fragte Holly verwundert. Ihre Freundinnen guckten sich an.
„Also, Zack kommt etwas später“, meinte Vanessa in einem merkwürdigen Ton.
„Warum?“ Holly klang misstrauisch.
„Das ist egal. Denk nicht weiter darüber nach“, winkte Linda ab und legte einen Arm um Holly. In diesem Moment fiel Lindas Blick das erste Mal auf mich. Blitzschnell verfinsterte sich ihre Miene und purer Hass spiegelte sich in ihre braunen Augen.
„Du bist also auch hier“, keifte sie und sah mich herablassend an. Zornig knurrte ich und baute mich vor ihr auf. Mir war es egal, was Vanessa und Holly jetzt dachte. Ich ließ es nicht auf mir sitzen, dass sie mich anfuhr.
„Wenn du nicht akzeptieren kannst, dass ich hier bin, dann verschwinde oder geh mir diesen Abend einfach aus dem Weg“, blaffte ich sie an. Linda reckte ihr Kinn und lachte mir hämisch ins Gesicht.
„Du machst mir keine Vorschriften, du Mörder“, raunte sie mir so leise zu, dass nur ich ihre Worte verstehen konnte.
Scharf sog ich die Luft ein und fletschte wild die Zähne. Hollys beste Freundin brachte mich zur Weißglut.
„Rede nicht so mit mir.“
„Warum nicht?“
Linda stemmte ihre Hände in die Hüften und machte einen Schritt auf mich zu.
„Weil das respektlos ist“, antwortete ich. Daraufhin verschwand ihr Lächeln, so, als hätte es jemand weggewischt.
„Na und? Ich habe keinen Respekt vor einem Monster, das unschuldige Menschen für ein paar lausige Dollar umgebracht hat.“ Vor Wut bebte ihr ganzer Körper. „Und mich interessiert es nicht, ob du mit dem Töten aufgehört hast oder nicht“, schloss sie an.
„Du…“
„Das reicht jetzt!“ Der Klang von Hollys Stimme holte mich ins Hier und Jetzt zurück. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie sie zu uns herüberkam.
„Habt ihr beide denn völlig den Verstand verloren?“ Aufgebracht sah sie erst ihre Freundin an, bevor ihr Kopf zu mir schnellte.
„Wir sind nicht alleine. Vanessa ist auch hier, schon vergessen?“, fragte sie gereizt. „Dank euch kann ich ihr gleich erklären, warum ihr euch anschnauzt und aufführt wie kleine Kinder.“ Linda öffnete den Mund, doch Holly ließ sie nicht zu Wort kommen.
„Und was auch immer ihr euch an den Kopf geworfen habt, ihr könnt von Glück reden, dass man euch nicht gut verstehen konnte. Was wäre, wenn Vanessa alles gehört hätte? Dann hätten wir noch einen Mitwisser.“
„Dass sie über alles Bescheid weiß, ist nicht meine Schuld.“ Meine Worte bereute ich bereits, noch ehe ich zu Ende gesprochen hatte. Ich gab zu, dass ich sauer auf Holly war, weil sie Linda alles erzählt hatte, aber trotzdem hätte ich dieses Thema nicht ansprechen dürfen. Nicht heute.
„Diese Bemerkung hättest du dir sparen können, James“, meinte Holly enttäuscht, ehe sie sich abwandte und mit Vanessa in der Küche verschwand.
Gewissensbisse machten sich in mir breit, denn ich hatte Holly die Freude auf ihre Party genommen.
„Das hast du ja gut hingekriegt“, meckerte Linda mich von der Seite an. Entnervt stöhnte ich.
„Ach, halt deine Klappe“, zischte ich. Dann ging ich zurück ins Wohnzimmer, ließ mich auf die Couch fallen und versank in Depression.

Zwanzig Minuten später, mir kam es wie zwanzig Sekunden vor, waren Daphne, Cassidy und Zack zur Party gestoßen. Bei Zacks Ankunft hatte sich auch herausgestellt, warum er nicht mit Linda und Vanessa gekommen war. Zu Hollys Überraschung hatten ihre Freunde ihr eine Geburtstagstorte besorgt, die Zack unter Ächzen und Stöhnen ins Haus getragen hatte.
Nun stand diese übertrieben bunte und mit Zucker vollgepumpte Torte auf dem Wohnzimmertisch. Die Torte war zweistöckig und rund. Durch hellblau gefärbten Marzipan und rosane Verzierungen in Form von Schleifen, sah es aus, als seien zwei Geschenke aufeinander gestapelt worden. Weiße und rosane Zuckerkugeln waren auf der Torte verteilt und ganz oben hatten siebzehn weiße Kerzen ihren Platz gefunden.
„Sieht die Torte nicht lecker aus?“ Daphnes hohe Stimme schrillte mir in den Ohren. Tief in Gedanken versunken war mir gar nicht aufgefallen, dass sie sich neben mich gesetzt hatte.
Ich zuckte bloß mit den Achseln und stierte gelangweilt aus dem Fenster.
Daphne durchbohrte mich derweil mit einem undefinierbaren Blick, der mir nicht geheuer war.
„Holly hat mir das Armband gezeigt, das du ihr geschenkt hast“, versuchte sie erneut ein Gespräch mit mir zu beginnen. Ich hatte keine große Lust mich mit ihr zu unterhalten, obwohl sie noch eine von Hollys Freunden war, die mich nicht hasste. Als ich Daphne noch immer keine Antwort gab, was ich von mir selbst ziemlich unhöflich fand, stand sie auf und setzte sich mir gegenüber auf den niedrigen Wohnzimmertisch.
„Kann es sein, dass du dich mit Holly gestritten hast?“ Für mich klang es wie eine Feststellung und nicht wie eine Frage.
„Wie kommst du darauf?“, wollte ich von ihr wissen. Dabei musste ich meine Wut über ihre Neugierde herunterschlucken. Wieso mussten sich ihre Freunde auch immer in alles einmischen?
„Weil ihr, seit ich hier bin, nicht einmal miteinander geredet habt. Ihr haltet euch ja nicht mal im selben Raum auf“, sagte sie bestürzt.
„Müssen wir das etwa?“ Mein Tonfall wurde plumper. Daphne sah mich streng an.
„Nein, aber sie hat heute Geburtstag. Willst du ihr trotzdem die ganze Zeit aus dem Weg gehen?“
„Ich gehe ihr aus dem Weg, weil sie sauer auf mich ist“, gab ich offen zu. Warum wusste ich auch nicht.
„Und das könnte man nicht mit einer einfachen Entschuldigung aus der Welt schaffen?“ Ihr Blick wechselte von streng zu fragend. Ich gab es ungern zu, aber Daphne hatte Recht. Ich sollte mich bei Holly dafür entschuldigen, was ich zu ihr gesagt hatte, statt mich zu verkriechen.
Energisch sprang ich von der Couch und machte mich auf die Suche nach meiner Freundin. Daphnes stolzes Lächeln ignorierte ich gekonnt. Ich ging in den Flur und zum ersten Mal fielen mir die viele Leute auf, die sich im Haus tummelten. Als ich mir einen Weg durch die Menschenmenge bahnte, sah ich in unzählige fremde Gesichter. Laute Rockmusik dröhnte aus den Boxen und in der Luft lag starker Biergeruch. Was war hier nur los? Hatte Holly diese Leute etwa alle eingeladen? Ich runzelte die Stirn.
In der Küche entdeckte ich jemanden, den ich kannte. Es war Vanessa, die sich angeregt mit einem hoch gewachsenen, blonden Jungen unterhielt. Ich kämpfte mich zu den beiden durch. Unterwegs schnappte ich mir eine noch volle Bierflasche und nahm einen großen Schluck.
„Weißt du wo Holly ist?“, fragte ich sie direkt heraus. Mir war es egal, dass ich ihr Gespräch unterbrach.
„Hey, James“, schrie sie, um gegen die Musik anzukommen. „Tolle Party, oder?“ Ihr fröhliches Grinsen reichte von einen Ohr zum Anderen.
„Wo ist Holly?“, wiederholte ich meine Frage. Vanessa schob ihre Schultern nach oben.
„Keine Ahnung, wo sie ist.“ Super, dachte ich frustriert. Ich musste also planlos weitersuchen.
„Wo kommen eigentlich die ganzen Leute her?“
„Das ist wohl meine Schuld“, antwortete der blonde Junge anstelle von Vanessa.
„Und wer bist du?“ Eingehend betrachtete ich ihn. Er sah etwas jünger aus und hatte warme braune Augen, die mir auf unerklärliche Weise bekannt vorkamen.
„Ich bin Eli, Lindas Bruder“, stellte er sich vor. Nun wusste ich, dass seine Augen mich an Linda erinnerten.
„James.“ Ich hielt ihm meine rechte Hand entgegen, die Eli sogleich ergriff.
„Hollys Freund. Ich habe schon viel von dir gehört“, meinte er und belegte mich mit einem vielsagenden Blick. Ich fragte mich, was seine Schwester ihm über mich erzählt hatte.
„Ich hoffe nur Gutes“, scherzte ich und leerte mit einem Mal mein Bier. Über Elis Lippen huschte ein flüchtiges, aber angriffslustiges Lächeln.
„Ich verrate nichts“, erwiderte Eli geheimnisvoll. Es gab keinen Zweifel. Linda hatte schlecht über mich geredet. Und obwohl ich sauer war, zwang ich mich dazu ein freundliches Gesicht zu machen.
„Also…warum bist du Schuld daran, dass das Haus brechend voll ist?“
Mir war klar, dass diese Frage völlig aus dem Zusammenhang gerissen war, doch ich wollte das Thema so schnell und unauffällig, wie möglich, wechseln.
„Nun ja, Holly hat mich zu ihrer Party eingeladen und ich dachte es ist erst eine richtige Party, wenn mehr, als sechs oder sieben Gäste kommen. Darum habe ich ein paar ihrer Mitschülern gesagt, dass sie auch vorbeikommen können“, erklärte er.
„Wie sich jetzt herausstellt war das wohl keine so gute Idee. Die, die ich eingeladen habe müssen wiederum andere eingeladen haben und…“ er schaute sich in der überfüllten Küche um.
„Das ist das Ergebnis.“
„Aha“, brummte ich. „Was hält Holly von dem Ganzen?“ Ich konnte mir kaum vorstellen, dass sie begeistert davon war ihren Geburtstag mit der gesamten Oberstufe zu feiern.
„Das weiß ich nicht. Ich hab sie noch gar nicht gesehen“, gab Eli etwas verlegen zu. Ich verdrehte die Augen.
„Das heißt, dass sie keine Ahnung hat, dass du dieses Chaos verursacht hast?“ Er schüttelte den Kopf.
„Ich werde jetzt weiter nach Holly suchen und wenn ich sie gefunden habe, dann rate ich ihr sich mal mit dir zu unterhalten“, presste ich hervor, bevor ich ihm einen düsteren Blick zuwarf und auf dem Absatz kehrt machte.
Mit den Nerven am Ende ging ich zurück in den Flur, aber nicht, ohne mir ein neues Bier zu nehmen.
Die Musik und das Stimmengewirr um mich herum waren ohrenbetäubend. Aufmerksam suchte ich weiter nach meiner Freundin. Bis jetzt hatte ich jedoch keinen Erfolg gehabt. Ich war im Obergeschoss gewesen, aber auch da hatte ich sie nicht gefunden. Wo war Holly nur? Hielt sie sich überhaupt im Haus auf?
Dieser Gedanke brachte mich auf eine Idee. Ohne Umschweife eilte ich schnurstracks in den Garten. Dort entdeckte ich sie endlich. Heftig gestikulierend unterhielt sie sich gerade mit Linda, während sie hin und her lief.
„…was soll ich denn machen?“ Je näher ich den beiden kam, desto besser war Hollys panische Stimme zu verstehen.
„Irgendwie kriegen wir das wieder hin, Holly“, versuchte Linda sie zu beruhigen. Schrill und hysterisch lachte Holly auf.
„Ist alles in Ordnung bei euch?“, rief ich ihnen zu. Die Freundinnen drehten sich zu mir um.
„Nein, es ist nichts in Ordnung“, kreischte Holly mit hochroten Wangen. Ich überwand die letzten Meter, die uns trennten und packte Holly an den Schultern.
„Hol tief Luft und beruhige dich.“
„Ich soll mich beruhigen, James? Wie soll ich mich denn beruhigen, wenn das Haus voller Leute ist, die ich nicht eingeladen habe?“ Darauf wusste ich keine Antwort.
„Jamie und Olivia werden ausflippen, wenn sie das sehen“, brach es verzweifelt aus ihr heraus. Mir tat es leid, dass für Holly ihr eigener Geburtstag eine heillose Katastrophe war. Dabei hatte sie sich so sehr auf die Party gefreut.
„Die Beiden werden mich umbringen.“ Holly ließ einen langgezogenen Seufzer hören.
„So schlimm wird es schon nicht werden“, meinte Linda und lächelte Holly aufmunternd an. Verärgert schnaubte ich.
„Das musst du ja sagen, wenn dein Bruder an allem Schuld ich“, schnauzte ich Linda an. Dieser klappte die Kinnlade herunter.
„Was hast du da gesagt?“ Fassungslos starrte sie mich an.
„Ich glaube, du hast mich verstanden“, knurrte ich und achtete nicht auf Hollys entsetzte Miene.
„Du bist ein Lügner. Wie kannst du…“
„Ich lüge nicht“, fiel ich Linda ins Wort. „Er hat es mir selbst erzählt.“
„Das glaube ich dir nicht.“
„Dann frag doch deinen lieben kleinen Bruder“, blaffte ich sie an.
Daraufhin hatte sie wohl keine Lust weiter mit mir zu diskutieren, denn sie wandte sich ab und ging wortlos und wutentbrannt zurück ins Haus.
„Musste das sein, James?“, jammerte Holly und legte erschöpft ihre Stirn gegen meine Brust. Ich umarmte sie und küsste sie auf den Kopf.
Problemlos merkte ich, dass der Ärger mit den Partygästen und der Streit zwischen Linda und mir ihr die letzten Kräfte raubten.
„Ja, dass musste sein, schließlich hast du das alles Eli zu verdanken.“ Zu meiner Verwunderung, lächelte Holly zaghaft.
„Zumindest weiß ich jetzt, von wem meine Mitschüler von der Party erfahren haben.“
„Bist du gar nicht sauer?“
„Natürlich, aber ich habe mich in den letzten Minuten schon genug aufgeregt. Es nützt nichts mich in meine Panik hineinzusteigern. Ändern lässt sich meine Situation sowieso nicht“, sagte sie beinahe gleichgültig.
„Warum? Du könntest alle rausschmeißen“, schlug ich vor.
„Daran habe ich auch schon gedacht, aber ich habe keine Lust meine Mitschüler unter lautem Gebrüll aus dem Haus zu werfen.“ Holly hob ihren Kopf und schaute mir tief in die Augen. Sie hatte resigniert.
„Vielleicht ist es ganz gut, dass nicht nur meine Freunde hier sind. Dann musst du dich nicht mit ihnen streiten, sondern kannst ihnen getrost aus dem Weg gehen.“ Ihr Ton war vorwurfsvoll und traurig zugleich. Ich entschied mich nicht weiter auf das Thema einzugehen.
Nach einigen Minuten, in denen wir nicht miteinander gesprochen hatten, nahm Holly auf einmal meine Hand und grinste.
„Lass uns tanzen gehen, James. Ich habe heute Geburtstag. Ich will Spaß haben und nicht weiter darüber nachdenken, was passiert, wenn Jamie und Olivia zurückkommen“, sagte sie energisch und zog mich hinter sich her.
Wir durchquerten den Garten und betraten das überfüllte Haus.
Ich wusste nicht, was ich von ihrem plötzlichen Sinneswandel halten sollte. Sollte ich mir eher Sorgen machen oder mich lieber darüber freuen, dass Holly endlich glücklich zu sein schien?
Viel Zeit zum Nachdenken blieb mir jedoch nicht, denn Holly bugsierte mich ins Wohnzimmer und fing an zu tanzen. Ihre langen schwarzen Haare wirbelten durch die Luft, als sie ihren Körper im Takt der schnellen Musik bewegte. Wie hypnotisiert starrte ich meine Freundin an. Sie war einfach wunderschön.
„Du musst schon mittanzen, James. Sich drücken gilt nicht“, äußerte sie vergnügt und nahm meine Hände.
„Ich drücke mich nicht“, meinte ich belustigt, bevor ich mit meiner Freundin tanzte. Als ich sie um ihre eigene Achse drehte, strahlte sie über das ganze Gesicht. Ich legte meine Arme um ihre Taille und presste sie an mich.
„Du bist ein wirklich guter Tänzer“, flüsterte sie mir zu.
„Danke“, entgegnete ich und strich ihr zärtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Dann küsste ich sie stürmisch, während wir so eng miteinander tanzten, dass ich jede kleinste Bewegung von Holly, vor allem die ihrer Hüften, spüren konnte.
Mein aufkommendes Verlangen kam überraschend und traf mich wie ein Schlag. In meinen Adern rauschte das Blut und mein Herz raste. Ich ließ meine Hände über ihren Rücken, bis zu ihrem Hintern wandern. Gleichzeitig unterbrach ich den Kuss, aber nur, um meine Zunge ihren Hals entlang gleiten zu lassen. Holly atmete schwer und ich fühlte, wie ihre Haut allmählich heißer wurde.
„Dir ist doch hoffentlich klar, dass wir nicht alleine sind“, merkte sie an, vermutlich aus Angst, dass ich noch weitergehen könnte.
„Das kann man ändern, Holly“, hauchte ich und grinste verwegen.
„Ein eindeutiges Angebot, James.“ Holly schlang ihre Arme um meinen Nacken und küsste mich aufs Kinn. Ihr unvergleichlicher Duft verklärte mir die Sinne.
„Nimmst du es an?“ Zu meiner Überraschung schüttelte sie den Kopf.
„Warum nicht?“, fragte ich entsetzter, als beabsichtigt. Holly wirkte irritiert.
„Weil das Haus voller Gäste ist“, erklärte sie mir. Sie nahm mein Gesicht in ihre Hände und sah mich entschuldigend an.
„Später, okay?“ Meine Mundwinkel wanderten nach unten.
Der Gedanke, dass meine Begierde nicht gestillt werden würde, gefiel mir nicht, aber Holly wollte nicht und dass musste ich akzeptieren.
„Okay“, kam es dennoch mühevoll über meine Lippen. Sie schenkte mir ein ermutigendes Lächeln.
Danach tanzten wir weiter. Diesmal aber mit einer beträchtlichen Distanz zwischen uns.

An einen Türrahmen gelehnt, beobachtete ich Holly. Vor zehn Minuten hatte ich sie alleine gelassen, um mir etwas zu trinken zu holen. Seitdem stand ich hier und sah ihr dabei zu, wie sie wild mit Zack und Daphne tanzte und feierte. Tatsächlich schienen ihre Sorgen wegen der vielen Gäste vergessen zu sein.
„Holly hat wohl viel Spaß.“ Eli tauchte aus der Menge auf und stellte sich neben mich. Ich sagte nichts. Stattdessen genehmigte ich mir einen Schluck aus meiner Flasche. Ich war bereits bei meinem siebten Bier angelangt.
„Dass überrascht mich, weil meine Schwester mir eben die Hölle heiß gemacht hat, weil ich Holly in Schwierigkeiten gebracht habe. Sie meinte ich wäre der Grund, warum sie durchdreht.“ Von der Seite her studierte er aufmerksam meine Miene.
„Jetzt muss ich feststellen, dass meine Schwester völlig übertrieben hat“, brach es erleichtert aus ihm heraus.
„Wieso redest du mit mir? Gibt es niemand Anderen, den du vollquatschen kannst?“, raunte ich, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Eli schnaubte.
„Für wen hälst du dich eigentlich?“ Sein streitsüchtiger Unterton beeindruckte mich in keinster Weise. Gelangweilt wandte ich mich an Lindas Bruder.
„Ich halte mich für Jemanden, der erwachsen genug ist, um sich nicht mit einem Kind zu unterhalten.“ Wütend schob er die Augenbrauen zusammen.
„Du bist ein Mistkerl, wie meine Schwester gesagt hat.“ Bei diesem Kommentar konnte ich mir ein hämischen Grinsen beim besten Willen nicht verkneifen.
„Wie niedlich, der kleine Bruder hört auf seine große Schwester“, tadelte ich ihn.
„Pass auf, was du sagst“, giftete er zurück und ballte seine Hände zu Fäusten. Normalerweise war ich sofort auf 180, wenn jemand es wagte, so mit mir zu reden, doch Lindas halbwüchsiger Bruder amüsierte mich. Deshalb wurde mein Grinsen nur noch breiter.  
„Hör auf über mich zu lachen.“
„Und was, wenn nicht?“, fragte ich provokant und stellte mich vor ihn. Ich meinte einen Funken Panik in seinen braunen Augen zu erkennen.
„Dann…dann…“, stammelte er überfordert und bekam keinen vernünftigen Satz zu Stande.
„Ich sag dir mal was, Eli.“ Beinahe freundschaftlich legte ich ihm eine Hand auf die linke Schulter.
„Wenn deine Schwester dir so viel über mich erzählt hat, dann weißt du sicherlich, dass du gut daran tun würdest deine Klappe zu halten und mich in Ruhe zu lassen.“
„Was geht denn hier vor?“ Lindas zornige Stimme bebte über mich hinweg. Die hat mir gerade noch gefehlt.
„Gar nichts. Dein Bruder und ich führen nur eine nette Unterhaltung“, sagte ich unschuldig und zog meine Hand zurück. Linda warf mir einen Blick zu, der mir sagte, dass sie mir kein Wort glaubte.
„Das sieht aber nicht so aus“, fauchte sie mich an. Solch eine Reaktion hatte ich von ihr erwartet. Sie hasste mich und hielt mich nicht gut genug für Holly. In mir sah sie bloß einen aggressiven und gefährlichen Killer.
„Ich habe deinem Bruder nichts getan, also reg dich wieder ab, Linda“,  stöhnte ich und fuhr mir durch die Haare.
„Ja, aber nur weil ich dazu gekommen bin. Wer weiß, was du mit ihm gemacht hättest, wenn…“
„Bla, bla, bla“, unterbrach ich sie. „Ich kann mir deine ewige Leier über mich als Bösewicht nicht mehr anhören.“ Sie zuckte mit den Achseln.
„Mir ist das egal. Ich mache so lange weiter, bis du endlich aus Hollys Leben verschwindest.“
„Das schaffst du nicht. Nichts wird mich von Holly fernhalten. Vor allem keine durchgeknallte Freundin“, meinte ich gehässig.
Darauf kam Linda ganz nah an mich heran. Eli schaute sich die Szene währenddessen mit versteinerter Miene an. Lange würde er es nicht mehr zulassen, dass ich so respektlos mit seiner Schwester sprach.
„Ich weiß, dass du dich sicher fühlst, weil Holly dich liebt. Keine Ahnung welcher Gehirnwäsche du sie unterzogen hast, aber ich werde dafür sorgen, dass meine Freundin sich von dir trennt. Mit allen Mitteln“, zischte sie.
„Ich habe sie keiner Gehirnwäsche unterzogen“, verteidigte ich mich. Langsam ging sie zu weit.
„Wir beide wissen, dass du deine Tricks hast, um ihr den Kopf zu verdrehen.“ Sie sprach immer lauter.
„Rede gefälligst leiser.“ Als ich sie grob an den Oberarmen packte, griff ihr Bruder ein.
„Lass sie los“, raunte er und baute sich vor mir auf.
„Nein.“
„Sofort oder du wirst es bereuen.“ Böse funkelte ich ihn an.
„Droh mir lieber nicht. Du weißt nicht, mit wem du dich anlegst“, entgegnete ich aufgebracht.
Er sollte sich gefälligst raushalten. Auch Linda schien es nicht zu gefallen, dass ihr Bruder sich in den Streit einmischte.
„Keine Sorge, Eli. Ich komme schon zurecht.“ Ihr durchdringender Blick veranlasste ihn dazu sich zurückzuziehen, auch wenn es etwas widerwillig war.
„Reicht es dir nicht Holly zu terrorisieren? Musst du jetzt auch noch meinen kleinen Bruder bedrohen?“
„Treib es nicht zu weit, Linda.“
„Das tue ich sicher nicht. Holly mag zwar glauben, dass du dich geändert hast, aber für mich wirst du immer ein hinterhältiger und feiger Mörder sein, der Schuld am Tod ihrer Eltern hat“, flüsterte sie mir zu. „Wegen dir lebt sie in der ständigen Angst getötet zu werden.“
„Ich lasse es nicht zu, dass sie getötet wird.“
„Ach, sei still! Du hast doch ihr Leid in den letzten Monaten heraufbeschworen. Du hast sie in Gefahr gebracht.“
„Das ist mir bewusst“, gab ich zu. „Deshalb beschütze ich sie.“
„Und wer beschützt sie vor dir?“
Augenblicklich blieb mir die Luft weg und die Wut, die in mir hochgekocht war, verrauchte. Lindas Frage brachte mich völlig aus dem Konzept. Für sie war ich der Feind, der für Holly genauso gefährlich war, wie meine Ex-Kollegen. Der Feind, den man bekämpfen musste.
„Du gehörst hier nicht hin, James“, sagte sie kalt, ehe sie sich aus meinem Griff befreite und mit ihrem Bruder verschwand.

Gedankenverloren streifte ich durchs Haus. Die Auseinandersetzung mit Linda machte mir schwer zu schaffen. Ihre Vorwürfe erinnerten mich schmerzlichst an den Tag, an dem ich Holly angegriffen hatte. Mir war klar, dass ich unverzeihliche Fehler begangen und das Leben meiner Freundin zerstört hatte, aber verlassen würde ich sie niemals. Dafür liebte ich sie viel zu sehr.
Aber war das nicht egoistisch? Stellte ich wirklich mein eigenes Glück über das Glück und die Sicherheit meiner Freundin? War es mir wichtiger die Beziehung zu Holly aufrechtzuerhalten, als ihr ein normales Leben zu ermöglichen?
Diese und tausend andere Fragen hämmerten gegen meinen Schädel. Ich brauchte Zeit zum Nachdenken. Ich musste allein sein. Wie zur Bestätigung nickte ich und stellte das Bier, das ich in der Hand hielt, zur Seite.
Dann steuerte ich die Treppe an und erklomm die Stufen. Oben angekommen war mir leicht schwindelig. Mein Bierkonsum zeigte seine ersten Nebenwirkungen.
„Verdammt“, fluchte ich und wanderte durch den Flur. Hier war deutlich weniger los, als unten.
Ich entdeckte drei athletische Jungs, die sich lautstark unterhielten und Sportjacken trugen. Vermutlich waren sie Footballspieler. Ich ging weiter und sah gleich neben Hollys Zimmertür ein knutschendes Pärchen.
Klasse, dachte ich niedergeschlagen.
Keiner der Beiden schaute auf, als ich den Türknauf drehte und das Zimmer betrat. Da kein Licht brannte, fielen mir die anwesenden Personen erst auf den zweiten Blick auf. Eine von ihnen erkannte ich sofort als Holly. Die Andere war etwas größer und hatte kurze Haare. Sie schienen nicht mitbekommen zu haben, dass ich eingetreten war.
„Vielleicht sollten wir wieder runtergehen, Cassidy“, ertönte Hollys unsichere, leicht zittrige Stimme.
„Warum? Wir haben doch noch gar nicht miteinander geredet“, warf er ein und machte einen Schritt auf sie zu. Unvorstellbarer Zorn überwältigte mich. Dieser Bastard sollte sich von meiner Freundin fernhalten.
„Du hast mir eine Unterhaltung versprochen“, erinnerte er sie schüchtern. Ich vernahm ein Seufzen.
„Das habe ich nicht vergessen, aber…aber ich bin mir nicht mehr sicher, ob das eine gute Idee war“, druckste Holly herum.
„Du machst dir Gedanken wegen James, oder?“ Als ich meinen Namen aus seinem Mund hörte, fing mein Körper an zu beben.
„Möglich“, nuschelte sie.
„Hab kein schlechtes Gewissen, weil du jetzt hier bist. Mit mir.“ Die letzten zwei Worte hatte er besonders betont. Ich fletschte die Zähne.
„Ich hab kein schlechtes Gewissen“, murmelte sie. Auch ohne ihr Gesicht sehen zu können, wusste ich, dass sie gerade rot anlief.
„Also…worüber wolltest du mit mir reden?“ Cassidy räusperte sich übertrieben lange, ehe er antwortete.
„Über dich und mich“, sagte er wie selbstverständlich. Mein Hass gegen ihn überstieg in diesem Moment einen kritischen Pegel.
„Cassidy, ich…“
„Hör mir bitte zu, Holly“, flehte er und legte seine Hände in ihre.
Ich konnte nicht sagen, was schlimmer für mich war: dass Cassidy die Dreistigkeit besaß meine Freundin anzufassen oder dass Holly es zuließ.
„Ich habe dich sehr gern“, gab er zu. Dieses Geständnis musste ihn viel Überwindung gekostet haben.
„Gib mir eine Chance und lern mich kennen.“ Egal, wie gerne ich ihm jetzt an die Gurgel gesprungen wäre, ich hielt mich zurück, denn ich wollte hören, was Holly dazu zu sagen hatte.
„Ich mag dich auch, aber als Freund“, erklärte sie ihm nachdrücklich. „Ich bin vergeben, Cassidy.“
„Das weiß ich“, presste er angestrengt hervor, so, als bereite ihm diese Tatsache körperliche Schmerzen.
„Aber hälst du James für den Richtigen? Bist du wirklich glücklich mit ihm?“, fragte er Holly ungeniert. Mir stockte der Atem.
„Ich bin glücklich.“ Hollys Stimme war eben noch leicht ängstlich gewesen. Jetzt klang sie empört.
„Wie kommst du dazu mir solche Fragen zu stellen, Cassidy?“ Hektisch zog sie ihre Hände weg und verschränkte ihre Arme vor der Brust.
„Tut mir ja leid, aber ich traue James eben nicht. Er ist gefährlich, Holly. Der Kerl ist nicht ganz dicht“, sagte er todernst. „Du hast doch gesehen, wie er im Kino auf mich losgegangen ist. Und das war leider nicht das einzige Mal, dass er mich bedroht und angegriffen hat.“ Arglistig versuchte Cassidy meine Freundin gegen mich aufzuhetzen. Dass würde dieses hinterhältige Arschloch noch bereuen.
„Ich habe Angst um dich, Holly. Ich will nicht, dass er dir wehtut“, klagte er besorgt. Derweil schäumte ich vor Wut. Gewissenlos zog er alle Register, um Holly davon zu überzeugen, dass er die bessere Wahl; dass er der bessere Freund für sie war.
Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass seine Worte ihre Wirkung bei Holly nicht zu verfehlen schienen. Statt mich und unsere Beziehung zu verteidigen, senkte sie den Kopf und blieb stumm. Ich wusste nicht, was ich von ihrer Reaktion halten sollte. Ich…
Meine Aufmerksamkeit wurde plötzlich auf Cassidy gelenkt, als dieser sich Holly näherte. Behutsam legte er eine Hand unter ihr Kinn und hob es an. Meine Freundin sah zu ihm hoch.
„Ich bin anders, als James.“ Zaghaft berührte er sie an der linken Wange. Holly fing an zu zittern. Nun, da er sie verunsichert hatte, nutzte Cassidy seine Chance.
„Ich werde nicht bei jeder Kleinigkeit aggressiv oder schreie herum. Es gibt keine Drohungen. Es gibt keine Schlägereien mit deinen Freunden.“ Cassidy nahm zärtlich ihr Gesicht in seine Hände.
„Bei mir bist du sicher, Holly“, hauchte er. Und dann geschah etwas, was ich nie für möglich gehalten hätte: sie küssten sich.
Ein flammender, überwältigender Schmerz breitete sich rasendschnell in mir aus und zwang mich sprichwörtlich in die Knie. Nein. Nein. Nein, dass kann nicht sein.
Ihr Kuss musste einfach eine herzzerreißende und quälende Halluzination sein, denn dieses Bild war falsch und konnte nicht stimmen. Holly und Cassidy, die sich küssten? Niemals.
Wie verrückt blinzelte ich, in der Hoffnung, dass ich dann etwas anderes vor mir sähe, doch es veränderte sich nichts. Träumte ich oder war das hier die Realität?
Jäh wurden meine Gedanken unterbrochen, als Holly Cassidy sanft, aber bestimmend, von sich wegstieß. Diese Geste rüttelte mich wach und ließ mich wieder klar denken. In Sekundenschnelle brach der Widerstand gegen mein Verlangen zu Töten, den ich in den vergangenen Monaten mit ungemeiner Anstrengung aufgebaut hatte, wie eine Mauer zusammen. Der Teil, der unentwegt nach Blut geschrien und den ich weggesperrt hatte, befreite sich und ergriff von mir Besitz.
Tobend rannte ich auf Cassidy zu. Wie aus dem Nichts schoss ich hervor und stürzte mich auf ihn. Hollys erschrockener Aufschrei, als ich ihr Gegenüber zu Boden riss, klingelte mir in den Ohren. Gnadenlos und brutal schlug ich zu. Immer und immer wieder rammte ich meine Fäuste wie im Wahn in seinen Körper.
Das Gefühl der Macht; das Gefühl der Überlegenheit überwältigte mich. Durch mein Blut rauschte das Adrenalin und verlieh mir unvorstellbare Kräfte. Es war wie damals. Ich hatte für Holly; für mein neues Leben gegen meine Sucht angekämpft, aber nun war ich rückfällig geworden. Ich hatte nicht weiter Stand halten können.
Gehässig grinste ich, während sich Cassidy unter mir wand und alles versuchte, um mir zu entkommen. Plötzlich ging das Licht an und ich wurde geblendet.
„JAMES, HÖR AUF“, brüllte Holly panisch.
Dadurch wurde ich für einen Moment abgelenkt. Neben dem Hass verspürte ich etwas, das mich kurz innehalten ließ. Was war das nur? Was hatte sie mit mir gemacht? Wie…
Ein heftiger Stoß traf mich am Brustkorb und katapultierte mich nach hinten. Zornig knurrte ich, als ich sah, wie Cassidy sich aufrappelte. Das war bloß Hollys Schuld. Mit ihrem Ausruf hatte sie mich irritiert und durcheinandergebracht, sonst wäre mir Cassidy niemals entwischt; sonst wäre mir dieser Fehler niemals unterlaufen.  
Wutentbrannt sprang ich auf und stürmte auf ihn zu, doch ehe ich ihn erreichte und erneut auf ihn einschlagen konnte, kam Holly mir in die Quere, indem sie sich zwischen uns beide stellte.
Stark musste ich abbremsen, damit ich nicht in meine Freundin hineinlief.
„Was soll das?“, sprudelte es aus mir heraus.
„Ich will nicht, dass du dich mit Cassidy prügelst.“
„Warum nicht? Ich habe wohl das gute Recht mich mit ihm zu prügeln, nach allem, was er über mich gesagt hat.“ Meine Augen schnellten zu Cassidy. Über seiner rechten Augenbraue hatte er eine Platzwunde und das Blut, das aus seiner Nase kam, tropfte auf sein Hemd.
Das war nicht genug. Er sollte noch mehr leiden. Ich biss die Zähne aufeinander und wollte mich an Holly vorbeidrängen, aber sie legte ihre Hände auf meine Brust und stieß mich weg. Weg von ihr und Cassidy.
„Was…“
„Wie lange bist du schon hier, James?“, wollte Holly von mir wissen. Sie klang nervös.
„Lange genug, glaub mir“, raunte ich. Damit war für mich die Unterhaltung beendet. Es gab jetzt Wichtigeres, als mich mit ihr auseinanderzusetzen, nämlich Cassidy für seine Worte und den Kuss zu bestrafen.
„Ich weiß, dass du aufgebracht bist, aber…“
„Aufgebracht?!!! Ich bin stinksauer.“
Ich trat auf Holly zu und schaute finster auf sie herab. Hart musste sie schlucken.
„Cassidy hat dich geküsst und du…“ Ich ballte meine Hände zu Fäusten und bohrte meine Fingernägel in meine Haut.
„…hast es zugelassen.“ Mein Tonfall war bitter. Holly entging meine Enttäuschung nicht, denn sie sah schuldbewusst aus. Mit ihren azurblauen Augen durchbohrte sie mich, was für mich kaum zu ertragen war.
„Also verschwinde jetzt, damit ich dem Typ, der meine Freundin geküsst hat, aufs Maul hauen kann“, knurrte ich und schaute Cassidy hasserfüllt an.
„Rede nicht so mit ihr“, wies er mich derb zurecht.
„Halt dich da raus! Du hast mir gar nichts zu sagen.“
Anklagend zeigte ich auf Cassidy.
„Holly ist meine Freundin und nicht deine, falls du dass in deiner Verliebtheit vergessen haben solltest“, presste ich angestrengt hervor.
„Ich habe es nicht vergessen, aber Holly braucht einen Freund, der weiß, wie man eine Frau behandelt und du hast keine Ahnung davon“, warf er mir vor. „Du hast sie nicht verdient und ich bereue es nicht, sie geküsst zu haben.“
Nach diesem Ausspruch brannten bei mir die Sicherungen durch.
„Ich breche dir jeden Knochen und reiße dir deine Eingeweide raus“, spuckte ich ihm förmlich entgegen. Mein Denken wurde nur noch von Rache und Wut beherrscht. Seit Langem war ich nicht mehr so verärgert und zornig gewesen.
Ein weiteres Mal schritt ich auf Cassidy zu, doch schon wieder hielt mich Holly zurück. Mir reichte es endgültig.
„GEH MIR AUS DEM WEG, HOLLY!“, schrie ich und schubste sie mit gewaltiger Kraft zur Seite auf ihr Bett. Nun stand mir niemand mehr im Weg, der mich aufhalten würde. Cassidys angstverzerrtem Gesicht nach zu urteilen, wusste er das genauso gut, wie ich. Ein süffisantes Grinsen umspielte meine Lippen.
„Jetzt bist du fällig, Cassidy.“ Mein Grinsen verschwand so schnell, wie es gekommen war.
Ich preschte auf ihn zu, packte ihn am Kragen seines Hemdes und beförderte ihn gegen die nächste Wand. Cassidy keuchte.
Ich legte meine rechte Hand um seinen Hals und schob ihn so weit nach oben, bis seine Füße keinen Bodenkontakt mehr hatten.
Seine Augen wurden groß und zeigten Angst. Todesangst. Laut wimmerte und würgte er, während ihm die Luft ausging.
Genugtuung und Schadenfreude erfüllten mich. Den Anblick eines wehrlosen Opfers hatte ich vermisst. Ich hatte mich danach gesehnt einen Menschen zu verletzen. Das war…
„JAMES!!!“ Aus den Augenwinkeln sah ich Holly, die leichenblass war. Ihre Augen waren gerötet und ihre Wimperntusche verlaufen.
„Lass ihn runter. Du bringst ihn noch um.“ Sie umklammerte meinen rechten Arm und zerrte an ihm herum.
„Na und?“, zischte ich erbarmungslos.
In meinem Herzen gab es keinen Platz für Mitleid oder Gnade. Es war infiziert durch Hass und Rachegelüste.
„Das kann unmöglich dein Ernst sein.“ Ihr Gerede ging mir gehörig auf die Nerven. Wieso konnte sie nicht einfach still sein?
„VERSCHWINDE.“
Und tatsächlich, ich konnte es kaum glauben, drehte sie sich auf einmal um und verschwand aus meinem Sichtfeld. Wenig später hörte ich, wie die Tür zugeschlagen wurde.
Dieses Geräusch veranlasste mich dazu Cassidy loszulassen. Ungebremst krachte dieser auf den Boden. Röchelnd und hustend fasste er sich an den Hals. Was für ein Schwächling, dachte ich.
„Steh auf“, befahl ich und trat ihm in den Magen. Es folgte ein gellender Schrei.
„Komm schon, Cassidy. Wehr dich“, stachelte ich ihn an. Geduldig wartete ich, bis er genügend Luft geholt hatte und aufgestanden war. Er musste sich an der Wand abstützen.
„Ich schlage mich nicht mit dir. Ich bin vernünftig und nicht geisteskrank, wie du“, meinte er. Sofort hatte er meine Faust im Gesicht. Blut spritzte mir entgegen.
„Kämpf mit mir.“ Er sollte sich endlich verteidigen. Ich brauchte eine Herausforderung.
„Nein.“ Er schüttelte den Kopf.
„Du machst dich an meine Freundin ran und nun willst du dafür nicht einmal grade stehen, du Feigling?“ Ich schlug nach ihm, doch diesmal wich er mir aus.
„Man kann das auch anders regeln“, sagte Cassidy und hob beschwichtigend die Hände. Hysterisch lachte ich.
„Und wie? Sollen wir uns zusammensetzen und darüber diskutieren, wer besser für Holly ist und wer nicht?“, spottete ich. Darauf wusste er nichts mehr zu sagen.
„Holly gehört zu mir, ist das klar?“ Ich machte einen Schritt auf ihn zu. Cassidy presste die Lippen aufeinander und reckte sein Kinn.
„Das werden wir noch sehen.“

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