Sie fuhren zusammen in ihrem Polo die lange Straße bergab. Von weitem konnten sie schon den Mann, mit seinem kleiner Karren hinter sich herschiebend, sehen. In ihm schienen sich all seine Habseligkeiten zu befinden. Als sie sich ihm näherten konnte sie einen Topf sehen, der in der untergehenden Sonne aufblitzte, daneben eine dicke Filzdecke. Ordentlich zusammengelegt verdeckte sie ein Kissen, das noch an einer Ecke hervorlugte. Die Ecken des grauen Bezuges des Kissens trinselten auf und darunter konnte man den hellen Stoff erblicken. Ehe sie sich seine Kleidung genauer ansehen konnte, waren sie auch schon an ihm vorbei gefahren und die Straße ging wieder bergauf. Das Einzige, dass sie an seiner Kleidung wirklich erkannt hatte, war die Wanweste, die er über etwas grauem getragen hatte. „Eine Wanweste“, murmelte sie mehr zu sich selbst, als zu dem Fahrer des Autos, mit dem sie sich in Richtung warmen zu Hause bewegte. „Schlau“, murmelte dieser. „Ja, schlau.“ Sie kannte den Mann an dem sie so vorbei gefahren waren. Sie kannte ihn natürlich nicht wirklich, aber sie wusste, dass es ihn gab, weil er jeden Abend um diese Zeit an dieser Straße entlang ging und sie jeden Abend um diese Zeit auf dieser Straße entlangfuhr. Das Einzige, dass sie Beide zu vereinen schien, war dieser Augenblick, in dem sie in einem Auto an ihm vorbeifuhr. Es wurde Winter und er hatte sich anscheinend Gedanken um seine Sicherheit gemacht, genau wie sie selbst. Auch ihr Licht am Fahrrad hatte sie noch einmal überprüft, als sie gemerkt hatte, dass nun die Zeit gekommen war, dass sie morgens im dunklen vom Bahnhof zu ihrer Arbeitsstelle fahren musste. Vielleicht verband sie also mehr als nur dieser eine Moment. Die Beiden waren verbunden durch das Bedürfnis nach Essen, nach Schlafen, nach allem was der Körper verlangte um funktionieren zu könne. Des Weiteren verband sie offensichtlich der Drang nach Sicherheit. Er versuchte diesen mit einer Wanweste zu befriedigen, sie mit der Überprüfung der Lichter an ihrem Fahrrad, mit der Gabel in ihrer Handtasche, falls sie jemand überfallen sollte, mit der Polizeinummer, gespeichert unter einer kurz Wahltaste in ihrem Handy. Warum sie sich manchen Menschen so nah fühlte und anderen gar nicht, warum sie wohl gedacht hatte, dass sie beide Welten trennten, wobei sie doch offensichtlich Bedürfnisse vereinten. Ihr tat Leid, dass sie das Gedacht hatte, ihr tat Leid, dass sie auf dem Weg in ihr eigenes warmes zu Hause war und er, ja wo ging er eigentlich hin? Hatte er auch etwas, dass er sein zu Hause nannte, hatte er etwas, dass sich für ihn wenigstens so anfühlte. Sie wünschte es sich von ganzen Herzen als sie in die Straße einbog, in der sich ihr zu Hause befand. Sie wollte, dass jeder Mensch ein zu Hause hatte, sie wollte, dass jeder sich nach einem Arbeitstag darauf freuen konnten in sein zu Hause zurück zu kehren, denn wenn man diesen Gedanken nicht hatte, hatte es dann einen Sinn seinen Tag abzuschließen, konnte man dann nicht einfach weiterarbeiten? Brauchte nicht jeder Mensch ein zu Hause, oder gab es welche, die einfach nur wanderten? Sie wusste es nicht und es würde ihr wohl auch niemand beantworten können, aber eines war ihr klar, Essen brauchte jeder und sie wollte ihm helfen. Als sie ausstieg ließ sie sich den Autoschlüssel geben, stieg auf der Fahrerseite ein und entfernte sich wieder von ihrem zu Hause, auf das sie sich schon den ganzen Tag gefreut hatte. Um die drei Ecken bog sie mit etwas zu viel Schwung, aber um diese Uhrzeit war ihre Stadt fast wie ausgestorben. Zu dem Zeitpunkt, als sie auf die lange Straße kam, auf der sie ihm begegnet war, konnte sie die Wanweste schon von weitem leuchten sehen. Doch ihr Ziel war vorerst nicht der Mann selber, sondern der Bäcker, der sich am Ende der Straße befand. Sie wollte ihm ein paar Brötchen kaufen, vielleicht auch etwas zu trinken. Warum sie das tun wollte, und ihm nicht einfach nur Geld geben wollte? Sie hatte das einmal getan und zehn Minuten später den Mann, der damals zehn Euro von ihr bekommen hatte, in einem Supermarkt Bier kaufen gesehen, das hatte ihr dann die Lust darauf genommen, Menschen die um Geld baten, welches zu geben. Von diesem Mann wusste sie nichts, außer, dass er offensichtlich um seine Sicherheit bemüht war und das sie nur vermuten konnte, dass er genauso körperliche Bedürfnisse hatte, wie sie selbst. Beim Bäcker entschied sie sich für zwei normale Brötchen, zwei Körnerbrötchen und einem belegten. Des weiteren kaufte sie noch drei Liter Wasser und ging dann, glücklich über ihrer Auswahl, zurück zum Auto. Sie wusste ja nicht was er gerne wollte und Brötchen wurden auch nur hart, wenn man sie nicht gleich aß. Die Autotür viel neben ihr mit einem lauten Knall ins Schloss, sie hatte wohl zu stark daran gezogen, so aufgeregt war sie. Der Zündschlüssel wurde umgedreht und sie begann sich nun wirklich Gedanken zu machen, wie sie das gleich anpacken wollte. Sie hatte so viele Fragen an diesen Mann, am liebsten hätte sie seinen ganzen Lebenslauf kennen gelernt, sie hätte sich gerne genau erklären lassen, was er machte am Tag, wie er sich fühlte, ob es denn gar keine Arbeit für ihn gäbe, da müsste doch etwas zu machen sein. Sie setzten den Blinker und fuhr los. Wieder konnte sie den Topf im Sonnenschein glänzen sehen, wieder erkannte sie die Filzdecke mit dem Kissen darunter. Die Straße war lehr, hinter ihr war niemand, sie würde einfach neben ihm halten und das Fenster herunterlassen, ihm die Brötchen und das Trinken geben und wegfahren. Vielleicht musst man nicht beim ersten Aufeinandertreffen gleich seine Lebensgeschichten austauschen, jenes war ihr dann vielleicht doch zu unangenehm, für den Anfang jedenfalls. Als sie sich ihm Näherte fuhr sie langsamer und setzten den Blinker, sie stoppte nicht ganz neben ihm, sondern fuhr etwas zu weit. Sie schaute in den rechten Rückspiegel und sah, was sie nicht für möglich gehalten hätte. Sie sah, wie sich die Wanweste umdrehte und der Karren in die andere Richtung geschoben wurde. Hatte er sich nun wirklich von ihr abgewandt? Wegen ihr? War er von ihr weggegangen? Das konnte ja nicht sein, sie wollte ihm doch nur etwas zu essen geben und ihn nicht von seiner Route abbringen. Still saß sie da, nicht wissend was sie tun sollte. Den Rückwärtsgang einlegen und ihm hinterherfahren war eine Option, die andere einfach weiter geradeaus zu fahren und so zu tun, als sei nicht passiert. Unsicher wägte sie einige Sekunde die Optionen ab und intuitiv legte sie den ersten Gang ein und fuhr geradeaus. Ein gemischtes Gefühl machte sich in ihrem Magen breit und sie konnte es nicht definieren, da war auf jeden Fall Unsicherheit. Viel Unsicherheit musste dabei sein, in diesem Gemisch, in ihrem Magen. Auch etwas Wut und auch etwas Reue. Ja, viel Reue, sie wusste nur nicht ganz, was sie bereuen sollte. Sollte sie bereuen, dass sie überhaupt so etwas hatte machen wollen, oder das sie dann doch in der Mitte der Aktion aufgegeben hatte. Vielleicht hatte der Mann mit der Wanweste, der mit ihr voraussichtlich die Körperlichen Bedürfnisse eines Menschen und das Bedürfnis nach Sicherheit teilte, kein Bedürfnis nach sozialem Kontakt an diesem heutigen Abend, oder vielleicht hatte sie auch nicht das Bedürfnis nach einer unangenehmen Begegnung, mit jemandem, von dem sie eigentlich fasziniert war. Jetzt, wo er sich von ihr abgewandt hatte, war sie nur noch faszinierter und sie wollte nun erst recht etwas von und über ihn wissen. Was hatte ihn dazu bewogen umzukehren? Hatte er schon schlecht Erfahrungen gehabt oder endeten hier die Gemeinsamkeiten von den Bedürfnissen der Pyramide von Maslow.

Kommentare

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    Durchaus bemerkenswerter Text, gut formuliert und dazu geeignet, zum Nachdenken anzuregen. Ich darf dich bei der Gelegenheit vielleicht darauf aufmerksam machen, Dass es eigentlich "Warnweste" heißt, was dem Verständnis deiner Gedankengänge aber keinen Abbruch tut. 5/5* Willkommen auf Belletristica! ;-)

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