Harte Zeiten

Mir kam es vor, als verharrte ich eine Ewigkeit in meiner Position und hielt meinen Blick auf Holly gerichtet. Auch Holly musterte mich, wobei es aussah, als würde sie versuchen meine Gedanken zu lesen. Keiner von uns sagte ein Wort. Es war so still im Raum, dass ich meinen Herzschlag und jeden Atemzug hören konnte.
„Dafür, dass du mit mir reden wolltest, bist du sehr schweigsam, James“, stellte sie nüchtern fest und stieß sich von der Tür ab. Sie setzte sich auf ihr Bett und wartete darauf, dass ich meinen Mund aufmachte. Ich entgegnete nichts. Stattdessen überlegte ich krampfhaft, was ich Holly genau sagen wollte. Wie sollte ich ihr bloß beibringen, dass ich die nächsten Wochen, wenn nicht sogar Monate nicht bei ihr sein würde? Ich biss mir so kräftig in die Unterlippe, dass sie zu bluten begann.
„Als allererstes möchte ich mich für mein leichsinniges Verhalten von heute Morgen entschuldigen. Ich hätte niemals dein Leben riskieren dürfen.“ Ich ließ meine Stimme so reumütig klingen, wie es mir möglich war.
Dann setzte ich mich neben sie, wobei ich darauf bedacht war, sie nicht zu berühren. Ich wollte sie auf keinen Fall bedrängen.
„Das glaube ich dir, wirklich, aber ich verstehe nicht, warum du das getan hast“, sagte sie überfordert. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass sie sich einzelne Tränen, die über ihre Wangen liefen, hastig wegwischte.
„Ich habe nicht nachgedacht, dass war mein Fehler“, nuschelte ich beschämt und senkte den Kopf. Eben konnte ich nicht aufhören sie anzusehen, doch nun hatte ich das Bedürfnis wegzurennen. Mein schlechtes Gewissen übermannte mich und nahm meinen gesamten Körper gefangen. Ich fing gerade an zu zittern, als Holly ihre warme, sanfte Hand auf meinen Oberschenkel legte. Meine Augen blieben dennoch starr auf den Boden gerichtet.
„Ich verzeihe dir, wenn du mir versprichst, soetwas nie wieder zu tun.“ Ihr Ton war todernst und ihre Hand verkrampfte sich. Ich wandte mich ihr zu und legte meine Stirn gegen ihre Schläfe.
„Ich verspreche es, Holly“, flüsterte ich ihr ins Ohr und sog den verführerischen Duft, den ihre Haare verströmten, tief ein. Kaum merklich nickte sie, wobei sie leise schluchzte. Automatisch umfasste ich mit einer Hand ihr Kinn und wandte ihr Gesicht zu mir, sodass sie mich ansehen musste. In ihren Augenwinkeln glänzten die übrig gebliebenen Tränen. Als ihr Blick zu mir schweifte, bekam sie ein zaghaftes Lächeln zu Stande.
„Worüber wolltest du noch mit mir reden, James?“, fragte sie so plötzlich, dass ich erschrak. Augenblicklich ließ ich meine Hand sinken und erstarrte. Mein Herz blieb für fünf Sekunden stehen und ich vergaß Luft zu holen.
„James?“ Ich reagierte nicht.
„Willst du nicht wieder anfangen zu atmen?“, meinte Holly spaßhaft und grinste breit. Ihre Frage holte mich aus meiner Starre. Ich machte einen Atemzug, der mich jedoch zum Husten brachte. Das Blut stieg mir in den Kopf und färbte mein Gesicht rot.
„Alles in Ordnung?“ Ihre Stimme klang nicht mehr vergnügt, sondern besorgt.
„Ja, ja“, krächzte ich angestrengt. Meine Kehle brannte furchtbar. Ich musste erstmal meine Gedanken ordnen, bevor ich mich überwand, ihr zu sagen, warum ich gekommen war.
„Ich muss dir etwas sagen, was mir unendlich schwer fällt, Holly“, presste ich mühevoll heraus. Meine Mundwinkel zogen sich nach unten und ich bekam einen Kloß im Hals, der mir das Schlucken erschwerte.
„Ist es so ernst?“ Aus großen Augen schaute sie mich ängstlich an. Bereits der Anblick ihrer verunsicherten und panischen Miene brach mir das Herz. Ich wusste nicht, wie und ob ich die nächsten Sätze überhaupt über meine Lippen bekam.
„Sag doch was, James. Bitte“, flehte sie inständig und nahm meine Hände. Ich spürte, dass meine eigenen Hände schwitzig und eiskalt waren. Hollys Mund war nur noch ein schmaler Strich. Ich musste hart schlucken, ehe ich fortfuhr.
„Ich ha…habe mich dazu ent…entschlossen mich von dir fernzuhalten. Es ist das Beste, wenn…wenn ich mich solange von dir tr…tr…trenne, bis ich die Sache mit meinen Ex-Kollegen geklärt habe.“ In meinem ganzen Leben hatte ich noch nie dermaßen gestammelt und gestottert. Besonders das Wort trennen war mir schwer gefallen.
Derweil wurden Hollys Augen leer und ihr Gesicht ausdruckslos. Ein leichtes Zittern überfiel ihre Lippen, welches über ihre Wangen, bis hin zur Stirn wanderte. Auf mich wirkte sie wie eine seelenlose Puppe.
Sie machte keinerlei Bewegungen, noch gab es irgendwelche anderen Anzeichen, dass sie tatsächlich ein Mensch und keine Puppe war. Ihre Haut war schneeweiß. Dadurch traten viele blaue Venen ihres Körpers deutlich hervor. Ich machte mir große Sorgen, als ich feststellte, wie schnell der Gesundheitszustand meiner Freundin sich verschlechtert hatte.
„Das ist wohl ein schlechter Scherz“, sagte sie in einem mechanischen Ton, der verriet, dass sie eigentlich ganz genau wusste, dass dies kein Scherz war.
„Leider nicht“, gab ich schweren Herzens zu und bemühte mich, meinen Ton nicht verzweifelt klingen zu lassen. Aus Hollys Kehle kamen merkwürdige Geräusche. Es hörte sich an, als würd sie ersticken. Sorgvoll legte ich meinen rechten Arm um sie und zog sie ganz nah an mich. Ich spürte, dass ihre Haut genauso kalt war, wie meine Hände.
„Es tut mir leid“, hauchte ich und das schlechte Gewissen breitete sich in mir aus.
„Aber es ist zu deiner Sicherheit. Es ist viel zu gefährlich für dich, wenn ich bei dir bin.“ Holly seufzte herzzerreißend.
„Es ist auch gefährlich, wenn du nicht da bist. Deine Ex-Kollegen haben es auf uns beide abgesehen, nicht nur auf dich“, kreischte sie hysterisch. Da ihre Haut blass war, färbten sich ihre Wangen bloß zartrosa.
„Außerdem verstehe ich nicht, warum du dich jetzt von mir trennen willst. Mein Leben ist schon seit ein paar Monaten in Gefahr“, sagte sie so schnell, dass ich Probleme hatte sie zu verstehen. Ihre Augen hatte sie so weit aufgerissen, dass es so aussah, als fielen ihre Augäpfel bald heraus. Mir lief ein Schauer über den Rücken.
„Ich verstehe dich ja, Holly“, versicherte ich ihr sanft, um sie zu beruhigen. „Doch du bist eindeutig sicherer, wenn ich nicht da bin. Vor ein paar Stunden hätte ich dich beinahe umgebracht, weil ich nicht auf den Straßenverkehr geachtet habe.“ Die Vorwürfe, die ich mir machte, kehrten auf einen Schlag zurück.
„Das weiß ich, aber das heißt nicht, dass du mich verlassen musst. Was soll ich denn tun, wenn ich einem der Killer begegne?“, fragte sie überfordert.
„Du bist doch derjenige, der mich immer beschützt, James.“ Energisch packte sie mich an den Schultern und stierte mir energisch in die grauen Augen.
„Holly.“ Ich umfasste ihre Handgelenke und erwiderte ihren Blick. „Ich werde auch weiterhin auf dich aufpassen, aber aus der Ferne. In letzter Zeit wird es immer gefährlicher für dich. Zuerst der Anruf von einem meiner Ex-Kollegen und dann ist Emilia noch aufgetaucht…“ Ich biss mir auf die Zunge. Das hätte ich Holly nicht erzählen dürfen. Nach meinen Worten schnappte sie hörbar nach Luft und erstaunlicherweise wurde ihre Haut noch ein Stückchen weißer.
„Wann hast du sie gesehen?“, fragte mich Holly, nachdem sie sich wieder gesammelt hatte.
„Heute, ich habe sie auf dem Schulparkplatz getroffen.“ Entsetzt schlug sie eine Hand vor den Mund.
„Was wollte sie?“ Sie ließ meine Schultern los. Stattdessen schlang sie ihre Arme um meine Taille und klammerte sich regelrecht an mir fest. Ich spürte, wie sich ihre Fingernägel schmerzhaft in meine Haut bohrten, aber ich ignorierte den Schmerz.
„Sie wollte mit mir reden, aber ich habe sie weggeschickt.“ Als ich diese Worte aus meinem Mund hörte, machte ich mir schreckliche Vorwürfe, weil ich Emilia verschont und nicht getötet hatte. Dies schien auch Holly zu denken, denn in ihren Augen blitzte Wut auf.
„Wieso hast du sie nicht umgebracht?“, warf sie mir in einem kalten Tonfall vor. Zuletzt hatte ich diesen Ton bei ihr gehört, als sie mir damals gesagt hatte, dass sie mit mir nichts mehr zu tun haben wollte.
„Ich weiß, dass du etwas anderes erwartet hast, aber ich konnte Emilia doch unmöglich auf dem Schulparkplatz töten. Ich kann mir nicht erlauben, dass die Polizei mich erwischt“, erklärte ich ihr mit fester Stimme. Dass ich Emilia verschont hatte, weil ich es in diesem Moment nicht über mich hatte bringen können, verschwieg ich Holly lieber. Ich kam mir schon dumm genug vor.
Hollys Gesicht zeigte Verständnis und die Wut war aus ihren blauen Augen so schnell verschwunden, wie sie gekommen war.
„Du hast Recht.“ Sie seufzte. „Es tut mir leid.“ Sie verstärkte ihren Griff um mich und ich spürte die Kälte, die durch ihren Pullover drang.
Danach herrschte Schweigen zwischen uns. Unten konnte ich Schritte hören, während Holly ihr Gesicht in meinem Pulli vergrub. Behutsam strich ich ihr über die Haare.
„Du darfst nicht gehen, James“, sagte sie auf einmal. Ihre Stimme drang bloß gedämmt an meine Ohren. Mir war klar gewesen, dass sie das Thema Trennung nicht so schnell fallen lassen würde.
„Verlass mich nicht.“ Sie wurde immer leiser und ich merkte, dass mein Pulli an der Stelle, an der Hollys Gesicht war, nass wurde. Es war eindeutig, dass Holly weinte. Ich legte meinen Kopf in den Nacken und schaute an die Decke.
Wieso musste es nur so schwer sein? Ich schloss die Augen und versuchte für wenige Minuten an nichts zu denken, aber dies war leichter gesagt, als getan. Immer wieder spielte ich unzählige Szenarien durch, wie die endgültige Verabschiedung zwischen Holly und mir ablaufen würde. Jede Version war jedoch schlimmer, als die vorherige. Vielleicht würde ich es gar nicht schaffen, mich von ihr zu trennen, wenn der Zeitpunkt gekommen war.

Ich war so lange bei Holly, bis die Sonne unterging und Platz für die Nacht machte. Sie hatte mich nicht einen Moment losgelassen. Auch nicht, als ich mich aufs Bett gelegt hatte. Vermutlich hatte sie Angst, dass ich sie sofort verließ, wenn sie mich nicht mehr festhielt.
Natürlich wollte ich ebenfalls die Trennung aufschieben, doch ich konnte nicht für immer in ihrem Bett liegen bleiben und sie im Arm halten, egal, wie gern ich dies auch getan hätte. Mir blieb nichts anderes übrig, als aufzustehen und zu gehen; sie für unbestimmte Zeit zu verlassen. Mir wurde speiübel und mich überkam ein heftiger Schmerz in der Brust, als ich mich langsam aufsetzte.
Holly machte ein überraschtes Geräusch, ehe sie mich schockiert ansah. Hektisch erhob sie sich und nahm neben mir Platz. Apathisch fummelte sie an ihrem Pullover herum. Ihr Kopf zuckte mal nach oben, mal nach unten. Sie schien sich nicht entscheiden zu können, ob sie mich ansehen sollte oder nicht.
„Ich werde jetzt gehen“, presste ich atemlos hervor. Es war sogar unglaublich schwierig für mich diesen Satz überhaupt zu bilden, geschweige denn ihn über meine Lippen zu bekommen.
„Hast du dir das wirklich gut überlegt, James?“, fragte sie mich in einem Ton, der mir aufzeigen sollte, dass ich im Begriff war das Falsche zu tun.
Diese Situation war für mich die reinste Hölle und Holly machte es mir nicht gerade leichter. Sie brachte mich dazu einen kurzen Moment darüber nachzudenken, ob es tatsächlich das Richtige war, was ich tat.
„Ja, habe ich. Gut finde ich meine Entscheidung zwar nicht, aber ich halte sie für notwendig“, gab ich offen und ehrlich vor ihr zu. Daraufhin schaute sie mich traurig und entsetzt an. Erneute Tränen bahnten sich einen Weg über ihre Wangen, den Mund, bis hin zu ihrem Hals.
„Das kannst du mir nicht antun, James. Du kannst mich doch nicht alleine lassen“, schluchzte sie und schlug verzweifelt die Hände vors Gesicht.
„Du brichst mir das Herz.“
Wenige Sekunden später bekam sie einen Heulkrampf. Sie steigerte sich so sehr in ihre Trauer hinein, dass sie kaum atmen konnte. Ich zögerte nicht lange und nahm sie in meine Arme. Sanft wiegte ich sie hin und her, damit sie zur Ruhe kam. Holly atmete laut und unregelmäßig neben meinem rechten Ohr.
„Ich werde alles dafür tun, dass ich so schnell, wie möglich, wieder bei dir sein kann, Holly“, sagte ich entschlossen. Dann gab ich ihr einen zärtlichen Kuss. Ihre Lippen schmeckten durch die vielen Tränen salzig.
„Das weiß ich doch“, wimmerte sie und strich sich die Haare gedankenverloren aus dem Gesicht.
„Aber du kannst nicht genau sagen, wann wir uns wiedersehen und das macht mich wahnsinnig“, setzte sie nach. Darauf entgegnete ich nichts.
Sie hatte Recht, denn selbst ich hatte keine Ahnung, wie lange es dauern würde die verbliebenen Killer zu finden und zu töten. Eigentlich wusste ich gar nicht, wie ich überhaupt die nächsten Tage, bis Wochen vorgehen sollte. Mit einem Mal kam mir die Trennung von ihr unüberlegt vor. Was nützte es, Holly zu verlassen, um mich auf meine Ex-Kollegen zu konzentrieren, wenn ich völlig planlos war? Holly schien meinen aufkommenden Widerstand zu spüren, denn sie sah mich flehend an.
„Bitte geh nicht“, sagte sie zusätzlich. Danach hatte ich das Gefühl, dass ein tonnenschweres Gewicht auf meinem Brustkorb lag. Meine Gedanken rasten blitzschnell durch meinen Kopf. Trennen oder nicht? Trennen oder nicht? Trennen oder nicht? Immer und immer wieder stellte ich mir diese Frage, doch ich fand keine Antwort.
Würde ich es wirklich nicht schaffen, die Killer zu finden? Unmöglich war es zumindest nicht, schließlich suchten sie mich ständig auf. Und wenn ich es darauf anlegte ihnen zu begegnen, dann sollte ich vielleicht noch mal zurück in meine Wohnung gehen. Möglicherweise wartete einer von ihnen auf eine weitere Rückkehr von mir.
Letztendlich entschied ich mich für die Trennung, denn ich musste endlich aktiv werden. Ich konnte und wollte nicht weiter abwarten und mich verkriechen.
Und während ich meine Ex-Kollegen jagte, wollte ich Holly auf keinen Fall in meiner Nähe haben. Für sie wäre es viel zu gefährlich.
„Es muss sein“, hauchte ich ihr mit zittriger Stimme ins Ohr und stand auf.
Holly schnappte sich jedoch meinen rechten Arm, hielt ihn fest und hinderte mich daran, weiterzugehen. Mir tat es weh ihr tränenüberströmtes Gesicht und den fassungslosen Ausdruck in ihren Augen zu sehen.
Ich holte tief Luft, bevor ich ihre Hand von meinem Arm löste, mich abwandte und das Zimmer verließ. Hollys markerschütterndes Schluchzen konnte ich noch hören, als ich die Treppe herunterging und die Haustür hinter mir zuschlug.

Ich saß unter dem Baum, den ich zu meinem Schlafplatz auserkoren hatte und fühlte mich miserabel. Ich hatte es wirklich getan. Ich hatte mich von Holly getrennt, zwar nur für begrenzte Zeit, aber mir kam es vor, als hattee ich einen endgültigen Schlussstrich gezogen. Seit einer Stunde versuchte ich bereits einzuschlafen, aber in meinem Kopf hörte ich unablässig Hollys Schluchzen.
Dieses Geräusch peinigte mich und verursachte in mir unvorstellbare Qualen. Ihr Schluchzen schien mich zu verfolgen.
Plötzlich, wie aus dem Nichts, staute sich in mir eine unvergleichliche Wut an, die den winzigen Teil an Müdigkeit in mir brutal zunichte machte. Ich war wütend auf mich selbst, aber auch auf meine Ex-Kollegen. Nur wegen ihnen war ich dazu gezwungen Abstand von Holly zu nehmen. Hitze überfiel meinen gesamten Körper und zum ersten Mal seit Langem war mir draußen nicht kalt. Automatisch ballten sich meine gefrorenen Hände zu Fäusten und mein Blut kochte. Wie von der Tarantel gestochen sprang ich auf und fletschte wild die Zähne. Meinen hektischen Atem konnte ich vor mir als Nebelwolken sehen, die bloß für wenige Sekunden sichtbar waren, bevor sie dann verschwanden.
Der Zorn füllte mich komplett aus, aber er stieg immer weiter an, obwohl es in mir keinen Platz mehr für ihn gab. Er musste umgehend aus mir heraus, ehe ich explodierte. Doch wie sollte ich das anstellen? Als ich meinen Blick fast schon panisch umherschweifen ließ, konnte ich weit und breit nichts anderes, als Bäume, entdecken.
Derweil schlug mein Herz in Rekordzeit und es fühlte sich an, als ob mein Gehirn sich gewaltsam gegen meinen Schädel drückte. Ich presste meine Hände gegen den Kopf und versuchte mit aller Macht wieder die Kontrolle über meinen Körper zu erlangen. Vergebens.
Rasend und blind vor Wut hastete ich hin und her. Ein unheimlicher Druck legte sich auf meine Lunge und ich glaubte ersticken zu müssen. Mein Magen drehte sich um und meine Finger verkrampften sich schmerzhaft. Und dann schrie ich einfach so laut ich konnte, um die Wut auf dem schnellsten und hoffentlich erfolgreichsten Weg herauszulassen.
Mein eigener dumpfer Schrei klingelte mir in den Ohren. Die Wut war nicht weniger geworden. Wild geworden schnaubte ich. Dieses beklemmende Gefühl sollte, nein, musste sofort verschwinden. Tausende Gedanken überfluteten mich, doch keinen einzigen konnte ich fixieren.
Ein unangenehmes, taubes Gefühl breitete sich in meinen Fingerspitzen und Zehen aus. Ich hielt das einfach nicht mehr aus. Ich brüllte laut, als ich vor einem kräftigen, hohen Baum stehenblieb und anfing gegen den Stamm zu schlagen. Immer und immer wieder rammte ich meine Fäuste mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte, in den Baum.
Dabei sprangen Stücke der Rinde ab und flogen in die Dunkelheit. Irgendwann trat ich auch gegen den Stamm. Die aufkommenden Schmerzen in Händen und Füßen beachtete ich gar nicht, genauso wie das Blut, das in Rinnsalen meine Finger entlang floss und auf die Erde tropfte. Mir war es egal, denn die Wut in mir wurde endlich weniger. Der Druck, der auf mir lastete, fiel von mir ab und ich konnte wieder ohne Anstrengung atmen. Trotzdem machte ich weiter.
Ich bin ein Schwächling, weil ich Emilia verschont habe. Ich schlug zu.
Ich bin ein Versager, weil ich es nicht schaffe die Killer zu töten. Ich schlug zu.
Ich bin ein Idiot, weil ich mich von Holly getrennt habe. Ich schlug zu.
Und ich bin ein Feigling, weil ich weggelaufen bin, statt mit ihr zu reden. Ich schlug zu.
Ich bin ein Monster, weil ich in einer Nacht Hollys Leben zerstört habe. Ich schlug zu.
Dann dachte ich an all das, was meine Ex-Kollegen Holly und mir angetan hatten. Dadurch kehrte der Zorn zurück und eine mir unbekannte Energie befiel mich und verlieh mir noch mehr Kraft.
Ich hasse Mickey, weil er mich angefahren, mir eine Rippe gebrochen und mich in meiner Wohnung zusammen mit Navarro angegriffen hat. Ich schlug zu.
Ich hasse Patton, weil er Hollys Mutter erschossen hat. Ich schlug zu.
Ich hasse Emilia, weil sie mein Vertrauen missbraucht und all das Unglück heraufbeschworen hat. Ich schlug zu.
Ich hasse Brolin, weil er mich an Halloween daran gehindert hat, Holly zu beschützen. Ich schlug zu.
Ich hasse Jericho, weil er alle Killer auf Holly und mich angesetzt hat und uns nicht in Ruhe lässt. Ich schlug zu.
Aber allen voran hasse ich Ophelia, weil sie Holly schon zweimal fast getötet hätte. Ich schlug zu.
Nach einem weiteren Schlag hörte ich auf und trat einen Schritt zurück. Das war genug, denn mein Zorn war vollständig verflogen. Schnell hob und senkte sich mein Brustkorb, als ich starr unter dem blätterlosen Baum stand. Ich hob meine Hände zu meinem Gesicht und drehte sie auf Augenhöhe hin und her.
Die Haut meiner Fingerknöchel war aufgeschürft und ich konnte das darunterliegende Fleisch erkennen. Erst, als ich die Wunden, die ich mir selbst zugefügt hatte, vor mir sah, spürte ich einen ziehenden, unerträglichen Schmerz. Ich ließ die Hände wieder sinken und verdrängte einfach den Schmerz, der sich bereits bis in meine Unterarme zog.
Ich setzte mich unter meinen Baum und lehnte mich zurück. Die Stille, welche nach meiner Aktion herrschte, war unheimlich. Ich hörte keine Geräusche. Ich hatte das Gefühl, dass ich der einzige Mensch auf dieser Welt war. Frustriert, müde und isoliert hockte ich zusammengekauert auf der kalten, festgefrorenen Erde und versuchte ein letztes Mal in dieser Nacht einzuschlafen. Wie in Zeitlupe schloss ich meine Augen.

Ein sich wiederholendes Stampfen riss mich brutal aus meinem kurzen, aber dennoch erholsamen Schlaf. Ich schob die Augenbrauen zusammen und gähnte. Was auch immer dieses Geräusch verursachte interessierte mich nicht. Ich blendete es ohne Probleme aus und schwebte in einer Welt zwischen Traum und Wirklichkeit.
Ein zufriedenes Lächeln huschte über meine Lippen, als ich eine schwache Stimme hörte, die meinen Namen rief. Zuerst glaubte ich, dass ich mir dies bloß eingebildete, doch dann hörte ich schon wieder diese Stimme, die der Wind zu mir herübertrug. Unwillig öffnete ich meine Augen und erschrak. Zehn Meter von mir entfernt stand Holly. Sie trug ihre gut gefütterte Jacke und hatte die Kapuze aufgezogen. Ihre traurigen blauen Augen starrten mich durchdringend an.
Langsam stand ich auf. Dabei bemerkte ich erst jetzt, dass mein Körper steif gefroren war. Beinahe wäre ich hingefallen, wenn ich mich nicht an dem Baumstamm festgekrallt hätte. Unsicher warf ich Holly einen kurzen Blick zu. Warum war sie hierher gekommen? Sie kam auf mich zu. Schritt für Schritt für Schritt. Ich blieb regungslos stehen und hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Am Besten wäre es, wenn ich sie wegschicken; wenn ihr sagen würde, dass sie gehen soll. Aber ich konnte es nicht. Mein Mund blieb verschlossen.
Holly war bis auf zwei Meter an mich herangekommen. Die Haare, die aus ihrer Kapuze herausguckten, flatterten im kühlen Wind. Ihre Hände, über die sie Handschuhe gezogen hatte, hatte sie zusätzlich tief in die Jackentaschen geschoben.
Tonlos formte sie ein „Hallo“, als sie noch einen Schritt wagte. Meine Miene war die ganze Zeit ausdruckslos, wie eine Maske.
„Du fragst dich bestimmt, warum ich hier bin?“ Kaum merklich nickte ich zustimmend.
„Ich bin hier, weil ich schwach bin, James. So schwach, dass ich unmöglich ohne dich auskommen kann“, meinte sie. Dann lächelte sie verlegen. Auf mich wirkte es, als würde sie sich selbst für ihre Aussagen auslachen.
„Ich halte es jetzt schon nicht mehr aus von dir getrennt zu sein. Bereits der Gedanke daran, dass wir uns möglicherweise mehrere Monate nicht sehen, bringt mich um den Verstand.“ Das Lächeln war verschwunden und hatte purer Verzweiflung Platz gemacht. Ich entgegnete nichts, obwohl mich ihre Worte berührten und es mir genauso ging, wie ihr.
„Bitte sag doch etwas. Irgendwas“, bat sie. Ich musste mich dazu zwingen den Kopf zu drehen und den Blick von ihr abzuwenden, egal, wie schwer es mir auch fiel. Ich hasste mich dafür, dass ich Holly so behandelte. Aber ich musste so hart sein, sonst wäre ich schwach geworden und hätte die Trennung zwischen uns vergessen. Krampfhaft heftete ich meine Augen auf einen dicken Käfer, der über die Baumrinde krabbelte. Es wurde still. Nur der Wind heulte laut und gespenstisch.
„James, bitte“, sagte sie mit erstickender, hoher Stimme. Ein heftiger Schmerz, ausgehend von meinem Herzen, fuhr durch mich hindurch. Ich wünschte mir nichts lieber, als dass Holly endlich von hier verschwand. Es war nicht so, dass ich sie loswerden wollte.
Ich spürte nur, dass, je länger sie in meiner Nähe war, mein Widerstand zu schrumpfen begann und das konnte ich auf keinen Fall zulassen. Ich hörte, wie Holly angestrengt nach Luft schnappte. Ich konnte mir in diesem Augenblick ihre betrübte Miene gut vorstellen, während ihres Versuches nicht in Tränen auszubrechen.
Trotz des unglaublichen Drangs zu ihr zu gehen und sie in die Arme zu nehmen, blieb ich standhaft und konzentrierte mich weiterhin auf den Käfer. Meine Hand, die auf dem Baumstamm lag, zuckte, bevor sie sich verkrampfte.
In mir tobte ein erbarmungsloser Kampf. Meine Vernunft kämpfte gegen meine unvorstellbare Sehnsucht nach Holly. Ich kniff die Augen fest zu und versuchte gar nicht daran zu denken, dass meine Freundin nur wenige Meter von mir entfernt war. Zwar sah ich jetzt nichts mehr, aber ich hörte genauso gut, wie sonst. Hollys Weinen und Schluchzen war trotz des pfeifenden Windes so laut, als stünde sie direkt neben mir.
Nach geraumer Zeit, in der ich unablässig auf meine Atmung geachtet hatte, merkte ich, wie schwache Regentropfen meine kalte Haut benetzten. Im Minutentakt nahm die Anzahl an Tropfen zu und meine Jacke wurde nass. Der einsetzende Regen kam für mich genau richtig, denn ich vermutete, dass Holly bei diesem Wetter nach Hause laufen würde. Ich nutzte meine Chance und wandte mich um. Ich war erleichtert, denn Holly war verschwunden.
Ich atmete tief ein, als ich mich mit dem Rücken gegen den Baum lehnte und durch die Äste in den Himmel schaute. Dieser war unverändert wolkenverhangen und dunkelgrau. Dicke Regentropfen prasselten auf mein Gesicht und rannten meinen Hals hinab. Ich fühlte mich befreit, nachdem ich nicht mehr zwischen der Entscheidung stand, ob ich Holly ansehen und mit ihr reden sollte oder nicht. Ich konnte nur hoffen, dass sie nicht noch einmal hierherkam.

Die nächsten zwei Tage gehörten zu den Schlimmsten meines Lebens. Die Temperaturen sanken Grad um Grad um Grad. Jede Nacht schlief ich bloß drei Stunden, wenn ich überhaupt schlafen konnte. Je länger ich mich in der Kälte aufhielt, umso schlechter wurde mein Gesundheitszustand. Meine Knochen schmerzten ununterbrochen und ich hatte anhaltende, dumpfe Kopfschmerzen. Außerdem hatte ich die arge Befürchtung, dass ich eine Erkältung bekam.
Doch dies war nicht der Grund, warum ich am Boden zerstört war, sondern die Tatsache, dass ich mich nutzlos fühlte. Ich wusste zwar, dass ich meine Ex-Kollegen aufspüren und töten wollte, aber wie ich anfangen sollte, wusste ich nicht.
Die Idee, wieder in meine Wohnung zurückzukehren, hatte ich dann doch schnell verworfen. Das Risiko, erneut in eine Falle zu tappen, war viel zu groß. Das letzte Mal war ich beinahe nicht mehr lebend herausgekommen, dass konnte ich nicht noch einmal herausfordern.
Des Weiteren machte mir die Trennung von Holly schwer zu schaffen. Jedes Mal, wenn ich auch nur für wenige Sekunden die Augen schloss, sah ich sie vor mir. Ich sah ihre schwarzen seidigen Haare, die ihr Gesicht mit den zarten Zügen umrahmte. Ich sah ihre feinen Sommersprossen, die sich auf ihrem Nasenrücken verteilten und ihre engelsgleiche Gestalt.
Und dann sah ich diese traumhaft schönen und atemberaubenden blauen Augen, die mich immer liebevoll und zärtlich ansahen. Ich hatte bereits vermutet, dass es schwer werden würde, aber dass die Realität noch härter war, hätte ich nicht erwartet. Zwar hatte ich mich immer, wie geplant, um acht Uhr auf den Weg zu ihrer Schule gemacht, da ich genau wusste, dass Holly eine halbe Stunde später losfuhr, aber ich war nicht in ihrer Nähe. Ich konnte ihre Wärme, ihren Atem und Herzschlag nicht spüren.
Nachdenklich saß ich unter dem Baum und zerbrach mir weiterhin den Kopf. Ich fragte mich, was ich als Nächstes tun sollte und wie ich die Sehnsucht nach Holly in den Griff bekam. Diese beiden Themen beschäftigten mich am Meisten und gaben mir keine Ruhe. So sehr ich mich auch anstrengte, mir wollten einfach keine Lösungen einfallen. Es schien, als seien meine Gedanken in einer Art Labyrinth gefangen. Es existierten zich Wege, aber kein Einziger führte mich zum Ziel.
Ich war wütend auf mich selbst, weil ich es nicht schaffte einen Plan zu entwickeln. Verärgert schnaubte ich und haute mit der flachen Hand auf die harte Erde. Dabei fiel mein Blick auf die vielen Schürfwunden, die sich auf meiner rechten Hand verteilten.
Die linke Hand sah auch nicht besser aus. Die Wunden waren die Spuren meines nächtlichen Ausrastes. Ich hatte seit einiger Zeit eine unbeschreibliche Wut in mir, die heraus wollte. Ich konnte mir nicht erklären, woher diese Wut kam, doch ich hatte Probleme sie im Zaum zu halten. Ich lehnte es entschieden ab erneut auf den Baum einzuschlagen, also wusste ich nicht, woran ich die Wut auslassen konnte. Am Liebsten wären mir im Augenblick meine Ex-Kollegen gewesen, ohne Frage. Bei der Vorstellung, wie ich jeden einzelnen von ihnen so lange schlug, bis das Blut aus ihnen herausspritzte, musste ich breit grinsen.

Wochen vergingen, ohne, dass ich auf irgendeiner Art aktiv geworden war. Ich hatte mich weder auf die Suche nach meinen Ex-Kollegen gemacht, noch hatte ich Holly aus meinem Kopf vertreiben können. Eigentlich hatte ich nichts weiter getan, als zu Hollys Schule zu gehen und auf sie aufzupassen.
Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Ich hatte mich hängen lassen, dabei hatte ich mich von Holly getrennt, um genug Zeit zu haben, mich um meine Ex-Kollegen zu kümmern.
Die größte Schwierigkeit war jedoch, dass ich Holly ständig vor mir sah. Ich sah sie, wenn ich einschlief. Ich sah sie in meinen Träumen und ich sah sie, wenn ich aufwachte. Ich hatte gehofft, dass sie aus meinen Gedanken verschwand, wenn sie nicht in meiner Nähe war. Tja, das war wohl pures Wunschdenken.
Deprimierend dazu war, dass Weihnachten vor der Tür stand und ich Weihnachten verabscheute. Ehrlich gesagt hasste ich nach dem Tod meiner Eltern alle Feiertage. Ich ertrug die heitere Stimmung und die Harmonie nicht. Alle Menschen waren nett zueinander und überspielten Konflikte mit einem falschen, zuckersüßen Lächeln.
Und passend zu diesem Feiertag hatte es vergangene Nacht auch noch angefangen zu schneien. Momentan lagen fünf Zentimeter Schnee. Zum Glück hatten die langen, dicken Äste des Baumes den Großteil an Schnee davon abgehalten, auf mich nieder zu segeln. Trotzdem war es kälter denn je und ich war mir sicher, dass ich bald elendig erfrieren würde.
Ich war frustriert, zornig und niedergeschlagen und dass alles zur selben Zeit. Ich hätte alles dafür gegeben in diesem Augenblick bei Holly zu sein. Gerne hätte ich mit ihr geredet, sie in meine Arme genommen, geküsst und einfach angesehen. Ich fragte mich, was sie wohl gerade machte und ob sie ebenfalls an mich dachte, so wie ich an sie.
Intensiv starrte ich auf meine Hände, die ich immer und immer wieder vor meinen Augen hin und her drehte. Angestrengt versuchte ich an gar nichts zu denken, nicht mal an meine Freundin. Doch im selben Moment wurde mir klar, dass dies unmöglich war.

Am Weihnachtsabend war es ungemein ruhig. Kein einziges Auto befuhr die nahe gelegene Straße, denn alle Menschen waren in ihren Häusern und feierten mit ihren Familien Weihnachten. So ungern ich es auch zugab, ich beneidete sie.
Ich war neidisch auf die glücklichen Familien, die zusammen saßen und gemeinsam das Abendessen genossen. Diese Tatsache machte meinen Verlust noch klarer. Ich vermisste meine Eltern. Ich vermisste Holly. Ich vermisste einfach Menschen, denen ich etwas bedeutete; die mich liebten. Jahrelang war ich es nicht gewohnt gewesen, gebraucht und geliebt zu werden. Keinen hatte es jemals interessiert, wie es mir ging oder was ich dachte. Aber seitdem ich Holly begegnet war und das Privileg besaß, dass ihr Herz mir gehörte, war ich nicht mehr daran gewöhnt von jeglichen Gefühlen isoliert zu sein.
Ich hasste die Leere in mir, die sich in meinem Körper immer weiter ausbreitete. Ich fühlte mich nur noch wie eine Hülle, die nutzlos in der Welt umherwandelte.
Für ein paar Minuten bemitleidete ich mich selbst, bis ich daran dachte, wie Holly sich heute wohl fühlen musste. Dies war ihr erstes Weihnachtsfest ohne ihre Eltern. Wahrscheinlich ging es ihr genauso miserabel, wie mir, wenn nicht noch schlechter. Einerseits wäre ich jetzt gerne bei ihr und würde ihr beistehen und sie trösten, doch andererseits wusste ich mit Sicherheit, dass sie es mir übel nehmen würde, wenn ich bei ihr auftauchte. Zu Recht hielt sie mich für den Auslöser ihres Unglücks. Sie hatte mir deutlich gemacht, dass sie mir nicht verzeihen würde. Niemals.
Bei diesem Gedanken fasste ich automatisch in meine linke Hosentasche und umschloss mit meiner Hand einen glatten, kleinen Gegenstand. Es war ein Medaillon aus Silber, das ich vor drei Tagen bei einem Juwelier für Holly gekauft hatte. Es war ihr Weihnachtsgeschenk. Ich war hin und her gerissen. Sollte ich es Holly persönlich geben oder lieber doch nicht?
Ich legte die Stirn in Falten und versuchte auf die Schnelle eine Entscheidung zu fällen. Es wäre unbeschreiblich schön, ihr wieder ins Gesicht zu schauen und mich in ihren blauen Augen zu verlieren, aber dann siegte meine Vernunft. Ich hatte mich von ihr getrennt, also musste ich hart bleiben.
Entschlossen schoss ich in die Höhe und ignorierte die Schmerzen, die die Kälte bei meinen Gliedern hinterlassen hatte. Schnellen Schrittes überquerte ich die Grasfläche. Dann ließ ich die Straße hinter mir und betrat die Veranda. Im Erdgeschoss brannte Licht und Stimmengewirr drang an meine Ohren. Für einen kurzen Moment kam ich in Versuchung in eines der Fenster zu schauen. Lange dauerte dieses Verlangen aber nicht an. Ich besann mich eines besseren und schaute nicht ins Fenster. Zu groß war meine Befürchtung, dass ich sogleich ins Haus stürmen würde, wenn ich Holly sah. Ich hielt mich nicht für stark genug, als dass ich dies riskieren konnte.
Also blieb ich vor der Tür stehen und zog das Medaillon hervor. Im Schein der Verandaleuchte funkelte das Silber wie ein Diamant. In meiner großen Hand wirkte das Schmuckstück extrem winzig. Wie gebannt stierte ich es minutenlang an. Dann küsste ich das kalte Metall, bevor ich es vorsichtig vor die Tür legte. Hoffentlich würde Holly mein Geschenk finden.
Obwohl ich das erledigt hatte, was ich erledigen wollte, konnte ich mich nicht überwinden zu gehen. Wie angewurzelt stand ich unverändert vor der Tür. Irgendwann legte ich ein Ohr an die Tür und lauschte aufmerksam. Mit viel Mühe versuchte ich Hollys Stimme zu hören. Mir würde auch nur ein Wort aus ihrem Mund genügen, um mich glücklich und unbeschwert zu fühlen. Ich verharrte lange in meiner Position, bis ich zutiefst enttäuscht aufgab. Ich hörte die verschiedensten Geräusche, aber leider nicht ihre sanfte Stimme. Ich war am Boden zerstört.
Ich machte einen Schritt nach hinten und trennte mich von der Tür. Für einen kurzen Augenblick blieben meine Augen am nächstgelegenen Fenster hängen. Vielleicht sollte ich doch einen Blich riskieren. Etwas unsicher wagte ich mich zum Fenster vor. Das Licht, welches auf die Veranda fiel, wurde von Schatten durchzogen. Im Haus lief irgendjemand hin und her. Abrupt blieb ich stehen und traute mich nicht weiter.
Nein, ich sehe nicht hinein. Ich sehe nicht hinein, dachte ich und schloss die Augen. Ich schaffe es auch weiterhin mich von Holly fernzuhalten. Seit Wochen habe ich sie nicht mehr gesehen. Ich werde mich doch zusammenreißen können, oder?
„Ja“, gab ich mir selbst zur Antwort und nickte. Aber, um ehrlich zu sein, war ich mir nicht mehr ganz sicher. Ich traute meinem eigenen Durchhaltevermögen nicht.
Daher machte ich auf dem Absatz kehrt und rannte so schnell ich konnte zurück zu meinem „Schlafplatz.“ Bei jedem Schritt knirschte der frische, reine Schnee unter meinen Füßen. Als ich am Baum angekommen war, stellte ich mich direkt vor den Stamm und legte meine Stirn gegen die unförmige, harte Rinde. Am Liebsten hätte ich mir sofort alle Gedanken und Bilder von Holly, die meinen Verstand überfluteten, aus dem Kopf gehauen.
Nach meinem Lauf raste mein Herz und pochte mir in den Ohren. Tief atmete ich ein und aus.
Ich zog meinen Kopf zurück und rieb mir geistesabwesend über die Stirn. Ein unregelmäßiges Muster hatte sich in meine Haut eingestanzt. Mit den Nerven am Ende ließ ich mich auf die Erde plumpsen und stellte mich auf eine weitere, unangenehme Nacht in der Kälte ein. Holly tauchte augenblicklich vor mir auf.
Ich dachte noch eine ganze Weile an sie, ehe meine Lider unglaublich schwer wurden und ich mit einem Mal in einen tiefen Schlaf fiel.

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