Heiß und kalt

Ohne ein weiteres Wort senkte sie ihren Blick und stellte sich vor die Tür des Kinosaals. Kurzerhand öffnete ich sie und Holly ging hinein. Ich folgte ihr und achtete darauf, dass sie in der Dunkelheit nicht hinfiel. Als wir an unserer Sitzreihe angekommen waren, übergab Holly mir immer noch schweigend ihre Krücken. Mit beiden Händen stützte sie sich an den vorderen Sitzen auf und kämpfte sich so bis zu ihrem Platz durch. Ich ging ihr hinterher und setzte mich neben sie.
„Stimmt irgendetwas nicht?“, flüsterte ich ihr zu.
„Es ist alles in Ordnung.“ Sie würdigte mich keines Blickes.
„Ich merke doch, dass dich etwas beschäftigt. Habe ich vielleicht was Falsches gesagt?“
„Das kannst du aber laut sagen, James“, fuhr sie mich zornig an. „Es scheint ja so, als ob du nicht gewillt bist dich zu ändern.“ Empört klappte mir die Kinnlade herunter. Das hatte sie doch nicht ernst gemeint, oder?
„Wir reden jetzt nicht weiter darüber. Das machen wir lieber, wenn wir alleine sind“, murmelte ich. Dann starrte ich auf die Leinwand und konzentrierte mich auf den Film.

Nachdem der Film vorrüber war, hatte sich Holly von Zack, Vanessa und Linda verabschiedet, da diese mit einem anderen Auto gekommen waren. Beunruhigt hatte ich beobachten müssen, wie Linda ihrer Freundin etwas ins Ohr geflüstert hatte. Mir war sogleich klar gewesen, dass sie wieder einmal über mich redete. Holly hatte nach Lindas Worten verunsichert ausgesehen. In mir war Angst hoch gekrochen. Angst davor, dass Holly Zweifel an unserer Beziehung bekam, doch ich hatte es ihr nicht verübeln können. Zwar liebte sie mich, aber ich hatte mich gefragt, wie viel sie noch ertragen konnte.
Die Rückfahrt mit Daphne und Cassidy war ein stilles Vergnügen gewesen, denn nach meiner Auseinandersetzung mit Cassidy war die Stimmung angespannt gewesen. Daphne, die immer noch überaus gut gelaunt gewesen war, hatte keine Ahnung gehabt, warum Holly nicht mit mir geredet hatte und ihr Bruder und ich schlecht gelaunt waren. Unentwegt hatte sie versucht ein Gespräch zu beginnen, doch sie war kläglich gescheitert. Nach zehn Minuten hatte sie endgültig aufgegeben und nur noch aus dem Fenster gesehen.
Jetzt standen wir vor dem Haus der Geschwister, denn Holly wollte sich von den beiden verabschieden. Ich hatte keine große Lust noch weitere wertvolle Minuten meines Lebens zu verschwenden, in denen ich Cassidys Anwesenheit ertragen musste. Ich stand etwas abseits und schaute dabei zu, wie Daphne Holly überschwänglich in die Arme nahm und sie fest drückte.
„Das war ein toller Abend. Ich hatte viel Spaß“, sagte sie laut. Nach allem, was heute geschehen war, war es komisch für mich zu hören, dass Daphne allen Ernstes Spaß gehabt hatte.
„Ich fand es auch lustig“, meinte Holly verhalten. In ihrem Gesicht konnte ich ablesen, dass sie ihre Freundin gerade belog. Daphne trat zurück und schaute zu mir herüber. Fröhlich lächelte sie mich an und entblößte somit ihre strahlend weißen Zähne. Ihre grünen Augen strahlten mich förmlich an.
„Auf Wiedersehen, James. Wir sehen uns bestimmt bald wieder“, rief sie mir hoffnungsvoll entgegen. Ich hob bloß wortlos die Hand und raffte mich zu einem kurzen Lächeln auf.
Als nächstes war Cassidy an der Reihe. Vorsichtig näherte er sich Holly. Er schien nicht zu wissen, was er tun sollte. Mit ausdrucksloser Miene wandte er seinen Kopf zu mir, als wartete er darauf, dass ich ihm die Erlaubnis gab, sich meiner Freundin zu nähern.
Hasserfüllt erwiderte ich seinen Blick und machte damit ganz klar, dass er seine Finger von Holly lassen sollte. Zufrieden sah ich dabei zu, wie er beinahe unauffällig einen Schritt nach hinten machte. Holly schien dies nicht bemerkt zu haben. Freundlich grinste sie Cassidy an und dann tat sie etwas, was mein Herz augenblicklich zum Stehen brachte. Sie nahm die linke Krücke in die rechte Hand. Danach schlang sie ihren freien Arm um Cassidy. Dieser ließ sich die Chance nicht entgehen und umarmte sie.
Bei diesem Anblick stockte mir der Atem und mir wurde speiübel. Zudem brodelte in mir eine Wut, die ich noch nie zuvor erlebt hatte. Unter meiner brühenden Haut kribbelte es wie wahnsinnig. Ich hatte das Gefühl bald den Verstand zu verlieren. Blitzschnell drehte ich mich um und lief zu Hollys Haus.
Dort setzte ich mich auf die Verandastufen. Das Bild von Holly, wie sie in Cassidys Armen lag, war für immer in meinem Kopf eingebrannt. Ich schloss die Augen. Sofort sah ich das Bild wieder vor mir. Was war bloß los mit mir? Warum machte mir diese harmlose Umarmung nur so viel aus?
Ich hörte einen langgezogenen Seufzer aus meinem Mund. Ich machte mir viel zu viele Gedanken um diese Sache, dabei gab es keinen Grund dafür. Holly hatte keine Gefühle für Cassidy und sie würde mich auch niemals verlassen und sich für ihn entscheiden. Sie liebte mich.
„James?“ Hollys zarte Stimme drang nur schwach an meine Ohren. Ich hob den Kopf. Sie stand direkt vor mir und sah auf mich herab.
„Alles in Ordnung mit dir?“ Ich fing an zu nicken.
„Sicher“, war meine knappe Antwort. Anschließend erhob ich mich und gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
„Ich werde jetzt gehen, Holly. Ich wünsche dir eine gute Nacht“, flüsterte ich ihr zu.
„Willst du denn nicht darüber reden, was heute Abend passiert ist?“
„Nein“, brummte ich und verschwand aus Hollys Blickfeld.

Verfroren hockte ich unter einem Baum, der seine gesamten Blätter verloren hatte. Die Kälte war genauso unerträglich, wie in den Nächten zuvor. Wegen meiner schlechten Laune und dem quälenden Bild in meinem Kopf war an Schlaf momentan nicht zu denken.
Unablässig starrte ich in die Finsternis. Von hier aus konnte ich zwei oder drei hell erleuchtete Fenster sehen, die zu Hollys Haus gehörten. Zum schier tausendsten Mal, seitdem ich hier saß, dachte ich an die Worte, die Holly zu mir gesagt hatte.
Es scheint ja so, als ob du nicht gewillt bist dich zu ändern.
Dieser Satz hallte in meinem Kopf wider, wie ein Echo. Ich konnte immer noch nicht fassen, dass sie dies tatsächlich zu mir gesagt hatte. Was verlangte sie denn noch von mir?
Ich versuchte mich mit ihren Freunden zu verstehen und ich hielt sogar die Anwesenheit von Cassidy aus. Ich tat bereits alles Menschenmögliche, um mich für sie zu ändern, doch es war nicht so einfach ein neuer Mensch zu werden. Das brauchte Zeit; sehr viel Zeit. Ich fragte mich, wieso Holly mir diese Zeit nicht geben wollte. Wieso war sie nur dermaßen ungeduldig?
Meine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als mein Handy klingelte. Zuerst ignorierte ich das nervige Schrillen, weil ich wusste, dass es Holly war. Mir ging zu vieles im Kopf herum über das ich nachdenken musste, als dass ich rangegangen wäre.
Doch nach zwei Minuten wurde ich richtig wütend und ich kramte mit meinen eiskalten Händen mein Handy aus der Hosentasche. Wieso legte sie nicht auf? War ihr Wunsch nach einer Aussprache mit mir wirklich so groß?
Als ich jedoch auf den Display schaute, war ich geschockt. Das war nicht Hollys Nummer, sondern die Handynummer von Patton Massey. Wie auf Knopfdruck bekam ich ein mulmiges Gefühl. Das war gar nicht gut.
Minutenlang starrte ich auf das klingelnde Handy in meiner Hand. Was sollte ich nur tun? Sollte ich es weiter Klingeln lassen, bis Patton aufgab oder sollte ich es riskieren und rangehen? Ich war hin und her gerissen. Letztenendes entschied ich mich mal wieder für das Risiko.
„Was willst du?“, fragte ich barsch, nachdem ich abgenommen hatte. Am anderen Ende der Leitung hörte ich blechernes Gelächter.
„Ich wollte bloß fragen, wie es dir geht, Kleiner“, meinte Patton vergnügt.
„Tu uns beiden einen Gefallen und hör mit den gespielten Nettigkeiten auf.“
„Sei nicht so unfreundlich, Kleiner“, jammerte er. „Ich dachte du freust dich über den Anruf eines alten Freundes.“ Jetzt war ich es, der lachte.
„Ich freue mich unheimlich.“ Meine Stimme triefte vor Sarkasmus.
„Das klingt schon besser“, entgegnete er und beachtete meinen Tonfall nicht weiter.
„Also raus mit der Sprache, Massey, was willst du?“, raunte ich. Ich hatte keine Lust auf seine dämlichen Spielchen.
„Na gut, ich merke, dass du langsam ungeduldig wirst.“
Angespannt wartete ich darauf, dass er weitersprach, aber er sagte nichts. Stattdessen hörte ich nur seine lauten Atemzüge.
„WIRD´S BALD?“, schrie ich aufgebracht. Ich war mit den Nerven am Ende. Dabei hatte mir Patton noch nicht mal offenbart, warum er mich anrief.
„So redest du nicht mit mir, Kleiner“, blaffte er mich an. „Ich wollte dir ausrichten, dass du anfangen solltest sehr gut auf deine Freundin aufzupassen.“
Pattons offensichtliche Warnung machte all meine Hoffnungen, die ich die letzten Wochen gehegt hatte, brutal zunichte. Meine Ex-Kollegen wussten, dass Holly noch am Leben war und seinen Worten nach zu urteilen, wollten sie in nächster Zeit zuschlagen. Da sie Gott sei Dank keine Ahnung hatten, wo Holly wohnte, würden sie wohl versuchen sie in der Schule abzufangen.
„Es hat dir wohl die Sprache verschlagen“, brachte er hämisch hervor. Ich konnte mir sein breites Grinsen im Gesicht gut vorstellen.
„Halt deine Klappe.“
„Du hast bestimmt gedacht, dass wir so blöd wären und glauben würden, dass deine kleine Freundin tot ist. Tja, tut mir leid, dass ich deine Hoffnung zerstören muss“, sagte er verwegen und lachte.
Ich fragte mich, ob Emilia und Ophelia von Anfang an gewusst hatten, dass sie Holly nicht getötet hatten.
„Ja, dass habe ich gedacht“, gab ich zu. „Wie lange wisst ihr schon, dass sie nicht tot ist?“, fragte ich ihn emotionslos.
„Seit ein paar Wochen. Dummerweise war sich Ophelia ganz sicher, dass sie dein Püppchen kalt gemacht hat, aber nachdem Suffert und Henstridge bei dir waren, wussten wir, dass die liebe Ophelia sich leider geirrt hat“, erklärte er mir.
„Was hat das mit Suffert und Henstridge zu tun?“
„Wie du sicherlich weißt, ist nur Suffert wiedergekommen“, knurrte er.
„Ja, Henstridge ist der Besuch bei mir nicht sehr gut bekommen.“ Ein teuflisches Grinsen umspielte meine Lippen. Patton schnaubte.
„Sei nicht so vorlaut, Kleiner“, meinte er bloß, bevor er mit seiner Erklärung fortfuhr.
„Suffert hat uns erzählt, dass du ziemlich gut gelaunt warst, dafür, dass deine Freundin ermordet worden ist. Es wäre besser für dich und auch für sie gewesen, wenn du überzeugender den Trauernden gespielt hättest.“
Verärgert biss ich mir auf die Lippe. Ich war wütend auf mich selbst, denn so ungern ich es auch zugab, Patton hatte Recht.
„Du ärgerst dich jetzt, oder Kleiner? Hast du allen Ernstes geglaubt, dass du uns überlisten; dass du gegen uns ankämpfen könntest?“, spottete er. Schlagartig wurde ich unsagbar zornig. Ich hatte das Gefühl förmlich an meiner Wut zu ersticken.
„Ich werde euch zeigen, dass ich kämpfen kann. Ich habe Henstridge getötet und ihr seid die Nächsten. Ich werde mir jeden einzelnen von euch vornehmen, dass verspreche ich dir“, brüllte ich. Dann legte ich auf.
Nach dem Gespräch stand mein ganzer Körper unter Strom. Ich sprang auf, da ich nicht mehr sitzen konnte. Ich lief auf und ab, um mich zu beruhigen. Ehrlich gesagt hätte ich niemals erwartet, dass sich einer meiner Ex-Kollegen bei mir melden würde. Jetzt mussten Holly und ich das Schlimmste befürchten.
In den vergangenen Wochen hatten sie sich zurückgehalten, aber nun würden sie mit allen Mitteln versuchen uns beide zu töten. Erst nach und nach dämmerte mir, dass ich Holly umgehend Bescheid sagen musste. Nun war der Augenblick gekommen, in dem ich ihr gestehen musste, dass ich ihr Wochenlang meine Hoffnung, dass meine Ex-Kollegen sie für tot hielten, verschwiegen hatte. Doch das war jetzt Nebensache.
Ich verschwendete keine Zeit mehr, sondern rannte über das gefrorene Gras. Dann überquerte ich noch eine Straße, sprang auf die Veranda und schon stand ich vor der Tür. Ohne darüber nachzudenken, dass es mitten in der Nacht war, klingelte ich Sturm.
„Komm schon. Mach auf, Holly“, bat ich. Eben war noch Licht im Haus gewesen, also musste jemand wach sein. Von Minute zu Minute wurde ich ungeduldiger. Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, als ich Schritte hinter der Tür hörte. Na endlich, dachte ich erleichtert.
Einen Augenblick später wurde die Tür geöffnet und eine sichtlich verwirrte Olivia stand vor mir. Sie trug bereits ihren blauen Morgenmantel.
„Was machst du denn hier, James?“, fragte sie mich. Sie sah verschlafen aus.    
„Ich muss dringend mit Holly sprechen“, rasselte ich blitzschnell herunter und wollte mich schon an Olivia vorbeidrängen, doch sie versperrte mir den Weg.
„Hat das nicht Zeit bis morgen? Es ist schon ziemlich spät.“ Herzhaft gähnte sie.
„Ich weiß, dass es spät ist und es tut mir auch leid, dass ich Sie noch störe, aber es ist wichtig, dass ich jetzt mit Holly spreche. Bitte“, flehte ich sie inständig an. Nach meiner Bitte konnte ich regelrecht sehen, wie es hinter ihrer Stirn zu rattern begann.
„Hmm, na gut. Rede mit Holly, aber nicht länger als zehn Minuten. Ich gucke auf die Uhr“, sagte sie streng, bevor sie mir den Weg frei machte.
Dankbar nickte ich ihr zu. Dann lief ich die Treppe, zwei Stufen auf einmal nehmend, hinauf und stürmte, ohne anzuklopfen, in Hollys Zimmer.
Zum Glück war hier noch Licht an. Holly lag schon im Bett und las ein Buch. Als ich jedoch plötzlich schwer atmend in ihrem Zimmer auftauchte, sah sie mich erschrocken an und legte das Buch weg.
„Was ist los, James?“, fragte sie mich ohne Umschweife. Ich ging zu ihr herüber und setzte mich auf die Bettkante.
„Ich muss mit dir reden.“
„Geht es darum, dass ich Cassidy umarmt habe?“ Mit ihren blauen Augen durchbohrte sie mich. Wie wild schüttelte ich den Kopf.
„Nein, Cassidy ist jetzt unser geringstes Problem“, erwiderte ich und fuhr mir hektisch durch die Haare.
„Was ist denn?“
„Eben hat mich einer meiner Ex-Kollegen angerufen.“
Holly riss schockiert die Augen weit auf und die Farbe wich aus ihrem Gesicht.
„Was wollte er?“ Sie sprach so leise, dass ich sie kaum verstehen konnte.
„Er hat mir nahe gelegt, dass ich gut auf dich aufpassen soll, weil…weil sie wissen, dass du nicht tot bist“, setzte ich kleinlaut nach.
„Was soll das heißen, James?“ Ihre Stimme war erfüllt von Verunsicherung.
„Ophelia dachte, dass sie dich getötet hat und darum haben die Anderen es auch geglaubt. Ich muss zugeben, dass ich dies bereits vermutet hatte“, gab ich beschämt zu. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich sie wieder einmal belogen hatte.
Holly saß starr wie eine Salzsäule vor mir und sagte nichts. Durch ihr Gesicht war nicht erkennbar, wie sie sich momentan fühlte.
Derweil schlug mein Herz so laut, dass ich Angst hatte, dass Holly es hören konnte.
„Warum hast du mir das verschwiegen?“, brachte sie traurig hervor. Stürmisch nahm ich ihre Hände und sah ihr tief in die Augen.
„Weil ich mir nicht sicher war, ob ich mit meiner Vermutung richtig lag. Außerdem wollte ich nicht, dass wir beide zu unvorsichtig werden“ erklärte ich ihr mit sanfter Stimme. Ängstlich erwiderte Holly meinen Blick.
„Und was machen wir jetzt, James?“ In ihren Augen sammelten sich erste Tränen.
„Ich werde noch besser auf dich aufpassen. Jeden Tag werde ich dir auf Schritt und Tritt folgen“, presste ich entschlossen hervor und wischte die Tränen, die ihre zarten Wangen herunterliefen, mit meinen Händen weg.
„Das ist viel zu anstrengend für dich. Das kann ich unmöglich von dir verlangen.“
„Das ist nicht zu anstrengend. Glaub mir, ich weiß was ich tue“, versuchte ich sie zu überzeugen.
„Ich vertraue dir, aber ich bin mir nicht sicher, ob wir das schaffen“, entgegnete Holly und schluchzte. „Das alles ist zu viel.“
Ihre Lippen fingen an unkontrollierbar zu zittern. Dann senkte sie ihren Blick. Die langen schwarzen Haare fielen nach vorne und verdeckten ihr Gesicht.
Ich rückte an sie heran und nahm sie in meine Arme. Beruhigend streichelte ich ihr über den Rücken. Sie vergrub ihr Gesicht in meinem Pullover und weinte hemmungslos.
„Mach dir keine Sorgen, Holly. Ich kümmere mich schon um alles“, flüsterte ich ihr ins Ohr.
Ihr anschließendes Schluchzen hörte ich bloß gedämpft. Ich hatte keine Ahnung, wie ich ihr die Angst nehmen sollte. Leicht überfordert saß ich auf Hollys Bett und hielt sie fest. In meinen Armen fühlte sie sich unglaublich zerbrechlich an.
Plötzlich klopfte es an der Tür. Hollys Kopf schnellte in die Höhe. Ihre Augen waren gerötet und feucht. An der Stelle, wo ihr Gesicht gewesen war, hatte sich ein nasser Fleck auf meinem Pullover gebildet. Wehleidig starrte sie mich an.
„Das ist bestimmt Olivia. Sie hat mir nur erlaubt zehn Minuten bei dir zu bleiben“, klärte ich sie auf.
Holly blinzelte ungewöhnlich oft und ihr Blick wurde leer. Sie schien mit ihren Gedanken ganz weit weg zu sein. Ich bezweifelte, dass sie meine letzten Worte überhaupt verstanden hatte.
Als es ein weiteres Mal klopfte, sprang ich auf und ging zur Tür. Olivia bekam bestimmt nicht mehr ungefragt herein, nachdem sie Holly und mich überrascht hatte. Mit einem Ruck öffnete ich sie und wie erwartet stand Olivia vor mir.
„Die zehn Minuten sind vorbei“, sagte sie. Zum Beweis hielt sie mir ihre Uhr unter die Nase.
„Darf ich mich noch von Holly verabschieden?“, fragte ich im nettesten Ton, den ich zu Stande bringen konnte.    
„Sicher“, antwortete sie. Mir fiel auf, dass ihr Mund nur noch ein dünner Strich war, der kaum zu erkennen war. Sie mochte mich zwar, aber meine nächtliche Störung schien selbst sie nicht gut zu finden.
Ich ging also noch einmal zurück zum Bett. Holly hockte unverändert auf dem gleichen Platz und hing ihren Gedanken nach. Erst, als ich mich vor das Bett kniete, wurde sie auf mich aufmerksam.
„Ich muss jetzt gehen. Ich werde mir sofort überlegen, wie ich weiter vorgehen werde, um dich zu beschützen.“
Ich nahm ihr verweintes Gesicht in meine Hände und gab ihr einen Kuss auf die Stirn und die Nasenspitze.
„Gute Nacht, Holly.“ Ich ließ meine Hände sinken und sah sie besorgt an.
„Ich liebe dich“, sagte ich, bevor ich mich umdrehte und das Zimmer verließ.

Die nächsten Tage waren unglaublich anstrengend für mich gewesen. Ich hatte die vergangenen Nächte kaum schlafen können, da ich mir den Kopf darüber zerbrochen hatte, was ich tun sollte, um Holly vor meinen wahnsinnigen Ex-Kollegen zu beschützen.
Reichte es aus, dass ich sie jeden Tag zur Schule begleiten und ein Auge auf sie haben würde? Wie viele Killer würden auftauchen? Und könnte ich es verhindern, dass sie Holly folgten und herausfanden, wo sie jetzt wohnte? Diese und tausend andere Fragen hatten mich stundenlang beschäftigt.
Trotz meiner Unsicherheit und meines fehlenden Plans hatte ich meine Freundin, wie vorher auch, zur Schule begleitet. Hollys Gemütszustand hatte sich seit meinem Besuch einen Abend zuvor nicht großartig verändert.
Sie hatte abwesend gewirkt und kaum ein Wort mit ihren Freunden oder mir gewechselt. Ich hatte es für das Beste gehalten sie erstmal in Ruhe zu lassen und nicht weiter über die ganze Sache zu sprechen.
Aufmerksam lief ich unablässig vor der Schule auf und ab. Es war kein Mensch mehr draußen, denn alle Schüler waren im Unterricht. Um mich herum war es gespenstisch still. Ich hörte bloß hin und wieder Autos, die an der High School vorbeifuhren.
Seit einer geschlagenen Stunde ließ ich meine Augen immer zu den gleichen Plätzen wandern.
Straße, Schulgebäude, umstehende Bäume, zurück zur Straße. Straße, Schulgebäude, umstehende Bäume, zurück zur Straße. Straße, Schulgebäude, umstehende Bäume, zurück zur Straße.
Obwohl ich hundemüde war und starke Kopfschmerzen hatte, hörte ich dennoch nicht auf mich umzusehen. Aber leider hatte ich in den letzten Minuten immer größere Schwierigkeiten meine Augen aufzuhalten.
Jedes Mal, wenn meine Lider nach unten schnellten, dann wurde ich wütend auf mich selbst und ich machte mir schreckliche Vorwürfe. Ich konnte es mir nicht erlauben einen Augenblick unaufmerksam zu sein, denn ein Fehler konnte bereits schlimme Folgen haben.
Also rieb ich mir über die Augen und atmete viel frische Luft ein, damit ich halbwegs wach wurde.
Im Augenblick sah ich nichts Verdächtiges, aber was war, wenn sie tatsächlich schon einen Tag nach Pattons Anruf hier auftauchen würden? Ich konnte klar sagen, dass ich nicht in der Lage war es mit ihnen aufzunehmen, nicht mal mit einem von ihnen, weil ich einfach viel zu müde und geschwächt war. Ich beschloss eine kurze Pause einzulegen.
Ich schlurfte zum Eingang der High School und ließ mich auf die untersten Stufen fallen. Angestrengt stöhnte ich. Meine Kopfschmerzen machten mich schier wahnsinnig. Ein unvorstellbarer Druck presste gegen meinen Schädel und mir war schwindelig.
Am Liebsten wäre ich jetzt in meine Wohnung gegangen und hätte mich in mein bequemes Bett gelegt, doch das würde leider nur ein Traum bleiben. Ich konnte nicht so einfach zurück, nachdem ich Navarro ermordet hatte. Zwar hatte ich eine Nacht nach dem Mord seinen Leichnam verscharrt, dennoch war es zu gefährlich.
Ich seufzte und legte meinen Kopf in den Nacken. Mit starrem Blick schaute ich in den wolkenverhangenen Himmel. Ein Vogel flog kreischend über mich hinweg. Gedankenverloren sah ich ihm hinterher, bis er aus meinem Blickfeld verschwand.

Wenige Stunden später saß ich auf dem Schreibtischstuhl in Hollys Zimmer und schaute meiner Freundin dabei zu, wie sie ihre Hausaufgaben auf ihrem Bett erledigte. Zum Glück war keiner meiner Ex-Kollegen aufgetaucht.
Aber ich fragte mich, ob nicht vielleicht doch einer von ihnen da gewesen war und die Schule im Verdeckten beobachtet hatte. Zumindest konnte ich mit Sicherheit sagen, dass uns keiner von ihnen bis zu ihrem Haus verfolgt hatte, dass hätte ich bemerkt. Diese Vermutung hatte ich auch Holly mitgeteilt, als wir bei ihr zu Hause angekommen waren. Im Auto hatte ich natürlich nicht mit ihr reden können, da Linda anwesend gewesen war.
„Glaubst du, dass deine Ex-Kollegen bald angreifen werden?“, erkundigte sich Holly plötzlich mit vor Angst zitternder Stimme. Es war das erste Mal, dass sie mit mir über dieses Thema sprach.
„Das weiß ich leider nicht. Man kann niemals voraussagen, wann verrückte Killer zuschlagen“, entgegnete ich. Es tat mir leid, dass ich ihr keine bessere; keine genauere Antwort geben konnte.
„Und…und was sollen wir machen, wenn sie bei meiner Schule auftauchen?“ Ich konnte sehen, dass sie gegen aufkommende Tränen ankämpfte. Ich stand auf und ging zu Holly herüber. Ich setzte mich neben sie und zog sie an mich.
„Du wirst gar nichts tun“, korrigierte ich sie. „Es ist viel zu riskant und gefährlich für dich. Du wirst dich ganz bestimmt nicht mit ihnen anlegen“, sagte ich bestimmend.
„Aber ich muss doch etwas tun können. Du kannst das nicht alleine schaffen.“ Mit verzweifelter Miene sah sie mich an. Zärtlich klemmte ich ihr die Haare hinter die Ohren. Dann legte ich meine Stirn gegen ihre linke Schläfe.            
„Es geht nicht darum, dass ich keine Hilfe möchte. Ich will dich nur vor ihnen beschützen. Wenn du dich mit ihnen anlegst, dann hättest du gegen sie keine Chance“, flüsterte ich ihr mit sanfter Stimme ins Ohr.
„Ich könnte es mir niemals verzeihen, wenn ich dich um Hilfe bitten würde und dir dann etwas zustößt, also werde ich mich um meine Ex-Kollegen kümmern. Deine Aufgabe ist es einfach zu überleben, Holly.“ Ich streichelte ihr über den Kopf und küsste sie auf die Wange.
„Du musst das verstehen“, setzte ich nach.
Holly saß schweigend an meiner Seite. Nachdenklich hatte sie ihre Stirn in tiefe Falten gelegt. „Ich kann es ja verstehen, James“, murmelte sie und drehte sich zu mir. „Doch ich fühle mich so nutzlos. Du riskierst dein Leben, um meins zu retten und was tue ich? Ich verstecke mich und hoffe, dass du nicht getötet wirst“, jammerte Holly mit krächziger Stimme. Verständnislos schüttelte ich den Kopf.
„Weißt du eigentlich, was für einen Unsinn du redest, Holly? Ich kann nicht verstehen, warum du dermaßen erpicht darauf bist, mir gegen meine Ex-Kollegen zu helfen. Du weißt ganz genau, wozu sie fähig sind. Also ich will dich nicht schon wieder leichenblass auf der Erde liegen sehen und Angst haben müssen, dass du tot bist“, meinte ich energisch.
Das Bild von Holly, wie sie halbtot am Sportplatz ihrer Schule lag, schoss mir blitzschnell in den Kopf.
Zu meiner Verwunderung stellte ich fest, dass meine Augen feucht wurden. Unauffällig schaute ich zu Boden und strich mir mit dem rechten Handrücken über die Augen.
„Ist mit dir alles in Ordnung, James?“, fragte Holly besorgt.
„Ja, ja“, meinte ich und versuchte dabei gleichgültig zu klingen. Ich setzte mich wieder gerade hin und schaute sie an.
„Ich habe über deine Worte nachgedacht.“ Sie rückte an mich heran, legte ihre Beine in meinen Schoß und begann, mit einer Hand an meinen Haaren zu spielen.
„Du hast Recht. Mit allem, was du gesagt hast. Ich will mich nicht in Gefahr begeben, weil du dir sonst unentwegt Sorgen um mich machst.“ Ihre Miene war ernst.
„Außerdem habe ich eine Heidenangst vor deinen Kollegen. Vor allem vor Ophelia“, gab sie offen zu.
Es war verständlich, dass Holly am meisten Angst vor Ophelia hatte. Schließlich hatte diese bereits zweimal versucht Holly umzubringen. Ich war froh, dass sie endlich ihre Ängste zugab. Vorher hatte sie immer versucht taff und mutig zu sein. Das beste Beispiel dafür war der Angriff an Halloween. Als ich sie mehr tot, als lebendig gefunden hatte, hatte sie mir weismachen wollen, dass ihr Ophelias Mordversuch nichts ausgemacht hatte.
„Wir kriegen das hin, Holly. Vertrau mir“, versprach ich leise. Dann gab ich ihr einen zärtlichen Kuss. Sie nahm mein Gesicht in ihre Hände und lächelte. Mit ihren Daumen streichelte sie mir behutsam über die Wangen. Ich genoss ihre Berührungen in vollen Zügen.
„Ich weiß ganz genau, dass du mich beschützen wirst.“ Mit ihren blauen Augen durchbohrte sie meine Grauen. Ich hatte das Gefühl, dass sie bis auf den Grund meiner Seele blickte.

Einige Zeit später saß ich unter demselben Baum, wie vergangene Nacht. Leider hatte ich feststellen müssen, dass es noch ein bisschen kälter geworden war. Ich steckte meine Hände noch tiefer in meine Jackentaschen und hoffte, dass meine Finger nicht absterben würden. Mit viel Mühe versuchte ich bereits seit über zwei Stunden endlich einzuschlafen. Immer und immer wieder schloss ich meine Augen und zwang mich regelrecht zu schlafen, doch natürlich hörte mein Körper nicht auf solche Befehle. Entnervt kam ein langgezogenes Seufzen über meine Lippen.
Mein Gesicht schmerzte durch die klirrende Kälte. Jede Bewegung bei diesem Wetter war die reinste Qual für mich. Der Gedanke, dass ich all diese Strapazen für Hollys Sicherheit auf mich nahm, half mir für ein paar Minuten die Kälte und die Schmerzen zu vergessen.
„Ich mache das für Holly. Ich mache das für Holly. Ich mache das für Holly“, murmelte ich vor mich hin. An diesen Worten hielt ich mich fest. Ich klammerte mich förmlich an sie. Ein plötzlich auftretendes, schlurfendes Geräusch lenkte mich ab und brachte mich völlig aus dem Konzept. Ich schaute in die Dunkelheit, aber mir fiel es schwer etwas zu erkennen. Derweil kam das Geräusch immer näher.
„James?“ Hollys unsichere Stimme drang schwach an meine Ohren. Ich war dermaßen perplex, dass ich erstmal wie erstarrt sitzen blieb. Ich konnte mir nicht erklären, was sie um diese Uhrzeit und bei dieser Kälte draußen machte.
„James?“
„Hier bin ich“, rief ich. Unter großer Anstrengung erhob ich mich und ging ihr entgegen. Wenige Meter entfernt traf ich auf Holly. Sie trug ihre dicke braune Jacke, Handschuhe und dazu noch eine Mütze. Laut hörbar schnaufte sie, während sie sich mit ihren Krücken zu mir durchkämpfte.
„Was machst du denn hier?“, fragte ich ohne Umschweife und ging auf sie zu. Ich fand ihr Verhalten unvernünftig, vor allem, da ihr Bein verletzt war.
„Ich will wissen, wie es dir geht. Du begleitest mich jeden Tag zur Schule und verbringst die Nächte in der Kälte, da ist es ja wohl das Mindeste, dass ich mal nach dir sehe“, antwortete sie freudestrahlend, doch ihr Lächeln erstarb, als sie mich genauer betrachtet und ihr meine emotionslose Miene auffiel.
„Du scheinst dich aber nicht über meinen Besuch zu freuen“, stellte sie enttäuscht fest, als sie mir direkt gegenüberstand.
„Natürlich freue ich mich, dass du hier bist. Meine miese Stimmung liegt nur am Wetter und an der Tatsache, dass ich einfach nicht schlafen kann.“ Ich konnte es nicht verhindern, dass ich gestresst klang.
„Das tut mir leid“, wisperte sie und schaute mitleidig zu mir nach oben. In diesem Moment bemerkte ich, dass Hollys Lippen bläulich waren und mächtig bibberten.
„Es wäre das Beste, wenn du jetzt wieder nach Hause gehst. Es ist viel zu kalt. Ich sehe doch, dass du trotz deiner warmen Kleidung frierst.“ Ich musterte sie eingehend. Ihr gesamter Körper war verkrampft und zitterte.
„Das ist mir egal. Lass mich doch einfach ein bisschen bei dir bleiben, James“, bat Holly mich inständig. Dann sah sie mich mit einem so intensiven Blick an, dass ich gar nicht mehr nein sagen konnte. Dazu kam noch, dass ihr Gesicht ein bezauberndes Lächeln zierte.
„Na gut“, gab ich nach und legte meine Arme um sie. „Wenn du hier bist, dann bin ich zumindest nicht allein.“
„Das stimmt.“ Sie streckte sich nach oben und küsste mich auf meinen Hals. Ihr Atem auf meiner Haut kitzelte mich. Ich musste schmunzeln.
„Wollen wir uns nicht hinsetzen?“, fragte Holly und schaute zu der Baumgruppe, von der ich gekommen war.
„Sicher.“ Ich löste die Umarmung und ging voraus. Hinter mir hörte ich, wie Holly mir folgte.
Als ich an den Bäumen ankam, drehte ich mich um. Mit einem verbissenen Gesichtsausdruck kam Holly zu mir herüber. Sie schien sich nach so vielen Wochen immer noch nicht mit den Krücken angefreundet zu haben.
„Soll ich dir helfen, Holly?“ Ihre blauen Augen wanderten zu mir, bevor sie ihren Kopf schüttelte.
„Ich schaff das schon“, presste sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, als sie näher kam. Kaum stand sie unter den Bäumen, da stöhnte sie erschöpft auf, schmiss die Krücken zu Boden und stützte sich an den nächsten Baumstamm ab.
„Ich verabscheue diese Dinger“, giftete sie und starrte hasserfüllt auf die Krücken, die vor ihr auf der Erde lagen.
„Du brauchst sie ja nicht mehr lange.“
„Ich weiß“, entgegnete sie mürrisch, ehe sie sich nach unten gleiten ließ und auf der eiskalten, harten Erde Platz nahm. Sogleich verzog sie auf merkwürdige Weise das Gesicht.
„Es ist ganz schön kalt, James“, stellte sie beklommen fest. „Wie hälst du das bloß jede Nacht aus?“ Ich setzte mich neben Holly und zog sie an mich. Ich hoffte, sie dadurch etwas wärmen zu können.
„Ich habe keine Ahnung, wie ich das aushalte. Aber ich kann dir sagen, dass es nicht gerade angenehm ist hier zu übernachten“, würgte ich gequält hervor.
„Warum schläfst du dann nicht wieder bei mir?“, fragte sie mich beinahe vorwurfsvoll.
Ich hielt es für klug ihr keine Antwort zu geben, da dies bloß wieder in einem Streit ausarten würde. Ich hatte ihr bereits mehrfach erklärt, warum ich nicht bei ihr übernachten konnte. Warum konnte sie meine Entscheidung nicht akzeptieren?
„Du willst nicht mit mir über dieses Thema sprechen, oder?“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
„Nein“, erwiderte ich kurz angebunden.
Neben mir schnaubte Holly empört. Aus den Augenwinkeln sah ich ihre enttäuschte Miene.
Es tat mir leid, dass ich ihren Wunsch nicht erfüllen konnte.
„Sei mir jetzt bitte nicht böse, Holly“, bat ich sie.
Dann wandte ich mich ihr zu und zog sie auf meinen Schoß. So musste sie zumindest nicht mehr auf der kalten Erde sitzen und frieren. Ich schlang meine Arme um sie und presste meinen Körper an ihren.
„Hoffentlich wird dir jetzt warm.“ Verlegen klemmte sie sich ihre Haare hinter die Ohren.
„Bestimmt“, meinte sie beschämt. „Danke.“ Mir kam es so vor, als habe Holly ein schlechtes Gewissen.
„Tut mir leid, dass ich dich immer mit derselben Frage nerve, James.“ Sie schmiegte sich an mich.
„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Du machst dir doch nur Sorgen um mich“, flüsterte ich ihr mit fester Stimme zu. Anschließend gab ich ihr einen zärtlichen Kuss. Dieser wurde mit der Zeit leidenschaftlicher und mir fiel es schwer einen klaren Gedanken zu fassen.
Die Kälte, um uns herum, war beinahe vergessen, denn mein Körper stand förmlich in Flammen. Es war merkwürdig, weil ich mich gleichzeitig kalt und warm fühlte. Das Herz in meiner Brust schlug wie wild gegen meine Rippen und ich hatte das Gefühl nicht atmen zu können.
Holly schlang ihre Arme um meinen Nacken und klammerte sich an mir fest. Ich spürte die Hitze ihrer Haut, die mir entgegenschlug. Zu meiner Verwunderung bildete sich Schweiß auf meiner Stirn. Nach einer halben Ewigkeit löste sich Holly atemlos von mir. Ihre Wangen glühten und waren knallrot.
„Ich liebe dich über alles, James Roddick“, sagte sie und schaute mich verliebt aus ihren azurblauen Augen an.
„Ich liebe dich auch“, erwiderte ich und spielte mit einer ihrer Haarsträhnen, die aus ihrer Wollmütze herauskam.
„Was hälst du davon, wenn ich die Nacht heute bei dir verbringe?“ Sie fing an zu lächeln und ihre Augen blitzten vor Begeisterung.
Es war klar zu erkennen, dass sie ihren Vorschlag gut fand. Ich war da aber ganz anderer Meinung.
„Du bleibst nicht hier. Das ist unvernünftig“, sagte ich in einem Ton, der keine Widerrede zuließ. Aber Holly dachte gar nicht daran, meine Antwort zu akzeptieren. Sie stemmte die Hände in die Hüften und blickte mich herausfordernd an.
„Ich will aber bei dir bleiben und du kannst mich nicht zum Gehen zwingen“, blaffte sie mich zornig an. Anscheinend gefiel es ihr nicht, dass ich ihr sagte, was sie tun sollte. Doch ich tat das nicht aus Spaß, sondern weil es einfach viel zu kalt für sie war.
„Was halten denn Jamie und Olivia von deiner Idee?“, fragte ich mit einem genüsslichen Grinsen. Hollys Augen weiteten sich. Diese Frage hatte sie wohl nicht erwartet.
„Wie…du…“, stotterte sie mit Wut verzerrtem Gesicht. Als ich sie so aufgebracht vor mir sah, bereute ich es auf einen Schlag, dass ich ihrem Vorschlag widersprochen hatte. Wieder einmal stritten wir uns um nichts. Das war bei uns schon öfters vorgekommen, weil wir beide dickköpfig waren und unseren Willen mit aller Macht durchsetzen wollten, aber dies machte unsere Beziehung eben aus. Zuerst stritten wir und dann vertrugen wir uns.
„Warum fragst du mich das?“ Holly hatte ihre Stimme wieder gefunden. „Du kannst dir doch denken, dass die Beiden nicht einmal wissen, dass ich abgehauen bin, geschweige denn das ich bei dir schlafen will.“
Da hatte sie Recht. Für die Beiden wäre es vermutlich auch nicht schlimm gewesen, wenn Holly sie gefragt hätte, ob sie bei mir übernachten durfte, da sie keine Ahnung hatten, dass ich momentan kein richtiges zu Hause hatte und draußen schlief.
„Lass uns nicht weiter streiten. Von mir aus darfst du hier bei mir bleiben.“ Ich gab ihrem Wunsch nach, damit sie sich endlich beruhigte. Nach meinen Worten musterte sie mich verwundert.
„Meinst du das ernst?“, fragte sie mich skeptisch. Währenddessen vergrub sie ihre Hände in ihren Jackentaschen. Das war für mich ein weiteres Zeichen, dass sie fror. Ich bezweifelte stark, dass sie die ganze Nacht hier ausharren konnte.
„Ja, dass ist mein Ernst.“
Plötzlich lächelte sie mich dankbar an und gab mir einen flüchtigen Kuss auf den Mund.
„Danke, dass du es dir noch mal anders überlegt hast.“ Ihr Ton war bereits um einiges versöhnlicher.
„Jetzt schlafe ich endlich wieder neben dir ein, James“, nuschelte sie und lehnte sich an mich. Mit ihrer linken Hand strich sie über meine Wange, dann meinen Hals hinab, bis sie schlussendlich auf meiner Brust liegen blieb.
Fest hielt ich meine Freundin in meinen Armen und genoss die Wärme zwischen uns.
Bei jedem Atemzug sog ich ihren betörenden und unverwechselbaren Duft ein. Mit laut pochendem Herzen sank ich langsam, aber sicher, in einen tiefen Schlaf.

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