Geschwister

Der Winter war an der Küste eine äußerst ernste Angelegenheit. Litten wir sonst auch das ganze Jahr über Hunger, war es im Winter noch mehrfach schlimmer.

Wenn ich heute so darüber nachdenke, ist mir damals nie aufgefallen, wie müde meine Mutter oft aussah. Wie besorgt sie uns Kinder betrachtet hatte, wenn wir über unseren spärlichen Rationen saßen und nach dem Essen hungrig zu Bett gingen.

Sicherlich lag es zum Teil auch daran, dass mein Vater sich nur wenig Gedanken machte und es daher der Fall war, dass meine Mutter beinahe jedes Jahr ein Kind bekam.

Doch die Sorgen der Eltern kümmern mich, Lachlan und meine älteren Geschwister im Grunde wenig. Sicher merkten wir, dass es an manchen Tagen nur für die Kleinen Milch gab, da unsere Ziege nicht sehr viel hergab, aber wir waren auch mit einem Brotkanten zufrieden.

 

Wir waren eben Kinder.

Wir waren in der Lage, Schlimmes besser auszublenden als unsere Eltern und für uns war es damals wichtiger, bei unserer Familie zu sein. Essen und Reichtum, das kümmerte uns nicht.

Wir stromerten durch die Wiesen und lichten Küstenwälder und aßen alles, was die Natur uns überließ.

Doch im Winter war dies freilich nicht möglich.

 

Dennoch habe ich, im Bezug auf meine Geschwister, beinahe nur gute Erinnerungen an den Winter.

Die meisten meiner Brüder und Schwestern starben bereits wenige Tage nach der Geburt, weil meine Mutter während der Schwangerschaft nicht ausreichend zu essen hatte. Deswegen zähle ich diese Kinder eigentlich nicht wirklich zu meinen Geschwistern. Viele hatten nicht einmal einen Namen bekommen.

Ich weiß nicht genau, wie viele Kinder meine Mutter eigentlich im Laufe der Jahre geboren hatte, aber ich weiß, dass 13 von ihnen das 2. Lebensjahr vollendeten und 5 das Erwachsenenalter erreichten.

 

Meine Lieblingsschwester Siobhan starb mit 25, was mich schrecklich betrübte, als ich es erfuhr. Sie hatte einige Zeit zuvor geheiratet und war den Folgen des harten Winters und dem Kindbettfieber erlegen. Im selben Winter starben mein Vater und mein jüngerer Bruder George auf See. Sie waren beim Fischen bei schwerem Seegang ins Meer gestürzt und erfroren. Man fand ihre Leichen Monate später, schrecklich entstellt.

Überhaupt verlor ich in diesem Winter viele Mitglieder meiner Familie. Er galt als der härteste Winter seit vielen Jahren. Nicht nur meine Leute starben... viele aus meinem Dorf ließen ihr Leben durch Hunger, Krankheit oder Kälte.

 

Doch unabhängig davon liebte ich den Schnee, den der Winter brachte. Er verdeckte den Schmutz und das Elend, welches uns überall umgab.

Ich erinnere mich an viele verschneite Tage, in denen wir bis zum Einbruch der Nacht im Schnee spielten, so lange, bis meine Mutter beinahe wütend wurde, weil sie befürchtete, wir könnten krank werden und sterben.

Denn ”Krank im Winter” bedeutete zum Ende des 13. Jahrhunderts den sicheren Tod.

 

Das letzte Mal, das ich den Schnee als unbeschwertes Kind genießen konnte, war im Jahr 1289.

Weihnachten war verstrichen – eine Feierlichkeit, die insoweit negativ behaftet war, dass man stundenlang in der ungeheizten Dorfkirche hocken und der Messe lauschen musste – und es hatte zuvor tagelang geschneit.

Ich war 8 Jahre alt, Lachlan 7, Patrick 11 und meine Zwillingsschwestern Siobhan und Agnes 10. Schon nach dem ersten Blick aus dem Fenster, direkt nach dem Erwachen, hielt uns 5 nichts mehr in unserem Bett, welches wir uns teilten.

Wir waren kaum in den Kleidern, als wir schon den unberührten Schnee für uns eroberten.

Wie heute höre ich das Lachen meines älteren Bruders und das Kreischen meiner Schwestern, als ihnen der erste Schneeball ins Gesichts flog. Lachlan hielt sich damals anfangs noch etwas zurück. Ich sagte ja, er war schon immer kränklich und litt an chronischem Husten, ausgelöst durch seine Schwindsucht.

Und dennoch war er irgendwann, als die blasse Wintersonne den Himmel erklomm, dabei, als wir uns daran machten, den größten Schneemann dieses Winters zu bauen.

 

»Henry, jetzt mach schon. Stemm dich dagegen, sonst wird die Kugel nicht größer«, rügte Patrick mich, weil mir die Kraft fehlte, die Schneekugel für den unteren Teil des Schneemannes weiterzurollen.

»Wie wäre es, wenn du mit anfassen würdest anstatt zu kommandieren?«, schnappte ich zurück und warf mich wieder gegen den Koloss, der mir bereits bis zu den Schultern ging.

Meine Schwestern halfen schließlich, aber das Rollen war so anstrengend und Patrick machte nicht einen Finger krumm, was Agnes, Siobhan und mich letztlich so nervte, dass wir ihn mit seinen Schneekugeln alleine ließen und stattdessen lieber mit Lachlan auf gefrorenen Wasserpfützen schlittern gingen.

Noch heute höre ich das Gezeter Patrick’s in meinen Ohren und muss schmunzeln bei der Erinnerung.

 

Und ich erinnere mich immer, wenn es schneit.

Kommentare

  • Author Portrait

    Langsam aber sicher lebt man mit im 13 Jahrhundert... man ist an Bord.

  • Author Portrait

    Sehr schön beschrieben

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Feenstaub

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