Heimsuchungen

Heimsuchung

Varek

Ich konnte nicht atmen. In meinen Lungenflügeln gefror der Sauerstoff zu Kristallen. Meine Instinkte pulsierten animalisch. Der Drang in mir, das Menschsein abzustellen und ganz das zu werden, was ich sein sollte, schwoll an. Ich wollte die Bestie befreien, die unter meinem Herzen rumorte. Doch ihr Erscheinen bedeutete, den endgültigen Verlust jeglicher Kontrolle. Kontrolle, die ich über Jahrhunderte hinweg zur Perfektion getrieben hatte und nicht bereit war, aufzugeben.
Ein Schritt durch den Schleier, und ich fand mich an einem Ort der Stille wieder. Abseits des Straßenlärms, abseits der Menschen mit ihren gierigen Blicken und des Hasses der sterblichen Welt. Und dennoch fühlte ich den Gestank der Anderswelt, der diesen Ort besudelte.
Vor mir erhoben sich die Silhouetten des Jahrmarkts. Layra hatte es gewagt, diesen heiligen Ort für mich zu entweihen. Sie war in mein Fürstentum eingedrungen, hatte die Kette von der Tür gerissen und sich gewaltsam Zutritt verschafft. Indem sie einen Fuß auf diese Erde setzte, war mein ganzes Reich entweiht. Überall roch ich sie, spürte sie, wie ein dunkles Omen, das über den Zeltdächern kreiste.
Schwer ließ ich mich mit dem Rücken gegen die Fassade eines Zirkuswagens sinken. Die Nervenstränge in meinem Gehirn pulsierten. Mein Herz klang wie ein wildes Trommelspiel. Ich fühlte einen Lufthauch meinen Arm streifen und hob den Blick zum Himmel hinauf. Es war dunkel. Eine Hand voll silberner Sterne funkelte am rabenschwarzen Horizont. Die Macht, die von ihnen ausging, prickelte in meinen Adern. Das Echo der Stille flutete meine Gedanken.
›Beruhige dich‹, sagte ich zu mir. ›Es gibt immer einen Ausweg.‹
Aber diesmal schienen alle Türen zugefallen, jede Hoffnung zunichtegemacht.
Mit zitternden Fingern kramte ich in meiner Tasche nach etwas, womit ich meine Nerven beruhigen konnte. Die Stille in mir flüsterte meinen Namen. Sie raunte mir eine dunkle Wahrheit zu, der ich mich stellen musste.
Vor aller Augen hatte ich Kiras Gefährten angegriffen, ihn bloßgestellt, seinen Zorn geweckt und möglicherweise ihre ganze Beziehung an die Wand gefahren. Wieso?
Was geschah mit mir?
Leere zog durch meinen Geist. Ich hob das Gesicht hinauf zu den Sternen. Selbst das Nordlicht schwieg heute Nacht. Einzelne, bleischwere Wolken zogen vor dem funkelnden Nachthimmel dahin.
Ich verlor den Verstand. Jetzt. Heute. Morgen. Immer schon.
Das Nichts kam näher. Ich spürte die Stille des Augenblicks. Das Schweigen schrie lauter als je zuvor meinen Namen.
Mit gesenktem Kopf wanderten meine Augen über die pochenden Symbole auf meinen Unterarmen. Sie wogen plötzlich schwerer, schnürten mir das Blut ab. Unter ihnen pochten die Venen. Jede Faser meines Körpers schrie danach, diese Fremdkörper abzustoßen, alle Fesseln zu zerreißen und in den Abgrund zu stürzen, um einen Moment lang Frieden zu finden. Nur eine Sekunde, in der alle Stimmen schwiegen und kein Schatten mehr auf meiner Seele lag. Meine Seele.. Aber es war nicht möglich.
Ich hob die Hand, fuhr mit durch das Haar. Sand klebte an den einzelnen Strähnen. Ich hatte ihm vom Ufer mitgebracht und würde Tage brauchen, um ihn auch aus den letzten Poren zu waschen. Zeit, die mir nicht vergönnt war.
Mit angehaltenem Atem fragte ich mich, vielleicht zum allerersten Mal, ob sich mein heimlicher Wunsch nach Frieden und Freiheit in zwei Tagen erfüllte. Ich wusste nicht, wie lange man ohne Seele überdauern konnte, ehe der Tod die Finger nach seinem Opfer streckte, aber ich musste kein Genie sein, um zu wissen, dass ich nicht viel Zeit bekommen würde. Es sei denn, ich lief fort und lieferte Kira, Kadra, und alle, die mir unterstellt waren, ans Messer. Ein Leben für viele kleine Tode.
Neunhundert Jahre Flucht und Heimatlosigkeit saßen mir in den Knochen. Und ich ertappte mich erstmals dabei, mit dem Gedanken an einen Schlussstrich, Frieden zu schließen.
Wenn dies das Ende sein sollte, dann würde ich mich meinem Schicksal ergeben, und einmal alles richtig machen.
»Genießt du den Anblick ein allerletztes Mal?«
Eine Präsenz zeichnete sich auf meinem übersinnlichen Radar ab. Jemand, den ich kannte, den es gar nicht mehr gab. Jemand aus den schwarzen Tiefen meiner Vergangenheit.
Ich senkte das Haupt, schmunzelte und wandte mich langsam in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. »Sieht so aus.«
Vor meinen Augen formte sich die tiefschwarze Nacht zu einem Leib. Schemen, Schatten und Dunkelheit formten ein Gesicht, Hände, einen Körper und etwas, das einmal die Seele eines Geschöpfes gewesen war. Und dann stand er vor mir, der Dämon, dem ich das Herz aus der Brust gerissen hatte. Und im Zentrum seines Körpers klaffte die Wunde, die meine Hand in seinen Leib geschlagen hatte.
Er grinste mich an. »Überraschung.«
Hinter meiner Stirn hörten die Gedanken auf, ineinanderzugreifen. Ich öffnete den Mund, um zu atmen, doch was meiner Kehle entwich, war nur ein eisiger Hauch. Eis-Atem trat zwischen meinen Lippen hervor und erhob sich in Form einer grauweißen Wolke hinauf zum Himmel. All meine Instinkte drohten, um sich zu schlagen, während sich in mir eine tödliche Ruhe einstellte. Es war nicht das erste Mal, dass ich einen Geist sah und doch war es mir nie zuvor gelungen, eine verstorbene Seele so klar und deutlich vor mir zu sehen, wie diesmal. Ich war als Medium geboren worden und wusste, dass meine Gaben mit den Jahrhunderten gewachsen waren, doch diese Fähigkeit war keine Gabe, sie war eine Strafe, die mich ereilte, weil ich meine Seele verloren hatte.
»Was willst du hier?«, fragte ich den Geist.
»Nun.« Er senkte den Blick und scharrte mit den Schuhen im Dreck, ohne Spuren zu hinterlassen. »Ich habe gehört, dass dich die Hölle wieder ausgespuckt hat und dachte, ich schaue Mal vorbei, um dich zu begrüßen.« Auf seinem Gesicht erschien ein Grinsen. Seine hohlen Wangen wirkten plötzlich befremdlich, wie die Konturen eines Schädels. In seinen Augen glomm ein Licht auf, hell und teuflisch schön. Er hob den Blick, um mich anzusehen und offenbarte mir sofort, wie sehr ihm der Gedanke gefiel.
»So?«, gab ich zurück. Ich ließ die Hand in meine Tasche sinken und zog endlich das Zigarettenpäckchen heraus, nach dem ich zuvor vergebens gewühlt hatte. Ich wusste, dass es die Letzten waren, die ich besaß, zog bedächtig eine von ihnen aus der Pappschachtel und schob sie zwischen meine Lippen. Vielleicht die letzten Zigaretten, die ich je in den Händen halten würde. Als die Flamme des Feuerzeugs das durchscheinende Gesicht meines Geisterfreundes erhellte, spürte ich seinen strengen Blick auf mir. »Was«, fragte ich ihn und atmete grauen Rauch ein, »erzählt man sich denn so?«
»Dies und das«, erwiderte der Geist. »Also dachte ich, ich komm und sehen nach dir. Du kannst mich sehen. Ich wusste es. Die Gerüchte sind also wahr. Sie hat dich erwischt.«
»Natürlich wusstest du es«, nuschelte ich mit dem Filter zwischen den Zähnen. »Ich habe dich getötet und zwischen uns eine Bindung geschaffen, die erst mein Tod auflösen wird.«
»Ah«, machte der Geist. »So einfach ist das? Und schon sind wir verbunden, bis dass der Tod uns scheidet, ja?«
»So ist es.« Ich holte tief Luft. »Leider muss ich dich enttäuschen. Ich liege nicht im Sterben.«
»Und trotzdem kannst du mich sehen«, hörte ich den Geist sagen, nachdem ich den Blick abgewandt hatte. »Sie hat dich gefunden.«
»Sie hat mich gefunden«, bestätigte ich seine Vermutung und lehnte den Hinterkopf an den Zirkuswagen in meinem Rücken. Es machte in meinen Augen keinen Sinn, einen Dämon anzulügen, der mir nicht gefährlich werden, und den niemand außer mir und den anderen Geistern sehen konnte. »Und sie hat mir etwas weggenommen. Deshalb kann ich dich sehen. Und deshalb hast du das Gefühl, dass ich sterben werde.«
»Sie hat dich deiner Seele beraubt«, schlussfolgerte der Geist. Ein diabolisches Grinsen lief über seine Gesichtszüge. Es gelang ihm nicht, den Spott und den Hohn in seinem Blick zurückzuhalten. »Es scheint fast so, als hätte sie dich diesmal klein gekriegt, nicht wahr? Ohne deine Seele wirst du schon sehr bald den Verstand verlieren. Du befindest dich auf einem guten Weg, wenn du bereits mit Toten sprechen kannst. Wundert es dich denn gar nicht, dass der Verfall so schnell voranschreitet?«
»Eintausend Jahre lang stand nur diese Seele zwischen mir und der Bestie. Ich fürchte gar nichts«, erwiderte ich.
Doch diesmal log ich und diese einfache Lüge rief mir sofort Kiras Bild vor Augen wach. Der Geist hatte recht und auch Layra sollte recht behalten. Ein Dämon, den keine Seele bändigte, war gefährlich. Ich wusste, es würde nicht lange dauern, bis die morschen Mauern meines Verstandes zu brechen beginnen würden und dann handelte es sich nur um eine Frage der Zeit, bis jemand den ich liebte, zu Schaden kam.
»Oh doch«, schmunzelte der Geist. »Du fürchtest dich. Und du weißt, wenn es geschieht, wird jeder Dämon und jedes überirdische Wesen versuchen, dich aus dem Weg zu räumen. Du weißt, das und ich-«
Ein Ast brach entzwei. Ich sah den Geist den Kopf wenden und dann spurlos verschwinden. Er löste sich auf, wie Nebel, der der Sonne weichen musste, und ließ mich zurück. Erst als ich aufblickte, sah ich, dass der Ast nicht einfach entzweigebrochen war. Johns Stiefel hatte ihn sauber unter dem Gewicht seines Körpers bersten lassen, als er aus der Dunkelheit trat.
»Mannomann«, grollte er, klopfte Laub und Dreck von seinen Kleidern und bedachte mich mit einem Blick, der mir deutlich machen sollte, dass er wütend auf mich war, weil ich ihn zurückgelassen hatte. »Vor nichtmal einer Stunde rette ich dir den Hintern und du dankst mir, indem du mich mit dem streitenden Paar zurücklässt? Wer Freunde wie dich hat, braucht keine Feinde mehr.«
»Sie haben gestritten?«, fragte ich und musterte ihn eindringlich. Doch John schien nicht zu sehen, dass ich seelenlos geworden war. Seine Werwolfaugen waren scharf, aber sein Blick für das Magische war noch nie überragend gewesen. »Ich habe diesem Engel nichts getan.«
»Es spielt keine Rolle, was du getan hast. Die beiden sind ein glückliches Paar und du hast das Mädchen gern. Natürlich haben die beiden gestritten. Du hast dich in ihr Leben eingemischt, obwohl du in dieser Welt überhaupt nichts verloren hast.«
»Sobald das alles vorüber ist, werde ich diesen Ort verlassen und nicht zurückkehren.«
»Wieso dann nicht jetzt?« Johns wachsame Augen taxierten mich abschätzend. »In zwei Tagen kannst du überall sein. Du kannst deine Spuren verwischen und vor Layra fliehen. So wie in den letzten Jahren. Wir schaffen es auch diesmal. Zusammen.«
»Das geht nicht.«
»Es geht nicht?«, fragte der Werwolf fassungslos. Seine Mimik entglitt ihm für einen Augenblick. »Wegen des Mädchens? Varek, selbst wenn sie die Wahl hätte, sich für dich zu entscheiden, liebt sie ihren Gefährten. Ich habe den Schrecken in ihren Augen gesehen, als sie dachte, du könntest ihren Liebsten verletzen. Sie hat ihre Wahl getroffen. Und du bist es nicht. Vergiss sie. Schlag sie dir aus dem Kopf und lass uns verschwinden.«
»Es geht gar nicht um das Mädchen«, entgegnete ich. »Diesmal geht es nur um mich. Ich kann und ich werde nicht einfach von hier verschwinden. Ich bin zu lange weggelaufen. Ich will, dass es in diesem Jahr endet.« Nachdem die Worte über meine Lippen gekommen waren, hielt ich inne. Noch nie hatte ich so klar den Ausgang dieses Kampfes vor mir gesehen, wie in diesem Augenblick. Nie zuvor war ich mit solcher Klarheit in die Schlacht gezogen. Ja. All die Jahre hatte ich geglaubt, fortlaufen und widerstehen zu müssen, weil ich gehofft hatte, dass Kadra irgendwo auf mich wartete. Und nun war diese Hoffnung dahin und es gab keinen Grund mehr, diese Lüge aufrechtzuerhalten. »Ich werde nicht mehr weglaufen.«
»Das ist Wahnsinn! Weißt du, was du da sagst?«
»Ja«, sagte ich, nahm den letzten Zug der Zigarre und ließ sie zu Boden fallen. »Aber ich will nicht mehr fliehen. Ich bin diesen Kampf so müde geworden, und wenn es endet, will ich wenigstens über den Ausgang dieser Schlacht bestimmen.«
John schnaubte. Ich sah in seinen Augen, wie sehr seine Gedanken rasten. Ohne mich zerbrach dieser Ort. Meine Schutzzauber würden einstürzen, meine Bündnisse zerreißen. Ohne mich fiel seine Welt auseinander. In der Vergangenheit hatte sich sein Leben so sehr um meinen Bann gedreht, dass ihn mein Tod oder meine Niederlage seines Lebensinhaltes berauben würde.
»Nachdem wir durch das Tor gegangen sind«, murmelte John und durchbrach meine dunklen Zukunftsvisionen. »Was ist geschehen, dass deine Meinung so verändert hat?«
»Layra hat meine Seele aus mir heraus gerissen«, antwortete ich, nahm den letzten Zug und ließ den Glimmstängel vor mir zu Boden fallen. Meine Stiefelspitze brachte das feurige Ende zum Erlöschen. »Sie hat mich mit einer einzigen Bewegung schachmatt gesetzt.«
Stille legte sich über den Platz. Ich sah nicht hin, doch ich fühlte, wie sich John in meine Richtung drehte und mich von oben bis unten musterte, und war mir genau bewusst, was er sehen konnte: eine Aura, so dunkel, dass sie kaum zu etwas Lebendem gehören konnte, einen Blick, leer und finster und einen Krieger, dem vor der großen Schlacht das Schwert zerbrochen war. Ich zog mit bloßen Händen in den Krieg.
»Bist du verletzt?«
»Nein. Sie brauchte mich nicht einmal anzufassen. Ich konnte überhaupt nichts tun. Eintausend Jahre sind vergangen und ich stehe vor dem Feind und kann keinen Finger rühren, um mich zu retten.«
Sein Zorn war verraucht, jegliches Gefühl in seinen Worten war verblasst und verloren gegangen.
»Wie fühlst du dich?«
»Ich bin hier«, entgegnete ich achselzuckend. »Ich weiß nicht, ob das für oder gegen mich spricht, aber ich bin hier und ich bleibe hier. Und ich werde so lange durchhalten, wie nötig. Nur das Mädchen darf nichts erfahren.«
»Ich brauche einen Moment«, murmelte John, wandte sich ab und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht. »Ihr Götter«, sagte er und lief drei Schritte vor und zurück. »Was nun?«
»Ich bin hier hergekommen, um es herauszufinden.«
»Und du bist sicher, dass sie fort ist?« John seufzte. »Ich meine.. Kannst du irgendetwas fühlen?«
»Ich bin ganz sicher, dass sie fort ist. Ich kann Tote sehen.«
»Du kannst.. oh.«
Mit einem Mal wirkte John verlegen. Ich wusste sofort, in welche Richtung seine Gedanken liefen.
»Schon gut«, erwiderte ich und drehte mich nach dem Geist, doch er war fort. »Kadra kann ich nicht sehen. Sie ist nicht hier.«
»Noch nicht«, murmelte der Werwolf und ich sah seinem Gesicht an, wie wenig ihm der Gedanke gefiel, eine weitere Spielerin auf den Plan zu rufen.
Kadra. Bisher hatte ich nicht wirklich an sie gedacht. Doch wenn ich nun in der Lage dazu war, die Seelen der Verstorbenen zu sehen, was würde ich erblicken, wenn ich auf Kira traf? Sie? Kadra? Konnte ich sie beide sehen? Bestand für mich die Möglichkeit, ein allerletztes Mal mit Kadra zu sprechen so, wie ich sie in Erinnerung behalten hatte? Gab es für mich einen Weg, endlich Frieden zu schließen mit ihr?
»Layra hat gesagt, es wird schlimmer. Es wird die Hölle auf Erden.« Meine Mundwinkel zuckten zu einem Grinsen hinauf. »Sie hat keine Ahnung, wie die Hölle aussieht.«
»Was soll ich dem Mädchen erzählen, wenn sie nach dir fragt?«
»Wir machen genauso weiter wie bisher«, fuhr ich entschlossen fort. »Und wenn Layra nach mir ruft, werden wir sehen, ob ich noch die Kraft besitze, zu kämpfen oder ob ich feige sterben und sie mitnehmen werde.«

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