Gestrandet

"Woher kommst du, Seemann?" fragte die hübsche Rothaarige, die sich auf Alvarós Schoß räkelte. Sie hatte einen breiten nordländischen Akzent der sich in seinen Ohren noch immer etwas barbarisch anhörte. Doch ihre Stupsnase machte die rohe Sprache wieder wett.
"Aus dem Süden, aus der großen Stadt Argos", antwortete er: "Ich habe dort ein großes Haus mit Türen aus Gold, und Sklaven die mir jeden Wunsch erfüllen. Die meiste Zeit jedoch segle ich mit meinem Schiff, der Goldschwinge, über die Meere um meinen Reichtum zu vergrößern. Die Freiheit auf See behagt mir mehr als das Stadtleben."
"Hast du eine Frau? Wartet zuhause jemand auf dich, der nicht gern sehen würde dass du hier bei mir bist?" neckte sie ihn.
"Meine Frau ist die See, und die Gefahr meine Geliebte. Nur wenn ein Mann jeden Tag seinen Platz in der Welt behaupten muss, weiß er was Freiheit ist."
"Die Freiheit scheint dir viel zu bedeuten, bist du ein Pirat mein starker Mann?" Sie beugte sich zu ihm nach vorn, ihre feurigen Locken berührten sein Gesicht. Alvaró konnte ihr Duftwasser riechen. Lavendel.
"Ich bin Geschäftsmann und verdiene mein Geld mit Waren, wie jeder andere Händler. Nur verdiene ich an Waren, die ihr vorbestimmtes Ziel nicht erreichen."
"Ich habe noch nie bei einem Piraten gelegen" hauchte sie ihm entgegen. "Aber ich hatte schon immer eine Schwäche für gefährliche Männer. Und für reiche Männer." fügte sie hinzu. 
Alvaró griff nach seinem Geldbeutel um der rothaarigen Schönheit einige Münzen zuzustecken, doch als er das dünne Ledersäckchen berührte wurde ihm bewusst, dass er sich diese vergnügliche Nacht nicht würde leisten können. Das Freudenmädchen mit dem schönen Haar bemerkte seinen Gesichtsausdruck und wand sich aus seiner Umarmung. "Es ist doch immer das gleiche mit euch verlausten Seeratten. Eine Schnauze wie Gold und Seide aber nichts als Luft und leere Versprechen in der Börse." Darauf folgte eine Aufzählung der erlesensten Beschimpfungen, die eine Hafenhure zu bieten hatte. Schließlich packte ein kräftiger Nordländer mit tätowierten Armen Alvaró am Kragen und schleifte ihn nach draußen, wo er mit dem Gesicht nach unten in einer Pfütze landete.

Alvaró drehte sich auf den Rücken und spuckte Schlamm. Leichter Nieselregen tropfte auf sein Gesicht. Das scheußliche Wetter passt zu dieser stinkenden Stadt, dachte er. Vielleicht ist es ja aber auch das Wetter, das sie erst so scheußlich macht? Argos war ebenfalls ein schmutziges Pflaster, aber wenigstens schien dort stets die Sonne. Und für skrupellose Geschäftsmänner wie Alvarò gab es dort immer Möglichkeiten an Geld zu kommen. Aber hier? Diese Stadt hatte ihre ruhmreichen Tage längst überlebt. Und er saß hier fest. Ausgerechnet hier, in einer Stadt am nördlichen Rand der Welt, hunderte Meilen von seiner Heimat entfernt. Sein Schiff war in einer nebligen Nacht an der rauen Felsenküste zerschellt, als er versucht hatte eine Ladung mit Gewürzen an den Zöllnern vorbei in die Stadt zu schmuggeln. Er selbst war den eisigen Fluten nur knapp entronnen, indem er sich an ein Trümmerteil klammerte. Und jetzt lag er hier im Schlamm vor einem Bordell, ohne Geld, ohne Mannschaft, ohne Schiff. Seine Tage als Seeräuber schienen gezählt. Auch wenn er als solcher nie so große Reichtümer angehäuft hatte, wie er gern behauptete, so war es doch das Leben welches Alvarò sich ausgesucht hatte. Das einzige das er kannte.

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