Hilfe?

Zwei Tage nach Shanoras endgültigem Verschwinden aus Elensar, sattelte Pyrofera ihr Pferd im Morgengrauen. Sie machte sich Sorgen, um Ladira, die kleine Prinzessin und das Schicksal Elensars, jetzt, wo der oberste Ratvorsitz, Odin, nicht mehr unter ihnen weilte. Unter ihm war alles noch ein wenig geregelter gewesen und das, obwohl dieser Mensch so zuverlässig war, wie eine kaputte Uhr, wenn es um politische Dinge ging. Als Lehrmeister war er außergewöhnlich gewesen und sie hatte gerne von ihm gelernt und war bei ihm aufgewachsen hier im Wald. Pyrofera war talentiert und er hatte sie sehr stark gefördert, besonders als Ladira beschloss, die Frau des Dunklen zu werden, der damals noch ein ehrbarer Mann gewesen war. Gerade deshalb erschien es den meisten doch eigentümlich, dass am Ende Ladira zur Hüterin des Waldes ernannt worden war, als Odin beschloss auf Reisen zu gehen und sie wieder ins Landhaus ihrer Jugend zurückkehrte, zusammen mit ihren beiden Mädchen. Ein Grinsen stahl sich in Pyroferas Gesicht. Zur Zeit der großen Flucht, als die Elensarian über den Fluss und die Insel des Waldes der tausend Gefahren, ihre Insel, kamen, um aus dem Reichsteil des dunklen Königs zu entkommen, hatten sie die Anzahl der Mädchen in diesem Haushalt erhöht auf vier Stück. Fünf mit der kleinen Prinzessin und dann sechs, als Mari hinzukam, die sie im Wald gefunden hatten. Wie sie dorthin kam, wussten sie nicht. Allgemein war sie ein seltsames Kind, wobei Kind vielleicht auch falsch war ...
"Hier ist dein Reiseproviant", Maris Stimme klang an ihre Ohren und ließ sie erschrocken zusammenfahren, "Ich hoffe, du kommst bald zurück."
"Könntest du bitte aufhören, einfach so aus dem Nichts heraus aufzutauchen?", Pyrofera schwang sich auf den Pferderücken ihres schwarzen Hengstes, "Es ist gruselig genug, dass du einen solchen Wachstumsschub hattest. Ich dachte, es würde noch Jahre dauern, bis du ... Ach vergiss es."
Ein amüsiertes Glucksen ging von der Grünhaarigen aus, in deren Haar heute Rosenblüten sich entfalteten, "Ich verstehe sehr wohl, was du meinst. Pyra, ich bin älter als ich aussehe. Es ist schon lange her, dass ich entführt wurde, meinen Eltern entrissen, und in einem Verließ landete. Viele Tage in Dunkelheit und Morast. Ohne Leben. Ich möchte nicht genau darauf eingehen oder mich erinnern ... Seit ich hier bin, fühle ich mich befreiter. Ich kann die Natur überall spüren. Überall gibt es Leben, Liebe, Licht, Dunkelheit. Alles ist in Balance an diesem Ort, verstehst du? Von allen Orten in Elensar, ist diese Insel hier der letzte heile Platz, selbst wenn von hier aus Übel ausgeht aus den tiefen des Waldes."
"Nein, ich verstehe nicht ganz", Pyrofera blickte sie verdattert an, "Ich erinnere mich, dass der Meister erwähnte, dass du älter bist, als es den Anschein hat. Aber wie?"
"Ich scheine mit der Natur zu wachsen und zu vergehen", entgegnete Mari und reichte ihr ein Bündel mit Proviant, "Genau kann ich es auch nicht sagen."
"Vielleicht gibt es auch darauf irgendwann eine Antwort", die Reiterin befestigte das Bündel am Sattelknauf und ergriff die Zügel. Hinter den Wipfeln der Bäume färbte sich der Himmel golden und wurde klar. Die Sonne ging auf und der Weg zum Turm des Rates war lang. Sie musste aufbrechen.
"Ach ja ... Grüß meinen Vater von mir", Mari hatte sich bereits zum Gehen gewandt und war stehen geblieben, um noch mal über die Schulter zu blicken. Ihre Augen waren ausdruckslos geworden, "Es ist Taurnil Mondenschein. Grüß ihn bitte von Marishka Mondenschein, seiner verlorenen Tochter."
"Taurnil?", Pyrofera, die den Sonnenaufgang beobachtet hatte, wandte den Kopf, doch die Stelle, an der Mari eben noch gestanden hatte, war leer, "Immer wieder das gleiche. Was bist du nur für ein Wesen?" Ihre Stimme zu einem Flüstern gesenkt. Dann gab sie ihrem Tier sanften Schenkeldruck und ließ bald schon das Landhaus im Wald zurück, um durch dessen Tiefen bis zur Brücke über den Fluss zu reiten. Die einzige Verbindung zum Festland neben einem Fährboot. 
Elensar war ein mächtiges und unglaubliches Land. Die Epochen der Zeit, die die Menschenwelt noch gar nicht kannte, verschwammen und überschnitten sich hier. Pyrofera hätte auch mit einer der Maschinen, die im Schuppen stand, fahren können, doch sie fühlte sich besser, wenn sie die Wärme des Hengstes und jede dessen Bewegungen spürte. Es reichte, dass sie sich in dem Haus trotz all der Gesellschaft allein fühlte ohne Ladira.
Der Fluss war ruhig an diesem Tag und sie konnte die Brücke rasch passieren, ritt durch Dörfer hindurch und gelangte in größere Städte. Häuser, die gen Himmel strebten, kleine Dörfer, pyramidale Bauten und Tempelanlagen. Einzelne Häuser und größere, wo mehr als eine Familie Platz fand. In der Ferne erblickte Pyrofera die Festung der weißen Königin. Sie stand neben dem Baum der Zeit, der seine Äste weit ausbreitete und dessen Wurzeln so tief reichten, dass sie sich mit dem Weltenbaum kreuzten. Es war ein beeindruckender Anblick selbst aus dieser Distanz und die Reiterin zügelte ihr Pferd kurz, um es zu genießen. Auf einem Hügel errichtet, durchzogen von Wasserwegen, die sich an Ausgängen in die Tiefe ergossen, mit Türmen so hoch und filigran, manche spitz zulaufend, manche mit einer runden Kuppel. Gemen waren überall in die Mauer eingewirkt. Sie waren von einem besonderen Material, das immer leuchtete. Im Dunkeln hoben sie sich strahlend in violett, blau und weiß von den Schatten ab. Brücken verbanden die einzelnen Türme, wanden sich wie Drachenschlangen mit funkelnden Schuppen um sie. Ewige Wächter. Ein prachtvolles Eingangtor, das durch Eisengitter und magische Sperren geschützt war, öffnete sich auf einen freien Platz, um den herum die Räume der Stallungen und Diener lagen. Gegenüber erhob sich das größte Gebäude des Palastes mit hohen Fenstern und Arkaden. Dort drin lag der Thronsaal und auf der anderen Seite befanden sich die Gartenanlagen. Statuen einstiger Königinnen wachten neben den Türflügeln. Weiße Banner wehten von den Spitzen der Türme, die mit Mondsicheln und Sonnen gekrönt waren.
Pyrofera spürte Wehmut im Herzen und eine Schwere. Zu lang war dieser Ort schon ohne Königin. Mit aller Willenskraft, riss sie sich los und trieb ihr Pferd an. Sie musste weiter. Sie durfte nicht verweilen. Der Rat musste wissen, was vorgefallen war. 

Unterdessen erwachte Shanora auf Madras Rücken, die das Mädchen einfach Huckepack genommen hatte, als ihr die Beine schwer wurden und sie fast im Stehen einschlief. Mit großer Überraschung hatte die Elfe dann zugesehen, wie sich Shanora in eine weiße Katze mit schwarzen Ohren, Pfoten und Schwanz verwandelte. Wie ein Schal um ihre Schultern geschmiegt, hatte Madras das Kätzchen positioniert und den Weg zurückgelegt, um ihre Freunde aufzusuchen. Sie war Waldwegen gefolgt und hatte schließlich den Ort erreicht, den sie gesucht hatte. Eine weite offene Fläche an den Hängen von bewachsenen Klippen, wo eine Quelle entsprang und einen kleinen See speiste, der wiederum in einen Fluss auslief. Dort war in einen großen Baum hinein und in eine natürliche Grotte, ein Haus gebaut worden, in dem Arisa mit ihrem Mann und ein paar Freunden lebte. Auch Madras gehörte zu ihnen. "Wo sind wir hier?", fragte Shanora mit überraschend menschlicher Stimme und gähnte, "Wie lange habe ich geschlafen?"
"Lange genug, dass wir unser Ziel erreicht haben, mein Liebes. Willkommen an Arisas Platz", lächelte Madras und pflückte das Kätzchen von ihrer Schulter, um es auf dem Boden abzusetzen. Die Wiese war voller blühender Blumen und Shanora tapste durch sie hindurch, die Ohren neugierig gespitzt.
"Madras!", ertönte eine fröhliche Stimme und Arisa, ein Engelswesen mit weißen Schwingen und reiner Aura, flog regelrecht über die Wiese, um die Elfe zu begrüßen, "Was führt dich hierher? Sag bloß, du hast den alten Grummelbär vermisst? Der ist leider nicht da."
"Ach, Arisa, ich habe euch alle vermisst, nicht nur den Grummeligen", lachte Madras und wies auf Shanora, die sich zu ihren Füßen hingesetzt hatte, "Darf ich vorstellen? Das ist Shanora. Ich habe sie in der Nähe vom Nachtwald gefunden. Sie steckt in Schwierigkeiten. Ihre Ziehmutter scheint von dem Waldwesen unter einen Bann gesetzt worden zu sein und sie kennt den Weg nach Hause nicht."
Arisa bückte sich herab. Sie hatte das Gesicht einer hübschen blonden Frau in weißem Gewand. "Ich freue mich, dich kennen zulernen, Shanora", lächelte sie und streichelte der Katze sanft über den Kopf. Shanora miaute als Antwort.
"Du sagst, der Grummelige ist nicht hier?"
"Nein. Er ist unterwegs mit dem Boten.", Arisa hob Shanora vom Boden auf und drückte sie verzückt an sich, "Oh du bist eine wunderschöne Katze! So weiches, langes Fell und diese Augen! Als würde man in einen Ozean blicken."
"Miau?!", machte Shanora und blinzelte. Sie begann automatisch zu Schnurren.
"Sie ist eigentlich sehr menschlich, Arisa", lachte Madras auf und folgte ihr zu dem Baum, vor dem ein Tisch und eine Bank standen, "Ist sonst jemand hier, der ihr helfen kann? Oder weißt du, wo die beiden unterwegs sind?"
Arisa schüttelte den Kopf, setzte sich mit der Katze auf die Bank und kraulte ihr liebevoll das Fell: "Ich bedaure es, nein. Vielleicht weiß Mormó Rat. Mormó?!"
Letztes schrie Arisa über die Schulter in die Öffnung des Baumes, woraufhin ein Mann mit langem blonden Haar und wasserblauen Augen heraustrat. Gekleidet war er wie ein Waldläufer. "Du hast gerufen?", fragte er mit sonorer Stimme und musterte die Besucher, "Der Beschreibung nach, musst du Madras sein, richtig?" Er deutete auf die Elfe, die daraufhin nickte, "Und das hier ist ein Kätzchen. Ist ja ganz ... süß." Er verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln.
Shanora hüpfte von Arisas Arm auf die Bank und verwandelte sich. Ihre Glieder wurden länger, menschlicher, das Fell wich, ihr Gesicht mit den Sommersprossen kam zum Vorschein. Bald schon saß auf der Bank das Katzenmädchen, das Madras aufgelesen hatte und wiegte den Kopf neugierig zur Seite.
"Weißt du, was dein Name bedeutet?", fragte sie, den Kopf auf die andere Seite wiegend, "Kannst du mir helfen, meine Ziehmutter Ladira zu retten? Wir brauchen sie Zuhause! Sie ist die Hüterin des Waldes der tausend Gefahren. Ohne sie gibt es bald gar kein Gleichgewicht mehr, wenn ich nicht ... Also, wenn ich nicht nach Hause komme." 
"Vielleicht ja, vielleicht nein. Warum sollte ich dir helfen, Katzenmädchen?", fragte er und verschränkte die Arme vor der Brust, musterte sie abschätzig.
"Weil es nett ist und die das Schicksal dann vielleicht gewogener ist", beantwortete Arisa die Frage und bedachte ihn mit ruhigem, aber ernsten Blick, "Du schuldest mir noch dein Leben. Wir haben dich gerettet. Wenn du nun ihr hilfst, gleichst du die Schuld aus."
Mormó ließ mit einem Schnauben die Arme sinken: "Fein! Ich helfe ihr. Was soll ich tun?"
"Ihr müsst den Schicksalsboten finden. Nur er kommt gegen das Waldwesen an, das sich Elijah nennt. Madras, du und ich werden dorthin gehen und die Sache überwachen. Er ist Besuchern wohlgesonnen. Ich verstehe auch nicht, warum er jemanden unter einen Bann stellen sollte. Vielleicht finden wir das heraus."
"Ich will dort nicht hin!", platzte Shanora heraus, "Ich will nicht zu Ladira. Sie hat mich angeschrieen. Ich will nur nach Hause ... Mit ihr halt."
"Dann begleitest du eben mich", murmelte Mormó, ohne den Blick von ihr abzuwenden, "Aber du ziehst Schuhe an und Hosen."
"Keine Schuhe ... ", Shanora schob die Unterlippe schmollend vor.
"Doch! Du rennst dir die Füße wund!"
"Mein kleiner Dreckspatz, zuerst werden wir dich in ein Bad stecken und dann schauen wir, ob wir was finden, dass dir passen könnte.", mischte Madras mit, "Und Schuhe müssen sein."
"Nein!"
"Doch! Ich helf dir auch, sie zu binden. Vermutlich trägst du keine, weil du das nicht kannst!", schoss Mormó zurück und beobachtete mit hämischen Vergnügen, wie das trotzige Mädchen bis zu den Haarwurzeln errötete. Erwischt, dachte er sich.

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