Hinter blauen Augen

Es war sechs Uhr Abends. Draußen wurde es allmählich dunkel und das einzige Licht kam von den Straßenlaternen. Für November war es nicht ungewöhnlich, dass es schnell dunkel wurde, dennoch deprimierte mich das schlechte Wetter. Es regnete bereits seit zwei Stunden und es schien, als würde sich dies in absehbarer Zeit ändern.
Ich war alleine im Zimmer, denn Holly duschte mit Olivias Hilfe. Danach würde ich dran sein, weil mich Holly dazu gezwungen hatte. Ich selbst hatte natürlich auch gewusst, dass es an der Zeit war wieder unter einer richtigen Dusche zu stehen. Nicht nur, weil sich meine Haare so langsam merkwürdig anfühlten, sondern, weil die Wärme meinem ganzen Körper, der in den letzten Tagen unter der Kälte hatte leiden müssen, sehr gut tun würde.
Ich saß auf Hollys Bett und hing meinen Gedanken nach. Noch einmal ließ ich das Gespräch mit Holly Revue passieren. Als ich daran dachte, wie sie auf meine Rückkehr in meine Wohnung reagiert hatte, bereute ich es, dass unangenehme Thema wieder einmal viel zu schnell mit einem Lachen abgetan zu haben. Rückblickend gesehen hatte ich dies bereits öfters getan, obwohl es eindeutig besser gewesen wäre, ernst zu bleiben und Hollys Sorgen und Vorwürfe, zu denen sie berechtigt war, zu akzeptieren.
Ich musste mir eingestehen, dass ich den meisten Themen liebend gerne aus dem Weg ging und das, weil ich zu feige war. Ich war zu feige mich damit auseinanderzusetzen, dass Holly und mir noch eine schwierige Zeit bevorstand. Eine schwierigere Zeit, als die, die wir schon hinter uns hatten. Holly glaubte, dass die bisherigen Angriffe meiner Ex-Kollegen schon schlimm gewesen waren, doch ich wusste es besser.
Sie würden jetzt richtig loslegen, vor allem, nachdem ich Navarro getötet hatte. Doch ich trug immer noch die winzige Hoffnung in mir, dass sie zumindest Holly für tot hielten.
Jedoch brachte ich es nicht übers Herz, ihr gegenüber diese Vermutung zu äußern, egal, wie schwer es mir fiel sie im Ungewissen zu lassen. Ich fragte mich aber unentwegt, ob es wirklich klug war, ihr die bevorstehende Gefahr zu verschweigen.
Sollte ich ihr erzählen, dass sie möglicherweise diejenige von uns beiden war, die in Sicherheit war? Ich brauchte einige Zeit, um mich dagegen zu entscheiden. Natürlich war es Holly nicht fair gegenüber, aber zum Einen war ich mir noch nicht einmal sicher, ob meine Vermutung stimmte und zum Zweiten hatte ich die Befürchtung, dass Holly dann nachlässig werden und nicht mehr aufpassen würde.
Ich wollte es unbedingt verhindern, dass sie sich in Sicherheit glaubte und dann meine Ex-Kollegen mit voller Härte zuschlugen.
Meine Gedanken wurden jäh unterbrochen, als die Tür aufging und Olivia freudestrahlend hereinkam.
„Ich bringe dir deine Freundin wieder“, brachte sie begeistert hervor. Danach zwinkerte sie mir zu und machte die Tür weit auf.
Im Flur entdeckte ich Holly, die mit Hilfe der Krücken ihr Zimmer betrat. Ihrer genervten Miene konnte ich entnehmen, dass sie liebend gerne die Krücken in die nächste Ecke geworfen und nie mehr angefasst hätte. Sie trug bereits ihre Schlafklamotten und ihre schwarzen Haare waren noch feucht.
Ich stand vom Bett auf und ging auf sie zu. Kurzerhand hob ich sie hoch.
Die Krücken fielen mit einem lauten Krachen zu Boden. Olivia machte zuerst ein entsetztes Gesicht, doch dann strahlten ihre Augen.
Holly schien über meine Aktion nicht überrascht zu sein, vermutlich, da ich soetwas in der vergangenen Zeit schon häufiger getan hatte. Ich trug sie zum Bett. Bevor ich sie hinlegte, schlug ich die Decke zurück.
Als ich sie herunterließ, hauchte sie mir ein leises „Danke“ ins Ohr. Ich lächelte kurz.
„Ich lasse euch dann allein“, sagte Olivia, die immer noch an der Tür stand und uns beobachtete. Sie grinste breit, bevor sie das Zimmer verließ.
„Ich glaube, Olivia hat dich fest in ihr Herz geschlossen. Für sie bist du der perfekte Schwiegersohn“, meinte Holly vergnügt.
„Tja, man muss mich einfach gern haben“, erwiderte ich arrogant, ehe ich ein zartes Lachen verlauten ließ.
„Halt den Mund und geh lieber duschen“, entgegnete sie und warf ein Kissen nach mir.
Galant wich ich aus und verschwand aus dem Zimmer.
Ich duschte ausgiebig und lange. Das heiße Wasser tat mir nach so langer Zeit richtig gut. Nachdem ich mich abgetrocknet und mir meine Boxershorts übergestreift hatte, kehrte ich zu Holly zurück.
Kaum hatte ich das Zimmer betreten, da färbte sich ihr Gesicht feuerrot. Mühsam zwang sie sich mich nicht anzusehen, doch hin und wieder linste sie zu mir herüber.
„Du…du bist ja schon wieder da“, stellte sie fest.
„Stimmt, ohne dich halte ich es nun mal nicht lange aus“, antwortete ich.
Leicht nickte sie mit gesenktem Kopf. Ich musste schmunzeln.
„Wir kennen uns jetzt schon seit acht Monaten. Ich hätte nicht gedacht, dass ich dich immer noch verlegen mache, Holly.“
Nach meinen Worten wurde das Rot noch ein Stückchen dunkler. Beschämt zog sie die Decke über den Kopf.
„Du machst dich doch bloß über mich lustig“, schmollte sie, wobei ihre Stimme durch die Decke extrem gedämmt wurde.
„Das war nur eine harmlose Feststellung, mehr nicht“, wehrte ich mich. Dennoch kramte ich mein T-Shirt hervor, welches ich schon eine gefühlte Ewigkeit trug.
Zu meiner großen Überraschung zog Holly die Decke abrupt herunter. Ihre Haare standen leicht zerzaust von ihrem Kopf ab. Mit ihren azurblauen Augen starrte sie mich an, während ich mir das T-Shirt anzog.
„Seit wann hast du eigentlich diese Tattoos und warum hast du dich ausgerechnet für diese zwei Sätze entschieden?“, fragte sie mich plötzlich. Für mich kamen ihre Fragen unerwartet.
„Ich habe sie seit ich fünfzehn bin. Kurz nachdem ich meine ersten Aufträge erledigt habe, habe ich sie mir tattoowieren lassen, weil sie genau das ausdrücken, was ich damals und auch heute über den Tod und das Morden denke“, erklärte ich ihr mit fester Stimme.
„Aha“, war ihre schlichte Reaktion.
„Woher weißt du eigentlich, dass ich tattoowiert bin?“, fragte ich. Anschließend schaltete ich das Licht aus, legte mich neben Holly und deckte erst sie und dann mich mit der weichen Decke zu. Mir fiel auf, dass ich kein Kissen unter meinem Kopf hatte, weil sie mich vorhin mit einem beworfen hatte. Es lag wahrscheinlich noch immer auf dem Boden, doch das störte mich nicht.
„Ich habe sie gesehen, als ich dich damals im Motel verarztet habe“, flüsterte sie mit einem undefinierbaren Unterton in der Stimme.
Ich drehte mich auf die linke Seite. Durch die Dunkelheit konnte ich bloß ihre Schemen vor mir erkennen.
„Hach, ich bin gerade überglücklich, James“, seufzte sie nach ein paar Minuten. Sie wandte ihren Kopf in meine Richtung, aber ich konnte Hollys Gesicht nicht sehen.
„Warum?“, fragte ich neugierig
„Zwar nervt mich mein eingegipstes Bein, doch nach langer Zeit bist du endlich wieder hier und schläfst neben mir ein. Etwas Schöneres kann ich mir kaum vorstellen“, schwärmte sie. Dann rückte sie an mich heran und küsste mich. Ihre zarten Lippen waren eine wahre Wohltat für meine, durch die Kälte, rauen und spröden Lippen.
Ich nahm sie in meine Arme und hielt sie fest. Ich spürte ihren Atem und ihre Wärme auf meiner Haut, als sie ihre Arme um meine Taille schlang. Behutsam strich ich ihr über die Haare. Ich nahm eine Strähne und zwirbelte sie um meinen rechten Zeigefinger.
„Ist dir so langweilig?“ Amüsiert kicherte Holly.
„Ja“, brummte ich und nahm eine andere Strähne ihres schwarzen Haares.
Jedoch ließ ich einige Sekunden später von ihren Haaren ab. Stattdessen küsste ich sie lange und leidenschaftlich. Kurzerhand nahm Holly mein Gesicht in ihre Hände und presste ihren Körper an meinen.
Minutenlang lagen wir uns in den Armen und küssten uns. Mein Herz schlug in dreifacher Geschwindigkeit und mit der Zeit bekam ich Atemnot, aber ich kam nicht auf die Idee aufzuhören…

Ein ohrenbetäubendes Krachen und Rauschen weckte mich. Langsam öffnete ich die Augen. Dabei streckte ich mich ausgiebig und gähnte. Ich fühlte mich nach etlichen Wochen wieder ausgeschlafen und unglaublich stark.
Der Lärm war noch immer da. Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich, dass es kübelweise regnete und ein heftiger, tosender Wind die Äste der Bäume in alle Richtungen bog und die verbliebenen Blätter mit sich riss.
Was für ein Wetter, dachte ich betrübt und setzte mich auf. Erst dann fiel mir auf, dass Holly nicht mehr neben mir lag, sondern auf der Bettkante saß und mich mit glänzenden Augen beobachtete.
„Du bist unglaublich süß, wenn du schläfst“, sagte sie entzückt und lachte. Ich konnte bloß den Kopf schütteln. Ich fuhr mir durch die verstrubbelten Haare.
„Heißt das, dass du mir beim Schlafen zusiehst?“ Verblüfft hob ich eine Augenbraue in die Höhe.
Holly grinste frech und nickte. Ich setzte ein schiefes Lächeln auf, als ich auf die andere Seite des Bettes ging, Holly hochhob und sie auf meinen Schoß setzte.
„Du nutzt meine Situation aber gehörig aus“, merkte sie gespielt empört an.
Damit hatte sie ganz Recht. Ich hob sie immer öfters hoch, aber nur, weil ich sie liebend gerne trug und ich ihr helfen wollte.
Schließlich hasste sie die Krücken und ich wollte es ihr ersparen, dass sie sie benutzen musste.
„Du kannst mir nicht entkommen“, erwiderte ich und warf ihr einen mysteriösen Blick zu. Gleichzeitig brachen wir in schallendes Gelächter aus.
„Du bi…bist wirklich un…unmöglich, James“, brachte sie angestrengt hervor.
„Ich weiß“, hauchte ich ihr ins Ohr, bevor ich ihren Hals mit sanften Küssen bedeckte.
Ich hörte Hollys laute und unregelmäßige Atemzüge neben mir. Als ich meine Lippen bis zu ihrem rechten Ohr wandern ließ, gab sie ein erstickendes Geräusch von sich. Ihre Haut fühlte sich brühend heiß an.
Ich ließ von ihrem Hals ab und sah ihr in die Augen. Das Blau war unglaublich hell und es schien, als sprühten ihre Augen Funken. Es war das Schönste, das ich jemals gesehen hatte.
Hollys Wangen waren zartrosa, als sie mit ihren Händen in meine Haare griff und mich stürmisch und innig küsste. Ohne den Kuss zu unterbrechen, ließ ich mich mit dem Rücken aufs Bett fallen und zog Holly mit nach unten. Ihre langen Haare fielen mir ins Gesicht und kitzelten mich. Ich umklammerte ihre Taille und hielt sie fest.
Mein Kopf war vollkommen leer. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Ich war wie hypnotisiert. Urplötzlich setzte sich Holly auf. Zu meiner Verwunderung schaffte sie dies trotz Gips mit Leichtigkeit. Sie klemmte sich die Haare hinter die Ohren und grinste mich verwegen an.
Danach packte sie mich grob an meinem T-Shirt und zog mich wieder zu sich nach oben. Holly biss sich auf die Unterlippe und schaute mich gierig an, als sie mir überraschenderweise das T-Shirt auszog. Sie warf es auf den Boden und sah zum ersten Mal direkt meinen entblößten Oberkörper an.
Mit den Fingern ihrer rechten Hand fuhr sie über die Stelle, unter der sich die Rippe befand, die Mickey mir damals gebrochen hatte.
Auf einmal weiteten sich vor Entsetzen ihre Augen.
„Woher hast du denn all diese blauen Flecken?“, fragte sie atemlos.
Ich hatte keine Ahnung, wovon sie sprach, daher schaute ich an mir herunter. Tatsächlich verteilten sich tiefblaue, unförmige Flecken auf meinem Körper, die ich bis jetzt gar nicht bemerkt hatte.
„Die muss ich mir wohl zugezogen haben, als meine Ex-Kollegen mich in meiner Wohnung angegriffen haben“, stellte ich fest.
Geistesabwesend nickte sie, ehe sie sich ihres dünnen, weißen Pullovers entledigte. Schlagartig kehrte ihre Verlegenheit zurück, als sie nur im BH auf mir saß.
Mir dagegen stockte augenblicklich der Atem und ich konnte meinen Blick einfach nicht von ihr abwenden.
„Willst du jetzt doch nicht mehr warten?“, fragte ich keck und schmunzelte.
„Nein“, flüsterte Holly und schüttelte heftig den Kopf. Sie schlang ihre Arme um meinen Nacken und küsste mich zärtlich. Ich legte meine Hände auf ihre Hüften und intensivierte den Kuss.
Ich war in einer Art Trance, in der ich nichts um mich herum wahrnahm. Deshalb bekam ich bloß am Rande mit, dass die Tür geöffnet wurde. Holly aber zuckte erschrocken zusammen. Als sie an mir vorbei zur Tür schaute, riss sie ihre Augen weit auf.
„Wir…Ich…“, stotterte sie hektisch. Sie brachte keinen vernünftigen Satz zu Stande.
Ihre Reaktion verleitete mich dazu, meinen Oberkörper leicht zu drehen und nach hinten zu sehen. Im Türrahmen stand Olivia in einem hellblauen Morgenmantel. Ihr war anzusehen, dass die Situation ihr nicht weniger peinlich war, als Holly.
„Entschuldigung, ich wollte euch nicht stören“, sagte sie in einem Wahnsinnstempo und schloss die Tür mit einem lauten Knall.
Nach Olivias schnellem Abgang herrschte eine unheimliche Stille im Raum. Holly saß unverändert auf mir. Sie war wie gelähmt und es schien, als würde sie nicht atmen. Auf meinen Lippen zeichnete sich ein süffisantes Lächeln ab.
Hollys Augen huschten urplötzlich zu mir. In ihnen flammte unbändige Wut.
„Was gibt es denn jetzt zu lachen?“, blaffte sie mich empört an. Beschwichtigend hob ich die Hände.
„Reg dich nicht gleich so auf, Holly“, meinte ich gelassen. Trotz ihrer miesen Laune konnte ich nicht aufhören zu grinsen. Es war einfach zu lustig, wie Holly und Olivia geguckt hatten.
„Hör auf zu lachen, James, dass meine ich ernst“, raunte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.
Laut räusperte ich mich, um einen aufkommenden Lachanfall zu unterdrücken. Holly funkelte mich währenddessen böse an.
„Tut mir leid, aber du hättest dein Gesicht sehen müssen, als Olivia hier hereingeplatzt ist“, erwiderte ich und ließ mich auf ihr gemütliches Bett fallen.
„Du bist ein Idiot“, zischte Holly, bevor sie mir einen Stoß gegen die rechte Schulter versetzte. Sie schnaubte und rollte von mir herunter.
„Was ist denn jetzt los?“, fragte ich verwirrt und suchte ihren Blick.
„Mir ist die Lust auf dich gehörig vergangen“, sagte sie unverdrossen und schob beleidigt die Unterlippe vor.
Dann setzte sie sich auf, bückte sich und versuchte ihren Pullover aufzuheben, doch er lag zu weit weg.
Sie ließ ein zorniges Knurren hören, ehe sie mit ihrem gesunden Fuß aufstampfte.
Ich verdrehte die Augen, bevor ich aufstand, den Pullover vom Boden aufhob und ihr in die Hand drückte.
„Danke“, nuschelte sie und zog sich den Pulli über den Kopf. Nachdem sie wieder angezogen war, ließ ich meinen Blick auf der Suche nach meinem T-Shirt durch das Zimmer schweifen. Es dauerte einige Zeit, bis ich es hinter Hollys Nachttisch entdeckte.
Kurzerhand schnappte ich es mir und zog es wieder an. Dann blieb ich vor Holly stehen.
„Was ist?“ Ihr Ton war schon wesentlich sanfter.
„Ich wollte dir beim Aufstehen helfen, Holly“, erklärte ich ruhig und schaute ihr tief in die Augen.
„Bist du jetzt sauer auf mich?“, fragte sie mit zitternder Stimme und senkte den Kopf.
Ich musste grinsen. Wie kam sie bloß immer auf die Idee, dass ich wütend auf sie war?
„Nein, bin ich nicht, Holly.“
„Da bin ich aber beruhigt“, flüsterte sie und hob ihren Blick. Mit ihren Augen durchbohrte sie meine. Das Leuchten des Blaus war übernatürlich stark und atemberaubend schön.
Ich tat mich schwer, meinen Blick von ihr abzuwenden, um die Krücken zu holen. Ich übergab sie ihr. Als Holly sich mit Hilfe der Krücken erhob, eilte ich an ihre Seite, aus Angst, dass sie hinfallen könnte.
„Es geht schon, James. Trotzdem danke“, brachte sie fröhlich hervor und schenkte mir ein glückliches Lächeln. Mit kleinen Schritten näherte sie sich ihrem Kleiderschrank.
„Könntest du Olivia holen? Es wäre, nett wenn sie mir beim Anziehen helfen würde.“
„Ich kann dir doch helfen“, meinte ich frech und grinste schelmisch.
„Das hättest du wohl gern“, äußerte sie entrüstet und wandte ihren Kopf zu mir.
„Und ob.“

Ich saß in der Küche am Esstisch. Vor mir stand eine Tasse mit dampfenden Kaffee, den Olivia mir eingegossen hatte, bevor sie nach oben gegangen war, um Holly zu helfen. Kurz war auch Hollys Onkel hier gewesen, doch er hatte sich beeilt sich ein Sandwich zu machen und eine Tasse Kaffee mitzunehmen. Ich hatte die fadenscheinige Vermutung, dass seine Hektik an mir gelegen hatte.
Gelangweilt kippelte ich mit dem Stuhl und schaute aus dem großen Fenster. Durch die dunklen und schweren Wolken konnte man kein Stückchen des Himmels sehen. Die Bäume sahen ohne ihre Blätter verkümmert und kränklich aus. Ich sehnte mich danach mal wieder die Sonne zu sehen. Ich wäre auch mit ein paar Sonnenstrahlen zufrieden. Ich seufzte und legte meinen Kopf auf die harte Tischplatte. Ich schloss die Augen und versuchte nicht an das deprimierende Wetter zu denken.
Schritte im Flur ließen mich aufhorchen. Ich stand auf, wobei ich mir ein Gähnen verkneifen musste. Ich trat in den schwach beleuchteten Flur und entdeckte Holly, die sich die Treppen herunterquälte.
Bei der drittletzten Stufe blieb sie erschöpft stehen und atmete laut hörbar ein und aus.
Ich stand an den Türrahmen gelehnt und beobachtete jede ihrer Bewegungen. Mir tat es leid, dass sie sich so sehr abmühte, aber irgendwie fand ich sie in diesem Moment auch unglaublich niedlich.
„Genießt du es, mich leiden zu sehen?“, fragte sie betrübt und sah mich traurig an.
„Ein bisschen“, gab ich zu, doch ich ging zum Fuß der Treppe und blieb dort stehen. Obwohl sie drei Stufen höher stand, als ich, war ich genauso groß wie sie.
„Komm, ich helfe dir.“ Ich ging einen Schritt auf Holly zu und hob sie hoch. Ein weiteres Mal fielen ihre Krücken zu Boden.
„Du kannst mich nicht immer tragen, James. Ich muss das alleine schaffen“, jammerte sie.
„Aber du magst es doch, wenn ich dir helfe, oder?“ Meine Frage veranlasste sie zu einem Kichern.
„Klar“, sagte sie lachend und küsste mich auf den Hals.
Mit Leichtigkeit trug ich sie in die Küche und setzte sie auf den Stuhl, der meinem gegenüber lag. Dann ging ich noch mal zurück, um ihre Krücken zu holen.
„Willst du auch einen Kaffee?“, fragte ich sie, während ich die Krücken an den Tisch lehnte.
„Ja.“ Eifrig nickte Holly.
Interessiert sah sie mir dabei zu, wie ich eine Tasse aus dem Küchenschrank über mir holte, heißen Kaffee hineingoss und ihr vor die Nase stellte.
Hastig nahm sie die Tasse in die Hand und nahm einen Schluck.
„Wo hast du denn Olivia gelassen?“
„Sie ist noch oben. Sie wollte unbedingt mein Zimmer aufräumen. Meiner Meinung nach ist das völlig unnötig.“
Ich konnte nicht anders, als sie mit einem skeptischen Blick zu beäugen.
„Warum guckst du mich so an, James?“ Sie schob die Augenbrauen zusammen.
„Weil es bestimmt nötig ist, aufzuräumen. Du hast wohl vergessen, dass dieses Zimmer dir gehört“, antwortete ich amüsiert.
Sie stöhnte und ließ ihren Kopf in den Nacken fallen. Mir war klar, dass Holly die Sache ganz anders sah.
„Ja, ja. Mein Zimmer ist ein Saustall und ich bin eine Chaotin“, rasselte sie genervt herunter.
Ich grinste vergnügt und trank meine Tasse leer. Der Kaffee war nur noch lauwarm.
Still nippte Holly an ihren Kaffee. Unentwegt sah sie aus dem Fenster und beobachtete die vorbeiziehenden, dunklen Wolken. Auf die rechte Hand hatte sie ihr Kinn gestützt. Sie wirkte nachdenklich.
Ich öffnete gerade den Mund, um sie zu fragen, was sie beschäftigte, als es an der Tür klingelte. Holly zuckte erschrocken zusammen. Ihre Pupillen wanderten nach links, wo sich die Haustür befand. Von ihrem Platz aus konnte sie sehen, wer geklingelt hatte.
Ich sah sie an. Ihre Augen zeigten pures Entsetzen und ihre Kinn fing an zu zittern. Es klingelte ein weiteres Mal.
Ich erhob mich schwerfällig und schlurfte in den Flur. Dort ließ mich Hollys aufgeregte Stimme anhalten.
„Warte, du musst die Tür nicht aufmachen. Ich…ich will das machen.“
Sie nahm die Krücken zur Hand, als ich mich zu ihr umdrehte.
„Warum das denn?“, fragte ich schnippisch.
„Nur so“, antwortete sie mit unschuldiger Miene.
„Ich gehe an die Tür und du bleibst sitzen“, befahl ich streng und ging zur Haustür. In der Küche konnte ich Holly fluchen hören. Ich schüttelte unverständlich den Kopf, bevor ich die Tür öffnete und mich der Schlag traf. Vor mir stand das mir unbekannte Mädchen mit den dunklen Haaren. Gleich dahinter entdeckte ich Cassidy. Kein Wunder, dass Holly mich davon hatte abhalten wollen die Tür zu öffnen.
Ich konnte förmlich spüren, wie jede Faser meines Körpers von unbändigem Zorn erfasst wurde, als er mich hasserfüllt anblickte.
Das Mädchen dagegen lächelte mich fröhlich mit blitzenden grünen Augen an.
„Hallo“, begrüßte sie mich munter und musterte mich.
„Ich bin Daphne und das ist mein Bruder Cassidy.“ Kurz schaute ich an ihr vorbei zu ihrem Bruder. Ich hatte mir bereits gedacht, dass sie Geschwister waren.
„Du bist bestimmt James, Hollys Freund. Wir haben uns im Krankenhaus gesehen“, erinnerte sie mich begeistert und lächelte vergnügt.
„Ja, ich erinnere mich“ meinte ich bloß. Gleichzeitig fragte ich mich, ob sie damals bei der Party mitbekommen hatte, was zwischen ihrem Bruder und mir vorgefallen war.
„Wir sind hier, um Holly zu besuchen.“ Neugierig schaute sie an mir vorbei, in der Hoffnung, Holly hinter mir zu entdecken. Cassidy war in keiner guten Stimmung, wie seine Schwester, aber dass lag mit Sicherheit an mir.
Wahrscheinlich hatte er nicht vermutet, dass ich bei Holly war. Er hatte wohl gehofft ein paar Minuten alleine mit ihr verbringen zu können.
Automatisch ballte ich die Hände zu Fäusten. Holly hatte ihm sein Verhalten verziehen, aber ich war nicht dazu bereit.
„Dürfen wir reinkommen?“ Daphnes Blick lag wieder auf mir.
Am Liebsten hätte ich sie weggeschickt, doch sie waren Hollys Freunde und ich hatte nicht das Recht sie nicht hereinzulassen.
„Na klar“, grummelte ich und setzte ein gekünsteltes Lächeln auf. Dankbar nickte mir Daphne zu. Ich trat zur Seite und ließ sie herein. Im Vorbeigehen warf ich ihrem Bruder einen abfälligen Blick zu. Dieser schnaubte und rempelte mich kurz an.
Ich wartete, bis Daphne Holly in der Küche entdeckt hatte und den Flur verließ, bevor ich Cassidy fest am Kragen seines weißen Hemdes packte und ihn gewaltsam gegen die nächste Wand beförderte.
Über seine Lippen kam kein einziger Ton, doch er atmete schwer.
„Ich sage dir das nur ein einziges Mal: fass Holly nie wieder an, sonst bekommst du es mit mir zu tun“, knurrte ich gefährlich. Zum Nachdruck zog ich ihn von der Wand weg, nur um ihn noch einmal dagegen zu donnern.
„Hast du mich verstanden?“, raunte ich und schaute böse auf ihn herab.
Langsam fing er an zu nicken. In seinen Augen lag Angst und Panik.
„Gut. Ich rate dir meine Drohung ernst zu nehmen, denn du hast keine Ahnung, wozu ich fähig bin und was ich alles tun würde, um dich von Holly fernzuhalten“, ermahnte ich Cassidy.
Seine Muskeln verkrampften sich und er presste die Lippen aufeinander. Sein Gesicht war leichenblass.
Nach ein paar Sekunden ließ ich ihn los. Verängstigt blieb er an der Wand stehen, während er gedankenverloren sein Hemd richtete und sich durch die Haare fuhr. Plötzlich stand Daphne im Flur.
„Wo bleibt ihr denn? Ist alles in Ordnung?“ Sie schaute zwischen uns beiden hin und her.
Zuerst befürchtete ich, dass sie gesehen hatte, wie ich Cassidy angegriff, doch auf mich wirkte sie eher verwirrt, als erschrocken.
Sie sah zu ihrem Bruder. Dieser zitterte leicht und er sah so aus, als müsse er sich übergeben. Ich musste mir ein hämisches Grinsen verkneifen.
„Es…es ist alles in Ord…Ordnung“, stammelte er.
Daphnes Augen verengten sich skeptisch zu Schlitzen. Sie wandte ihren Kopf zu mir. Ich versuchte nicht allzu schuldbewusst auszusehen, was für mich keine große Herausforderung war.
Charmant lächelte ich Daphne an. Sogleich verschwand die Skepsis aus ihrem Gesicht. Stattdessen erwiderte sie mein Lächeln und starrte mich an. Cassidy schien es ganz und gar nicht zu gefallen, wie seine Schwester mich ansah.
Sie schaute mich haargenau mit dem Blick an, mit dem er Holly nicht ansehen durfte.
Nach einer halben Ewigkeit, in der sich keiner von uns bewegte, stieß sich Cassidy von der Wand ab, umfasste den linken Oberarm von Daphne und zerrte sie in die Küche.
Alleine blieb ich zurück. Es dauerte nicht lange, bis ich Gelächter und Hollys glückliche Stimme hören konnte. Trotzdem dauerte es noch einige Zeit, bis ich mich dazu durchrang, mich in Bewegung zu setzen und ebenfalls die Küche zu betreten.
Zwar war ich mir jetzt relativ sicher, dass Cassidy aufhören würde sich an Holly heranzuschmeißen, dennoch hasste ich ihn.
Als ich hereinkam, senkte Cassidy den Blick und sah auf den Tisch. Holly und Daphne unterbrachen ihre Unterhaltung, in die sie vertieft gewesen waren, und lächelten mir beide zu.
„Da bist du ja“, frohlockte Holly und ihre Augen fingen an zu leuchten. Ich setzte mich neben sie, wobei ich versuchte Daphnes intensiven Blick, mit dem sie mich begutachtete, zu ignorieren.
„Ich habe dich vermisst“, hauchte sie und rückte mit ihrem Stuhl an mich heran.
„So lange war ich doch nicht weg“, entgegnete ich und legte meinen rechten Arm um sie.
„Also“, Holly richtete ihre Aufmerksamkeit wieder an Daphne, „wie war es heute in der Schule?“
„Wir sind hier, um dich zu besuchen und du fragst mich allen Ernstes nach der Schule?“ Daphne kicherte schrill.
Hollys Wangen färbten sich rosa. Als ich an ihr vorbeisah, bemerkte ich, dass Cassidy Holly aus verliebten Augen anstarrte. Ich konnte nicht aufhören ihm zornige Blicke zuzuwerfen. Im Hintergrund hörte ich, wie Daphne und Holly weiter miteinander sprachen. Für mich war es aber bloß ein monotones Rauschen.
Cassidy fiel nicht einmal auf, dass ich ihn dabei erwischt hatte, wie er meine Freundin anglotzte. War meine Drohung doch nicht deutlich genug gewesen?
„James?“ Mir blieb beinahe das Herz stehen, als ich plötzlich meinen Namen hörte.
Holly sah mich von der Seite her an. Ihre Lippen umspielten ein amüsiertes Lächeln.
„Ja?“
„Würdest du bitte drei Gläser und den Saft aus dem Kühlschrank holen?“
„Klar“, sagte ich lustlos.
Ich fragte mich, warum ich dies tun sollte. Na gut, die anderen beiden waren ihre Gäste, doch das war ich eigentlich auch und außerdem hätten sie ja mal selbst auf die Idee kommen können aufzustehen, schließlich wollten sie was trinken und nicht ich.
Schlecht gelaunt stand ich auf und ging zum Kühlschrank. Ich holte eine Flasche Orangensaft heraus, die in der Tür stand. Danach öffnete ich den Hängeschrank über mir und nahm drei Gläser heraus. In der ganzen Zeit ließ ich Cassidy nicht ein einziges Mal aus den Augen.
Angeregt unterhielt er sich mit seiner Schwester, aber auch mit Holly. Gemeinsam lachten sie. Ich fühlte mich fehl am Platz, weil ich nicht dazugehörte.
Ich konnte nicht mitreden, denn ich ging nicht auf ihre Schule und kannte daher die Lehrer und Schüler, über die sie redeten, nicht. Mir wurde ein weiteres Mal bewusst, dass ich ganz anders aufgewachsen war, als sie.
Ich war gerade im Begriff an meine Vergangenheit zu denken, als ich beobachtete, wie Cassidy seinen Arm auf die Lehne von Hollys Stuhl legte und sich ihr Zentimeter für Zentimeter unauffällig näherte.
Mein Blut fing an zu kochen und mir wurde heiß. In meiner unsagbaren Wut vergaß ich, dass ich noch eines der Gläser in der rechten Hand hielt. Ich drückte zu und binnen zwei Sekunden zersprang das Glas in tausend Stücke.
Es ertönten markerschütternde Schreie, die vom Küchentisch kamen.
Ich sah auf die Küchenzeile, auf der sich sowohl große, als auch winzige Glassplitter verteilten. In regelmäßigen Abständen tropfte eine tiefrote Flüssigkeit auf sie herab. Als ich meinen Blick ein Stück nach oben wandern ließ, blieben meine Augen an meiner Hand hängen. In meiner Handfläche steckten viele Splitter. Blut quoll hervor, lief mein Handgelenk herunter und tropfte auf die Küchenzeile.
Wie gebannt starrte ich auf meine verletzte Hand. Nach den Schreien war es unheimlich still.
„Was ist passiert, James? Geht es dir gut?“ Hollys, vor Angst zitternder, Stimme riss mich aus meiner Trance.
„Ich habe bloß ein Glas zerbrochen. Ist halb so schlimm“, erklärte ich ihr und drehte mich um. Alle drei sahen mich mit bleichen Gesichtern an.
„Aber…aber du blutest ja“, stellte Holly schockiert fest. Sie griff sich ihre Krücken und wollte aufstehen, aber ich ließ das nicht zu. Ich ging zu ihr herüber und setzte mich. Blitzschnell nahm sie meine Hand und begutachtete sie.
„Deine Hand sieht aber gar nicht gut aus. Es stecken ja unzählige Splitter in deiner Haut.“ Ihre Miene strahlte völlige Fassungslosigkeit aus. Daphne sah nicht anders aus, als Holly. Nur Cassidy konnte nach dem ersten Schreck wieder lachen und zwar über mich. Ich biss die Zähne fest aufeinander und warf ihm einen drohenden Blick zu. Sogleich erstarb sein gehässiges Grinsen und er fing an mich zu ignorieren.
„Wir gehen jetzt nach oben und dann verarzte ich dich, James“, jappste Holly aufgeregt. Daphne nickte zustimmend und sah mich mitleidig an.
„Das musst du nicht. Ich kann das allein“, sagte ich und begann mir die Splitter mit den Fingern herauszuziehen; einen nach dem Anderen. Eigentlich tat es gar nicht weh, nur ab und zu, wenn ein Splitter ziemlich klein war und ich ihn mit meinen kurzen Fingernägeln herauskriegen musste.
Während der ganzen Prozedur verzog ich keine Miene. Daphne und Holly starrten mich mit offenen Mündern an.
„Siehst du, ich habs geschafft.“ Vor mir auf dem Tisch lagen um die dreißig blutgetränkte Glassplitter in den verschiedensten Größen. Aus meinen etlichen tiefen Kratzern kam immer noch Blut. In der ganzen Küche roch es nach Metall.
Daphne wollte gerade etwas sagen, als Olivia plötzlich hereinkam und sofort die Nase rümpfte.
„Was ist das für ein Geruch?“, fragte sie und sah in die Runde. Dann blickte sie mich an und ihre Augen wanderten nach unten zu meiner verletzten Hand. Ihre Miene zeigte pures Entsetzen, als ihr Blick immer wieder zwischen meinem Gesicht und meiner Hand hin und her schnellte.
„Was hast du denn gemacht?“, kreischte sie panisch. Sie trat an mich heran und riss meine rechte Hand in die Höhe.
„Ich habe ein Glas zerbrochen“, erzählte ich ihr und wollte schon meine Hand zurückziehen, doch Olivia hielt sie fest.
„Ich bringe das in Ordnung.“ Sie ließ mich los, aber sie blieb neben meinem Stuhl stehen.
„Na los, steh auf. Ich werde dir deine Hand verbinden“, befahl sie streng. Ihrer Miene nach zu urteilen ließ sie keine Widerrede zu. Holly nickte mir kaum merklich zu. Mir wurde klar, dass mir nichts anderes übrig blieb, als mit Olivia mitzugehen.
Ich schob meinen Stuhl zurück, stand auf und folgte Olivia, die bereits die Küche verlassen hatte. Wir gingen die Treppe hinauf und dann betaten wir das geräumige Badezimmer. Während ich im Türrahmen wie angewurzelt stehen blieb, steuerte Olivia direkt den Schrank über den Waschbecken an und kramte darin herum.
„Es ist nicht nötig, dass Sie sich solche Umstände machen“ äußerte ich, wobei ich versuchte meine Hand so wenig, wie möglich, zu bewegen, damit ich die Badezimmerfliesen nicht mit Blut besudelte.
„Das sind doch keine Umstände. Ehe du dich versiehst ist deine Hand wieder wie neu“, sagte sie mit fester Stimme.
„Am Besten ist es, wenn du dich auf den Badewannenrand setzt.“
Nachdem sie fündig geworden war, wandte sie sich zu mir um und setzte sich neben mich.
In der Hand hielt sie eine Kompresse und einen Verband. Die Situation erinnerte mich stark an den Abend, an dem Holly meine Beinverletzung behandelt hatte.
„Gib mir deine Hand“, befahl sie. Ich tat, was sie von mir verlangte und streckte meine verletzte Hand aus. Olivia presste die Kompresse auf meine Handfläche, die das Meiste abbekommen hatte. Dann fing sie an den Verband um meine Hand zu wickeln. Es herrschte angespanntes Schweigen, bis sich Olivia urplötzlich räusperte.
„Ich wollte mich noch mal dafür entschuldigen, dass ich heute Morgen nicht angeklopft und euch beide gestört habe.“ Ich konnte deutlich hören, dass ihr das Thema unangenehm war.
Ein kurzes Lächeln huschte über meine Lippen, doch Sekunden später war meine Miene wieder ernst.
„Es ist halb so schlimm“, beruhigte ich sie.
Sie durchbohrte mich mit einem dankbaren Blick, ehe sie den Verband mit einem dünnen Pflasterstreifen befestigte und somit ihre Arbeit beendete.
Ich wollte schon aufstehen, als Olivia mich sanft am Arm festhielt.
„Ich wollte kurz mit dir unter vier Augen reden“, brachte sie geheimnisvoll hervor.
„Klar.“
Ich setzte mich wieder auf den Rand zurück und wartete gespannt darauf, über was sie mit mir sprechen wollte. Olivia wirkte verunsichert, als sie anfing.
„Ich weiß, ich bin nicht Hollys Mutter und ich kenne dich noch nicht lange, aber ich habe das Gefühl, dass ich etwas über die Situation von heute Morgen sagen muss.“ Ihr Mund war nur noch ein dünner Strich.
„Okay“, erwiderte ich, weil ich nicht wusste, was ich sonst dazu hätte sagen sollen.
„Holly hat mir erzählt, dass ihr jetzt seit sieben Monaten zusammen seid und ich finde ihr solltet noch etwas warten“, meinte sie altklug und sah mich eindringlich an.
Im ersten Moment hatte ich keine Ahnung, was ich von ihrer Aussage halten sollte.
„Ihr seid einfach noch zu jung und kennt euch noch nicht mal ein Jahr“, fuhr sie fort. Dabei konnte sie es nicht verhindern, dass ihre Stimme immer strenger klang. Jetzt wartete ich nur noch darauf, dass sie mir unterstellte, dass ich Holly zu irgendetwas drängte.  
Ich musste mich stark zusammenreißen, damit mir nicht herausrutschte, dass Holly diejenige gewesen war, die vorgehabt hatte mit mir zu schlafen. Ich wusste, dass Olivia sich nur Sorgen um Holly machte, aber wieso redete sie ausgerechnet mit mir? Wollte sie mir versteckt damit sagen, dass ich bloß die Finger von Holly lassen sollte? Ich war verwirrt.
Olivia sah mich mit ihren braunen Augen durchdringend an. Es schien, als wartete sie darauf, dass ich etwas zu ihren Anmerkungen sagte.
„Wir werden warten.“ Das war das Einzige, was ich sagen konnte, ohne Ärger mit ihr zu riskieren. Ich hoffte, dass sie ihrem Mann niemals etwas über den Vorfall von heute Morgen oder diesem Gespräch erzählte. Er mochte mich sowieso schon nicht, da würde die Nachricht, dass ich beinahe mit seiner Nichte geschlafen hatte, bestimmt nicht dazu beitragen, dass er mich in sein Herz schloss.
Zufrieden nickte sie und lächelte mich freundlich an. Dann erhob sie sich und wusch sich die Hände.
„Danke, dass Sie mir meine Hand verbunden haben“, sagte ich und begutachtete den weißen Verband.
„Das habe ich gerne gemacht“, entgegnete sie, während sie sich die Hände abtrocknete.
„Lass uns wieder nach unten gehen.“ Olivia wandte sich zu mir. Ich stand auf und gemeinsam machten wir uns auf den Weg zurück in die Küche.

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