Holmfirths Schenke 1/2

Nirgends erklangen die vom Leben bezeichnenden Geräusche einer Ansiedlung, gar einer solchen, in welcher mehrere tausend Seelen ihrem Wirken nachgehen sollten. Es hätte sie geben müssen, es gab sie schließlich immer.
Vereinzelt und zumeist in Stärke eines Schwadrons streiften Hörige in Straßen wie Gassen. Derer Aufgabe bestand alleinig darin, Herumtreibern und allen, die sich nicht an die nächtliche Ausgangssperre hielten, aufzugreifen.
Jene vornehmlich Mittellosen wurden nicht etwa der Stadt verwiesen oder verhaftet, der Obrist ließ diese hinter die Barrikaden der Hafenanlagen schaffen. Laute, die nur unter Schmerz und Pein dem Halse entweichen, hallten auf den Wellen der Winde, die von Seeseits ins Landesinnere wehten.
Zuflucht gab es für jene wenn überhaupt nur noch in demselben Viertel, welchem die Klagelaute entstammten.
So ironisch es sich auch anhören mag, man versteckte sich stets am besten nahe etwaiger Widersacher.
Nach der Übernahme der Thulenen und der Eingrenzung des Hafenbereiches standen noch etwa zwei Drittel des gesamten Areals der Stadt und den anzulegenden Booten wie Schiffen zur Verfügung.
Wo einst viele Schiffseigner von nah wie fern Lagergebäude ihr Eigen nannten, um gelöschte Ladungen für den steten Handel aufzubewahren, stritten nunmehr Ratten und Spinnen um die Vorherrschaft. Niedergebrannte Gebäude, durch damalige Auseinandersetzungen mit den Invasoren, wurden oftmals nicht wieder errichtet und so fanden allerlei Getier frohlockende Zufluchtsstätten. Selbige, die noch zu gebrauchen waren, dienten ähnlichen Zwecken des Umschlages der Fuhreignern, die wiederum dem gierigen Hafenmeister zollten.
Obwohl ein Hafen jenen der Arbeit dienen sollte, war dieser nicht minder wenigen zur Heimstatt geworden. Vornehmlich den Einfachsten bot dieses unwirkliche Viertel Unterschlupf, gleichwohl auch einige wohlhabendere sich in diesem vermeidlich spärlichen Areal wohlfühlten. Männer und Frauen, die die Gesellschaft des erpichten falschen Adels mieden. Freiwillig oder wohl wissend verließen diese Menschen ihr angestandenes Heim und richteten sich freien Ortes ein, wo andere selbst zu Tageszeiten sich nicht allein aufhalten würden.
Ein hölzernes halb verkohltes Schild wies jenen die Grenze zwischen Hafenviertel und Mittelstadt. Auch wenn die Hörigen des Obristen oftmals versuchten Ordnung und Kontrolle zu etablieren, zerfielen diese ebenso schnell, wie sie geschaffen wurden.
Aus diesem Grunde galten die Abendstunden jenseits dieses grenzbezeichnenden Bereiches als Sperrzone. Jedwede Person, die die geistige Grenze bei Einbruch der Nacht überschritt, tat dies wohl wissend und mit einem vorbestimmten Ziel. Übrige hielt man allenfalls nicht auf.

***

Geboren, aufgewachsen und viele Jahre lang lebte er friedlich mit seiner Erwählten in den westlichen Ländern, nahe der ›sieben Königsgrenze‹. Aus ihrer Liebe zu ihm erwuchs ein prächtiger Knabe. Dieser müsste nunmehr seinen sechzehnten Geburtstag bejubelt haben und hielt womöglich unlängst ein eigenes Weib im Arm.
Er verbarg sich nahe einer Schatten werfenden Hauswand, verschmolz nahezu mit derer Konturen und schloss die Augen. Tief sog er die kühle Nachtluft in die Lungen und lauschte konzentriert jedweden verräterischen Lauten. Seit Tagen gerieten seine Gedanken auf Abwegen und ließen ihn fehlen.
Bilder entstanden in seinem Geiste.
Er sah sie direkt vor sich. Ein Hauptmann mit einer thulenischen Meute im Schlepp, schafften sie fort. Die eine Hand umschloss ihren noch viel zu jungen Sohn, als dass er die Umstände begriff. Die andere hielt sie flehend ausgestreckt. Ihr quälender Blick brannte sich einem Mahnmal gleich in sein Innerstes.
»Diene wie dir befohlen und du wirst sie wiedersehen«, verkündete dieser hochtrabende Mann. Weder in dessen Worten gar in seinen Augen vermochte er Hohn noch Widerspruch erkennen. Er kannte einstmalige Weggefährten, die zurück zu ihren Familien durften.
Er diente und befolgte. Strengte er sich auch noch so an, ihm jedoch blieben die seinen verwehrt und so lernte er eines Tages jemanden kennen, der ihm einen Weg offenbarte, welchem er seither folgte.
Sein Gehör forderte seine Aufmerksamkeit und so konzentrierte er sich auf das hier und jetzt. Die Erinnerungen verblassten - für den Moment.
Ein Kiesel kollerte und hinterließ auf dem gepflasterten Untergrund klackernde Laute. Jemand trat unvorsichtig und ohne seine Füße zu heben, vor sich hin. Es gab sie und wird sie immer geben. Personen, die anstatt zu gehen, ihr Gewicht schlurfend, wie einen nassen Sack, voranschieben. Amüsiert konnte er sich ein schelmiges Lächeln nicht verkneifen.
Dumpfes schleifen, so als wenn der Fuß nachgezogen wurde - jemand humpelte.
Metallischer Sog - ein Schwert oder Dolch wurde aus der schützenden Scheide gezogen.
»Der Dreckskerl muss hier irgendwo sein, gebt acht«, zischte ein weiterer. Es klang seltsam nuschelnd. Es konnte nur jener sein, der versehentlich die Faust eines Kumpanen in Empfang nahm.
In Gedanken durchlebte er diesen Moment erneut.

Als eine dunkel gekleidete Person die umschützende Mauer an einem vorstehenden Baum überwand, verhielt sich diese unvorsichtig. Die Aufmerksamkeit dreier Wachgänger wurde erregt und wollten ihn sogleich in Gewahrsam nehmen. Natürlich hatte der Schattenjäger anderes im Sinn und entwandt sich derer Zugriff. Er tadelte sich einen Trottel, trat er das Gebot der seinen durch schiere Unvernunft mit Füßen. Letztlich, wer lagert auch schon eine verrottete Apfelkiste genau an dieser Stelle, wo er landen würde?
Den Beschreibungen nach sollte sich die Grenzstele zum Hafenviertel in unmittelbarer Nähe befinden und so wuchs in ihm die Zuversicht dem Zugriff der Verfolger noch rechtzeitig zu entgehen. Seine innere Stimme, seine Hoffnung, appellierte hingegen, dass sie sich an die nächtliche Ruhe hielten und nicht lautstark nach Hilfe riefen. Er konnte die augenscheinlich jungen Rekruten überraschen und die Verletzungen fügten sich die Drei nahezu ohne seinem Zutun bei.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media