Gothankirotaniobinorak und der unbekannte Retter

Als wir am nächsten Morgen aufstanden, war von der letzten Nacht nichts mehr zu spüren. Mit dem Aufgang der Sonne und meinem Erwachen waren alle Gedanken daran wie weggewischt. Wir waren noch nicht mal richtig los geritten als Funny ihr Pferd bereits zügelte: "Brrr, Lamor. Halt. Hey Jungs, wartet doch mal kurz." Wir hielten daraufhin ebenfalls unsere Pferde an, während sie die Karte aus der Satteltasche des Tieres zog, sie auffaltete und den Punkt suchte an dem wir uns momentan befanden.

"Hm, laut Karte liegt ein Gebirgszug vor uns. Aber aufgrund der Zeitverschiebung, die sich ganz offensichtlich ereignet während wir reisen, bin ich mir nicht mehr sicher, ob die Karte überhaupt noch stimmt... Ich nehme an das erfahren wir bald. Los weiter, Lamor."

Schweigsam ging es voran Richtung Westen. Sorgsam achteten wir auf unsere Umgebung, immer darauf gefasst das Rascheln erneut zu hören.

Langsam wurde es heller, das Ende des Waldes wurde erkennbar. Vorsichtig trabten unsere Pferde aus dem Schutz der Dunkelheit heraus. Vor uns erhob sich ein gewaltiger Berg.

"Der ist bestimmt zwei - bis dreitausend Fuß hoch..." meinte Chase anerkennend zu dem Koloss vor uns.

"Tja Jungs, das muss er dann wohl sein." stellte Funny ungerührt fest. "Also Bergsteigerausrüstung schnappen und los!"

"Bergsteigerausrüstung? Woraus besteht die?" Chase war verwirrt.

"Das zeig ich euch, sobald wir was davon brauchen. Ich hab die Karte ja schon vorher angesehen und für uns drei das richtige für jeden Fall mit genommen."

"Ach so, dafür also der fette Rucksack..."

"Genau mein Schätzchen." Funny gab ihm ein Küsschen auf die Wange, das Chase erröten ließ. Als ich merkte, dass er mir einen besorgten Blick zuwarf, grinste ich nur.

Die ersten 500 Fuß waren spielend überwunden. Ab und zu tranken oder aßen wir mal was, machten kleinere Pausen und waren deshalb recht langsam. Erst nach zwei Stunden kamen die ersten Wurzelflechten, die den schönen alten Trampelpfad, bei dem bisher kaum Wurzeln waren, erheblich schwieriger machten. Vor allem für die Pferde, die es gewöhnt waren im tiefen Gras und auf Flachland zu reiten, wurde es hier schwieriger. Nach 1000 Fuß, die durch ein altes Holzschild am Ende des Trampelpfades gekennzeichnet waren, wurde es langsam wirklich gefährlich für unsere Reittiere, denn wir waren gezwungen jetzt auch zu klettern.

Funny holte ihren Rucksack vom Rücken und zog drei Seile und seltsam gebogene Metallhaken heraus. Schnell erklärte sie uns wie ein Kletterhaken funktioniert und drückte uns je zwei davon und eins der Seile in die Hände.  

Zuerst hatten wir Bedenken, ob wir nicht unser Getier zurücklassen sollten, aber die Pferde erweisen sich als äußerst anhänglich und kletterten beinahe so schnell wie Geißböcke, wenn auch nicht so anmutig wie jene, nur um nicht zurück gelassen zu werden. Sie fanden erstaunlich schnell heraus, welche Steine ihr Gewicht trugen und welche zu gefährlich waren.

Nach weiteren zwei Stunden anstrengenden Kletterns erreichten wir eine Art Plateau, eine Plattform, die uns allen angenehm viel Platz bot. Und da es gerade Mittag wurde, aßen und tranken wir etwas vom Brot und Bier aus dem 18. Jahrhundert.

"Wir sollten uns beeilen, wenn wir noch heute über den Gipfel wollen. Es wird langsam windig und kalt und die Sonne bleibt auch nicht ewig am Himmel." trieb uns Funny zum Weitergehen an.

"Ja, du hast Recht, Funny." Chase nahm Askrim am Zügel, weil er unruhig wurde und legte ihm beruhigend den Arm um den Rücken.

"Kommt jetzt, ich denke das wird nicht so leicht, wie wir uns das erhoffen."

Schon nach den ersten Schritten, die wir aufgestiegen waren, umzog uns dichter Nebel.

"Ich seh nichts mehr. Wo seid ihr?" Funny klang nicht panisch, aber leicht beunruhigt.

"Hier, nimm meine Hand, halt dich an mir fest." Chase' feste Stimme durchdrang die dicke Suppe.

"Hat einer eine ungefähre Ahnung wie weit wir schon oben sind?" fragte ich, nachdem wir einige Minuten in der Wolke herum gedümpelt waren.

"Nein, ich bin genauso schlau wie du..." Ich wusste, dass Chase jetzt grinste.

Ein Wiehern und Schnauben aus einiger Entfernung hinter uns lies uns aufhorchen.

"Die Pferde! Verdammt, wir haben sie gar nicht zusammengebunden!"  schimpfte Chase. Plötzlich merkte ich wie mir der Boden unter den Füßen weg glitt…

"Wouw...waahh! Ahhh! Hilfe!"

"Flash!" schrieen sie alle Beide. "Ist alles in Ordnung?"

Chase klang ungewohnt aufgewühlt und ein Getrabe und Geschnaube rauschte auf uns zu.

Die Erde unter meinen Füßen hatte erst langsam und dann immer schneller begonnen wegzurutschen. Ich fiel und griff ins Leere, als ich plötzlich etwas erwischte, das sich anfühlte wie ein Pferdehuf. Das Tier wieherte laut auf und schüttelte mich heftig. Ich hing an einem Abgrund und wusste nicht, ob er nur 10 oder 1000 Fuß tief war. Auch nicht, ob es eine Spalte oder eine steile Berghangseite war. Bei beidem war ich nicht besonders scharf drauf, es herauszufinden.

"Askrim! Askrim. Ganz ruhig jetzt, zieh den Fuß langsam zurück." Nachdem Askrim mehrere Versuche unternommen hatte mich hochzuziehen gab ich schließlich auf. "Es hat keinen Sinn, Chase."

"Flash! Halt! Warte! Nicht doch!" schrie Chase.

Verzweifelt ließ ich los. "NEEEIIIIIIINNNN!" Die Ohnmacht holte mich ein.

 

*

 

Ein Knistern weckte mich. Ich öffnete die Augen und sah in ein Feuer. Als ich mich aufsetzte, fiel ein dicker Pelz von mir ab. Mein Blick schweifte umher, kaum das was zu erkennen gewesen wäre. Nur das Lagerfeuer warf einen schwachen Schein auf eine offenbar feuchte Wand die nach Moos roch. Felsgestein?

"Wo bin ich?"

"In einer Höhle." Geschockt über diese unerwartete Antwort suchte ich nach demjenigen, der sie gegeben haben konnte.

"Wer bist du?" fragte ich gehetzt und rutschte ein paar Schritte weg von der Ecke aus der die Stimme gekommen war.

"Vorsicht!" warnte mich die raue Männerstimme. Gerade noch rechtzeitig bemerkte ich wie mein Umhang anfing zu kokeln. Ich war aus Versehen ins Feuer geraten!

"O Mist!" fluchend riss ich mir den Umhang vom Rücken. Zwei kräftige Luftzüge streiften mich - je einer von links und rechts - und löschten Feuer und Umhang. Es war zwar nass, brannte aber wenigstens nicht mehr. Vom Löscher war nichts zu sehen.

"Danke. Darf ich dich denn auch mal sehen?"

"Nein!...Tut mir leid, das geht nicht."

"Wieso? Bist du unsichtbar?"

"Nein..."

"Also kann ich dich doch sehen."

"Lieber nicht."

"Warum?"

"Weil du mich töten würdest!" fauchte mich der Unsichtbare an.

"Red doch keinen Blödsinn, wieso sollte ich dich töten wollen? Ich..."

"Aber dann müsste ich dich töten und hätte mir wie so viele Male zuvor umsonst die Mühe gemacht, jemanden zu retten." unterbrach mich der Unbekannte. Nach kurzer Denkpause fiel mir nicht mehr ein, als:

"Na schön."

"Na schön?"

"Wenn du nicht willst, werd ich dich nicht zwingen. ... Weißt du wo meine Freunde sind?"

"Meinst du die mit den Pferden, die so laut geschrieen haben, dass jede Lawine im Umkreis von 10 Meilen runter krachte?"

Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. "Ja, genau die meine ich."

"Nein, ich weiß nicht wo sie sind. Wenn sie abgestürzt wären, hätte ich sie schon erwischt. Ich geh sie suchen."

"Warte! Der Sturm ist doch jetzt vorbei, ich könnte mitkommen und dir helfen!"

"Nein! Schlaf lieber! Nachts den Berg hinunter zu kommen ist sehr schwer."

"Woher willst du das wissen?" drängte ich. Schließlich machte ich mir große Sorgen um Chase und Funny.

" Schlaf jetzt!" es war deutlich gesagt, aber nicht bedrohlich, eher flehentlich.

"Ich verstehe. Fragen stellen ist nicht... Na dann, gute Nacht." Ein Schatten flog über mich hinweg, ich schloss die Augen und gähnte:

"Ach ja, Danke schön…“, gähnte ich. „…dass du mich gerettet hast."

Ich hörte noch wie er leise "hm" brummte, dann schlief ich ein.

 

Dunkelheit, erneut nichts als das unendliche Nichts um mich herum. Kälte kroch meine Arme und Beine entlang bis zu den Fuß- und Fingerspitzen. Wieder und wieder rief ich, ob nicht doch jemand da sei, der mich hörte. Keine Antwort. Bin ich taub? Oder auch blind?

Plötzlich erschien Cenishentas Gesicht vor mir.

"Komm her" flüsterte sie mir zu. Wie betrunken glitt mein Geist zu ihr hinüber. Sie schloss mich ihn die Arme. Küsste mich. Vor Glück und Freude wollte mein Herz zerspringen. Alles um uns herum schien in einen Schleier aus Glückseligkeit zu liegen.

"Alles fühlt sich so real an!"

"Aber Flash, mein Lieber, das ist doch die Realität!" lächelte sie mir zu.

"Ja, das wäre schön," sagte ich mehr zu mir selbst, um sie daraufhin gleich anzufahren: "Ich wünschte es wäre so...aber leider bin ich immer noch in der kalten Tropfsteinhöhle und du bei diesem ekelhaften Baumdämon, der dich gefangen hält..."

"Was?"

"Es tut mir leid, wirklich. Aber ich muss dich retten, auch wenn mir dieser Traum besser gefällt, als jene zuvor."

Sie griff nach meiner Hand, doch die ihre war nicht mehr sanft und warm...

"Du gehst nirgendwo hin!" eine bedrohliche Kühle lag in ihren Worten.

"Cenishenta, ich...!"Um nicht durch ihr wunderschönes Antlitz verleitet zu werden, meine Meinung zu ändern, hatte ich meinen Blick bis jetzt von ihr abgewendet, doch als ich sie wieder ansah erschrak ich fürchterlich: "Oh Gott. Wer bist du!?"

"Ich bin... Dein schlimmster Alptraum!" Ihre zuvor noch glockenhelle Stimme wandelte sich innerhalb weniger Sekunden in eine Grausamschreckliche, deren Krächzen einem durch Mark und Bein fährt..."Neeeeeiin!"

 

 

"Neeeiin!" Es war das rotäugige Mädchen, das mich schon oft des Nachts heimgesucht hatte...

Auch diesmal schrak ich genau in dem Moment auf, als sie auf mich zu kam. Es war dunkel und kalt. Ich schloss die Augen, in dem Versuch meinen Schlaf wieder zu finden.

 

*snief snief* Ha...ha...hatschu! *Quieeeeeck!*

Ein Kitzeln in der Nase und der darauf folgende Nieser schüttelten mich heftig durch. Bei einem riesigen Gähnen weitete sich mein Mund. Als ich die Augen öffnete sah ich gerade noch einen buschigen Schwanz im Schatten der Höhle verschwinden. Blinzelnd umherblickend richtete ich mich auf. Tageslicht ließ die Hölle an manchen Stellen geheimnisvoll glitzern. Die Wände rochen noch immer nach nassem Moos und dort wo tagsüber die Sonne hin scheint, wuchsen kleine Blümchen und Gräser. Die Luft war kalt und dennoch abgestanden, da der Wind die Höhle mied. Das Kreischen eines Steinadlers, der am Ausgang vorbei flog, drang in die Höhle und hallte mehrfach von den kahlen Wänden wieder. Der kleine Wicht, der mich an der Nase gekitzelt hatte, kam schnüffelnd wieder aus dem Schatten hervor. Es war ein Mauxie, der wohl auch vom Sturm überrascht worden war und hier in den Bergen eigentlich völlig fehl am Platze war. Seine kleinen Fänge und Krallchen, die er mir zeigte beeindruckten mich nicht besonders. Viel faszinierender fand ich das schöne schwarz-weiß gestreifte Fell, dass sich von der Schwanz- bis zur Nasenspitze durch zog. Seine schwarzen Pupillenaugen waren von schwarzen und weißen Kreisen umrandet. Die scheinbar viel zu groß geratenen Ohren schlackerten an den Seiten und der buschige Schwanz zeigte wedelnd die Neugier des kleinen Säugetiers. Als der kleine Kerl versuchte sich mit dem kurzen Hinterbein hinterm Riesenohr zu kratzen, fiel er auf den Hosenboden und ich musste furchtbar lachen. Er schüttelte verwirrt den Kopf und gurrte in hohem Ton. Seine kleinen Äuglein sahen mich verschmitzt an. Ich griff in meine Umhangtasche, zog den Apfel heraus, der darin verborgen lag und hielt ihn dem Mauxie hin. Zutraulich tapste er zu mir und schnappte sich mit den winzigen Pfötchen die Frucht. Nagende Geräusche verrieten, wie sehr es ihm schmecken musste. Er knabberte wie wild an dem Apfel herum bevor er mich noch einmal dankbar angurrte und es sich dann in meinem Schoß gemütlich machte um schließlich schnurrend einzuschlafen. Das Tier streichelnd dachte ich über meinen Traum nach.

"GOTHANK! Otre-chaim!" Die Stimme des Unbekannten erschreckte mich. Sie klang lange nach.

Der Mauxie hob den Kopf und lief schnurstracks in seine Ecke zurück. Aus ebendieser tauchte der Vermummte auf, der mich gestern Nacht gerettet hatte.

"Guten Morgen" begrüßte ich ihn gutgelaunt, bekam von ihm aber nur ein missmutiges Fauchen zu hören...

"Du hast sie nicht gefunden, hm? Macht nichts, heute bin ich ausgeruht und mit Suchen dran. Ist Gothank sein Name?"

"Sein Name ist Gothankirotaniobinorak. Das heißt in deine Zunge übersetzt so viel wie 'Monster, das auf Bäume klettert'."

"Oh...haha..."

"Was gibt’s da zu lachen?"

„Hilfe, hahaha, ich werde zu Tode geschleckt! Ahahaha..." Gothank schleckte meine Finger ab, an denen noch der Geruch von Apfel klebte.

"Haha."

Ich erstarrte. "War das eben ein Lachen?" gluckste ich. "Ich dachte schon, du kannst gar nicht lachen. Nenn mir doch wenigstens deinen Namen." bat ich ihn.

"Wozu? Ich kenne ja noch nicht mal Euren." antwortete er.

"Ach was? Na gut. Ich bin Ritter Flash Raffael und diene am Hofe seiner Majestät Cámalon im Jahre 1588. Aber nun du!"

"Mein Name ist Béilo. Ich streife in allen Ländern und Zeiten umher um meine verschollene Familie wieder zu finden. Und das hier,..." er tätschelte den Kopf des Mauxies, der zufrieden vor sich hin gurrte. "... ist mein treuer Freund Gothank."

"Wir kennen uns ja bereits." grinste ich. "Darf ich, nachdem wir uns ja jetzt kennen und nicht gleich an die Kehle springen werden, trotzdem mal dein Antlitz bestaunen? Mir kommt da nämlich plötzlich ein ganz verrückter Gedanke..."

"Muss das sein? Ich möchte diese neue Bekanntschaft nicht so leicht aufs Spiel setzen."

"Béilo!"

"Was!?"

"Glaube mir, ich bin nicht wirklich in der Lage, dir was an zu tun. Schon allein weil Gothank mich wahrscheinlich in Stücke reißen würde."

"Ist ja schon gut!" Seine Stimme zitterte ein wenig. "Sturkopf..."

Er ging ein paar Schritte ins Licht und nahm Kapuze und ein paar Binden an Armen und Beinen ab...

Zwei scharfe Fangzähne in einer katzenähnlichen Schnauze blitzten auf. Die Schnurhaare vibrierten in der kalten Morgenluft. Seine Ohren stellten sich auf und als er die Handschuhe abnahm, erschienen zwei Krallen bewehrte, mit Fell überzogene Hände.

"Ein Snift..." strahlte ich überwältigt von der gewaltigen und muskulösen Statur, die sich unter dem Mantel verborgen hatte." Es gibt also tatsächlich noch welche. Wow..."

"Seltsam, so eine Reaktion hätte ich jetzt nicht unbedingt erwartet." grinste er und zeigte mir dabei seine volle Zahnpracht.

"HEEEEEEY DU!" Eine aggressive Stimme zerriss die Atmosphäre.

"Chase?!?" verdutzt wandte ich mich um und starrte meinen besten Freund an, der da draußen vor der Höhle stand und mich vor dem Snift knieen sah, der mir gerade sein Gebiss zeigte, na wie sieht so was schon aus?

"Verdammte Scheiße!" fluchte er. "Rühr ihn an und du bist tot!" Seine Armbrust schnellte hoch, die die er sonst nur zum Vogeljagen benutzt, und zielte direkt auf Béilo. Dieser machte sich zum Sprung bereit. In dieser Sekunde lief alles sehr langsam ab: Ich sprang auf Béilo während ich wild mit Funny durcheinander schrie, Chase ließ einen Reflexschuss ab, der mich volle Breitseite im linken Bein erwischte.

"Ooooaaaaahhh! Nein, tut das weh!"

"Flash!" hörte ich Funny kreischen.

"Verdammt! Wieso hast du das gemacht?"

Der Schmerz biss gemein, so dass ich kaum in der Lage war einen Satz herauszubringen.

"Béilo ist...ein Snift...Freund. Mann brennt das..."

"Flash...Flash! Flaaash!" Alles wurde schwarz.

 

*

 

"Ieeehhh! Ich werde hier abgeschlabbert, kann mal jemand diesen verrückten Mauxie von mir wegholen?" Gothanks raue Zunge hatte mein Gesicht schon fast ganz überrollt. Er gurrte glücklich als er merkte, dass ich wieder wach war. Seine Schnurrhaare kitzelten.

"Komm her Gothank. Nerv ihn jetzt nicht." Béilos raue Stimme klang besorgt. "Bleib liegen!" drückte er mich zurück, als ich versuchte auf zu stehen.

"Wie lange war ich weggetreten?"

"Nur ein paar Minuten." Chase' Stimme drang aus dem Dunkel hinter mir. "Wie geht es dir?"

"Sagen wir mal so, wenn ein gewisser Jemand mir nicht ins Bein geschossen hätte, ging's mir besser."

"Na toll, jetzt bin ich wieder schuld! Wer musste sich den unbedingt in die Schussbahn werfen!?"

"Und wer musste unbedingt auf einen der letzten noch lebenden Snift schießen?"

"Ob Snift oder Waldgeist war doch in dem Moment so was von unwichtig! Es sah nun mal sehr überzeugend aus, als du da so 'hilflos' vor ihm knietest und er gerade dabei war, dir sein sämtliches Waffenarsenal zu zeigen!" Eine lange Pause trat ein.

"Gothank! Ox-i stoxta-faim. Kái-an texo tibó dendo." Gothank gurrte und rannte aus der Höhle direkt auf Funny zu.

"Was hast du ihm gesagt?" wollte Chase wissen.

"Da kommt jemand. Geh raus und sieh nach wer es ist", beantwortete Béilo die Frage ohne sich umzudrehen.

"Ach bist du süß!" Der Mauxie ließ sich die Streicheleinheiten von Funny gefallen, aber ein Fauchen seines Herrchens machte ihn spuren und er kam zurück geflitzt.

"Morgen, Katerchen." grinste sie quietsch vergnügt. "Wie geht's deinem Bein Flash? Hat Béilos Heilmittel geholfen? Hier Schatz, das waren leider alle Stöcke, die ich finden konnte..." sie drückte Chase zuerst ein Küsschen auf die Wange und dann ein Bündel fingerdicker Äste in die Hände."

Ich blickte an meinem Bein hinab und sah es eingehüllt in Leinentüchern. Auf einmal fielen mir unsere Pferde wieder ein:

"Béilo, wo sind unsere Pferde? Wo sind Falum, Askrim und Lamor? Hat sich Askrim was getan!?"

"Sie stehen draußen. Ich konnte sie einfach nicht überreden in die Höhle zu kommen."

"Und unser Proviant? Wie viel haben wir noch?"

"Genug. Askrim geht es übrigens gut, sein Huf war leicht angeschrammt, aber das ist nicht so schlimm." beruhigte Chase mich.

"Gut, dann können wir ja los!" voller Elan schwang ich mich auf die Beine, die Schmerzen nicht weiter beachtend, die mir die Sinne vernebelten.

"Das würd ich dir nicht raten. Es sei denn du bist des Lebens überdrüssig und müde geworden." Die Stimme des Snift nahm in meinen Ohren einen seltsamen Klang an.

"Is mir egal..." keuchte ich schwer. "Los Chase, wir müssen den Berg runter und zwar so schnell wie möglich."

"Das ist doch Wahnsinn, Flash. Du klappst gleich zusammen."

Funny stand auf, stützte mich und führte mich raus zu Falum. Sie setzte mich auf dessen Rücken und ignorierte eisig die Blicke, die ihr von den beiden anderen zugeworfen wurden.

"Funny, was soll das? Er..." sie ließ Chase nicht ausreden.

"Würdest du in einer Höhle, auf einem eisigen Berg, mit einer winzigen Pfeilwunde im Bein, die nebenbei dein eigener bester Freund dir zugefügt hat, festsitzen wollen, während ich von Dämonen entführt worden bin und dich Nacht für Nacht im Traum heimsuche?!?"

- "Aber...!"

- "Nix aber! Du kommst jetzt mit und hilfst gefälligst deinem Freund bei der Rettung!" mit diesen Worten ging sie in die Hölle und schleifte Chase hinter sich her. Sie räumte unser gesamtes Hab und Gut zusammen und drückte es ihm in die Hand. "So. Hier das muss zu den Satteltaschen raus. Béilo?"

"Ja? Was?" wie aus einer Starre erlöst, sah der Snift das Wesen an, das ihn da ansprach.

"Kommst du mit, oder nicht?" Funny hatte wieder diesen Unterton mit eingemischt, der nur eins bedeuten konnte: Komm ja mit, sonst werd ich ernsthaft sauer.

"Hhmm. Schließlich..." er kam ihr ziemlich nah und sah ihr so direkt in die blauen Augen, wie es nur Chase zuvor gewagt hatte. "...geht es mich jetzt auch etwas an. Komm Gothank! Ailomé."

"Äääähhh...gut, dann los." stotterte Funny ob der unverschämten Weise, die der Snift an den Tag gelegt hatte. Draußen setzte sie sich auf Lamors Rücken, immer noch in sichtlicher Aufruhr.

Chase ritt neben mir, Funny hinter uns und Béilo sprang mit katzenhaften Bewegungen neben uns her. Jetzt da ich auf dem Pferd saß und mein Bein weder bewegt noch belastet wurde und so nicht mehr weh tat, wurden auch meine Sinne wieder klarer. Ich konnte den Schnee riechen und unsere Hufspuren sehen, die sich tief in den weich bedeckten Boden drückten. Von den Tannen und Fichten um uns herum ging ein herrlicher Duft aus. Die Kälte umzog uns im Wind und fror mit grausamer Frische unsere Nasen ein.

"Wo ist Gothank?", fragte Chase unvermittelt.

"In den Bäumen, er kommt schon nach", meinte Béilo.

"Wie alt ist denn der Kleine?", wollte Funny plötzlich wissen.

"In Menschenjahren fast drei Jahre. In Sniftjahren fast zehn und in Mauxiejahren schon 23. Er ist recht alt, aber immer noch flink..." Was er und Funny weiter beredeten hörte ich nicht mehr, denn Chase schien dringend mit mir Reden zu wollen:

"Siehst du das? Das geht jetzt schon so, seit wir in die Höhle kamen."

"Wovon redest du überhaupt?" Ich hatte nicht richtig hingehört, was er gesagt hatte und begriff deshalb nicht gleich, worauf er hinaus wollte.

"Na von Funny und diesem...diesem...Snift! Die ganze Zeit glüht sie ihn jetzt schon an. Er zeigt sich aber auch nicht besonders abgeneigt."

"Um Gottes Willen, mach dich doch nicht lächerlich! Sei froh, dass du wenigstens jemanden hast, der da ist für dich und dich umarmen kann. Damit hast du schon wesentlich mehr als ich."

"Tut mir leid, ich vergesse ständig, in welcher Lage du bist. Ich wollt mich sowieso nochmal entschuldigen wegen dieser Sache mit dem Pfeil...war blöd von mir und es ist genau das eingetreten, was ich immer vermeiden wollte."

"Stimmt, hattest du nicht gesagt, du würdest dich für die Schuld unserer Vorväter bei allen Snift die du triffst entschuldigen...?"

"Passt auf!" Béilos Warnung kam zu spät...

Ein bedrohliches Knacken kam vom Boden, zumindest dachten wir bis dahin, dass es Boden war, auf dem wir standen. Doch dieser spaltete sich plötzlich und wir versanken in Wassern, die kalt waren, so kalt, dass es sich anfühlte wie tausend Nadelstiche in die Haut. Eine gewaltige Strömung riss uns und unsere Pferde weg, auch Lamor konnte sich dem Sog nicht entziehen, denn das Eis war bis zu ihm durchgebrochen. Grausam wurden unsere Körper in wilden Strudeln umhergeschleudert.

'Ich bekomme keine Luft mehr' war mein letzter Gedanke, bevor ich betend in der Dunkelheit des reisenden Flusses verschwand...

 

*

 

"*husthust* Pffft *spotz*, ekelhaft! Bin ich schon im Himmel?"

"Tut mir leid. Nein, du bist ungefähr 50000 Fuß tiefer... die Erde hat dich wieder, mein Freund."

Chase saß auf Knien neben mir und grinste mich mehr erleichtert als frech an.

"Gott sei Dank, du lebst!" Funnys Gesicht tauchte urplötzlich verkehrt herum über dem meinem auf.

"Ja, mir geht’s gut." Hinter mir lag der Fluss, mit seinem sanften Rauschen. Vor mir sah ich ein kleines Wäldchen das von einem Feldweg begrenzt wurde und auf dessen anderer Seite ein Weizenfeld lag. Scheußlich schnell wurden mir die Schmerzen meiner Wunde bewusst. "Autsch! Pass auf, dass du mir nicht das Bein abreist, Béilo." Der Snift saß zu meinen Füßen und sah aus, als wäre er wirklich darum bemüht, mir den Schenkel abzutrennen. Er hatte seinen Mantel wieder angezogen, den er getragen hatte, bevor er sich uns offenbart hatte.

"Wo hast du das alte Teil wieder her?"

"Unwichtig. Halt still, dann tuts auch nicht weh." Ein Schnauben hinter mir erschreckte mich so sehr, dass ich mit dem Kopf an Funnys stieß.

"Autsch. So'n Dickschädel..." Sie rieb sich die Stirn. Askrim wieherte grinsend. Er war genau in meinem Blickfeld aufgetaucht. Béilo stand derweil auf und holte Falum und Lamor an ihren Zügeln dazu.

"Es fehlt ihnen nichts, nur unsere Vorräte sind dahin. Der Fluss hat sie so gierig verschlungen wie der Luchs seine Beute." Seine Ohren zuckten nach hinten und es dauerte nicht einmal eine Sekunde, da war er auf einem Baum gesprungen und durch perfekte Tarnfähigkeiten darin verschwunden.

"Hallo?! Geht es Ihnen gut? Kann ich ihnen helfen?" Eine dünne Stimme drang aus dem Feld vor uns und ein kleiner Junge von vielleicht zehn, zwölf Jahren trat aus dem Feldweg heraus. Er hatte eine seltsame Haube auf dem Kopf, deren Name ich bis dahin nicht kannte und trug auch sonst seltsame Sachen: Seine Hose war blau und sah sehr fest und ungemütlich aus, außerdem hatte sie überall Löcher und Flicken; Auf seinem Hemd war eine Art kleines Männchen abgebildet, das aussah, als wäre es einem Dämonen eingefallen: Es trug Schlabberhosen, die bis zum Boden hingen und die Schuhe beinahe unsichtbar machten. Seine Haube war die Gleiche, wie die die der Junge aufhatte und das Hemd hing genauso schwammig an seinen Armen, wie die Hose an den Beinen. Darauf abgebildet war ein Spruch, den ich nur Buchstabieren, aber nicht deuten kann: 'I L O V E R 0 M I N 0!!!' Es war in einer verschnörkelten, glitzernden Art geschrieben und sah geschmacklos aus.

Der kleine Mann hatte blonde Haare, die ihm aus einem Loch heraus standen, das in der Kopfbedeckung war. Hinter seinem Kopf schien das Ding, das auf seiner Stirn lag, noch ein Stück weg zu stehen.

Die Augen leuchteten in einem hellen Blau und er hatte eine weiße Hautfarbe.

"Haben Sie sich verlaufen?" Kein bisschen Verwunderung war in seiner Stimme zu hören. Seltsamerweise.

Funny antwortete, nicht ohne sich mit Hilfe suchenden Blicken an uns zu wenden:

"Ja, ich denke so kann man es wohl nennen."

"Das hab ich mir schon gedacht. Hm... Ihr habt Pferde und Schwerter. Umhänge tragt ihr auch. Ihr müsstet demnach Ritter sein, hab ich recht? So etwa aus dem 16. Jahrhundert? Aber du nicht," deutete er auf Funny. "Du bist vermutlich etwas später dazugekommen, oder? 18. Jahrhundert, nehm' ich mal an." Wir mussten irre komisch ausgesehen haben, als wir so dasaßen, nass und frierend in unsere Klamotten gewickelt. Jedenfalls fing er an zu lachen. Er amüsierte sich köstlich über unsere Lage. Ich fand das nicht so lustig.

"Wolltest du uns nicht helfen?" brachte ich gequält hervor, während mich Chase dabei unterstützte aufzustehen und mir Falums Zügel gab.

"Nein, ich werde gehen. Er hat ziemlich viel durchgemacht." Tätschelnd strich ich über die Pferdehaut. Falum stupste mich in die Seite und schnaubte. Das Fell des Kornhoffners fühlte sich zerstruwelt und noch feucht an. Er tat mir richtig leid.

"Entschuldigung, tut mir leid." Es klang, als hätte es der Blondschopf ernst gemeint. "Kommt mit. Ich bring euch nach Romino. Das ist der Ort, wo ich wohne." Winkend lud er uns ein mit zu kommen.

Funny nahm die beiden anderen Tiere an den Halftern und führte sie, da Chase damit beschäftigt war mich auf den Beinen zu halten. Béilo folgte uns unauffällig, das wussten wir. Er hatte uns einige Zeichen aus den Bäumen geben können.

"Meine Dame, meine Herren. Ich bin ihr Reiseleiter und Stadtführer Kevin Ikura. Sie befinden sich im Moment im Jahre 1908. Links von uns," seine Hand führte eine angedeutete Zeigegeste aus, " befindet sich das Weizenfeld des krummen Fred, ein guter Kumpel von mir, vielleicht ein wenig altmodisch... und rechts," erneute Geste der Hand, "sehen sie den 'Wald der Monster'. Eintritt ab 18 Jahren, aber nicht zu empfehlen, wenn man nicht fähig ist sich zu wehren..." sein schiefes Grinsen, das er uns zuwarf sollte wohl den Jucks unterstreichen, den ich nicht einmal verstand. Er hüpfte fröhlich weiter und ich war eifersüchtig auf seine flinken, aber vor allem unversehrten Beine. Jeder Schritt, den ich machte, tat mir weh, jeder Luftzug brannte in meinen Lungen und obwohl mir der Schweiß die Stirn hinab ran, fror ich wie ein nasser Hund... was ich ja eigentlich auch war.

"Flash?" Ich sah Chase an, aber ich konnte ihn nur verschwommen wahrnehmen. "Es geht schon..." keuchte ich. "Ich halt's durch, der Kleine wird uns schon zu einem Arzt bringen."

"Sieht nach Lungenentzündung und noch schlimmer aus. Warum hat er mir nichts gesagt???" wandte sich Kevin, nun noch blasser, an Funny. Die sah nur ratlos drein und war verängstigt ob der Unruhe, die der Junge plötzlich hatte. Viele Sekunden verstrichen. Plötzlich wurde auch Chase unruhig:

"Kann man es heilen? KANN MAN ES HEILEN!?" schrie er, weil Kevin nicht reagierte.

"Ja!" Der Junge erwachte aus der Trance, in der er steckte. "Ich bring euch zum Dok!"

"Und dieser Dok, der kann ihm helfen, ja?" mein bester Freund schien nun stark in Aufruhr zu sein.

"Ich denke schon..." Kevins Stimme zitterte.

"Gut. Aufsteigen, los! Funny, wir reiten. Ich nehme Flash, der kann nicht alleine reiten..."

"Moment halt! Ich kann nicht reiten!"

"Komm, Kleiner!" Funny griff nach Kevins Hand. Es sah aus, als helfe eine Elbin einem Kobold dabei Fliegen zu lernen. Sie zog ihn mit der Kraft auf Lamors Rücken, mit der sie schon unser Gepäck auf unsere Zimmer gebracht hatte.

"Ich reite, du sagst wo's langgeht, alles klar?"

"In Ordnung. Erst mal immer dem Feldweg folgen..." Ebenjener wurde schnell breiter. Nach wenigen Minuten waren wir an einem riesigen Tor angekommen, das aussah wie eines der Stadttore von Kertófu. Ganz aus Holz und mit Ketten gefestigt war es. Schon kurz nachdem wir das Tor durchquert hatten, landeten wir auf einem glatten Weg, der laut Kevin geteert sein sollte. Ich hatte keine Ahnung, was Teer ist, es war mir auch gleich, denn ich war leicht weggetreten, hörte und sah nur noch verschwommen, was sie sagten und wo wir waren. Irgendwann bogen wir links ab, in eine Lücke zwischen zwei großen Bauten. Die Pferdehufe klangen hier ungewöhnlich laut, aber das sei normal, meinte Kevin auf Chase' Anfrage. Wir standen vor einer Tür, Funny stieg ab und klopfte. Ein älterer Mann öffnete. Er hatte ein grünbraun kariertes Hemd und eine blaue, robust wirkende Hose an. Sein Gesicht hatte viele Sorgenfalten.

"Guten Abend. Wie kann ich ihnen helfen? Oh, hallo Kevin." Dieser Dok wirkte freudig überrascht, als er Kevin entdeckte.

"Wie geht’s dir, mein Junge?" Eine sanfte Wärme stieg in mir auf, genauso hatte mich der König immer genannt...mein Junge...ob ich je lebend ins Schloss zurückkehren würde?

"Mir geht’s gut, Dok, aber er da hat'n Problem mit der Atmung und ich glaub die Beine tun ihm weh..."

Ein leichter Anflug von Entsetzen flog über das Gesicht von Dok, aber dann bemerkte er Funny und Chase und sagte nur:

"Bringt ihn rein, ich kümmere mich um ihn."

Chase packte mich, ich half so gut mit, wie es mir noch möglich war.

"Funny, bring die Pferde in den Stall..." bat er seine Verlobte.

"Stall? Der nächste Stall ist ein- zwei Kilometer von hier entfernt...hm...bring sie hin, Kevin. Los, geh schon und kommt schnell wieder, die Sonne geht bald unter." Seine Stimme hatte etwas warnendes und Kevin verstand. Er nahm Askrim am Zügel und führte ihn und Funny zu dem Stall...

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