Gefangen in der Dunkelheit

Es war bereits Nacht, als ich mein Bewusstsein wiedererlangte. Ich lag mit dem Rücken auf dem nassen, kalten Badezimmerboden und starrte aus dem einzigen Fenster, das eine komplette Wand einnahm. Draußen war nichts zu sehen, außer endloser Schwärze.
Scheiße, wegen meines Ohnmachtsanfalls waren mir wertvolle Stunden verloren gegangen. Dabei durfte ich keine Zeit mehr verlieren. Jetzt musste alles ganz schnell gehen.
Jetzt mussten meine verbliebenen Ex-Kollegen dran glauben, aber vorher würde mein Weg mich zu Jericho führen.
Noch heute, denn sein Tod war mein höchstes Ziel und durfte nicht mehr warten. Außerdem wollte er mich sowieso noch einmal sehen, so würde ich ihm jede weitere Arbeit ersparen.
Also machte ich einen tiefen Atemzug, ehe ich mich in die Höhe stemmte. Zu meiner Erleichterung hatten meine Schmerzen stark abgenommen. So konnte ich beinahe problemlos aufstehen und das Bad verlassen. Ophelias Leiche würdigte ich keines Blickes.
Im ganzen Haus war es stockfinster und totenstill. In der Luft lag ein Gemisch aus verführerischem Blumenduft, der von weißen Orchideen, Ophelias Lieblingsblumen, verströmt wurde, und penetrantem Nikotingestank.
Mir schwirrte der Kopf. Als ich die lange Treppe herunterstieg, musste ich mich am Geländer festklammern.
Ich musste unbedingt hier raus. Dieses Haus strahlte eine unvorstellbar starke und zerstörerische Kraft aus, die ihre Wirkung auf mich nicht verfehlte. Diese Kraft schwächte meinen Körper und hämmerte sich in meinen Verstand, um Unheil anzurichten; um mich zu vernichten.
Zusätzlich angespornt durch die Panik, hier zugrunde zu gehen, hastete ich so schnell ich konnte durch den schier endlos langen Flur, der zur Eingangshalle führte.
Dort angekommen steuerte ich direkt den Ausgang an, denn mittlerweile schlug mir das Herz bis zum Hals und mein Schädel dröhnte. Je länger ich hier war, desto schlechter ging es mir. Ich musste mich beeilen.
Als ich aus dem Haus in die klare Nacht trat, fühlte ich mich befreit. Mit einem Mal war das bedrückende, seelenzerfressende Gefühl von mir abgefallen und ich realisierte, dass ich in den nächsten Stunden das Blatt wenden konnte.
Ich hatte die Chance, die ganze Sache endgültig zu beenden und alles zu verändern. Holly und ich könnten endlich ein normales Leben führen. Ein Leben ohne wahnsinnige Killer. Ein Leben ohne Angst.

Das hohe, alte Gebäude ragte in den Himmel und verschmolz mit der Dunkelheit. Nur ein einziges, beleuchtetes Fenster im neunten Stock erweckte den Eindruck von Leben. Wie immer war Jericho noch in seinem Büro und kümmerte sich um neue Aufträge. Geldgieriger Mistkerl.
Schlagartig bäumte sich eine Welle puren Hasses in mir auf und überwältigte mich. Vor Wut und Abscheu fing ich an zu zittern.
Die Gedanken an Jericho und an die ganzen Jahre, in denen ich für ihn die Drecksarbeit erledigt und unzählige Menschen eiskalt umgebracht hatte, überwältigten mich.
Er hatte mich bloß benutzt. Für ihn war ich ein Lakai gewesen, der ihm unter Einsatz seines eigenen Lebens eine Menge Kohle eingebracht hatte, während er faul auf seinem Arsch gesessen hatte.
In mir brodelte es. Das mir bekannte, wohlige Kribbeln befiel meine Hände und zeigte mir, dass ich bereit war; dass es an der Zeit war diesen Bastard in die Hölle zu schicken.
Entschlossen nickte ich, bevor ich über die verlassene Straße lief, die mich in Endzeitstimmung versetzte. Ich hatte das Gefühl einer der letzten Menschen auf der Welt zu sein.
Konzentrier dich, James. Lass dich nicht ablenken. Du schaffst das, sprach ich mir selbst Mut zu, als ich die Eingangstür kraftvoll aufstieß, zu den Aufzügen ging und auf den Knopf drückte. Lange brauchte ich nicht zu warten.
Keine Minute später glitten die Metalltüren eines Aufzuges auf und ich betrat die Kabine. Als die Fahrt nach oben begann, wusste ich, dass es jetzt kein Zurück mehr gab.
Augenblicklich dachte ich darüber nach, was passieren würde, wenn ich in Jerichos Büro hereinplatzte.
Was würde er tun? Wäre er froh, dass ich endlich bei ihm auftauchte? Würde er glauben, dass ich es mir anders überlegt und seinen Deal nun doch angenommen hatte? Würde möglicherweise einer meiner Ex-Kollegen anwesend sein?
Diese und tausend andere Fragen schossen mir durch den Kopf, doch letztlich konnte ich mich nicht darauf vorbereiten; mir nicht sicher sein, was mich in wenigen Minuten erwartete.
Sechster Stock. Die unablässig flackernde Lampe über mir ging mir auf die Nerven. Ich riskierte einen Blick in den Spiegel, der die Kabine ringsum auskleidete.
Ich sah furchtbar aus. Durch das kalte, elektrische Licht wirkte meine Haut leichenblass und meine Augen glasig. Unter meiner geschwollenen Nase klebte eingetrocknetes Blut und meine Haare standen in alle Himmelsrichtungen ab. Mit Abstand das Schlimmste waren jedoch meine Handgelenke, die sich unverändert taub anfühlten. Meine Gesundheit war nicht einmal ansatzweise wiederhergestellt und doch steuerte ich gleich dem nächsten Kampf entgegen.
Schwer atmend stützte ich mich mit beiden Händen an einer Wand ab und ordnete erstmal meine Gedanken. Ich musste einen klaren Kopf behalten und wieder zu Kräften kommen, bevor ich aus diesem Aufzug stieg und mein Leben ein weiteres Mal in Gefahr brachte.
Ich genoss den kurzen Moment der Ruhe, bevor ich Jericho gegenübertrat. Für fünf Sekunden schloss ich die Augen. Dann starrte ich wie hypnotisiert mein Spiegelbild an und erschrak.
Hinter mir war…war…pechschwarzer Nebel, der sich in der Kabine ausbreitete. Meine Augen weiteten sich und mir fuhr ein Schauer über den Rücken. Was zur Hölle war das? Eine Halluzination? Die Wirklichkeit? Hektisch wirbelte ich herum, aber der Nebel war verschwunden.
Verlor ich jetzt völlig den Verstand? Fragend schaute ich mein Spiegelbild an, in der Hoffnung eine Antwort zu bekommen, doch diese Person, die mir entgegenblickte, hatte sich verwandelt.
Rein äußerlich hatte sich nichts verändert, dafür aber der Ausdruck in den grauen Augen.
Gefühllosigkeit und Leere trafen mich wie ein Blitz. Mein Herz raste und wollte aus meiner Brust springen. Mein erster Impuls war Flucht. Ich wollte zurückweichen, aber ich war vor Angst wie gelähmt.
Meine Muskeln waren hart wie Stein und drückten gegen meine Haut, als wolle sie sie mit aller Macht zerreißen. Die aufkommenden Schmerzen überrannten mich und brachten mich an den Rand des Wahnsinns.
Plötzlich verzog mein Gegenüber seinen Mund zu einem bösartigen, grausamen Grinsen, das mir die Kehle zuschnürte. Und auf einmal wurde es mir klar: das veränderte Spiegelbild war mein altes Ich.
Das Ich, das ohne Mitleid und Gnade Menschen gequält und getötet hatte. Das Ich meiner Vergangenheit, das ich mehr als alles andere loswerden wollte, doch das mich nicht gehen ließ.
Das Böse in mir krallte sich einfach fest und versuchte mich von Neuem zu infizieren; mich auf die Seite zu ziehen, die ich mit Hilfe von Holly verlassen hatte.
Auf einmal waren schrille, markerschütternde Schreie zu hören, die meine Gedanken unterbrachen. Sie klingelten in meinen Ohren und bemühten sich meine Trommelfelle zum Platzen zu bringen.
Dazu kamen laute Männer- und Frauenstimmen, die mich anflehten. Es waren die Stimmen meiner Opfer, die mich quälten.
Mit gewaltiger Kraft presste ich meine Hände gegen meine Ohren, damit ich die Schreie und Stimme nicht weiter hören konnte, aber leider funktionierte das nicht, denn es gab ein Problem: sie waren in meinem Kopf.
„LASST MICH IN RUHE!“
Ich trat gegen die Metalltür, die sich immer noch nicht öffnen wollte. Wieso brauchte dieser verdammte Aufzug so lange, um in den neunten Stock zu fahren?
Während ich ungeduldig von einen Fuß auf den Anderen trat und versuchte mein grinsendes Spiegelbild nicht zu beachten, wurden die vorwurfsvollen Stimmen in meinem Kopf immer lauter.
„HAUT AB“, brüllte ich, ballte meine rechte Hand zu einer Faust und schlug gegen den Spiegel. Sofort gab dieser ein Knirschen von sich, als er rund um meine Hand zersplitterte. Den Schmerz spürte ich gar nicht, denn meine Verzweiflung überschattete einfach alles. Ich musste unbedingt hier raus, sonst würde ich noch durchdrehen. Ich…
Das leise Pling des Aufzuges, das erklang, als dieser endlich im neunten Stock ankam, war für mich die Erlösung.
Die Türen hatten sich gerade mal einen spaltbreit geöffnet, als ich mich dazwischenquetschte und panisch in den Flur floh. Augenblicklich verschwanden die vielen Stimmen und Schreie aus meinem Kopf, als wären sie niemals da gewesen.
Erleichtert ließ ich mich erstmal auf den vergilbten, hässlichen Teppich sinken und lehnte mich mit dem Rücken gegen die Wand. Ich war befreit. Zumindest vorerst, denn die Opfer aus meiner Vergangenheit würde zurückkehren und mich weiter verfolgen. Mein Leben lang.
Entnervt seufzte ich, ehe ich einen flüchtigen Blick auf meine rechte Hand warf. Wie damals, als ich aus Wut auf Cassidy das Glas in meiner Hand zerbrochen hatte, steckten Splitter in meiner Haut.
Dieses Mal waren aber nur meine Fingerknöchel betroffen.
Ich zuckte bloß mit den Achseln, ehe ich mich abstützte und aufstand. Mir blieb keine Zeit mich mit Lappalien, wie einer verletzten Hand, aufzuhalten. Jerichos Tod ging vor. Also zog ich mir provisorisch die größten Splitter heraus, bevor ich das Büro mit der Nummer 28 am Ende des Flures ansteuerte.
Wie festgefroren blieb ich zunächst stehen und lauschte. Hinter der Tür konnte ich Jericho vor sich hinmurmeln und ihn fluchen hören. Wie immer war er mies gelaunt. Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Es hatte sich nichts verändert.
Mein Lächeln verschwand jedoch so schnell, wie es gekommen war. Ich wusste, dass es langsam ernst wurde; dass ich nicht lebend hier heraus kommen könnte.
Nach einem letzten tiefen Atemzug drehte ich den Türknauf und betrat das Büro.
Jericho schien nicht bemerkt zu haben, dass ich eingetreten war. Unverändert saß er  eingesunken in seinem Schreibtischstuhl und starrte gebannt auf ein paar Unterlagen vor ihm. Sein Kopf, mit dem lichten Haar, war nach unten gerichtet.
„Verdammter Mist“, nuschelte er übellaunig und ließ seine Schweinsäuglein hastig über den Wust an Papieren wandern. Dies schien ihn aber noch wütender zu machen, denn er haute plötzlich mit einer Faust auf den massiven Tisch. In diesem Moment fiel sein Blick das erste Mal auf mich.
Seine Miene wechselte blitzschnell von Zorn zu grenzenlosem Erstaunen. Zusätzlich fiel ihm die Kinnlade herunter, wodurch er nur noch dümmlicher aussah.
„Hallo, Jericho“, brummte ich und machte ein paar Schritte in den Raum hinein. Derweil war er dazu übergegangen mich überfreundlich anzugrinsen, was mich misstrauisch machte.
„Setz dich doch“, sagte Jericho begeistert und machte eine einladende Geste. Skeptisch zog ich eine Augenbraue in die Höhe. Dennoch setzte ich mich auf den Stuhl ihm gegenüber und beobachtete ihn dabei, wie er eifrig seinen Schreibtisch aufräumte.
„Entschuldige die Unordnung, aber in letzter Zeit ist einfach viel zu viel zu tun“, jappste er angestrengt, während er ein Haufen Papiere in einen der Aktenschränke verschwinden ließ.
Ich konnte mir nicht erklären, warum Jericho dermaßen nett zu mir war. So war er noch nie gewesen. Vermutlich war er bloß froh, dass ich endlich zu ihm gekommen war. Er musste tatsächlich glauben, dass ich seinen Deal angenommen hatte.
„Du glaubst gar nicht, wie viele verkommenen Menschen es auf dieser Welt gibt, James“, meinte er und schüttelte bedauernd den Kopf, wobei er jedoch ein erfreutes Grinsen nicht unterdrücken konnte.
„Hach, so viele Aufträge, aber so wenig Zeit“, seufzte Jericho. „Vielleicht sollte ich mich nach weiteren Mitarbeitern umsehen, um dieses Pensum zu schaffen.“
„Klingt vernünftig, schließlich hast du auch ein paar Killer weniger“, erinnerte ich ihn schadenfroh und fuhr mir durch die Haare.
Sogleich verharrte Jericho in seiner Bewegung. Sein Gesicht verfinsterte sich, als er mich mit einem hasserfüllten Blick durchbohrte. Mir war dies egal. Ich grinste ihn weiterhin frech an.
„Halt dein vorlautes…“
Mitten im Satz brach er ab, denn erst jetzt fielen ihm meine Handgelenke auf. Jerichos Augen weiteten sich, als er eins und eins zusammenzählte.
„Was hast du getan?“, knurrte er, während er sich zurück auf seinen Stuhl plumpsen ließ. Seine Freundlichkeit hatte sich in Luft aufgelöst.
„Ich habe keine Ahnung, was du meinst, Jericho“, erwiderte ich gelassen.
„Ach ja? Woher kommen dann deine Verletzungen? Dir klebt ja immer noch Blut an den Händen.“
„Wirklich?“, fragte ich gespielt verwirrt. „Das ist mir gar nicht aufgefallen.“ Jericho ließ ein unzufriedenes Grunzen verlauten. Je länger ich ihn hinhielt, desto ungeduldiger wurde er.
„Hör auf mich zu verarschen. Raus mit der Sprache, was hast du getan?“ An seiner Schläfe pochte eine Ader, die kurz vorm Platzen stand.
„Ich habe bloß dafür gesorgt, dass du ein paar Mitarbeiter weniger hast. Oh, Moment, ich meinte natürlich Mitarbeiterinnen“, korrigierte ich mich selbst.
Bei dieser Nachricht wurde Jericho ganz bleich und er sah mich fassungslos an. Er schien nicht zu wissen, was er sagen sollte, da er seinen Mund immer wieder öffnete und schloss.
„In den vergangenen Stunden bin ich sehr fleißig gewesen, Jericho. Nicht nur, dass ich Emilia laufen gelassen und ihr gesagt habe, dass sie niemals zurückkommen soll. Nein, ich habe auch noch Ophelia getötet. Du hättest sehen sollen, wie ich sie in ihrem eigenen Badezimmer ertränkt habe. Das hätte dir bestimmt gefallen“, höhnte ich und genoss Jerichos Reaktion.
Sein gesamter Körper spannte sich an und sein faltiges Gesicht wurde hochrot.
„DU HAST WAS?“, schrie Jericho mit gewaltiger Stimme und spuckte dabei auf den Schreibtisch. Dann sprang er wie ein Verrückter auf, beugte sich über den Tisch und packte mich am Kragen. Mit einer Kraft, die ich ihm nicht mehr zugetraut hätte, zog er mich nach oben. Sein Angriff überraschte mich zwar, doch einschüchtern konnte er mich nicht.
„Hörst du schlecht?“, schnauzte ich ihn an.
„Ophelia ist tot und Emilia ist über alle Berge. Das macht nach meiner Rechnung zwei Killer weniger für dich.“
„Hast du eigentlich eine Vorstellung davon, in welche Lage du mich damit bringst?“ In seinen Augen flammte der Wahnsinn, als er mich an sich heranzog. Beißender Schweißgestank stieg mir in die Nase, der mich würgen ließ.
„Du verlierst eine Menge Geld?“, äußerte ich betont naiv.
„Genau, du unverschämter Bengel. Wie soll ich die Menge an Aufträgen bewältigen, wenn mir der Großteil an Killern fehlt, huh?“
„Keine Ahnung, dass ist ja auch nicht mein Problem.“
Diese Worte brachten Jericho zum Explodieren. Ohne Umschweife ließ er mich los, aber nur, um mir einen Schlag ins Gesicht zu verpassen, der mich nach hinten taumeln ließ.
Nur mit Mühe und Not konnte ich es verhindern, dass ich über den Stuhl hinter mir fiel. Ein dumpfer, dröhnender Schmerz breitete sich augenblicklich in meinem Gesicht aus und lähmte für Sekunden meine Muskeln.
„Weißt du, wie schwer es ist eine Killerin, wie Ophelia, zu ersetzen?“, wollte Jericho aufgebracht von mir wissen, während ich mit einer Hand das Blut stoppte, das aus meiner Nase quoll.
„Es ist beinahe unmöglich eine solch begnadete und talentierte Mörderin zu finden, auf die man sich verlassen kann“, schimpfte er, als er sich wieder hinsetzte.
Ich tat es ihm gleich, wobei ich größte Schwierigkeiten hatte meinen zitternden Körper unter Kontrolle zu bekommen.
„Du hast Recht, so eine durchgeknallte Schlampe findest du nirgendwo“, kommentierte ich seine Lobeshymne auf Ophelia. Dies brachte mir einen giftigen Blick von ihm ein.
Anschließend herrschte minutenlanges Schweigen, bis…
„Warum bist du überhaupt hierher gekommen? Um mir deinen Erfolg unter die Nase zu reiben?“, schnarrte Jericho und klang dabei eher wie ein knurrender Hund, als wie ein Mensch.
„Nein, deswegen bin ich nicht gekommen, Jericho. Wie du dir nun denken kannst, bin ich nicht hier, weil ich deinen bescheuerten Deal annehme. Dass sicherlich nicht“, sagte ich ernst. Dann schob ich meinen Stuhl näher an den Tisch heran und stützte meine Arme auf.
„Der Hauptgrund, der mich zu dir führt, ist, dass ich dich töten will. Der andere Grund ist, dass ich wissen möchte, warum du mich unbedingt noch lebend sehen wolltest.“  
Trotz meines Geständnisses, dass ich ihn umbringen wollte, schien sich Jericho wieder zu beruhigen. Er bekam sogar ein süffisantes Grinsen zu Stande, was mich stutzig machte.
„Ich bin froh, dass du fragst, James“, flötete er fröhlich und sah mich an. Seine Augen blitzten gefährlich. Sofort bekam ich ein ungutes Gefühl in der Magengegend.
„Bevor die Anderen dich töten, wollte ich dich über etwas aufklären, dass dich bestimmt interessieren wird.“ Sein bissiger, hinterhältiger Ton machte mich misstrauisch. Was hatte er nur vor?
„Was ist so wichtig, dass du mich dafür sogar am Leben lässt?“, dröhnte ich entnervt, da er mir meine Zeit stahl. Ich musste mir jedoch auch eingestehen, dass er mich schon etwas neugierig machte.
„Es geht um deine Eltern.“
Bumm. Diese Information knallte er mir einfach so hin. Ich war völlig perplex und verfiel regelrecht in eine Schockstarre. Mein Herz setzte aus und die Farbe wich mir aus dem Gesicht. Ich konnte nicht mehr atmen. Mit allem hätte ich gerechnet, aber nicht damit, dass Jericho meine Eltern ansprechen würde.
„Vielleicht möchtest du gerne wissen, wer die Schuld an ihrem Tod trägt“, meinte er geheimnisvoll und lehnte sich bequem in seinem Stuhl zurück. Ich war derweil nicht in der Lage mich zu bewegen, geschweige denn irgendetwas zu sagen.
Seit vielen Jahren wünschte ich mir nichts sehnlicher, als zu erfahren, wer meine Eltern umgebracht hatte. Jetzt, da Jericho endlich eine Antwort für mich zu haben schien, war ich vollkommen überfordert.
„Ich werde dir erzählen, was damals passiert ist, schließlich will ich nicht, dass du stirbst, ohne zu wissen, wer dein junges Leben zerstört hat“, wisperte er und schaute mich mitleidig an, doch keine Sekunde später strahlte er über das ganze Gesicht.
„Niemand Geringeres, als meine Wenigkeit hat vor zwölf Jahren deine Eltern erschossen, während du verängstigt unter dem Esstisch gehockt hast“, brach es enthusiastisch aus Jericho heraus.
„WAS?!!!“, schrie ich so hoch und schrill, dass ich mich wie ein kreischender Vogel anhörte, aber ich konnte einfach nicht anders. Sein Geständnis war für mich wie ein Schlag ins Gesicht.
Das kann nicht sein. Das darf nicht sein. Heftig schüttelte ich den Kopf. Ich redete mir ein, dass Jericho mich belog; dass dies auf keinen Fall der Wahrheit entsprechen konnte, denn der Gedanke, dass ich all die Jahre für den Mörder meiner Eltern gearbeitet hatte, war nicht zu ertragen.
„Was ist, James? Hat es dir etwa die Sprache verschlagen?“, spottete Jericho und fing herzhaft an zu lachen.
Mir dagegen wurde speiübel und mein Schädel dröhnte. Ich wandelte auf dem schmalen Grad zwischen flammendem Hass und lähmender Trauer, die ich in diesem Ausmaß seit einer halben Ewigkeit nicht mehr verspürt hatte.
Wie festgefroren hockte ich auf meinem Stuhl und stierte mit leeren Augen meinen ehemaligen Boss an, der meine Reaktion sichtlich zu genießen schien. Kichernd und ausgelassen faltete er seine Hände und drehte seinen Stuhl hin und her, wie ein kleines Kind.
Am Liebsten wäre ich ihm an die Gurgel gesprungen und hätte seinen Kopf so lange auf die Tischplatte geknallt, bis nur noch blutiger Matsch übrig blieb, aber ich konnte nicht. Zu sehr hielt mich meine Fassungslosigkeit; mein Entsetzen gefangen.
Meine Lebensgeschichte war bloß eine Aneinanderreihung von schrecklichen Ereignissen, gespickt mit ironischen Zufällen, die Gott wohl für besonders witzig hielt. Wie hoch war denn die Wahrscheinlichkeit, dass man von einem Mann adoptiert und aufgezogen wird, der einen zum Killer ausbildet?
Wie realistisch war es, dass die wichtigsten Menschen seines Lebens; die Menschen, die einen geliebt haben, in wenigen Jahren sterben?
Wie konnte es sein, dass man völlig ahnungslos dem Mörder seiner Eltern tagtäglich gegenübersaß?  
Wieso…?
Urplötzlich brach ich meinen Gedankengang ab, denn erst jetzt fiel mir etwas ein, das mir den Rest gab.
„Wenn du meine Eltern umgebracht hast, dann hat William den Auftrag dazu gegeben“, stellte ich fest, nachdem ich meine Stimme wiedergefunden hatte. Jericho nickte eifrig.
„Genau. Dein neuer Daddy hat deine Eltern töten lassen und als er dich adoptierte, wusste er das“, gab er zu. Verwirrt legte ich meine Stirn in Falten. Was sollte das nun wieder heißen?
„Ich werde dir gerne erklären, was ich damit meine, James.“ Sein vergnügter Tonfall verriet mir, dass Jericho den größten Spaß an unserer Unterhaltung hatte.
„Damals wollte William unbedingt einen Jungen adoptieren, den er zum Killer ausbilden konnte. Im Waisenhaus konnte er sich zunächst für keinen der in Frage kommenden Jungen entscheiden. Aber als er dann von deiner Geschichte erfuhr, war ihm klar, wer deine Eltern waren und seine Wahl fiel auf dich“, offenbarte er mir.
„Warum? Weil er es war, der ihren Tod verursacht hat? Fand er das etwa lustig?“, brüllte ich und sprang auf.
Ich war rasend vor Wut. Wie ein wildes Tier im Käfig lief ich im Büro auf und ab. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Ich hatte das Gefühl in einem Albtraum gefangen zu sein.
„Wieso hat William sie töten lassen?“, fragte ich ihn. Ich musste wissen, weshalb sie gestorben waren.
Jericho fixierte mich mit seinen braunen Augen, die er zu Schlitzen verengt hatte, ehe er mir antwortete.
„Wie viele Andere vor ihnen wurden deine Eltern als Zielpersonen genannt. William bekam den Auftrag sie zu töten. Darum hat er mich zu eurem Haus geschickt, um die Sache zu erledigen.“ Ich wirbelte herum.
„Um die Sache zu erledigen? Das waren meine Eltern. Meine Eltern, die du…die du…“ Ich konnte nicht weitersprechen. Mein Körper bebte.
Jericho ließ mein Gefühlausbruch völlig kalt. Ihn interessierte es nicht, dass er mir das Bedeutsamste im Leben genommen hatte.
„Hör auf mich anzuschreien“, maulte er. „Ich war noch nicht fertig mit meiner Erzählung.“
Eingeschnappt verschränkte er seine Arme vor der Brust.
„Ich weiß, dass du nahezu keine Erinnerungen an diesen Abend hast“, begann er.
„Von Anfang an wusste ich, dass du im Zimmer warst und dich unter dem Tisch versteckt hieltst, aber William war immer strikt dagegen Kinder zu töten. Darum habe ich dich ignoriert; nicht auf dein Schluchzen und deine Schreie geachtet“, sagte er mit eiskalter Stimme.
„Nach ein paar Minuten war alles vorbei. Ich verließ euer Haus, doch ich wollte unbedingt das Kind sehen, das den Mord an seinen Eltern hautnah miterlebt hat. Deshalb habe ich dich beobachtet.“
„Beobachtet?“ Wie selbstverständlich nickte er.
„Durch ein Fenster habe ich dabei zugesehen, wie du unter Tränen die blutbespritzten und durchlöcherten Leichen deiner Eltern fest geschüttelt hast, in der Hoffnung, dass sie wieder lebendig werden würden.“ Jericho gluckste vergnügt.
„Irgendwann hast du dich neben deine tote Mutter gelegt und nur noch ins Leere gestarrt. Dieser Anblick hätte mir fast das Herz gebrochen“, tönte er und fasste sich ergriffen ans Herz. Dann brach er in schallendes, abfälliges Gelächter aus.
Mir entgleisten die Gesichtszüge und der Zorn in mir stieg kontinuierlich an. Zuerst hatte Jericho mich verspottet, nun lachte er über mich. Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.
Blitzschnell schoss ich auf den Schreibtisch zu, sprang leichtfüßig über ihn und stürzte mich auf Jericho. Sein albernes Lachen blieb ihm im wahrsten Sinne des Wortes im Hals stecken, als ich anfing ihn zu würgen. Die kleinen Augen quollen hervor und sprangen mir förmlich entgegen.
„Du und William seid an allem Schuld. Ihr beide habt mein Leben zerstört“, fauchte ich und spuckte ihm ins Gesicht.
„Ihr beide habt mich zerstört.“ Ich ließ von seiner Kehle ab, fasste ihn am Kragen und zog seinen Oberkörper zu mir hoch.
„Durch euch bin ich ein seelenloses Monster geworden. Durch euch habe ich meine Familie verloren“, zischte ich und schlug seinen Kopf mit voller Wucht auf den Boden. Immer und immer wieder.
„Ich werde dich töten, du dreckiger, wertloser Bastard.“ Mein Hass und meine Aggression kannten keine Grenzen. Noch nie war ich so zornig gewesen, wie in diesem Augenblick, doch das wunderte mich nicht.
Schließlich hatte ich eben erst erfahren, dass Jericho meine Eltern umgebracht und mein Adoptivvater ihm den Auftrag dazu erteilt hatte. Daher wollte ich nur noch eins: Rache.
Wie im Wahn hämmerte ich Jerichos Schädel weiter auf den harten Untergrund. Mittlerweile war sein Gesicht schneeweiß geworden und die ersten Bluttropfen waren auf dem Teppich zu sehen. Genugtuung erfüllte mich, als ich sah, wie er litt und sich unter mir wand wie ein Wurm. Ich grinste gehässig.
Doch plötzlich setzte Jericho zum Gegenschlag an. Mit gewaltiger Kraft stieß er seinen Kopf gegen meinen. Mein Oberkörper wurde zurückgeworfen und ungewollt lockerte ich den Griff um seinen Hals. Mir wurde schwarz vor Augen und alles drehte sich.
Ich spürte, wie mein Gegner sich aufsetzte und mich rabiat von sich herunter schob. Laut nach Luft schnappend erhob sich Jericho, bevor er ohne Vorwarnung auf mich eintrat.
„Hast du etwa geglaubt, dass du mich so leicht töten könntest, James?“, keifte er mich ungehalten an, während er mir seinen Fuß mehrfach in den Bauch rammte. Ich krümmte mich. Der heftige Schmerz brachte mich an den Rand der Bewusstlosigkeit.
„Du bist nichts weiter, als ein mieser, hinterhältiger Verräter.“ Wieder ein Tritt. Ich musste würgen.
„Durch deine Unüberlegtheit; durch deinen Leichtsinn hast du uns alle in Gefahr gebracht.“ Jericho rastete völlig aus. Grob packte er mich und schleuderte mich über den Schreibtisch. Blätter flogen durch die Luft, als ich über die Tischplatte rutschte und auf den Boden krachte.
Im ersten Moment fühlte ich gar nichts, doch dann brach ein explodierender Schmerz über mich herein. Meine Rippen schienen sich mit Gewalt durch meine Haut bohren zu wollen. Ich biss die Zähne zusammen, damit ich nicht los schrie.
Meine Atmung war unregelmäßig und flach. Mein Herz raste, aber ich konnte es mir nicht erlauben liegen zu bleiben und mich auszuruhen. Hier ging es um mein Leben.
Also bemühte ich mich, so schnell wie möglich, aufzustehen, doch weit kam ich nicht. Jerichos Schatten legte sich über mich, bevor er zugriff. Mit Leichtigkeit hob er mich hoch und donnerte meinen Rücken gegen die nächste Wand. Jeder Knochen meines Körpers knackte.
Jericho ließ mir jedoch keine Zeit zum Atmen, denn zwei Sekunden später hatte ich auch schon seine Faust im Gesicht.
Durch den Schlag federte mein Kopf nach hinten und traf auf die Wand. Mir platzte fast der Schädel.
„Jahrelang habe ich dich bezahlt und dir eine Aufgabe gegeben und wie dankst du es mir?“, donnerte Jericho und presste seine rechte Hand gegen meinen Kehlkopf. Die Luftzufuhr in meine Lunge nahm ein abruptes Ende. Mir entfleuchte dennoch ein merkwürdiges Geräusch, das mein Entsetzen verriet.
„Du hintergehst und verrätst mich für ein billiges Flittchen, in das du dich, so dumm und naiv wie du bist, verknallt hast.“ Erbarmungslos erhöhte er den Druck auf meine Kehle. Ich glaubte ersticken zu müssen.
Obwohl ich spürte, wie ich stetig schwächer wurde, dachte ich gar nicht daran aufzugeben. Jericho hatte meine Eltern auf dem Gewissen, er hatte Holly beleidigt und mein Leben zerstört.
Ich mobilisierte meine Kräfte und umfasste sein rechtes Handgelenk. Mit einer blitzschnellen Bewegung brach ich ihm den Knochen. Jericho jaulte und zog seine Hand sofort zurück. Gierig schnappte ich nach Luft, während ich ihn von mir stieß. Jericho taumelte.
Nun war ich es, der seinem Gegner keine Auszeit gönnte. Ich stürzte auf Jericho zu und schlug auf ihn ein. Frisches, tiefrotes Blut spritzte mir entgegen und benetzte meine Haut.
Erst nach etlichen Minuten versuchte Jericho den Großteil an Schlägen, die auf ihn niederprasselten, abzuwehren. Sein gebrochenes Handgelenk machte ihm dabei anscheinend kaum Probleme, was mich nicht wunderte.
Auch er hatte natürlich das Einmaleins des Berufes als Auftragskiller erlernt und perfektioniert. Die wichtigste Lektion demonstrierte er mir eindrucksvoll: zeige niemals Schwäche.
Denn trotz seines Knochenbruchs kämpfte Jericho mit aller Kraft gegen mich an. Ich bekam einen seiner Ellbogen in die Rippen und einen Schlag gegen das Kinn, ehe er mich mit einem gezielten Tritt zu Fall brachte.
„Ahhhhhhhhh!!!“
Ein stechender Schmerz schoss durch meinen Rücken, sowie durch meinen Unterkiefer, den ich kaum bewegen konnte.
Mir war schwindelig und schlecht. Dennoch musste ich aufstehen, wenn ich nicht sterben wollte.
Mit allen Mitteln versuchte ich mich aufzurichten, aber mein Körper hörte nicht auf meine Befehle und versagte mir seinen Dienst. Verdammt.
Jericho war stark. Sehr stark sogar. Mit solch einer Gegenwehr hatte ich nicht gerechnet, obwohl er weitaus mehr Erfahrung hatte, als ich.
Doch mein Triumph über Ophelia hatte mich hochmütig und selbstsicher werden lassen. Nun musste ich den Preis für meine Selbstüberschätzung zahlen.
„Tja, James. Ich bin wohl etwas zu stark für dich, was?“, höhnte Jericho und trat mir gegen den Kopf.
Ein kurzer, lauter Schrei kam über meine Lippen. Er lachte.
„Mir gefällt der Gedanke dich zu töten ganz besonders“, gab er anschließend gut gelaunt zu, während er mich umkreiste. „Weißt du warum das so ist, James?“ Ich stöhnte.
„Halt deine Klappe. Das dämliche Gequatsche eines alten Mannes interessiert mich nicht“, entgegnete ich schroff. Jerichos Gesichtszüge entgleisten, wodurch seine Falten noch tiefer wurden.
„Du hattest schon immer ein freches Mundwerk“, krächzte er und versetzte mir erneut einen Tritt. Diesmal traf es meine linke Schulter.
„Du hattest niemals Respekt vor mir.“ Er wollte mir mitten ins Gesicht treten, doch im letzten Moment bekam ich seinen Fuß zu fassen. Erleichtert atmete ich aus. Einen weiteren Angriff hätte ich nicht verkraftet.
Derweil ließ Jericho ein zorniges Knurren verlauten, als er endlich seinen Fuß zurückzog und bewegungslos neben mir stehen blieb. Ich glaubte nun ein paar Sekunden Zeit zum Durchatmen zu haben, aber da irrte ich mich gewaltig.
Mein schier übermächtiger Gegner beugte sich kurzerhand zu mir herunter, umklammerte mit einem Stahlgriff meinen Oberkörper, stemmte mich in die Höhe und schleuderte mich mit voller Wucht gegen eine Wand. Mit einem durchdringenden Krachen prallte ich ab und sackte auf dem Boden zusammen.
Das alles war dermaßen schnell von Statten gegangen, dass ich erst jetzt das Resultat seiner Attacke zu spüren bekam. Ein abscheuliches Brennen infizierte jeden Zentimeter meines Körpers und gab mir das Gefühl in Flammen zu stehen.
Zu meinem Leidwesen verschwamm zusätzlich auch noch die Umgebung und meine Lider wurden immer schwerer.
Nein. Nein. Nein. Ich darf nicht ohnmächtig werden. Ich muss mich zusammenreißen.
Mit beiden Händen stützte ich mich an der Wand ab und rappelte mich unter unablässigem Zittern auf. Aus den Augenwinkeln sah ich Jerichos unscharfe Umrisse. Dieser ging zu seinem Schreibtisch zurück und fing an, in einer der Schubladen herumzukramen.
Erst, als er das Gesuchte gefunden hatte, kamen seine Hände wieder zum Vorschein. Mir blieb das Herz stehen und ein Klumpen bildete sich in meinem Magen, als ich den Gegenstand in seiner Hand erkannte. Es war ein Messer, dessen lange, scharfe Klinge im künstlichen Licht der Deckenleuchte gefährlich blitzte.
Panik stieg in mir hoch, da ich momentan nicht in der Lage war eine Messerstecherei zu überstehen. Eigentlich musste ich erstmal zu Kräften kommen, aber wie sollte das funktionieren, wenn Jericho mich nicht in Ruhe ließ? Was sollte ich bloß tun? Wie…
Mein Gedankengang wurde jäh beendet, als Jericho mit stampfenden Schritte auf mich zukam. Seine Miene glich der eines hässlichen, wutentbrannten  Dämons. Zu meiner großen Verwunderung reagierte ich trotz meiner schlechten Verfassung schnell genug, um dem ersten Messerstich knapp zu entgehen.
Jericho brüllte wie ein wild gewordenes Tier, bevor er erneut auf mich zuschnellte.
Und dieses Mal erwischte er mich. Er schlitzte mir die Haut meines rechten Armes von der Schulter, bis zum Ellbogen auf. Warmes Blut quoll hervor und tropfte auf den vergilbten Teppich. Ich geriet ins Straucheln und fiel nach hinten. Aus Reflex wollte ich mich mit den Armen abfangen, aber durch meine Wunde klappte das nicht so wie gedacht. Ich knallte ungebremst auf den Boden und verlor völlig die Orientierung.
Sofort nutzte Jericho seine Chance.
Er holte weit aus, um mir das Messer in den Bauch zu rammen. Hektisch robbte ich ein Stück zurück, jedoch war dies nicht genug.
Statt in meinen Magen bohrte sich das Messer unbarmherzig in meinen rechten Oberschenkel. Ich spürte, wie sich die Klinge ihren Weg durch meine Haut und Muskeln bahnte.
Rote Funken explodierten vor meinen Augen. Die Schmerzen waren unerträglich. Als ich dachte, dass es nicht noch schlimmer werden konnte, kniete sich Jericho vor mich und drehte das Messer in meinem Bein hin und her.
Mein markerschütternder, greller Schrei hallte an den Wänden wieder und klingelte mir in den Ohren. Indessen drückte Jericho das Messer noch tiefer in mein Fleisch hinein. Ich drückte meine Zähne auf meine Zunge, die ich mir vor lauter Schmerz beinahe abbiss.
„Na, wie gefällt dir das, James?“, fragte er mich hocherfreut und grinste. Ich erwiderte nichts. Zu sehr war ich damit beschäftigt meine Konzentration aufrecht zu erhalten und nicht das Bewusstsein zu verlieren. Ich musste etwas tun. Ich musste die Kontrolle übernehmen. Entschlossen nickte ich.
Dann trat ich Jericho mit meinem gesunden linken Bein gegen die Brust, was ihn völlig überraschte. Er ließ das Messer los und fiel nach hinten. Das war für mich der Startschuss.
Ohne weiter darüber nachzudenken, zog ich mit einem Ruck das Messer aus meinem Oberschenkel und quälte mich umständlich in einen wackeligen Stand. Flüchtig schweifte mein Blick zu meinem rechten Bein, das ich kaum belasten konnte. Die Menge an Blut, die aus der Wunde floss und meine Jeans besudelte, war besorgniserregend.
Mir war klar, dass ich die Blutung stoppen musste. Zunächst musste ich mich jedoch um Jericho kümmern. Das hatte absolute Priorität. Also nahm ich das blutbeschmierte Messer fest in die Hand und humpelte auf Jericho zu, der sich bereits aufgerichtet hatte.
Ziellos und betäubt von den Schmerzen versuchte ich auf meinen Gegner einzustechen, der immer weiter zurückwich. Als er mit dem Rücken gegen den Schreibtisch stieß und sich mit seiner linken Hand abstützte, verlor ich keine Zeit. Mit einem Mal holte ich aus und ließ das Messer herunterschnellen.
Im ersten Augenblick war es totenstill. Keiner von uns sagte ein Wort. Unsere Aufmerksamkeit galt allein den drei abgetrennten Fingern, die kümmerlich auf der Tischplatte lagen.
Entsetzt hob Jericho seine zitternde Hand auf Augenhöhe und glotzte wie von Sinnen auf die zwei Finger, die ich übrig gelassen hatte. Sein Gesicht war leichenblass.
Ich war der Erste, der aus seiner Starre herauskam und diese Situation zu seinem Vorteil zu nutzen wusste. Mit meiner verbliebenen Kraft packte ich ihn und stieß ich gegen das Fenster, das hinter dem Schreibtisch lag.
Durch die Wucht des Aufpralls wurde das Glas unter ohrenbetäubendem Klirren zerstört. Jericho ruderte noch verzweifelt mit den Armen in der Luft, bevor er in die Tiefe stürzte und von der Dunkelheit verschluckt wurde.

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