Geheimnisse im Dämmerlicht

                                                  ***Alice***

„Wie ist dein Name?“, fragte sie unvermittelt und brachte den Jungen damit erneut zum Verstummen. Mit leicht geöffneten Mund starrte er sie verwundert an, unfähig zu glauben, dass sie ausgerechnet ihn nach seinem Namen fragte. Alice seufzte und hätte sich fast über ihr Äußeres, welches ohne anzugeben schon einige Männer sprachlos gemacht hatte, geärgert.

„Mein Name ist Alice“, versuchte sie die Situation aufzulockern und der junge Mann nickte eilig.

„I-Ich weiß wer ihr seid. Alice Schattenklinge, die Verteidigerin Neverwinters und Rächerin der Toten. E-Euer Ruf eilt euch voraus und ich kann euch gar nicht genug sagen, welch Ehre es ist euch zu begegnen“, er stammelte die Worte so schnell, dass er sich fast in ihnen verhaspelte und wurde tiefrot als er ergänzte, „Ihr s-seid noch schöner a-als m-man sagt.“

Verlegen senkte er den Blick und rieb sich die schwitzenden Hände, „Mein Name ist Leen.“

„Leen“, wiederholte Alice und lächelte ihn freundlich an, „Du scheinst dich gut in dieser Bibliothek auszukennen, nicht wahr?“

Stolz hob Leen den Kopf und nickte zuversichtlich „Ich bin ein Hüter, oder besser gesagt, ich möchte ein Hüter werden. Nur wenige kennen diese Regale besser als ich.“ Es tippte sich auf das Sichelzeichen an seiner Brust, „Kann ich euch bei eurer Suche helfen?"

Alice schmunzele zufrieden und nickte bedächtig, woraufhin Leens Miene aufleuchtete.

„Angenommen, jemand würde versuchen Valindra aufzuhalten und Neverwinter zu retten, wo würde er Informationen über ihre schwarze Magie finden? Oder den König, der schon immer als einziger mächtig genug war, um gegen eine solche Magie anzukämpfen?“

Leens Augen weiteten sich, „Ihr wollt Valindra aufhalten?“

Alice lachte und zwinkerte ihn verschwörerisch zu, „Du musst schon bei diesem Spiel mitspielen Leen.“

„Ich verstehe. Ihr wollt dem Volk keine Hoffnungen machen“, stellte Leen zu Alice Überraschung fest und sie nickte ihm zustimmend zu. Diese Ausrede wäre ihr nicht in den Sinn gekommen.

„Nun ja, wenn jemand“, er lächelte Alice schief an, „Mehr über schwarze Magie erfahren möchte, sollte er Loths Schattenbücher lesen, sie ist die einzige Gottheit von der wir wissen, dass sie gezielt in den Lauf der Geschichte eingreift und schwarze Magie benutzt. Außerdem ist doch schon seit langem sicher, dass sich Valindra mit dem Bösen eingelassen hat, und wer könnte böser sein als die Göttin der Drow?

Was die andere Frage anbelangt, so werdet ihr aus vielen Büchern, auch aus dem Unfug in euren Händen erfahren, dass der König von allen Priestern geweiht wird und so von allen Göttern zugleich unterstützt wird. Der Glaube verleiht ihm eine große Macht.“

Leens Stimme wurde immer leiser, bis er am Ende flüsterte und seine Kette schützend umklammerte.

„Was ist mit König Ahren? Was wisst ihr über ihn? Wie konnte er sterben, wenn er doch von den Göttern gesalbt wurde?“ Alice senkte ebenfalls ihre Stimme, sie ahnte, dass Leen ihr diese Informationen nicht geben durfte.

Er wand dich unter ihrem auffordernden Blick, doch schließlich erklärter er: „Auch er wurde von den Priestern gesalbt, doch man sagt, er wäre an einem kummerbefallenen Herz gestorben und dass Valindra selbst ihn mit diesem Leiden verflucht hätte. Ihr müsst verstehen, Kummer sollte nicht tödlich sein, er kann es nicht sein. Normale Gefühle können unser Herz nicht in Finsternis stürzen, doch mit Hilfe schwarzer Magie können sie Überhand gewinnen und uns von innen verzehren.“

Leen zuckte mit den Achseln und sah sich argwöhnisch um, doch nach wie vor, herrschte bis auf ihre gesenkten Stimmen, noch immer Stille zwischen den Büchern.

„Ihr zweifelt daran“, vermutete Alice, während sie seine Mimik studierte. Leen zuckte erschrocken zusammen und sah sich, bevor er antwortete erneut um.

„Valindra hätte in Neverwinter, nein sogar hier in der Enclave sein müssen, um diesen Fluch zu sprechen. Dieser Gedanke macht mir unvorstellbare Angst. Wenn sie es schon vor Jahren geschafft hat sich in das Herz unserer Stadt zu schleichen und unseren König zu ermorden, wer sagt uns dann, dass sie es nicht erneut versucht, oder bereits tut?

Lest Loths Schattenbücher und ihr werdet meine Angst verstehen. Die dunkle Magie ist mächtig und ihre Anhänger skrupellos.“

Leen verstummte mit schweißnasser Stirn und biss sich mit tief gerunzelter Stirn abermals auf die Lippen. Alice legte ihm sacht eine Hand auf die dürre Schulter und lächelte ihn aufmunternd an.

„Danke Leen. Du warst mir eine große Hilfe.“

Er erwiderte ihr Lächeln unsicher und zuckte unbeholfen mit den Schultern, doch Alice schüttelte den Kopf.

„Sei nicht so bescheiden, deine Erzählungen waren für mich von unvorstellbarem Wert, auch wenn sie unter uns bleiben müssen. Versprichst du mir das?“

Leen nickte mit schräg gelegten Kopf: „Ich werde niemandem von euch erzählen oder unnötige Hoffnungen machen. Mir würde ohnehin niemand glauben, dass ausgerechnet ich, mit der Alice gesprochen habe und sie mehr als einen desinteressierten Blick für mich übrig hatte.“

Alice lächelte ihn dankbar an und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm einen schnellen Kuss auf die Wange zu hauchen. Sie beugte sich wieder zurück und lächelte ihn ein letztes Mal dankbar an, bevor sie sich von ihm abwandte und schnell in Richtung Kuppelzentrum verschwand. Der Junge hatte keine Ahnung wie sehr er ihr geholfen hatte, und nun würde er ihre kleine Begegnung sicher nicht mehr erzählen.

Leen stand noch eine ganze Weile wie erstarrt im Dämmerlicht und starrte ihr nach, die Hand gedankenverloren an seiner Wange.

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