Geisterfeuer

Alvaró erwachte weit vor Anbruch der Dämmerung. Sein Nacken schmerzte und sein Mund fühlte sich trocken an, doch seine Müdigkeit war verschwunden. Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und bemerkte die dicken Bartstoppeln die es bedeckten. Er würde sich bald wieder rasieren müssen, doch vorerst gab es wichtigeres zu tun.
Das schwarze Kästchen lag noch immer auf dem Schreibtisch, inmitten einer Lache von Salzwasser, in dem Schlieren von Tinte schwammen. Alvaró fegte das unbrauchbar gewordene Pergament beiseite und zog die Kiste näher zu sich heran. Dann legte er ein Messer neben sich auf den Tisch. Was auch immer in diesen vier schwarzen Wänden verborgen war, Alvaró war entschlossen ihm ein Ende zu machen.
Behutsam öffnete er den Verschluss, sorgfältig darauf bedacht sich nicht erneut daran zu stechen. Das Scharnier ließ sich einfach zur Seite klappen. Mit pochendem Herzen nahm Alvaró den Dolch in die rechte Hand und hob mit der linken den Deckel an. Er hatte erwartet das Herz aus seinem Traum zu sehen, doch in der Kiste lag nur eine Scherbe aus schwarzem Kristall. Er streckte die Hand danach aus, wollte den seltsamen Splitter in die Hand nehmen, doch kaum hatte er die glatte Oberfläche berührt, schoss ihm ein ungeheurer Schmerz durch den Schädel. 
Bilder rasten durch seinen Kopf. Verstörende, erschreckende Bilder, doch zu schnell um Einzelheiten zu erkennen. Alvaró zog mit schmerzverzerrtem Gesicht die Hand weg und der Bilderstrom riss schlagartig ab. Was blieb war ein Stechen zwischen seinen Schläfen, unstetig wie der zuckende Schwanz einer wütenden Schlange. Langsam ließ Alvaró sich auf sein Bett sinken und hielt die Hände an den Kopf gepresst bis der Schmerz allmählich nachließ.
"Alvaró" 
Er schreckte auf, als er hörte wie jemand seinen Namen sagte, doch niemand war in der Kajüte außer ihm.
"Hier oben"
Alvaró hob den Kopf, doch auch über sich konnte er nichts entdecken außer den Schiffsplanken. Ein höhnisches Lachen ertönte.
"Hier, in deinem Kopf."
"Was bist du?" verlange Alvaró mit gequälter Stimme zu wissen.
"Du langweilst mich Mensch. Das hast du mich schon heute Nacht gefragt, erinnerst du dich nicht mehr?"
Vor Alvarós Augen erschien erneut das Bild des Herzens aus der Kiste.
"Du gehörst mir Mensch, und ich werde dir die Richtung zeigen. Aufs Deck mit dir, sonst wirst du echten Schmerz erfahren!" 

Gunnars Schlaf fand ein jähes Ende, als der Rum des Abends den Weg durch seinen Körper gefunden hatte. Mit steifen Gliedern schälte er sich aus den Fellen, die fast so gut vor der Kälte schützten wie der starke Alkohol und stieg vorsichtig über die anderen schlafenden Seeleute. Er kletterte die Leiter zum Deck hinauf und stellte sich an die Reling, wo er sich in der beißenden Nachtluft erleichterte. Als er fertig war wollte er so schnell wie möglich zurück zu seinem warmen Nachtlager und schickte sich bereits an die Leiter wieder hinunter zu klettern, als er etwas merkwürdiges bemerkte.
Der Nebel war nicht mehr so dicht wie noch am Tag zuvor. Gunnar schaute in den Himmel um zu sehen ob er nicht die Sterne erkennen könnte, doch es hingen schwere Wolken über dem nächtlichen Firmament. Auch am Horizont war nichts zu entdecken, es gab keine Spur von der Küstenlinie. Enttäuscht drehte er sich wieder um und erblickte erstaunt Alvarós dunkelhaarigen Kopf. Der Kapitän schien regelrecht durch ihn hindurch zu starren.
"Der Nebel zieht auf." Sagte er wie zu sich selbst. Gunnar brachte nicht viel mehr als ein Nicken zustande.
Alvaró stellte sich an den Bug der Galeere und blickte hinaus aufs Wasser. Schließlich fragte er:
"Weißt du welche Stunde wir haben?"
Gunnar schüttelte den Kopf. Als er realisierte, dass Alvaró ihm den Rücken zugewandt hatte antwortete er:
"Nein, aber es wird noch ein paar Stunden bis zum Sonnenaufgang dauern."
Der Kapitän schwieg. Lange. Bis er plötzlich zusammenzuckte und schlagartig den Kopf zur Backbordseite des Schiffes wandte.
Gunnar drehte ebenfalls den Kopf und erschrak über den Anblick der sich ihm bot:
Der Horizont stand in Flammen. Seltsame grüne und blaue Lichter tanzten über dem Wasserspiegel wie in einem obskuren Tanz. Doch die Flammen schlugen nicht höher sondern schrumpften zusammen bis sie nur noch einen Punkt am Himmel darstellten.
"Weck die Mannschaft.", flüsterte Alvaró, "Wir rudern zu diesem Licht."
"Ist das denn eine gute Idee? Wir wissen ja nicht einmal was das ist."
"Es ist ein Punkt an dem wir uns orientieren  können. Wir sitzen schon zu lange hier fest."
Gunnar wusste nicht recht, was er darauf erwidern sollte. Er verstand was Alvaró meinte, aber seltsamen Lichtern am Horizont nachzusegeln behagte ihm nicht. 
Nach einer Weile unbehaglichen Schweigens fügte er sich schließlich und kletterte nach unten um die Mannschaft zu wecken.

Das Schiff bewegte sich unter dem Ächzen und Stöhnen der Seeleute dem feurigen Punkt am Horizont entgegen. Das Rudern war harte Arbeit und im Rumpf der Galeere wurden Flüche gemurmelt und Götter gelästert, während die Holme im Takt ins Wasser getaucht wurden. Alvaró indes hatte sich in seine Kajüte zurückgezogen um sich wieder schlafen zu legen. Die mentalen Anstrengungen der letzten Tage lasteten noch immer schwer auf ihm. Als er durch die Tür trat sah er, dass das schwarze Kästchen noch immer geöffnet war. Er lauschte auf das Ding in seinem Kopf, doch alles war still und er konnte nur seine eigenen Gedanken hören. Zögernd streckte er die Hand aus, schloss die Kiste und fühlte sich sofort erleichtert. Zum ersten Mal seit dem Beginn der Reise fand Alvaró erholsamen Schlaf.

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