Heimatlos


Als ich aufwachte war es so dunkel, dass ich meine eigene Hand nicht vor Augen sah. Kalter Schweiß lief mir den Rücken entlang und mein Atem ging schnell. Ich versuchte mich zu beruhigen und atmete tief durch. Es roch nach frischer Farbe und alten Möbeln. Für einen kurzen Augenblick war ich orientierungslos. Mein Herz setzte einen Moment aus, als mir wieder bewusst wurde, wo ich mich befand. "Haus Sonnenstern". Ein Heim für psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche. Mein neues zu Hause. Mit hoch motivierten Mitarbeitern und einem mit Stacheldraht abgeriegeltem Gelände. Ein Ort wo ich wieder Mut und professionelle Hilfe finden sollte. Das meinte jedenfalls meine Psychiaterin. Scheiß Psychiaterin! Scheiß Laden! Scheiß Leben ...                                                      

 Ich unterdrückte einen Heulanfall. Bis jetzt hatte ich nicht geweint und so sollte es auch bleiben. Ich wusste doch, dass es so kommen würde ... ich hatte es kommen sehen ...        

 Mein Handy vibrierte leise. Zeit zum Aufstehen. Ich streckte mich ausgiebig. Dabei fiel mir Donald, mein Kater, ein. Tiere waren im Haus Sonnenstern nicht erlaubt. Wieso sich auch ein bisschen zu Hause fühlen dürfen?! Erneut verfluchte ich meine Seelenklempnerin. Nach einigen Sekunden des Tastens fand ich den Lichtschalter meiner Stehlampe. Undankbares grelles Licht flutete mein Zimmer. Geblendet kniff ich meine Augen zusammen. Insgeheim hoffte ich wohl, dass dies alles doch nur ein Traum war - und wenn ich nun die Augen öffnen würde, wäre ich zu Hause; meine Mom würde gerade den Frühstückstisch decken und meine größte Sorge würde sein, was ich nun anziehen soll. Doch es war kein Traum. Ich war nicht daheim und meine Mutter würde mir nie mehr ein Frühstück zubereiten ... Ich schüttelte die negativen Gedanken weg. Wenn ich was von meiner Mom gelernt hatte, dann positiv ins Leben zu blicken. Zurzeit befand ich mich in einem Gefühlstal und somit konnte es nur noch aufwärts gehen. Erneut holte ich tief Luft, zog beherzt meine Decke von mir runter, bekam eine mordsmäßige Gänsehaut - verdammt war das hier kalt - und schwang die Beine aus dem Bett. Sofort fand ich meine weichen, warmen Hausschuhe. Kleine Graue mit Hasenohren. Alle fanden sie kindisch, doch ich liebte sie. Ich schlang meine Arme um den Oberkörper, um mich ein bisschen vor der Kälte zu schützen. Natürlich brachte das nichts. Schnell drehte ich den Thermostat der Heizung auf Stufe drei. Der Heizkörper gab kurz glucksende Geräusche von sich und ratterte danach bedrohlich. Gestern hatte eine Betreuerin mir gesagt, dass das ganze Heizsystem von dem plötzlichen Wintereinbruch "überrumpelt" wurde und nur schleppend vorankam. Sie hatte die Anlage als so menschlich beschrieben, dass ich beschloss meine Heizung Knut zu nennen. Und Knut war auch noch nach fünf Minuten kalt. Nachdem ich Zähne geputzt, mein Gesicht gewaschen und meine Haare mit dem täglichen Zopf gebändigt hatte, zog ich meine Joggingsachen an. Schon beim zuschnüren meiner Schuhe wurde ich auf der Stelle wacher. Beim Gedanken gleich los zulaufen musste ich lächeln. Seit ich vor zwei Tagen hier her kam, konnte ich mich noch nicht ein Mal auspowern. Mein ganzer Körper kribbelte schon vor Vorfreude. Während ich den noch dunklen Flur entlang lief, erinnerte ich mich an den letzten Winter. Damals war ich die vier Kilometer bis zur Schule immer gejoggt, selbst als alle Busse und Straßenbahnen wegen den Massen an Schnee streikten. Nach der Aktion hatten mir sogar meine Freunde das Zertifikat "Bescheuert" gegeben.

In Ordnung ... heute sehe ich ein, dass es eventuell ein bisschen übertrieben war bei der unmenschlichen Witterung zu laufen. Die eiskalte Morgenluft holte mich in die Gegenwart zurück. Ich zog meine Laufmütze ein bisschen weiter ins Gesicht. Aus meinem Mund kamen beim Ausatmen kleine Nebelschwaden. Der Schnee knarzte bei jedem Schritt. Perfekt! Nach ein paar Aufwärmübungen rannte ich los. Das Heimgelände war riesig - mehrere Hektar groß. Ein alter Militärkomplex, wie ich gehört hatte. Neben unserem "Haus Sonnenstern" für Jugendliche von fünfzehn bis achtzehn, gab es noch "Haus Traumbaum" für Kleinkinder und "Haus Seestern" für Kinder von zehn bis vierzehn Jahre. Es waren Kasernengebäude, die nur neu renoviert worden sind. Die Gebäude befanden sich links von der Hauptstraße. Als ich hier ankam, war ich von ihrem Aussehen ziemlich eingeschüchtert. Riesige, wuchtig wirkende Häuser und das, nachdem man den Haupteingang mit Kameraüberwachung passiert hatte. Etwas separat stand "Haus A", der psychiatrische Bereich mit integrierter "geschlossener Abteilung". Jeder Jugendliche in meinem Haus musste mindestens einmal am Tag mit einem Psychiater reden. Von wegen "Heim" - ich war in der Klapsmühle gelandet. Seufzend beschleunigte ich meine Geschwindigkeit. Die Straßen waren vom Schnee befreit. Die Spikes unter meinen Schuhen gaben mir sicheren Halt. Ich passierte "Haus B" (angeblich eine hochmoderne Sporthalle) und "Haus C", das Gemeinschaftshaus. Haus C war gar nicht so schlecht. In der ersten Etage befand sich eine Art riesiger Gemeinschaftsraum mit Lümmelecken und gemütlichen Sesseln. An den Wänden hingen wunderschöne Naturgemälde und es gab einen Kamin, welcher aber aus Sicherheitsgründen nie angezündet wurde. Im Erdgeschoss war die große Aula. Dort fanden Feste statt. Ob es hier aber großartig etwas zu feiern gab bezweifelte ich. Doch die beste Etage war die Zweite. Da gab es wahrhaftig ein Kino. Einmal in der Woche fanden dort Vorstellungen statt. Angepasst an das Alter. Den Film für diese Woche hatte ich verpasst. Heute war Donnerstag und Montag gab es die Filme ab sechzehn. Nächstes Jahr im Mai dauerte es nur noch ein Jahr bis zu meiner Volljährigkeit und dann konnte ich hier endlich abhauen.  

Der Schnee knirschte unter meinen Füßen, als ich von der Straße abbog und auf unbefestigtem Untergrund lief. Die Gebäude ließ ich hinter mir und somit auch die Gedanken daran. Laufen und nicht denken. Ab und an sah ich einen blattlosen Baum voller Schnee, doch ansonsten nur jungfräuliches schneebedecktes flaches Land. Wenn nicht der Stacheldraht in meinem Blickfeld gewesen wäre, hätte es ziemlich idyllisch sein können. Ich atmete schwer. Über diese Schneemassen zu rennen war ganz schön anstrengend. Doch es tat auch unglaublich gut. Noch einmal beschleunigte ich mein Tempo. Nachdem ich etwa zwanzig Minuten an einem Holzzaun entlang gelaufen war, sah ich von weitem einen kleinen Wald. Das Gelände hier war wirklich gewaltig. Langsam hätte es mich auch nicht mehr gewundert, wenn plötzlich ein See auftauchen würde oder eine Pferdekoppel. Letzteres würde auch den Holzzaun erklären. Eigentlich war das gar nicht so unwahrscheinlich. Und das alles für ein paar durchgeknallte elternlose Kinder. Laufen und nicht denken... verdammt. Verärgert beschleunigte ich ein letztes Mal meine Geschwindigkeit, während ich wieder zurück "nach Hause" rannte. Meine Luftröhre brannte bei dem Versuch regelmäßig Luft zu holen. Warmer Schweiß lief mir den Rücken entlang. Mein Herz raste und hämmerte drohend gegen meinen Brustkorb. In der Ferne sah ich die ersten Gebäude. Ich beschloss einen letzten Sprint durch den gegenüberliegenden Park zu machen. Warme rote Sonnenstrahlen kündigten den Tagesanbruch an. Der Schnee funkelte in tausend Lichtern. Und dann hatte ich endlich den Moment erreicht, wo mein Kopf leer wurde und ich nur noch im Moment lebte. Einfach laufen und leben. Viel zu schnell piepte meine Armbanduhr und erinnerte mich an das Trainingsende. Ich reduzierte meine Geschwindigkeit und lief noch einige Minuten im langsamen Dauerlauf aus. Mein Gesicht brannte vor Kälte, meine Muskeln jedoch vor Anstrengung. Allmählich beruhigte sich auch mein Herz und die Atmung wurde langsamer und tiefer. Als ich dann das Gebäude betrat, erwischte mich die Hitze wie ein Schlag. Sofort zog ich mir die Mütze vom Kopf und öffnete meine Jacke. Auf den Weg in mein Zimmer begegnete ich ab und an ein paar Jugendlichen. Einige musterten mich verschlafen und skeptisch. Die meisten jedoch schienen in ihrer eigenen Welt zu leben und ignorierten mich vollkommen. Das war mir auch ganz recht so. Ich drehte den Schlüssel zu meinem Zimmer um. Für eine Sekunde gönnte ich mir den Gedanken wieder in meinem alten zu Hause zu sein, in meinem alten Zimmer. Doch als ich den Raum betrat schienen mich die frisch gestrichenen weißen Wände klagend anzusehen. Ich musste es akzeptieren. Dies war nun mein neues Heim.

Die Sachen klebten an meinem Körper und schon auf den Weg ins Badezimmer zog ich die Hälfte davon aus. Knut hatte sich anscheinend erbarmt und mein Zimmer war demnach wohlig warm. Das Bad jedoch lies mich vor Kälte erzittern. Warum hatte ich auch vergessen hier die Heizung aufzudrehen. Frierend zog ich den Haargummi ab und öffnete meine Haare. Sie waren schwer, blond und unglaublich lang. Zwar fiel ich durch sie mehr auf, aber meine Mom hatte sie geliebt und ich brachte es nicht über das Herz sie zu kürzen. Mom... sie fehlte mir gerade unendlich. Ich schluckte heftig und stellte mich unter die Dusche. Warmes freundliches Wasser lief meinen Körper entlang und die ganze Duschkabine füllte sich mit einem angenehmen Dampf. Die nassen Haare fielen schwer über meine Brüste, während ich den Kopf an die kalten Fliesen stützte und mich vom Wasser berieseln ließ. Jetzt wäre ein guter Moment um zu weinen. Doch ich konnte es einfach nicht. Ich hatte Angst, dass ich sonst nicht mehr aufhören könnte. Ich hatte Angst an meinen eigenen Tränen zu ersticken. Ein Schluchzer entfuhr meiner Kehle, doch ich weinte nicht. Wieder und wieder redete ich mir ein, dass ich ja schließlich wusste, dass es so kommen würde. Ich hatte ihren Tod kommen sehen, genauso wie den meiner Oma und unzählig vielen anderen Menschen. Ich verdrängte die düsteren Gedanken und ging aus der Dusche um mich anzuziehen. Nachdem ich Unterwäsche, Socken, meine Jeans und einen schwarzen Pullover angezogen hatte, legte ich mich auf mein Bett und ruhte mich ein paar Minuten von dem Lauf aus. Träge sah ich mir mein neues Reich an, zum ersten Mal ganz bewusst. Es war groß und hell, die Wände weiß. An meinem Einzugstag sagte man mir, dass ich sie nach einer Wunschfarbe streichen könne, jedoch war das in diesem Moment das Letzte woran ich Interesse gehabt hatte. Nun, zwei Tage später, klang es gar nicht mal so schlecht. Ich sollte die Chance nutzten. Im Endeffekt konnte ich ohne Mitbewohnerin noch selbst entscheiden. Mulmig sah ich mir das Bett gegenüber an. Ohne Bettwäsche sah es so kalt und leblos aus. Auf der einen Seite war die Ruhe hier sehr angenehm und ich konnte viel nachdenken... Auf der anderen Seite neigte ich dazu zu viel zu grübeln. Eine Mitbewohnerin könnte Ablenkung bedeuten, vielleicht sogar Freundschaft. Sie könnte aber auch Stress und Zickenterror heraufbeschwören.                

Mein Magen knurrte. Zeit für das Frühstück. Maria, eine Schulfreundin, hielt mich immer für verrückt, wenn ich ohne Frühstück joggen gegangen war. Überhaupt konnte sie nicht nachvollziehen, warum ein vernünftig denkender Mensch am frühen Morgen Sport machen musste. Sooft ich auch versucht hatte es ihr zu erklären, sie verstand es doch nicht. Ein weiteres Mal grummelte es. Ich streckte mich ausgiebig, wobei meine Wade unangenehm brannte, und sprang aus dem Bett. Wieso langsam aufstehen, wenn es doch auch schnell ging. Zügigen Schrittes verließ ich das Zimmer und machte mich auf den Weg in den großen Speisesaal. Es war gerade sechs Uhr und der Saal war noch so gut wie leer. Ich erinnerte mich daran, dass Frau Fränke, meine Betreuerin im Haus Sonnenstern, mir sagte, die Jugendlichen hätten Zeitpläne, an die sie sich halten mussten. Anscheinend galt das auch für die Frühstückszeit. Gott sei Dank hatte ich nicht so einen dämlichen Plan und konnte schon sechs Uhr essen gehen. Nachdem ich alles verputzt hatte ging ich zurück in mein Zimmer. Ehrlich gesagt wusste ich nicht genau, was ich auch anderes tun sollte. Die letzten zwei Tage war ich ziemlich fertig gewesen und alles war neu. Da zogen die Tage vorbei, ohne dass ich irgendwas wirklich machen musste. Aber heute konnte ich wieder klar denken und war aus meiner Schockstarre erwacht - und das bedeutete, dass ich dringend Beschäftigung brauchte, bevor ich zu viel Zeit zum Nachdenken bekam. An meiner Tür hing ein Zettel. Ich entfernte ihn vorsichtig und las "Haus Sonnenstern, Zi. 051, Ihr Termin für die psychologische Sprechstunde findet heute 10.00Uhr in Haus A, 2. Etage, Zi.010 bei Dr. med. J. Molleberg statt. MfG Frau Brecht, Sekretariat" Sie hatte sich nicht einmal die Mühe gegeben meinen Namen zu notieren. Für sie war ich Zimmer 51. Irgendwie wusste ich nicht, was ich davon halten sollte. Meine Mom hätte sich über so viel Unpersönlichkeit echauffiert. Sollte ich das auch? Doch was würde das bringen? Vielleicht wäre ich dann bei der Sekretärin "Zimmer 51, die die sich aufregt". Bei dem Gedanken musste ich lächeln und ging in mein Zimmer.

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