Geschäftsessen


Gegen sieben Uhr Abends war ich mit Mr. Darwin bei einem netten Italiener in Crownville verabredet. Zuhause kramte ich sämtliche Unterlagen, welche ich über Dresswell finden konnte zusammen. Marc fragte nicht einmal wohin ich wollte, auch als ich ihm sagte, dass ich mit meinem neuen Chef essen gehen würde, nickte er bloß. Einerseits bin ich froh, dass er mir vertraut, doch was wenn es nicht am Vertrauen liegt? Manchmal bekam ich das Gefühl, dass es ihm schlichtweg egal ist was und mit wem ich etwas mache. Er war noch nie ein wirklich eifersüchtiger Typ, aber früher interessierte er sich zumindest mehr dafür wie ich meine Zeit ohne ihn verbrachte.

Marc konnte von Glück sprechen, dass ich jetzt keine Zeit hatte um mir mehr Gedanken darüber zu machen. Ich musste mich auf das Geschäftsessen vorbereiten, naja zumindest mental.

Als ich vor dem Restaurant an kam stand Mr. Darwin bereits davor und wartete auf mich. Er nickte mir freundlich zu und gab mir die Hand. Komisch, so eine wortlose Begrüßung. Eine junge Kellnerin brachte uns zu unserem Tisch. Ihre vielsagenden Blicke entgingen mir natürlich nicht. Sie schien meinen neuen Boss förmlich anzuhimmeln, während ich mit herablassender Miene beäugt wurde. Belustigt schüttelte ich den Kopf und nahm auf der Sitzbank platz, Mr. Darwin saß auf einem Stuhl gegenüber von mir.

„Hier habe ich sämtliche Dokumente von Dresswell’s gesammelt. Ich hoffe Sie können sich nun ein Bild vom Studio machen. Falls Sie weitere Fragen haben stehe ich ihnen gerne zur Verfügung, Sir“, sagte ich und platzierte einen dicken Ordnen zwischen uns auf den Tisch. Mr. Darwin machte große Augen und versucht vermutlich sich sein Lachen zu verkneifen.

„Moment mal, so habe ich mir das Geschäftsessen nicht vorgestellt, Emily. Und bitte nennen Sie mich Benjamin oder Ben, so nennen mich meine Freunde. Aber um Himmelswillen sagen Sie nicht Sir zu mir.“

Er wirkte sehr selbstsicher und noch immer ein wenig belustigt, was mich um ehrlich zu sein ein wenig kränkte. Natürlich war ich mit Mary auch per du, aber das war etwas anderes. Ich hielt es für vernünftig eine respektvolle Umgangsform mit meinen Vorgesetzten zu pflegen.

„Nun gut, Benjamin. Wie haben Sie sich denn das Geschäftsessen vorgestellt?“

„Also wie wäre es wenn sie mir ein wenig über sich erzählen?“

Er setzte ein unwiderstehliches Grinsen auf und irgendwie wurde ich den Verdacht nicht los, dass er mich bloß provozieren wollte. Am meisten ärgerte mich die Tatsache, dass ihm das auch gelang. Ich war wirklich ein wenig gereizt.

„Entschuldigen Sie, aber was hat das mit Dresswell’s zu tun?“

Ich wollte nicht schnippisch klingen und betete, dass mir das auch gelang.

Sein Grinsen wurde noch breiter und ich ertappte mich dabei wie ich auf ihn hineinfiel.

„Naja, Sie sind eine wertvolle Mitarbeiterin. Ich pflege das Motto; willst du ein Unternehmen verstehen, musst du seine Mitarbeiter verstehen, wissen Sie.“

Gut, wie er wollte. Ich ließ mich auf sein Spielchen ein und setzte ein unglaublich falsches Lächeln auf.

„Also gut, ich schneidere bereits seit meiner Kindheit. Begonnen mit kleinen Beuteln oder Einkaufstaschen landete ich irgendwann auf einer Kunstuniversität und machte meinen Abschluss in Modedesign. Nach meinem Abschluss irrte ich in London umher und arbeitete für unzählige NoName-Designer, bis...“, ich brach ab, denn ich wusste nicht wie ich fortfahren sollte. Ich wollte die Stimmung nicht trüben, auch wenn sie so oder so nicht auf ihren Höhepunkt war.

„Bis meine Mutter sie fand?“, fragte Benjamin.

Seine Stimme war weich, er spürte wie unsicher ich dabei war vor ihm über sie zu sprechen. Ich nickte und er ermutigte mich mit einem Lächeln weiter zu erzählen.

„Naja ich arbeitete in einem kleinen verdreckten Loch um ehrlich zu sein. Mein Chef designte Hippie-Mode, welche eigentlich gar keine war. Die Designs waren fürchterlich, aber ich brauchte einen Job. Irgendwann tauchte Mary auf, immer und immer wieder. Sie sah mir dabei zu und es machte mich nervös, natürlich wusste ich wer sie war. Anfangs kritisierte sich mir ständig und änderte viel an meinen Entwürfen, doch irgendwann meinte sie ich solle zu ihr ins Studio kommen. Ich war oft wütend weil sie viele von meinen Ideen kritisierte, aber irgendwann meinte sie lächelnd, dass niemand unverbesserlich sei. Von dem Tag an sah ich sie als meine Mentorin. Sie brachte mir unglaublich viel bei und übergab mir auch viel Verantwortung bei Dresswell’s“

Ich merkte wie meine Stimme immer zittriger wurde und mir langsam die Tränen aufstiegen. Mir wurde wieder bewusst wie sehr mir Mary fehlen würde und ich schämte mich wie ein Emotionsbündel vor ihrem Sohn zu sitzen.

Benjamin lächelte die ganze Zeit während ich ihm über meine Zeit bei seiner Mutter erzählte, ja als ich ihm von meinen Anfängen erzählte lachte er sogar ein wenig.

„Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie Designerin werden wollte?“, fragte er und nahm einen Schluck des teuren Weines den er uns bestellt hatte.

„Meine Grandma war Schneiderin. Immer wenn ich bei ihr war lernte sie mehr etwas und es machte mir wirklich Spaß. Oft zauberten wir aus alten Sachen ganz neue tolle Stücke.“

Bei diesen Erinnerungen musste ich selbst lächeln. Grandma war toll, sie konnte es nicht ausstehen wenn ich ein Loch in meinen Jeans hatte und seit meinem sechsten Geburtstag verdonnerte sie mich dazu, diese selbst zu flicken.

„Ihre Grandma ist bestimmt eine tolle Frau, wenn sie so früh ihr Talent erkannte“, sagt er und zwinkerte mir zu.

Plötzlich fühlte ich mich ein wenig unruhig. Ich gebe hier so viel von mir Preis obwohl das eigentlich ein Geschäftsessen werden sollte. Noch immer verstand ich es nicht warum er so viel über mich wissen wollte, schließlich sollte es nur um sein Unternehmen gehen. Um mich nicht noch mehr aus dem Konzept bringen zu lassen ließ ich das Gespräch in eine andere Richtung laufen. Ich erzählte ihm viel über unsere Arbeit im Studio und über die laufenden Projekte wie zum Beispiel die Charity-Veranstaltung in einem Monat. Wir sollte eine Modenschau veranstalten und hatten noch nicht einmal Entwürfe uns würde also nichts anderes überbleiben als abzusagen.

Nachdem ich Benjamin unsere Situation schilderte, entschloss er sich keinesfalls abzusagen und meinte wir fänden schon eine Lösung.

Das Essen war toll. Ich bestellte Spaghetti Cabonara während Benjamin Lasagne aß. Er bestand natürlich darauf die gesamte Rechnung zu übernehmen und ich ließ ihn bezahlen, immer war es ein Geschäftsessen. Keine Ahnung warum ich mir dauernd selbst ins Gewissen rufe, dass es ja nur ein Geschäftsessen sei.

Ich wollte gerade ein Taxi aufhalten als Benjamin sich verabschiedete.

„Also gut, Emily. Danke für ihre Hilfe!“

„Keine Ursache. Danke für die Einladung, Sir... ehm Benjamin.“

„Gut gerettet“, sagte er und zwinkerte mir zu.

Warum zwinkert er schon wieder? Und warum fand ich das so toll?

Irgendwie ist er mein neuer Boss und ich sollte ihn nicht so charmant finden oder seine Augen so toll oder sein Lächeln... okay STOP!
„Und werden Sie zuhause jetzt weiter an Entwürfen arbeiten?“, fragte er mich mit seinem zauberhaften Lächeln.

Eigentlich würde ich das ja wirklich gerne, aber Marc meinte immer ich sollte daheim abschalten. Vielleicht er das ja auch mal tun, immer war er derjenige der ständig arbeitete.

„Nein mein Freund mag es nicht, wenn ich zuhause arbeite.“

„Ihr Freund also?“

Benjamin machte große Augen und ich fühlte mich ertappt. Ich sollte mich nicht schlecht fühlen, denn ich machte nichts falsch, trotzdem kam ich mir komisch vor.

Ich nickte bloß.

„Und trotzdem sind sie mit mir Essen gegangen?“

Was wollte er denn damit bezwecken?

Er war mein Boss der nach Hilfe fragte.

„Natürlich, es war ein Geschäftsessen, also...“
„War es wirklich nur ein Geschäftsessen, Emily?“, unterbrach er mich und zwinkerte mir erneut zu.

Ich öffnete bereits den Mund um etwas zu entgegnen, doch da verschwand er schon in einem Taxi und fuhr davon.

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