Hinweis: Dieses Lied hat Sascha beim Schreiben begleitet: "History Maker" von Dean Fujioka  https://www.youtube.com/watch?v=-8dV95vIuwc


Jeder Mensch schreibt seine eigene Geschichte. Manche von ihnen sind ruhig und erscheinen, ohne großes Aufsehen zu erregen, sie wird vielleicht von anderen nicht einmal wirklich wahrgenommen und verläuft im Sande. Manche hinterlassen große Fußspuren und jeder kennt dann jedes Detail über dein Leben. Vielleicht ist man sogar irgendwann einmal eine Prüfungsfrage, in einer Abschlussarbeit, von der die Zukunft eines anderen abhängt. Mein Leben ist wahrscheinlich nur für mich eine Anekdote in einem Geschichtsbuch wert, doch heute schaue ich auf das letzte Jahr zurück. Ein Jahr das für mich Geschichte schrieb. Mein Name ist Sascha.

Es ist wieder Sommer und eklig heiß, dass ich manchmal nicht einmal geradeaus denken kann. Natürlich haben wir uns warmes Wetter gewünscht und eigentlich ist es schön, wenn man die Zeit hat es am See oder im Park zu genießen. Mein Leben besteht allerdings gerade aus Arbeit und wisst ihr was? Ich liebe es. Endlich habe ich wieder das Gefühl meinen Herzschlag zu hören. Ich hoffe, ihr könnt das auch von euch sagen?
Es gab eine Zeit, da war ich einfach müde davon, mich nie als gut genug zu empfinden. Viele Menschen in meinem Umfeld haben mich gedrängt etwas zu ändern, aber ihr wisst sicher selbst, dass das nichts bringt. Niemand kann einen anderen wirklich dazu bringen sein Leben umzukrempeln. Vielleicht wird man in die richtige Richtung geschubst, aber man muss selbst die Augen schließen, und sich sagen, dass die Träume wahr werden. 

Vor genau einem Jahr fing meine Zeit in der psychosomatischen Tagesklinik an. Ich kann mich noch genau erinnern, wie aufgeregt ich war. Einige Wochen vorher, war ich zu einem Aufnahmegespräch dort und von dem Gelände und den Leuten sehr positiv überrascht. Die ganze Station war bunt und gar nicht steril und krankenhausartig. Jeder dort schien wie ich zu sein, unsicher und zurückhaltend. Die Blicke die ich auf mir spürte... lasst mich nach einem Begriff dafür suchen... vielleicht passt neugierig. Sie fragten sich wohl. "Was hat ihn hierher gebracht?" Anders kann ich es wohl nicht beschreiben. Mitten im Wald und in der Nähe eines Sees gelegen, sollte ich hier die nächsten sechs bis acht Wochen meines Lebens verbringen und meine Vergangenheit ergründen.  
Dahingebracht hatte mich eine Dunkelheit, die etwas mit einem Tanz auf Klingen gemeinsam hatte. Ein falscher Schritt und zack, ein Absturz von dieser sehr dünnen Grenzlinie. Es war ein komisches Gefühl mit anderen, die ähnliche oder schlimmere Probleme hatten, den Tag zu verbringen. Gemeinsam in Gruppen, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten oder sich der Tatsache zu stellen, dass man vor einer Stunde voller Bewegungstherapie fast sterben konnte. Vor Angst!  Aber habt ihr mal versucht anderen seine eigene Gesundheit anzuvertrauen? Stellt euch folgende Situation vor.

Ihr steht an einem wundervollen sonnigen Tag in einem Kreis voller Menschen die ihr erst wenige Tage oder maximal zwei drei Wochen kennt. Mit manchen habt ihr keine fünf Wort gewechselt. Nun wird ein elastisches und (wahrscheinlich) stabiles Band um eure Rücken gelegt. Ihr seid nun also in dem Kreis gefangen. Das dehnbare Band drückt leicht in eure Haut und nun sollt ihr den Mut aufbringen, euch leicht nach hinten fallen zu lassen, nur gehalten durch das bisschen Stoff und eure Mitstreiter die euer Gewicht halten müssen, nicht nachgeben dürfen. Was fühlt ihr?

Ich hatte eine scheiß Angst und konnte es nicht einmal mit ansehen, von mitmachen ganz zu schweigen!

Die Therapeutin der Bewegungstherapie war mit Abstand die Netteste von allen, so frei wie ich es wohl niemals sein werde. Sie hat mein Herz in Brand gesetzt und umso mehr hat es mich wütend und traurig gemacht, dass ich ihre Stunden nicht genießen konnte. Die einzigen Momente waren die, in denen wir bei einer Gangmeditation barfuß durch das Gras laufen durften. Habt ihr das mal versucht? Ganz bewusst auf euren Herzschlag und eure Umgebung zu achten und einfach einen Fuß vor den anderen zu setzen ohne ein Ziel, sich einfach treiben zu lassen? Ich bekam das Gefühl, dass es niemals zu spät ist sowas wie Frieden zu fühlen.

Am Ende war ich sieben Wochen dort, den ganzen Sommer lang. Egal ob das Wetter schön war, genau wie jetzt wo ich diese Zeilen tippe oder regnerisch und kühl. Einmal bin ich nicht hingefahren, weil es mir nicht gut ging und merkte sofort, dass eine bescheuerte Entscheidung gewesen war. Der eine Tag, der mir fehlte, hätte fast einen Rückfall in alte Verhaltensweisen zur Folge gehabt.
Rückblickend war es ein guter Start. Ich fand eine Therapeutin, auch außerhalb, nach gar nicht so langer Suche was fast einem Wunder gleich kam. Außerdem Antworten in meiner Vergangenheit, die mir einen Weg für die Zukunft zeigten. Der Sommer ging in den Herbst über und noch lief alles glatt. Natürlich hatte ich noch keine neue Arbeit gefunden, aber das war auch noch zweitrangig zu diesem Zeitpunkt. Es war anstrengend genug, sein Leben weiter zu führen und sich nicht stoppen zu lassen, der Moment der Wahrheit konnte jederzeit vor der Tür stehen. Der Moment in dem man sich beweisen musste. Sich selbst zeigen musste, dass man gelernt hatte, sich weiterentwickelt hatte.

Dann kam der verflixte Winter. Noch heute könnte ich in Tränen ausbrechen, wenn ich daran denke was alles geschah. Nein eigentlich ist Traurigkeit nicht die korrekte Emotion, komm schon Sascha, dass kannst du wirklich besser. Gefühle und Gedanken trennen und deuten. Es ist Wut, unbändige Wut auf diejenigen die einen im Stich lassen. Es war als würdest du verprügelt und wehrst dich nicht, liegst einfach da, schreist nicht einmal. Niemand wollte mir damals helfen oder konnte es nicht. Am Ende stand ich beinahe ohne alles da, doch immerhin konnte man mir meine Freunde nicht nehmen. 
Das neue Jahr kam und ich glaube so tief am Boden war ich nie im meinem Leben. Alles was ich in der Klinik erreicht hatte, fiel in sich zusammen. Nichts war mehr anzuwenden, dass leichte Gefühl der Wiese unter den Füßen verschwunden. Sätze wie "Wenn du an dich glaubst, bist du unaufhaltsam" unglaubwürdig. Habt ihr schon einmal versucht einen positiven Eindruck zu hinterlassen, wenn man am Boden liegt? Oder wie schwer es sich anfühlt, sich dazu aufzuraffen überhaupt irgendetwas zu tun?
Mit letzter Kraft konnte ich mit Beginn des Frühlings endlich einen Erfolg für mich verbuchen. Eine neue Arbeitsstelle! Eigentlich ist sie perfekt, bringt alles mit was ich mir je gewünscht habe. Sei es die Stundenzahl die ich arbeite oder die Entfernung von Zuhause. Aber ich habe auch Angst, denn auch wenn ich nach außen gesund wirke, ist in mir drin immer noch ein schwarzer Fleck, den ich nicht aus den Augen verlieren darf und beobachten muss. Da schlummert ein Monster. Der Beginn der Arbeit war der Wendepunkt und hat mir ermöglicht wieder ein geordnetes Leben zu führen. Einen Sinn gefunden zu haben ist sehr befreiend und die wiedergewonnene finanzielle Sicherheit natürlich auch. Schon mal versucht seine Krankenversicherung zu bezahlen, wenn man gar kein Einkommen hat? Ist kein Spaß! Doch jetzt ist dieser Teil erstmal überwunden, auch wenn die letzte Schlacht noch nicht geschlagen ist . Vielleicht bin ich diesmal tatsächlich unaufhaltsam. 

Heute vor genau einem Jahr unternahm ich den ersten Schritt in eine neue Zukunft. Einer von vielen jungen Menschen, die irgendwann diesen Weg einschlagen und das ist auch gut so. Es ist wieder Sommer und ich muss feststellen, wir sind wohl tatsächlich dazu geboren worden um Geschichte zu schreiben. 

Don't stop us now, the moment of truth
We were born to make history
We'll make it happen, we'll turn it around
Yes, we were born to make history








Kommentare

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    Ich kann mich gut in Sascha hineinversetzen, du beschreibst sein Erleben und seine Gefühle sehr hautnah! Ich hoffe und wünsche ihm, daß er sich immer wieder an das Gefühl des getragen Seins erinnert, als er barfuß über die Wiese ging...!

  • Author Portrait

    Sehr packend. Ich konnte mich gut hineinversetzen ^^

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Feenstaub

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