Holmfirths Schenke

Nirgends erklangen die vom Leben bezeichnenden Geräusche einer Ansiedlung, gar einer solchen, in welcher mehrere tausend Seelen ihrem Wirken nachgehen sollten. Es hätte sie geben müssen, es gab sie schließlich immer.
Vereinzelt und zumeist in Stärke eines Schwadrons streiften Hörige in Straßen wie Gassen. Derer Aufgabe bestand alleinig darin, Herumtreibern und allen, die sich nicht an die nächtliche Ausgangssperre hielten, aufzugreifen.
Jene vornehmlich Mittellosen wurden nicht etwa der Stadt verwiesen oder verhaftet, der Obrist ließ diese hinter die Barrikaden der Hafenanlagen schaffen. Laute, die nur unter Schmerz und Pein dem Halse entweichen, hallten auf den Wellen der Winde, die von Seeseits ins Landesinnere wehten.
Zuflucht gab es für jene wenn überhaupt nur noch in demselben Viertel, welchem die Klagelaute entstammten.
So ironisch es sich auch anhören mag, man versteckte sich stets am besten nahe etwaiger Widersacher.
Nach der Übernahme der Thulenen und der Eingrenzung des Hafenbereiches standen noch etwa zwei Drittel des gesamten Areals der Stadt und den anzulegenden Booten wie Schiffen zur Verfügung.
Wo einst viele Schiffseigner von nah wie fern Lagergebäude ihr Eigen nannten, um gelöschte Ladungen für den steten Handel aufzubewahren, stritten nunmehr Ratten und Spinnen um die Vorherrschaft. Niedergebrannte Gebäude, durch damalige Auseinandersetzungen mit den Invasoren, wurden oftmals nicht wieder errichtet und so fanden allerlei Getier frohlockende Zufluchtsstätten. Selbige, die noch zu gebrauchen waren, dienten ähnlichen Zwecken des Umschlages der Fuhreignern, die wiederum dem gierigen Hafenmeister zollten.
Obwohl ein Hafen jenen der Arbeit dienen sollte, war dieser nicht minder wenigen zur Heimstatt geworden. Vornehmlich den Einfachsten bot dieses unwirkliche Viertel Unterschlupf, gleichwohl auch einige wohlhabendere sich in diesem vermeidlich spärlichen Areal wohlfühlten. Männer und Frauen, die die Gesellschaft des erpichten falschen Adels mieden. Freiwillig oder wohl wissend verließen diese Menschen ihr angestandenes Heim und richteten sich freien Ortes ein, wo andere selbst zu Tageszeiten sich nicht allein aufhalten würden.
Ein hölzernes halb verkohltes Schild wies jenen die Grenze zwischen Hafenviertel und Mittelstadt. Auch wenn die Hörigen des Obristen oftmals versuchten Ordnung und Kontrolle zu etablieren, zerfielen diese ebenso schnell, wie sie geschaffen wurden.
Aus diesem Grunde galten die Abendstunden jenseits dieses grenzbezeichnenden Bereiches als Sperrzone. Jedwede Person, die die geistige Grenze bei Einbruch der Nacht überschritt, tat dies wohl wissend und mit einem vorbestimmten Ziel. Übrige hielt man allenfalls nicht auf.

***

Geboren, aufgewachsen und viele Jahre lang lebte er friedlich mit seiner Erwählten in den westlichen Ländern, nahe der ›sieben Königsgrenze‹. Aus ihrer Liebe zu ihm erwuchs ein prächtiger Knabe. Dieser müsste nunmehr seinen sechzehnten Geburtstag bejubelt haben und hielt womöglich unlängst ein eigenes Weib im Arm.
Er verbarg sich nahe einer Schatten werfenden Hauswand, verschmolz nahezu mit derer Konturen und schloss die Augen. Tief sog er die kühle Nachtluft in die Lungen und lauschte konzentriert jedweden verräterischen Lauten. Seit Tagen gerieten seine Gedanken auf Abwegen und ließen ihn fehlen.
Bilder entstanden in seinem Geiste.
Er sah sie direkt vor sich. Ein Hauptmann mit einer thulenischen Meute im Schlepp, schafften sie fort. Die eine Hand umschloss ihren noch viel zu jungen Sohn, als dass er die Umstände begriff. Die andere hielt sie flehend ausgestreckt. Ihr quälender Blick brannte sich einem Mahnmal gleich in sein Innerstes.
»Diene wie dir befohlen und du wirst sie wiedersehen«, verkündete dieser hochtrabende Mann. Weder in dessen Worten gar in seinen Augen vermochte er Hohn noch Widerspruch erkennen. Er kannte einstmalige Weggefährten, die zurück zu ihren Familien durften.
Er diente und befolgte. Strengte er sich auch noch so an, ihm jedoch blieben die seinen verwehrt und so lernte er eines Tages jemanden kennen, der ihm einen Weg offenbarte, welchem er seither folgte.
Sein Gehör forderte seine Aufmerksamkeit und so konzentrierte er sich auf das hier und jetzt. Die Erinnerungen verblassten - für den Moment.
Ein Kiesel kollerte und hinterließ auf dem gepflasterten Untergrund klackernde Laute. Jemand trat unvorsichtig und ohne seine Füße zu heben, vor sich hin. Es gab sie und wird sie immer geben. Personen, die anstatt zu gehen ihr Gewicht schlurfend, wie einen nassen Sack, voranschieben. Amüsiert konnte er sich ein schelmiges Lächeln nicht verkneifen.
Dumpfes schleifen, so als wenn der Fuß nachgezogen wurde - jemand humpelte.
Metallischer Sog - ein Schwert oder Dolch wurde aus der schützenden Scheide gezogen.
»Der Dreckskerl muss hier irgendwo sein, gebt acht«, zischte ein weiterer. Es klang seltsam nuschelnd. Es konnte nur jener sein, der versehentlich die Faust eines Kumpanen in Empfang nahm.
In Gedanken durchlebte er diesen Moment erneut.

Als eine dunkel gekleidete Person die umschützende Mauer an einem vorstehenden Baum überwand, verhielt sich diese unvorsichtig. Die Aufmerksamkeit dreier Wachgänger wurde erregt und wollten ihn sogleich in Gewahrsam nehmen. Natürlich hatte der Schattenjäger anderes im Sinn und entwandt sich derer Zugriff. Er tadelte sich einen Trottel, trat er das Gebot der seinen durch schiere Unvernunft mit Füßen. Letztlich, wer lagert auch schon eine verrottete Apfelkiste genau an dieser Stelle, wo er landen würde?
Den Beschreibungen nach sollte sich die Grenzstele zum Hafenviertel in unmittelbarer Nähe befinden und so wuchs in ihm die Zuversicht dem Zugriff der Verfolger noch rechtzeitig zu entgehen. Seine innere Stimme, seine Hoffnung, appellierte hingegen, dass sie sich an die nächtliche Ruhe hielten und nicht lautstark nach Hilfe riefen. Er konnte die augenscheinlich jungen Rekruten überraschen und die Verletzungen fügten sich die Drei nahezu ohne seinem Zutun bei.

***

Am entlegensten Ende des Hafenviertels schien es deutlich dunkler als anderenorts. Wahrlich, man erzählte sich dies nicht nur, es fühlte sich fürwahr irgendwie falsch an. Wie an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit.
Wie aus weiter Ferne vermochte man das wütende Meer gegen die äußere Kaimauer klatschend und schmatzend wahrzunehmen. Die moosigen Fäden der glitschigen Steine würden jetzt auf und ab tanzen. Die sprühende Gischt einen jeden bis auf die Haut durchnässen.
Innerhalb der schützenden Mauer wogte das Wasser seicht auf und ab und umspielte die von Algen bedeckten Pfosten. Gelegentlich und sofern man nur nahe genug stand, konnte man das Schnalzen vertäuter und altersschwacher Boote hören, wenn deren schlierigen Flanken sich an den Anlegern rieben.
Spiegelungen der wenigen Lampen und Fackeln, die zu dieser Zeit noch brennen mochten, brachen sich auf dem unruhigen Wasser.
Ein Windstoß zerrte allerorts an lose hängende Bretter und blies durch löchrige Wände. Das klingende Wehklagen begleitend des scheppernden Applauses verkündete bevorstehenden Verfall und Abwanderung. Zweifelsohne, das Hafenviertel war keine Gegend der einladenden Gastfreundschaft.

Draußen braute sich ein Unwetter zusammen, von jetzt auf gleich. Es zog an allen erdenklichen Stellen zugig herein, wenngleich der stete Luftaustausch die abgestandene Luft angenehm in Bewegung versetzte. Den Anwesenden schien dies nicht zu kümmern. Es wurde unbekümmert Gerüchten und Garn gelauscht, gesoffen und gerülpst.
»Hey. He du entwerteter Strolch einer räudigen Hündin, hier spielt die Musik.«
Der Sprecher schnippte mit Zeigefinger und Daumen vor des Gegenübers Gesicht. Dessen Stimme klang beinahe väterlich. Absurd.
»Du bist nicht erst seit gestern hier und weißt, was dich erwartet. Sturm zieht auf und ich verwette den verrotteten Arsch meines alten Herrn darauf, dass es gleich anfangen wird, wie aus Kübeln zu pissen.«
Eine Hand, seine Hand, legte sich auf die Tischmitte, so als wolle er ihm diese schützend reichen.
»Willst du auf meinen Schoß kommen? Ich beschütze dich ... ehrlich.«
Der Mistkerl verzog nicht einmal eine Augenbraue. Er meinte wortwörtlich, was er da von sich gab. Mehr noch, er spottete weiter und wedelte mit einer fast vollends geleerten Flasche billigen Fusels. »Na mein Junge, etwas Mut antrinken oder erzählst du mir jetzt endlich, wie du gedenkst, deine letzte Schuld begleichen zu wollen?«
Angesprochener hob müde den Kopf und musterte Stellen, durch denen es unweigerlich hindurchtropfen würde. Er raunte und lehnte sich mit verschränkten Händen voran. Er suchte Blickkontakt und versuchte in den Augen seines Gegenübers zu lesen.
»Ab der nächsten Seite wird es spannender mein Hübscher«, versprach dieser und rülpste ihm ins Gesicht. Seine Nasenflügel begannen sich zu blähen und die Brauen verzogen sich hin zum Nasenansatz. »Spiel nicht mit mir, Maskenmann. Auch wenn du bereits einiges von dem wieder Gut gemacht hast, was uns die deinen schulden ...«
»Einen Dienst. Nur noch einen Frondienst bleibe ich dir schuldig. So war die Abmachung«, unterbrach er das Aufbrausen seines Gegenübers.
»Memnach sollte uns einst Waffen und Leute schicken.«
»Verschone mich mit dem alten Klamauk Dolvi. Von dem und vielen weiteren Seemannsgarn gibt es hier massig genug«, wehrte er kopfschüttelnd ab. »Ich kann es nicht mehr hören und du weißt selber, sofern du deinen Dickschädel endlich einmal zur Abwechslung zum Nachdenken nutzen würdest, dass Memnach euch gar keine Männer hätte entsenden können.«
»Hätten sie nicht. Fürwahr, das hätten sie nicht. Aber es ist immer schön zu wissen jemanden Bedeutsamen in der Hand zu haben, der einem einen Gefallen schuldet ... nicht wahr?«
Seine Mundwinkel zuckten und ein geschlagenes Grunzen entwich seinen ungeöffneten Lippen. »Niemand vermochte ihnen noch etwas entgegenzusetzen. Der Zeitpunkt war längst überschritten.«
»Der Traum meines Vaters war die Vereinigung der fünf Inseln. Überlassen wurden uns nur verfallene Ruinen, die wir nicht wieder aufbauen können, weil unsere Bäume zu nichts taugen. Zu klein, zu krumm, zu dünn ...«, theatralisch hob er die Hände und ließ sich nicht wie erdacht auf den Tisch niedersausen, er legte sie gelassen und ruhig auf die Platte. »... Scheiße noch eins. Der spärliche Bewuchs auf den Inseln taugt nicht einmal, um alle Siedlungen mit Palisaden zu umfrieden.«
Sein Kopf sank ihm auf die Brust und seine Stimme klang trauernd. »Wenn wir noch über unsere Boote verfügten, mein Volk würde wieder erstarken. Sie würden ihren Mut und ihre Kraft wieder erlangen. Die Lieder der Sagen würden erneut übers Meer hallen.«
Eine Hand schob sich in sein getrübtes Blickfeld und er hob verunsichert die Brauen.
»Wenn ich es schaffe, dir und den deinen, ausreichend Holz zu beschaffen ...«
»Du?«
»... könntest du das Vorhaben deines Vaters aufgreifen.«
Schwer atmete Dolvi ein und wieder aus, seine Stimme einem Hauch gleich. »Das Vermächtnis meines alten Herrn. Die Vereinigung der Clans. Olofsson, Großjarl der Inseln.« Er hob den Blick und ein Lächeln stahl sich auf seine Züge. »König Dolvi. Herrscher und Großjarl der fünf geeinten Inseln. Wenn du Schwätzer das schaffst, gilt dein letzter Frondienst als beendet. Mehr noch, ich werde mir künftig das Lästern über den Landrattenadel sparen.«
Angesprochener beugte sich, ohne den Freibeuter aus den Augen zu lassen zur Rechten und förderte einen schlank anmutenden Gegenstand auf den Tisch. Eingeschlagen in schmuddelige Stoffstreifen lag er vor ihnen und wurde näher zu Dolvi geschoben.
»Ist es das, was ich vermute?«
»Ein Schwätzer benötigt derlei nicht. Es ist deines Vaters Klinge.«
Beinahe erwartungsvoll glitt dessen Linke über die Lumpen, ohne jedoch das darunter von diesen zu befreien. Der Blick wie sein seichtes Kopfnicken bestätigten ihm, was er unlängst annahm.
»Nimm es zurück. Diese Waffe gleicht keiner hierzulande und ist ein viel zu kostbares Gut.«
»Es ist das Wertvollste, was ich je hätte geben können und du hast sie dir mehr als verdient.«
»Als Schwätzer?«
Ihre Blicke trafen sich erneut, sie bemaßen sich und suchten nach Unaussprechlichem. Beide wussten, wer jetzt zuerst sprach, würde verlieren.

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