"Glaubst du an das Paradies?"

Der Sommer des Jahres 1290 belastete uns alle mit extrem wechselhaftem Wetter. Waren die Tage flirrend heiß und die Luft kaum zu atmen, fielen die Temperaturen in der Nacht so sehr, dass Lachlan und ich einander im Schlaf fest umklammert hielten. In solchen Zeiten war ich froh, dass die Kutten zwar wie Scheiße aussahen, aber immerhin aus einem dicken und verhältnismäßig warmen Stoff gefertigt waren. Auch wenn sie kratzten.

Zusammen mit der einfachen, alten, aber recht dicken Decke konnten wir uns einigermaßen warm halten.

Ich sorgte mich dennoch, was werden würde, wenn erst einmal der kalte und schneebringende Winter da wäre. Würde man uns eine weitere Decke zugestehen? Oder gar ein Tierfell als zusätzliche Bettstatt, um nicht zu erfrieren?

Lachlan und ich waren in dem Kloster ebenso viel wert wie die Ratten, die wir zeitweilig aus der Speisekammer zu vertreiben hatten. Ich zweifelte stark daran, dass man uns entgegenkommen würde, doch ich setzte einen Teil meiner Hoffnung auf den alten Herbalisten William, der sich damals sehr für uns eingesetzt hatte. Ihm hatten wir so einige Dinge zu verdanken, auch wenn sie meist heimlich geschahen. Wie hier und da ein Stückchen Obst abseits der Tafel.

 

In einer dieser regnerischen Sommernächte lag ich wach. Der Wind jaulte um die Klostertürme und der Regen klatschte laut gegen das Gemäuer. Immer wieder erhellten Blitze die karge Kammer und Donner durchbrach das Regenrauschen. Lachlan hatte sich an mich gepresst und seinen Kopf gegen meine Rippen gedrückt.

Ich lauschte beruhigt seinem Atem, der weder sonderlich rasselte noch pfiff, was bedeutete, dass seine Lungen nicht allzu schwer verklebt waren. Ihm tat der trockene Sommerwind gut. Und trotzdem war die Angst da.

Die Angst vor dem nächsten Winter, die Angst vor dem Rückkehren der Schwindsucht. Angst, dass er eine Lungenentzündung bekommen könnte. Angst, dass die Mönche sich dann weigern würden, ihm Hilfe zuteil werden zu lassen. Dass sie Phrasen dreschen würden wie »Wir müssen auf Gott vertrauen.« oder »Er ist nun in Gottes Hand.«

Mein Glaube an Gott war stark damals.

Dennoch wusste ich damals schon, dass Beten und Hoffen allein meinen Bruder nicht retten würde, würde er krank werden. Und trotzdem betete ich. Denn etwas anderes hätte ich als unwissender Junge nicht tun können.

 

Ein heftiger, krachender Donnerschlag ließ mich schwer zusammenzucken, was auch Lachlan aus seinem Schlummer riss.

»Was ist denn los?«, nuschelte er müde und ich lachte erschrocken.

»Hast du diesen Donner gerade gehört? Als ob Gott mit seinen Engeln Felsblöcke zerschlagen würde.«

Lachlan drehte sich auf den Rücken und ich konnte sein Profil erkennen, als ein weiterer Blitz die Kammer erhellte.

»Wie konnte ich bei diesem Lärm schlafen?« Seine Stimme war matt, aber klang hellwach.

»Schlaf weiter, Lanny.«

»Nein. Der Regen ist so laut, ich kann nicht. Dabei habe ich so schön geträumt«, schmollte er, als würde er dem pladdernden Regen höchstpersönlich die Schuld daran geben, dass er nun wach war. Dabei war es meine Schuld, weil ich mich erschrocken hatte.

»Was hast du denn geträumt?«, wollte ich wissen. Wenn wir beide schon wach waren, konnten wir uns auch unterhalten. Immerhin war am darauffolgenden Tag Sonntag und wir würden tagsüber Zeit haben, etwas zu schlafen.

»Glaubst du an das Paradies, Henry?«

»Aber ja.«

»Und wie glaubst du, sieht es dort aus?«

»Grün und mit blühenden Bäumen. Aber wohl voller Schlangen.«

Lachlan und ich hatten nie im Leben eine richtige Schlange gesehen. Das, was einer Schlange am nächsten gekommen sein könnte, war wohl eine kleine Blindschleiche, die mein Vater einst einmal gefangen und uns gezeigt hatte. Niemand wusste, dass diese Tiere gemeinhin nicht als Schlangen galten. Woher auch? Wissenschaft gab es damals nicht, das war Hexerei.

Aber von den Predigten unseres Dorfpfarrers wussten wir, dass Schlangen böse waren. Immerhin hatten sie Eva zum Verrat verführt und zur Verbannung aus dem Paradies geführt.

»Ist es dann nicht schlecht dort? Wenn dort überall diese Verführer lauern?«

»Ich weiß nicht. Irgendwann werden wir es sehen, wenn wir nur weiter recht anständig bleiben.«

Wir Kinder glaubten damals fest daran, dass wir alle unsere Geschwister im Paradies wiedersehen würden, wenn wir einmal starben und dass all das Leid, der Hunger und die Entbehrungen unseres Lebens dort reich belohnt werden würden.

»Was hast du denn nun geträumt?«, hakte ich noch einmal nach, nachdem er einige Minuten ruhig geblieben war.

»Ich habe vom Paradies geträumt. Aber da gab es keine Schlangen und keine Monster.«

»Was denn sonst?«

»Es war Frühling. Alles war schön grün, die Bäume haben geblüht. Du weißt schon, wie die Bäume im Kirchgarten zuhause. Wo Kirschen dran wachsen.«

Ich nickte im Dunkeln. Es war etwas Besonderes, wenn der Pfarrer uns Kindern sonntags nach der Messe allen eine Handvoll Kirschen schenkte.

»Überall waren Blumen, es duftete. Nicht nach Mist oder irgendwelchen geschlachteten Tieren, nicht nach Abfall und modrigem Laub, nein. Es duftete sauber und frisch, wie Kräuter und süße Blüten. Und es duftete nach sauberem Wasser. Auch ein Fluss war da, dessen Wasser glitzerte und leise flüsterte. Vater und Mutter waren da, aber sie sahen ganz anders aus. Nicht so müde wie sonst, sie hatten ganz weiße und saubere Kleider an. Auch Patrick war da, Siobhan, Agnes, wir beide, George, Ian und Fiona. Sogar Freda.«

Meine Schwester Freda war im Winter 1289 an einem Fieber gestorben und ich war überrascht, dass Lachlan sogar sie in seinem Traum sah. Immerhin hatten wir keine große Bindung zu ihr, sie wurde nicht mal ganz zwei Jahre alt.

»Andrew war auch da und Annie. Mutter hatte sie auf dem Arm und sie trug ein Taufkleid aus Spitze. Weißt du noch? Wie die reiche Dame getragen hatte, die wir mal im Dorf gesehen hatten. Alle sahen so sauber aus und wir alle hatten ganz weiße Kleider an.«

Ich lächelte. Sauber waren wir selten durch die ganze Arbeit und weiße Kleider? Sowas hätte es in meiner Familie niemals gegeben, einfach auch, weil rein weißer Stoff unermesslich teuer war.

»Die Sonne schien und Vögel haben gesungen. Es war ein schöner Tag und alle haben sich gefreut. Doch das Beste war die Festtafel, an der wir alle saßen. Körbe voller warmem Brot, frische Maisgrütze, Käse und richtige Butter. Wir bekamen frische Milch, während Vater und Mutter Kelche hatten, in denen roter Wein war. Außerdem gab es eine gebratene Gans und ein Schwein am Spieß...«

Lachlans Stimme wurde zunehmend leiser und irgendwann verstand ich ihn nicht mehr, weil sie so sehr zitterte. Er hatte zu weinen begonnen und ich zog ihn etwas an mich. Ich konnte hören, dass sein Magen knurrte und von den Köstlichkeiten in seinem Traum zu erzählen, musste ihn ungemein quälen. Aber mehr noch als das war es wohl das Heimweh. Denn dass er unsere Eltern und Geschwister gesehen hatte, konnte nur daher rühren.

»Irgendwann werden wir all das haben, Lanny. Wir beide zusammen. Und dann werden wir jeden Tag Fleisch haben und gutes Brot.«

»Du bist ein Lügner«, murmelte Lachlan in den Stoff meiner Kutte, doch seine Tränen waren versiegt.

Ich wusste, dass ich ihn belog. Denn ich hatte nicht den leisesten Schimmer, wie ich diese Dinge bewerkstelligen sollte. Wie ich es erreichen sollte, dass es ihm und mir irgendwann besser ging und dass wir keinen Hunger mehr leiden mussten. Doch ich meinte meine Worte und den Wunsch darin todernst.

Es mag in der heutigen Zeit verwunderlich und weltfremd sein, dass sich unsere ganze Gedankenwelt ums Essen drehte. Doch ein Kind wie ich oder wie Lachlan es war, eines, das sein Leben lang nur Hunger und Entbehrung kannte, konnte sich kaum etwas Glückseligeres vorstellen als einen Tisch voller gutem Essen. Die Aussicht, sich pappsatt essen zu dürfen und nichts davon mit 12 anderen Kindern teilen zu müssen. Ich hätte es Lachlan gegönnt, es ihm gewünscht, diese Erfahrung wenigstens einmal in seinem Leben zu machen.

»Ich glaube an dein Paradies. Irgendwann werden wir zwei es uns darin gutgehen lassen.«

Er nickte und ich spürte, dass er wieder einschlief. Ich allerdings lag weiter wach, lauschte dem Regen und dachte über seine Worte nach. Es betrübte mich schon damals, dass wir, Kinder die wir waren, uns den Tod wünschten, weil wir keinen Hunger mehr haben wollten. Denn etwas anderes war es nicht, der Wunsch nach diesem Paradies. Wir sehnten uns danach, in den gelobten Garten Eden einzuziehen, um frei von den Beschwerden des Lebens einfach nur glücklich vereint zu sein mit unserer Familie.

Ich war froh, dass Lachlan in seinen Träumen das Glück erfahren konnte, welches ihm unser junges Leben bislang nicht vergönnt hatte.

Als ich in dieser Nacht schließlich in den Schlaf sank, träumte ich von Schlangen.

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