Ich stehe am Fenster hinter der Gardine, damit er mich nicht sieht. Er verläßt das Haus, geht über den Weg, schaut nicht zurück. Im Vergleich mit seinen Schultern wirken die Beine kurz. Ich muß kichern, werde aber nachdenklich, als ich zurückblicke in den Raum und das Bett mit den zerwühlten Kissen sehe. Was ist geschehen? Ich bin 16 und es war mein erstes Mal. Wieder muß ich kichern und krümme mich dabei zusammen, es ist so peinlich und ich habe Schmerzen. Ich habe ihm nicht gesagt, daß ich noch Jungfrau bin, habe souverän und erfahren getan. Er hat nicht gefragt.

Wir haben uns vor dem Haus auf der Straße getroffen, er hat mit mir geflirtet und ich war geschmeichelt und beeindruckt. Ein solcher Mann, erfahren und selbstsicher, hat Interesse an mir! Na gut, ich wirke älter und ich habe meiner Schwester abgeschaut, wie sie mit Männern spricht, flirtet und sie lockt. Ich wollte sein wie sie. Und nun....hatte ich Sex mit einem Mann, den ich kaum kenne, der älter ist als mein Vater, ich schäme mich und fühle doch einen leisen Triumph, denn meine Schwester hatte noch keinen Sex.

Ich kann es ihr nicht sagen! Sie wäre entsetzt und wütend, bildet sie sich doch soviel ein darauf, die Ältere zu sein, die Erfahrenere, die Schönere, die Klügere.

Ich ziehe das Bettzeug zurecht, damit es sein Geheimnis wahrt, und hocke mich auf die Bettkante, sorgfältig vermeidend, mit der beschmutzten Wäsche in Berührung zu kommen. Ich will es nicht sehen, nicht riechen, nicht denken, was ich getan habe.

Er hatte mich einige Male besucht, hatte mir Schokolade und Blumen gebracht, mir Komplimente gemacht. Ich war sehr stolz, fühlte mich erwachsen und begehrt. Andere hatten schon längst Sex mit 16, ich kann das auch!

Und wenn ich jetzt schwanger bin? Er hat nicht gefragt, ob ich die Pille nehme oder ob er ein Kondom benutzen soll. Ich habe nichts gesagt, denn ich wollte nicht wie ein dummes kleines Mädchen wirken.

Jetzt sitze ich verängstigtes kleines Mädchen auf meinem zerwühlten Bett und fühle mich hilflos, mir ist zum Weinen. Ob ich mit Mama darüber sprechen kann?

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Ich bin 18 und wieder stehe ich am Fenster hinter der Gardine, damit er mich nicht sieht und wieder verläßt er das Haus, geht über den Weg, schaut nicht zurück. In den letzten beiden Jahren ist er immer wieder zu mir gekommen, fast wortlos. Er hat nicht gefragt, ob ich schwanger bin, damals, er muß doch wissen, daß ich noch Jungfrau war. Er benutzt jetzt ein Kondom, weil ich ihn darum gebeten habe. Die Stirn hat er gerunzelt, finster geschaut, dann mit einem Knurren genickt und seitdem hat er immer Kondome dabei. Er wendet sich ab, bevor es überstreift, wendet mir den Rücken zu, aber sowieso schaut er mich nicht an dabei. Wenn er fertig ist, rollt er sich zur Seite, steht auf, zieht sich an und geht. Manchmal tätschelt er mir kurz den Kopf, wirft einen Blick auf mein Gesicht und dann verläßt er das Haus, geht über den Weg und schaut nicht zurück.

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Er steht hinter mir, leise hat er das Zimmer betreten. Er räuspert sich, ich reagiere nicht, drehe mich nicht um. Am Rascheln des Anzugstoffes höre ich, daß er die Schultern zuckt, er murmelt etwas und geht fort. Er verläßt das Haus, geht über den Weg, hält inne und schaut zurück.

Ich bin 19.

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Er steht im Raum, in der Nähe der Tür, den Kopf gesenkt, die Schultern zum Brustkorb hin gerundet. Ich stehe hinter ihm in einigen Metern Entfernung, die linke Körperseite ihm zugewandt, den Kopf gedreht, so daß ich ihn sehen kann, nachdenklich, sinnend.

Ich weiß, er beschäftigt sich in Gedanken mit mir, wenn er auch nicht darüber spricht. Er ist erfüllt von mir, alles hat sich verändert. Er liebt mich jetzt, das verwirrt ihn. Er weiß nicht, wie er es mir sagen kann; er weiß nicht, wie er damit umgehen, wie er das in sein Leben integrieren kann. Er wünscht es sich, er wünscht sich, ich sei Teil seines Lebens und es ist ihm bewußt, wie unsere Geschichte begonnen hat. Er verzweifelt daran.

Ich schaue ihn an, wie eine erfahrene Frau einen jungen Liebhaber anschaut, mit Nachsicht, manchmal mit milder Ungeduld.

Was will ich? Wie stehe ich zu ihm, was fühle ich für ihn – fühle ich etwas für ihn?

Ich fühle Zorn und Verachtung.

Ich bin jetzt zwanzig Jahre alt und statt mich Vertrauen und Liebe zu lehren, hat er meine Unerfahrenheit ausgenutzt, hat er mich mißbraucht.

Geh! Verlasse mein Haus. Ich schaue Dir nicht nach.

Kommentare

  • Author Portrait

    Kann mich laycre nur anschließen und hoffe, dass der Text nicht autobiografisch ist! :)

  • Author Portrait

    Ein großartiger Text! Wirklich sehr schön geschrieben.

beta
Feenstaub

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