Home sweet home

„Vielleicht ist es besser, wenn ich rausgehe, solange sie hier ist“, schlug ich Holly vor. Lindas triumphalem Grinsen schenkte ich keine Beachtung.
„Meinst du, dass das wirklich nötig ist?“, fragte sie mich mit einem traurigen Gesichtsausdruck. Eigentlich war das eine überflüssige Frage, weil alle Anwesenden im Raum die Antwort bereits kannten. Trotzdem nickte ich. In ihren Augen lag tiefe Enttäuschung. Holly hatte wohl gehofft, dass sich ihre beste Freundin und ihr fester Freund irgendwann verstehen würden.
Dabei wussten Linda und ich, dass wir niemals miteinander auskommen würden. Zwar hatten wir uns gestern Abend für ein paar Stunden ausnahmsweise nicht gestritten, aber das hatte bloß daran gelegen, dass uns Hollys Gesundheit viel wichtiger gewesen war.
Nun war wieder alles beim Alten: Linda verurteilte mich und ich ließ mir das nicht bieten.
Ich beugte mich vor und küsste Holly auf die Stirn.
„Ich bin bald wieder da.“ Ich schenkte ihr ein warmes Lächeln, bevor ich mich erhob.
„Endlich machst du einmal was richtig, James“, sagte Linda abfällig und bedachte mich mit einem herablassenden Blick. Sofort entflammte in mir unbändige Wut, die ich nur mit Not zügeln konnte.
„Was soll das denn bitte heißen?“ Meine Stimme war gefährlich leise. Ich hatte keine Ahnung, ob sie meine Frage überhaupt verstanden hatte.
„Das ist die erste richtige Entscheidung deinerseits“, entgegnete sie gelassen. Holly schnaubte und raunte ihrer Freundin etwas zu, das ich nicht verstehen konnte.
„Ich rede mit ihm, wie es mir gefällt“, zischte sie zurück.
„Ich habe Holly ins Krankenhaus gebracht. Glaubst du nicht, dass das auch richtig war?“, warf ich ein.
Mein Ton wurde immer aggressiver. Vor Wut zitterten meine Hände. Ich spürte, dass ich kurz davor war auszurasten. Nur noch ein falsches Wort und ich würde die Kontrolle über mich verlieren.
„Wir haben sie ins Krankenhaus gebracht“, korrigierte mich Linda. Ihre Lippen hatte sie fest aufeinander gepresst.
„Das Einzige, was du alleine geschafft hast, ist Holly erst in diese Lage zu bringen“, keifte sie mich an. Zornig schob sie ihre Augenbrauen zusammen und ballte ihre Hände zu Fäusten. Das war zu viel.
Dieser Satz brachte das Fass endgültig zum Überlaufen. Ungewöhnlich schnell machte ich fünf große Schritte und baute mich vor dem blonden Mädchen auf.
Als ich auf sie herabsah, traf mich ein paar brauner Augen in denen purer Hass blitzte. In meinen Händen tauchte ein mir bekanntes Kribbeln auf, das sich bis in meine Arme zog. Dieses Kribbeln war ein eindeutiges Zeichen dafür, dass meine Aggressionen bald raus mussten und für die Menschen, die sich in diesem Moment in meiner Nähe aufhielten, nahm es meist kein gutes Ende.
„Was fällt dir ein, soetwas zu sagen?“, knurrte ich und fletschte die Zähne. Verächtlich schnaubte Linda.
„Ich sage doch nur die Wahrheit. Wenn du sie in Ruhe gelassen hättest, als sie dich darum gebeten hat, dann wäre sie jetzt nicht hier“, spuckte sie mir regelrecht entgegen. Ich hatte schon den Mund geöffnet, doch sie kam mir zuvor.
„Wenn du sie wirklich lieben und das Beste für sie wollen würdest, dann hättest du sie niemals so oft treffen, geschweige denn eine Beziehung mit ihr eingehen dürfen. Du wusstest genau, in welche Gefahr du Holly dadurch bringst, aber du warst zu egoistisch, um sie aufzugeben. Du hast ihr Leben zerstört. Nur wegen dir hat sie unendliche Schmerzen erleiden müssen. Sie hat ihre Eltern verloren und deine Kollegen hätten sie beinahe umgebracht. Ich schwöre dir, ich mache dir das Leben zur Hölle, wenn meiner Freundin noch mehr passiert.“
Nach ihrer deutlichen Ansage atmete sie schwer und ihre Wangen waren gerötet. Im Normalzustand hätte ich ihr vermutlich Recht gegeben, wobei ich ihr das natürlich nicht gesagt hätte, aber ich war dermaßen in Rage, dass mich ihre Worte nur noch mehr aufregten.    
„Du hast keine Ahnung, was alles passiert ist und warum. Du kennst mich und meine Vergangenheit nicht, also misch dich nicht ständig ein. Holly liebt mich und hat sich für mich entschieden, akzeptier das endlich“, brüllte ich.
Ich spürte, wie mein Blut kochte und blitzschnell durch meine Adern rauschte. Das Kribbeln wurde unerträglich. Zur Sicherheit schob ich meine Hände fest in die Hosentaschen. Ich konnte es nicht riskieren, dass ich Hollys bester Freundin vor ihren Augen wehtat.
Lindas Miene war unergründlich. Sie schien weder wütend, noch überrascht zu sein oder sonst eine Emotion zu haben. Ihr Mund war nur noch ein dünner Strich. Ich hatte eine patzige Antwort erwartet, doch sie sagte kein einziges Wort. Zum Glück. Das eisige Schweigen machte mich wieder ruhiger.
Mein Puls normalisierte sich langsam und ich traute mich sogar meine Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. Das Kribbeln war jetzt nur noch sehr schwach. Ich warf einen kurzen Seitenblick auf Holly. Angespannt hockte sie auf dem Bett und sah uns beide mit großen Augen an. Sie schien die Luft anzuhalten.
Ich konnte sehen, wie sehr sie der Streit zwischen Linda und mir beunruhigte. Augenblicklich setzte ich mich neben sie.
„Es tut mir leid, dass ich mich trotz deiner Bitte nicht mit deiner Freundin verstehe. Es wäre wohl das Beste, wenn ich ihr nicht mehr begegne“, flüsterte ich ihr leise und demütig ins Ohr. Dann legte ich meine Stirn an ihre Schläfe. Wie mechanisch fing sie an zu nicken.
„Was flüsterst du denn?“, fragte Linda aufgebracht.
Sie hatte ihre Stimme wieder.
„Bitte hör auf ihn anzuschreien“, flehte Holly sie inständig an. Ihr enttäuschter Tonfall zerriss mir das Herz.
„Ich hasse es, wenn ihr euch ankeift. Ich weiß, dass ihr euch nicht leiden könnt, aber könnt ihr euch wenigstens in meiner Anwesenheit zusammenreißen?“ Die letzten Worte waren beinahe nur noch ein hohes Krächzen. Sie fing an zu zittern und als ich meinen Kopf zurückzog und ihr ins Gesicht sah, rannen warme Tränen ihre Wangen hinab.
Auf einen Schlag fühlte ich mich miserabel. Holly hatte vor ein paar Stunden schon genug durchgemacht und Linda und mir fiel nichts anderes ein, als uns zu streiten. Ich biss mir fest auf die Unterlippe.
„Du hast Recht. Wir haben uns wie Idioten aufgeführt.“ Das empörte Schnauben von Linda ignorierte ich.
„Wie gesagt, es wäre wohl besser, wenn ich das Zimmer verlasse, solange deine Freundin hier ist.“ Wie in Zeitlupe drehte Holly ihren Kopf zu mir. Mit dem rechten Handrücken wischte sie sich unbeholfen über die Augen, bis alle Tränen verschwunden waren.
„Na gut. Es geht ja nicht anders.“ Sie bekam ein zaghaftes Lächeln zu Stande. Diese kleine Geste verdrängte mein schlechtes Gewissen und stimmte mich fröhlich. Ich gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Nasenspitze, bevor ich aufstand und hinausging.

Gelangweilt ging ich im langen, ungemütlichen Korridor auf und ab; immer wieder an den gleichen Zimmertüren und kleinen Sitzecken vorbei. Während meines „Spazierganges“ fragte ich mich, warum Linda so lange bei Holly war. Ja gut, sie war ihre beste Freundin und machte sich Sorgen um sie, aber das war kein Grund mich eine Dreiviertelstunde warten zu lassen. Ich war mir ziemlich sicher, dass Linda bloß bei Holly blieb, um mir die kostbare Zeit mit ihr zu stehlen. Die Wut, die eben noch verraucht war, kehrte auf einen Schlag zurück. Am Liebsten wäre ich sofort ins Krankenzimmer gestürzt und hätte Linda hinausgejagt, doch als ich daran dachte, wie Holly reagieren würde, versuchte ich mich zu beruhigen. Ich atmete mehrmals tief durch.
Sie wird schon nicht mehr allzu lange bei ihrer Freundin sein. Wenn Linda weg ist, dann habe ich endlich wieder Ruhe vor ihr. Kurz schlich sich ein fröhliches Lächeln auf meine Lippen.
Ich lief immer weiter den Flur rauf und runter. Es war eine weitere halbe Stunde vergangen. Mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Die Krankenschwestern, die auf dieser Station Dienst hatten, warfen mir schon seit geraumer Zeit skeptische oder misstrauische Blicke zu. So langsam hatte ich keine Geduld mehr, egal, wie sehr ich mich auch zusammenriss.
Ich war hierher gekommen, um Zeit mit meiner Freundin zu verbringen und nicht, um herumzulaufen und darauf zu warten, dass ihre Freundin verschwand. Verärgert biss ich kräftig die Zähne zusammen. Ich würde Linda nur noch fünf Minuten geben. Danach würde ich einfach ins Zimmer zurückgehen und sie hinauswerfen. Mir war es mittlerweile egal, wie Holly darauf reagierte. Ich sah auf meine Uhr. Es war zwanzig nach zehn. Ab jetzt lief Lindas Zeit. Für sie hoffte ich, dass sie bis dahin Hollys Krankenzimmer verlassen hatte.
Der weiße Plastikstuhl, auf den ich mich niederließ, war hart und unbequem. Meine Stimmung sank immer mehr in den Keller. Ich sah gefühlte hundertmal auf meine Uhr.
Es waren dennoch erst dreieinhalb Minuten vergangen. Laut stöhnte ich und ließ meinen Kopf hängen. Entnervt massierte ich mit kreisenden Bewegungen meine Schläfen. Ich war stinksauer. Wenn ich gewusst hätte, dass Lindas Besuch dermaßen lange dauerte, dann hätte ich niemals freiwillig das Feld geräumt. Ich bereute es, dass ich gegangen war. Dabei hatte ich es Holly zuliebe getan, denn ich hatte gewusst, dass Linda und ich uns an die Gurgel gegangen wären, wenn ich das Zimmer nicht verlassen hätte. Das hatte ich nun davon. Ein weiteres Mal warf ich einen Blick auf meine Uhr. Noch eine Minute.
Komischerweise bekam ich ein Lächeln zustande. Ich stand langsam auf und machte mich bereit. In 60 Sekunden würde ich Holly wiedersehen. Ich hatte sie vermisst, obwohl ich erst vor über einer Stunde bei ihr gewesen war. Aber vielleicht lag es an der Tatsache, dass sie bloß sieben Meter von mir entfernt war, ich sie aber trotzdem nicht sehen konnte.
Ich machte ein paar große Schritte und schon stand ich einen halben Meter von Hollys Zimmer entfernt. Mein Lächeln fror jedoch ein und meine Freude, die in mir aufgekeimt war, schrumpfte mit einem Mal zusammen, als ich aus den Augenwinkeln mehrere Personen ausmachte, die sich als Hollys Freunde herausstellten.
Der dickliche Junge namens Zack ging voran. Danach kam das Mädchen mit den kurzen braunen Haaren. Ihren Namen hatte ich vergessen, doch das war nicht das Schlimmste. Den beiden folgten, mit einigem Abstand, ein Mädchen mit dunklem Haaren, das ich vorher noch nie gesehen hatte und tatsächlich dieser Idiot, der mich auf der Halloweenparty beschimpft hatte. Er sah dem mir unbekannten Mädchen ziemlich ähnlich. Ich vermutete, dass sie Geschwister waren. Sofort schob ich wütend meine Augenbrauen zusammen. Als die vier näher kamen und mich erkannten, sahen die beiden Jungs mich herablassend und wütend an.
Das kurzhaarige Mädchen dagegen schenkte mir ein fröhliches und ehrliches Lächeln. Sie kam als Einzige auf mich zu. Die anderen drei blieben abrupt stehen. Das andere Mädchen musterte mich interessiert, bevor sie sich dem Idioten zuwandte und leise anfing mit ihm zu reden. Wahrscheinlich fragte sie ihn, wer ich war.
„Hallo, James“, begrüßte mich die einzige Person, die mir wohlgesinnt war.
„Hi“, brachte ich kurz angebunden hervor.
„Du bist bestimmt hier, um Holly zu besuchen“, stellte sie fest, wobei ihre Augen kurz zur weißen Tür wanderten, hinter der sich Holly aufhielt.
„Ja, dass hatte ich vor“, antwortete ich und sah sie das erste Mal richtig an. In ihren haselnussbraunen Augen strahlte Herzlichkeit und grenzenlose Begeisterung. Als ich ihr direkt in die Augen blickte, färbten sich ihre Wangen zartrosa und sie sah verlegen zur Seite.
„Wieso stehst du dann draußen? Darfst du nicht rein?“ Nach ihrer Frage fiel ihr Blick wieder auf mich.
„Ich war schon bei Holly, aber Linda ist da und ich wollte die Beiden nicht stören“, antwortete ich mit zusammengebissenen Zähnen.
Es fiel mir schwer meine Antipathie gegen Linda zu verbergen.
Wenn ich ihr erzählen würde, dass ich Hollys beste Freundin nicht leiden konnte, dann hätte sie höchstwahrscheinlich Fragen gestellt und ich wollte nicht, dass sie misstrauisch wurde. Auf einen weiteren Mitwisser der ganzen Geschichte konnte ich getrost verzichten.      
„Das ist aber nett von dir.“ Sie strahlte mich an. Angestrengt dachte ich nach, um mich an ihren Namen zu erinnern, aber er wollte mir beim besten Willen nicht einfallen.
„Linda hat uns erst heute Morgen angerufen. Wir hatten ja keine Ahnung, dass Holly überfallen worden ist.“ In ihrem Gesicht konnte ich Besorgnis erkennen.
„Ich verstehe nicht, warum sie uns so spät Bescheid gesagt hat, schließlich sind wir ihre Freunde“, schloss sie enttäuscht an.
„Hat sie dich auch angerufen?“
Ich musste mich stark zusammenreißen, damit ich nicht laut auflachte. Diese Frage war für mich der Witz des Jahres. Statt zu lachen räusperte ich mich laut und ausgiebig.
„Nein, sie hat mich nicht angerufen. Linda hat wohl vergessen zu erwähnen, dass sie und ich Holly gefunden und ins Krankenhaus gebracht haben.“ Meine Stimme war nicht mehr, als ein Zischen.
Es war keine Überraschung, dass Linda mich nicht erwähnt hatte. Warum auch, schließlich hasste sie mich. Das Mädchen machte ein erstauntes Gesicht.
„Komisch, das hat sie uns wirklich nicht gesagt.“ Darauf konnte und wollte ich nichts erwidern.
Ich hob meinen Blick und sah zu den anderen drei Besuchern herüber. Seit ich angefangen hatte mich mit dem kurzhaarigen Mädchen zu unterhalten, hatten sie uns beobachtet. Ich vermutete, dass sie jedes Wort von uns beiden mitbekommen hatten.
Ihre Mienen waren ernst und angespannt. Es war offensichtlich, dass sie sich alle Sorgen um Holly machten und es kaum erwarten konnten sie zu besuchen. Es konnte mir ja auch recht sein, aber nicht jetzt und vor allem nicht, wenn dieser Idiot dabei war.
Augenblicklich wanderten meine Augen zu dem dunkelhaarigen Jungen, mit dem ich beinahe eine Schlägerei gehabt hatte, wenn Holly uns nicht getrennt hätte. Auch er sah mich an.
Ich konnte Abscheu sehen, die sich in seinen grünen Augen verbarg. Wie Linda mochte er mich nicht, aber nur, weil ich mit Holly zusammen war und er keine Chance bei ihr hatte. Meine Wut stieg stetig an. Nicht nur wegen dieses Kerls, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass Linda sie alle angerufen hatte, damit ich heute überhaupt nicht mehr zu Holly kam. Ich wusste genau, dass ich verloren hatte und zwar gegen Linda. Sie hatte bekommen, was sie wollte.
Sie hatte mich erfolgreich von Holly ferngehalten und da ihre anderen Freunde nun da waren, würde ich für den Rest des Tages draußen bleiben. Ich musste zwar nicht, schließlich konnte ich auch zusammen mit ihnen in Hollys Zimmer gehen, doch ich wollte nicht. Ich wollte nicht Lindas gehässiges Grinsen sehen oder zusammen mit Leuten gepfercht sein, die mich und die ich nicht leiden konnte, in einem winzigen Zimmer eingepfercht sein.
Ich musste wohl oder übel aufgeben. Zumindest hatte ich eine Lektion gelernt: ich würde niemals wieder so schnell nachgeben, wenn es darum ging, wer von uns beiden verschwinden sollte. Ich schnaubte. Unglaublich das Linda mich tatsächlich ausgestochen hatte. Ausgerechnet sie.
Als Produkt meines Zornes entfuhr meiner Kehle ein leises, bedrohliches Knurren. Das Mädchen, das immer noch vor mir stand, zuckte erschrocken zusammen und warf mir einen ängstlichen Blick zu. Ich tat so, als ob nichts passiert wäre und setzte ein falsches Lächeln auf. Dies ließ ihre Angst vergessen und die Begeisterung in ihre Augen zurückkehren.
„Ich werde jetzt gehen. Es war schön euch alle wiederzusehen.“ Nach meinen heuchlerischen Worten, die mich selbst anwiderten, sah ich noch einmal kurz zu der kleinen Gruppe herüber.
Dabei fiel mir auf, dass das andere Mädchen mir flüchtig zuwinkte und verwegen grinste.
Ich war leicht irritiert, aber ich konnte nicht weiter über ihr Verhalten nachdenken, denn die beiden Jungs setzten sich in Bewegung.
„Ich glaube deine Freunde wollen jetzt zu Holly.“ Das Mädchen folgte meinem Blick und nickte.
„Willst du vielleicht doch noch mal mit reinkommen? Holly würde sich bestimmt freuen.“
Der letzte Satz versetzte meinem Herz einen gewaltigen Stich. Natürlich würde sie sich freuen mich zu sehen, aber ich hatte nicht die Kraft mich gegen ihre Freunde zu behaupten; heute nicht.
„Nein, geht ihr nur. Ich komme in ein paar Stunden wieder.“
„Na gut“, entgegnete sie mit einem überraschten Unterton.
„Wir sehen uns bestimmt bald wieder.“ Zum Abschied hob sie kurz die Hand, bevor sie sich zu ihren Freunden gesellte, die schon ungeduldig vor Hollys Krankenzimmer warteten.
Gemeinsam gingen sie in das Zimmer, in welches ich am Liebsten gestürmt wäre. Enttäuscht und mit ordentlicher Wut im Bauch wandte ich mich ab und machte mich auf den Weg nach draußen.
Kaum hatte ich das Krankenhaus verlassen, wusste ich nicht, was ich tun sollte. Ich hatte keine Lust erneut stundenlang in der Kälte zu stehen und das nur, um darauf zu warten, dass Hollys Freunde nach Hause gingen.
Wie sollte ich also die nächsten Stunden verbringen?
Zuerst dachte ich daran in die Stadt zu gehen und dort etwas zu essen und neue Kleidung zu kaufen, doch dann keimte in mir eine andere Idee auf.
Ich könnte auch in meine Wohnung gehen und mir endlich das Geld und die Waffe aus meinem Safe holen, so, wie ich es mir vorgenommen hatte.
Ich musste riskieren, dass einige meiner Ex-Kollegen dort auf mich warteten. Aber womöglich wäre es auch gut, schließlich konnte ich mich nicht ewig verstecken. Ich wollte sie töten und zwar alle und dafür musste ich mich ihnen stellen.
Entschlossen machte ich mich also auf dem Weg zu meiner Wohnung. Ich ging zu Fuß, obwohl ich auch ein Taxi hätte rufen können, doch ich musste mich bewegen und in Ruhe darüber nachdenken, wie ich vorging, wenn ich auf meine Ex-Kollegen traf.
Das Problem dabei war nur, dass es mir nichts nutze einen Plan zu haben. Ich konnte nicht jedes Szenario durchgehen. Außerdem taten meine Ex-Kollegen sowieso nie das, was man von ihnen erwartete. Also versuchte ich nicht mehr daran zu denken, sondern meinen Kopf frei zu kriegen.
Es waren mickrige fünf Grad und der kräftige Wind war ebenfalls eiskalt. Ich ging schnell, um warm zu werden. Die Bäume mit ihren knorrigen, beinahe blattlosen Ästen wiegten sich hin und her. Die Straßen waren gefroren und glatt. Ich begegnete nur sehr wenigen Menschen, die so dick eingepackt waren, dass man nicht wusste, wo der Mensch anfing und der Mantel aufhörte. Wegen meiner locker sitzenden Jeans und meiner dünnen Lederjacke bekam ich ständig unverständliche Blicken zugeworfen. Mir war es egal. Ich wollte bloß so schnell wie möglich zu meiner Wohnung.

Es hatte eine Stunde gedauert, doch nun stand ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite meines Wohnhauses und sah hinauf zu den Fenstern des zweiten Stocks.
Schlagartig hatte ich ein beklemmendes Gefühl und meine Eigenweide verkrampften sich.
Was würde mich erwarten? War einer von ihnen hier? Wenn ja, würde ich lebend die Wohnung verlassen oder sterben? Ich war sehr angespannt. Mein ganzer Körper stand unter Strom. Ich hasste es, wenn ich nicht wusste, was als nächstes geschah. Irgendwie hatte ich ein ungutes Gefühl. Ich hatte die arge Befürchtung, dass ich direkt in eine Falle lief.
Dennoch überquerte ich schnellen Schrittes die Straße und lief zur Eingangstür. Mit zittriger, rechter Hand öffnete ich mit meinem Schlüssel die Tür und betrat das Treppenhaus. Mich erwartete eine unheimliche Stille.
Hart schluckte ich, um den schweren Kloß, der sich in meinem Hals festgesetzt hatte, loszuwerden. Ich konnte mir nicht genau erklären, warum ich dermaßen nervös war, aber ich vermutete, dass es an der für mich ungewohnten Situation lag.
Drei Jahre hatte ich mit meinen Ex-Kollegen Menschen getötet, ohne Angst haben zu müssen verletzt oder erwischt zu werden. Damals hatte ich mich stark und mächtig gefühlt, doch nun hatte sich alles geändert. Jetzt war ich derjenige, der ernsthaft um sein Leben fürchten musste. Ich wurde in eine Rolle gedrängt, die mir ganz und gar nicht gefiel.
Aber egal, was heute und auch in der kommenden Zeit, die alles andere als leicht für Holly und mich werden würde, passierte, ich würde es meinen Ex-Kollegen bestimmt nicht leicht machen. Ich würde alles für Hollys Schutz tun und mein Leben für ihres zu opfern zählte definitiv dazu.
Ich holte noch einmal tief Luft, bevor ich die Treppe hinaufging.
Jeder einzelne Schritt fiel mir dabei unglaublich schwer und das erste Mal, seit ich mich auf den Weg hierher gemacht hatte, stellte ich meine Entscheidung in Frage. Aber ich hatte immer noch die Chance zu gehen, oder?
Ja, aber nun war ich hier und ich würde mich der Herausforderung stellen, denn ich war kein Feigling, der weglief, wenn es mal gefährlich wurde.
Die letzten Schritte zu meiner Wohnungstür ging ich überaus langsam. Im Unterbewusstsein wollte ich wohl so viel Zeit, wie möglich, schinden. Als ich vor der hohen dunklen Tür stand, zögerte ich nur einen kurzen Augenblick, ehe ich sie aufschloss und in meine Wohnung trat, die ich seit geraumer Zeit nicht mehr betreten hatte.
Durch den fehlenden Sonnenschein war die Wohnung in ein trübes, deprimierendes Grau getaucht. Ich fühlte mich trotzdem wohl und geborgen. Endlich war ich wieder Zuhause.
Vergessen waren meine Unsicherheit und Besorgnis. Fröhlich lächelnd ging ich in die Küche, wo ich von einer Sekunde auf die Andere in die Realität zurückgeholt wurde, als ich einen Ellbogen mitten ins Gesicht gerammt bekam.
Mit einem heftigen Rumpfs kam ich auf den harten Parkettboden auf. Für einen Augenblick blieb mir die Luft weg. Ich konnte warmes Blut in meinem Mund schmecken und mir schwirrte der Kopf.
Dennoch wollte ich sofort aufspringen, um kampfbereit zu sein, aber ein Fuß, der genau auf meine linke Schulter platziert wurde und mich mit aller Kraft niederdrückte, machte mein Vorhaben zunichte.
„Du willst doch nicht schon gehen, oder Jimmy?“, fragte mich Mickey hämisch.
Obwohl ich vermutet hatte, dass jemand von ihnen hier war, hatte ich nicht mit einem so plötzlichen Angriff gerechnet. Und wäre dies noch nicht schlimm genug, musste ausgerechnet Mickey hier auftauchen.
Ich öffnete vorsichtig die Augen.
Mickey stand neben mir und hatte seinen linken Fuß auf meine Schulter gestellt. Natürlich, schließlich wusste er, dass Patton mich dort getroffen hatte.
Als er mit seine Augen in meine sah, trat er mit der Hacke noch ein bisschen kräftiger zu.
Der aufkommende Schmerz breitete sich von der Schulter, bis zu meinem Nacken und dem ganzen Rücken aus. Ich musste mich dazu zwingen nicht loszuschreien.
„Ich hoffe, es tut weh. So, wie die Kugel, die du mir ins Bein gejagt hast“, raunte er und verzog das Gesicht zu einer grässlichen Grimasse. Unbändiger Hass flammte in seinen Augen, als er den Druck auf meine Schulter noch ein weiteres Mal erhöhte.
Ein gequältes Keuchen kam über meine Lippen und meine Muskeln verkrampften sich. Vor Schmerz konnte ich keinen klaren Gedanken fassen. Ich kniff die Augen fest zusammen und versuchte bei jedem Atemzug so viel Sauerstoff, wie möglich, in meine Lunge zu bekommen.
„Wa…was willst du hi…hier, Mickey?“ Unter größter Anstrengung presste ich diese Worte hervor. Zur Antwort bekam ich ein schrilles, übertriebenes Kichern zu hören.
„Du weißt genau so gut wie ich, dass deine Frage völlig überflüssig ist, Jimmy“, sagte er vergnügt und gluckste. Und dann, ganz plötzlich, nahm er den Fuß und somit auch den unerträglichen Schmerz von meiner Schulter. Es war ein befreiendes Gefühl.
Ich öffnete wieder meine Augen und war völlig überrascht. Mickey war verschwunden. Ich blinzelte ein paar Mal, um mir sicher zu sein, dass ich nicht doch halluzinierte.
„Navarro und ich sind hier, um dich zu Jericho zu bringen, aber das hast du wohl schon vermutet.“ Mickeys Stimme kam von weit her. Er musste sich mehrere Meter von mir entfernt befinden.
„Nava…Navarro ist al…also auch da. Das hä…hätte ich mir au…auch denken kön…können“, brummte ich, während ich mich langsam aufrichtete. Kurze Zeit wurde mir schwarz vor Augen und ich musste mich am Küchentresen festhalten.
„Ich wundere mich nur, dass Jericho nicht noch mehr von euch schickt. Es scheint äußerst schwer für euch zu sein, mich zu ihm zu bringen.“ Trotz meines miserablen Gesundheitszustandes umspielte ein überhebliches Grinsen meine Lippen.
„Du bist ziemlich vorlaut, dafür, dass du in ordentlichen Schwierigkeiten steckst, Jimmy. Das solltest du lieber unterlassen“, ermahnte er mich.
Ich entgegnete nichts. Stattdessen atmete ich tief durch und drehte mich in die Richtung, aus der Mickeys Stimme gekommen war.
Ich entdeckte ihn im Wohnzimmer, wo er bequem auf meiner Ledercouch saß. Seine Schadenfreude strahlte mir regelrecht entgegen.
Dieser Gesichtsausdruck reichte bereits aus, um blitzschnell Wut in mir aufkommen zu lassen. Ich machte ein paar Schritte auf ihn zu. Dabei verdrängte ich den Gedanken, dass zwei meiner Ex-Kollegen hier waren und ich keine Ahnung hatte, wie ich fliehen sollte.
„Wie seid ihr überhaupt in meine Wohnung gekommen?“, fragte ich ihn und machte noch zwei weitere Schritte.
„Du weißt doch, dass wir immer einen Weg finden“, antwortete mir nicht Mickey, sondern eine tiefe Stimme.
Ich drehte mich zur Seite und entdeckte Navarro, der vor meiner geöffneten Schlafzimmertür stand.
Strähnen seines schulterlangen, schwarzen Haares fielen ihm ins Gesicht. Wie immer trug er seine alte, abgenutzte Lederjacke, die ihm ein heruntergekommenes Aussehen gab. Augenblicklich wurde meine Miene eiskalt.
„Wie wäre es, wenn wir endlich unseren Auftrag ausführen und nicht unsere Zeit mit Smalltalk verschwenden, Suffert?“, giftete Navarro seinen rothaarigen Kollegen an. Dieser verengte seine Augen zu Schlitzen, sagte aber nichts. Ich schaute zwischen den beiden hin und her.
Da ich wusste, dass es bald ernst wurde, machte ich sicherheitshalber wieder einige Schritte zurück Richtung Eingangstür.
„Ich würde dir raten stehen zu bleiben, Jimmy. Glaub ja nicht, dass du einfach abhauen könntest.“
Mickeys Kopf schnellte plötzlich zu mir. Seine grünen Augen fixierten mich.
Mir war klar, dass es zu leicht gewesen wäre, mich umzudrehen und wegzulaufen, aber trotzdem ärgerte es mich, dass Mickey mein Rückzug aufgefallen war.
Er erhob sich von der Couch und kam langsam auf mich zu. Zu meinem Pech musste ich feststellen, dass Navarro sich hinter mich begab. Somit war mein einziger Fluchtweg abgeschnitten. Durch ein Fenster zu fliehen war im zweiten Stock viel zu gefährlich. Diese Möglichkeit würde ich nur in Betracht ziehen, wenn es wirklich brenzlich wurde.
Jetzt musste ich mir schnell etwas einfallen lassen. Unmengen von Gedanken schossen mir durch den Kopf, doch ich konnte keinen Einzigen davon gebrauchen. Ich wurde unruhig.
Meine Hände fingen an zu zittern und meine Beine wurden weich. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Ich hatte keinen genauen Plan. Das war mir noch nie passiert.
Die anhaltende Stille war kaum auszuhalten. Ich hörte bloß mein eigenes laut pochendes Herz und meine unregelmäßigen Atemzüge. Unablässig starrte ich Mickey an, damit ich abschätzen konnte, wann er und Navarro mich angriffen.
Momentan musterte er mich. Vielleicht dachte er darüber nach, wie er mich am Besten verletzen konnte. Mir gefiel das absolut nicht. Die ganze Situation, in der ich mich befand, gefiel mir nicht.
Und dann hatte ich keine Zeit mehr nachzudenken, denn Mickeys linker Mundwinkel zuckte heftig. Das war das eindeutige Zeichen dafür, dass es jetzt erst richtig losging und ich um mein Leben kämpfen musste.
Zwei Sekunden später wurde meine Ahnung bestätigt, als Mickey auf mich zukam.
Ich konnte bloß vermuten, dass Navarro hinter mir das Gleiche tat. Blitzschnell wich ich zur Seite aus und rannte zur Tür, doch ich blieb abrupt stehen, als ich bemerkte, dass sich Navarro direkt vor die Tür gestellt hatte. Er hatte also doch nicht versucht mich zusammen mit Mickey anzugreifen. Verdammt, jetzt musste ich mir etwas anderes einfallen lassen und versuchen keine Vermutungen mehr über das Verhalten meiner Ex-Kollegen anzustellen.
„So schnell entkommst du uns nicht“, donnerte Navarro unverdrossen und fuhr sich durch die schmierigen Haare.
Plötzlich trat mir jemand mit aller Kraft die Beine weg. Dadurch, dass ich in diesem Moment Navarro meine volle Aufmerksamkeit geschenkt hatte, wurde ich durch Mickeys Angriff völlig überrascht.
Mit den Knien kam ich auf dem harten Parkett auf, doch das war noch längst nicht alles. Einen Fuß stellte er auf meine rechte Hand und trat zu. Der Schmerz war heftig und unangenehm, aber ich war froh, dass ich kein Knacken hörte. Es war also nichts gebrochen.
Navarro gab seinen Teil noch dazu, als er mit einer Hand in meinen Nacken fasste, meinen Kopf gewaltsam nach unten drückte und mein Gesicht auf den Boden presste. Ich wollte mich aufrichten, aber sein Griff war zu stark und außerdem stand Mickey unverändert auf meiner Hand. Ich saß fest.
„Tja, du hast dich wohl überschätzt, Jimmy“, höhnte Mickey mit schriller Stimme.
Meine jetzige Position war alles andere, als bequem. Ich hatte Schmerzen in der Hand, im Rücken und auch in der linken Schulter.
Mir war schwindelig und übel.
Auf einmal nahm Mickey seinen Fuß von meiner Hand und Navarro ließ meinen Nacken los, aber nur, um mir in die Haare zu packen und meinen Oberkörper und Kopf in die Höhe zu reißen.
Ich atmete schwer und kalter Schweiß stand mir auf der Stirn. Ich fühlte mich so schwach, wie noch nie in meinem Leben. Dabei wusste ich nicht, warum ich mich so einfach hatte überwältigen lassen. In der Nacht, in der Hollys Eltern ermordet worden waren, hatte ich es gleich mit fünf von ihnen aufgenommen und ich hatte sowohl Hollys Leben, als auch mein Eigenes gerettet. Was war also los mit mir?
„Endlich kriegst du das, was du verdient“, schrie mir Navarro entgegen und schlug mir mitten ins Gesicht.
Augenblicklich schoss mir eine Menge Blut aus der Nase, das auf den Boden spritzte und mir über den Mund, das Kinn und den ganzen Hals floss. Ich hatte das Gefühl, dass mein Schädel bald platzte. Lange würde ich das nicht mehr aushalten.
„So leicht mache ich es euch nicht“, entgegnete ich dennoch mutig und sah Mickey, der sich vor mir aufgebaut hatte, entschlossen an. Nach diesen Worten musste ich erst einmal das Blut, das mir in den Mund gelaufen war, ausspucken.
Navarro und Mickey sahen sich an, bevor sie in schallendes Gelächter ausbrachen. Ich dagegen verzog keine Miene.
„Das ist wirklich witzig, Roddick, weil es im Moment nicht danach aussieht, als ob du uns aufhalten wolltest“, spottete Navarro und grinste hinterhältig. Mickey nickte eifrig. Dann grinste er teuflisch und trat mir in den Magen. Da Navarro von meinen Haaren abgelassen hatte, kippte ich zur Seite und versuchte angestrengt mich nicht zu übergeben.
Ich krümmte mich auf dem Boden. In mir flammten blanker Hass und unbändige Wut. Ich wollte mich wehren und es ihnen schwer machen, doch mein Vorhaben scheiterte an der Umsetzung. Was sollte ich nur tun? Wie kam ich aus diesem Schlamassel wieder raus?
„Lass uns keine Zeit mehr verlieren, Suffert. Bringen wir ihn endlich zu Jericho“, knurrte Navarro.
Jetzt musste ich mir ganz schnell etwas einfallen lassen, sonst würde ich heute bei Jericho landen und dann wäre nicht nur mein Leben vorbei, sondern auch das von Holly. Es wäre niemand mehr übrig, der sie vor meinen durchgeknallten Ex-Kollegen beschützen würde.
Der Gedanke an Holly durchfuhr mich wie ein Blitz und belebte meinen Körper. Ich musste jetzt gegen Mickey und Navarro kämpfen.
Ich mobilisierte meine verbliebenen Kräfte und erhob mich so schnell, dass die Beiden mich verwundert und leicht panisch ansahen. Bevor sie realisiert hatten, was passiert war, schlug ich Mickey mit voller Wucht gegen den Kehlkopf.
Laut rang er nach Atem und taumelte nach hinten. Diesen Augenblick nutze ich, um zur Tür zu hechten, doch kurz bevor ich sie erreichte, wurde ich aufgehalten.
Eine große, kräftige Hand umfasste meinen rechten Knöchel. Ich geriet ins stolpernd und fiel der Länge nach hin.
„Du entkommst uns nicht ein weiteres Mal, Jimmy“, kreischte Navarro zornig hinter mir. Ich rappelte mich auf, noch ehe er mich wieder an meiner Flucht hindern konnte. Um sicher zu gehen, dass er mir nicht folgen würde, wirbelte ich herum.
Ich war überrascht, dass Navarro direkt vor mir stand.
Seine dunklen Augen sprühten förmlich vor Hass, als er seine rechte Hand zu einer Faust ballte. Er wollte mir schon ins Gesicht schlagen, doch ich wich galant aus und verpasste ihm stattdessen selbst einen Schlag.
Nachdem ich die Beiden für eine kurze Weile aufgehalten hatte, sah ich meine Chance auf Flucht gekommen, aber als ich die letzten Meter zur Tür überwunden hatte, fiel mir plötzlich ein, dass ich noch die Waffe und das Geld aus meinem Safe holen musste. Deswegen war ich ja überhaupt in meine Wohnung zurückgekehrt.
Ich machte also auf dem Absatz kehrt, wobei ich beinahe auf meinem eigenen Blut, das auf dem Boden verteilt war, ausgerutscht wäre. Ich fing mich jedoch und konnte einen weiteren Sturz vermeiden. Danach rannte ich so schnell ich konnte zu meinem Schlafzimmer, ohne mich noch einmal nach den Beiden umzusehen.
Kaum hatte ich das Zimmer betreten, da knallte ich die Tür zu und schloss sie ab. Ich lehnte mich gegen die Wand und atmete erstmal richtig durch. Mit der rechten Hand wischte ich mir gleich das Blut aus dem Gesicht.
Mir fiel auf, dass durch die ganze Aufregung meine Hände unablässig zitterten.
Ich ballte meine Hände zu Fäusten, um wieder die Kontrolle über meinen Körper zu erlangen, welcher mit Adrenalin vollgepumpt war. Daher spürte ich zum Glück weder die Schmerzen, die die Beiden mir zugefügt hatten, noch die Schmerzen von meinem Sturz.
Ich fühlte mich, als ob ich schwebte. Leider würde dieser Zustand nicht für ewig anhalten.
Eine lange Pause gönnte ich mir jedoch nicht. Ich wollte so schnell wie möglich hier weg und ich würde nie mehr wiederkommen. Ich stieß mich von der Wand ab, ging zu meinem Kleiderschrank und riss die Tür auf.
Wenn meine Kollegen nicht hier gewesen wären, dann hätte ich sicherlich einige Kleidungsstücke mitgenommen, doch das konnte ich in meiner momentanen Lage vergessen. Ich kniete mich hin und machte mich an dem Safe zu schaffen. Dabei hörte ich mit einem Ohr genau hin. Ich wollte nicht, dass mir irgendetwas entging, besonders wenn Mickey und Navarro etwas gegen mich planten. Nebenan war es beunruhigend still, was mich nervös machte.
Ich beeilte mich den Inhalt des Safes einzusammeln. Die Beretta in meinem Hosenbund zu verstauen war kein Problem, aber die 250.000$ irgendwo unterzubringen war schwieriger. Die meisten Bündel stopfte ich in die Hosentaschen und in die Taschen der Lederjacke. Den Rest steckte ich ebenfalls in meinen Hosenbund und verdeckte alles mit meinem T- Shirt. Ich konnte bloß hoffen, dass nichts herausfiel. Einen Augenblick ruhten meine Augen auf den Karton mit meinen Erinnerungsstücken. Auch ihn hätte ich gerne mitgenommen, doch zurzeit waren die für mich wertvollen Gegenstände hier viel sicherer aufgehoben.
Nachdem ich den gesamten Safe geleert hatte, verharrte ich erstmal in meiner Position und dachte angestrengt nach. Es war riskant das Zimmer durch die Tür zu verlassen, da meine Ex-Kollegen mit hoher Wahrscheinlichkeit nur darauf warteten. Natürlich hätte ich auch auf sie schießen können, doch die Gefahr war zu groß, dass meine Nachbarn die Polizei riefen und das war das Letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte.
Durchs Fenster zu fliehen war nicht weniger riskant, aber mir blieb keine andere Wahl. Ich verdrängte einfach die Möglichkeit, dass ich aus dem zweiten Stock fallen und sterben könnte.
Ich fackelte also nicht lange und eilte zum großen Fenster. Kurzerhand riss ich es auf und ein eisiger Wind peitschte ins Zimmer, der mich frösteln ließ.
Ich ignorierte die Kälte und stieg auf die Fensterbank. Genau das gleiche hatte ich bei Holly Zuhause gemacht.
Nur der Unterschied hierbei war eindeutig die Höhe und die Tatsache, dass an meinem Schlafzimmerfenster keine Regenrinne entlanglief. Ich wagte einen kurzen Blick nach unten. Sogleich musste ich hart schlucken. Das würde kein Zuckerschlecken werden, definitiv nicht.
Mir schossen auf einmal schreckliche Bilder meines Todes durch den Kopf. Ich sah meinen Körper mit gebrochenen Armen und Beinen und einem geplatzten Schädel. Heftig schüttelte ich den Kopf, um diese Gedanken zu verscheuchen. Ich musste mich konzentrieren. Ich durfte mich auf keinen Fall ablenken lassen.      
Ich war gerade im Begriff meinen Weg aus dem Fenster fortzusetzen, als ich in der Bewegung innehielt und schockiert die Augen weit aufriss.
Unten entdeckte ich den roten Schopf von Mickey. Momentan schaute er nicht nach oben, sondern beobachtete aufmerksam die Straße. Er schien mich noch nicht gesehen zu haben. Schnell zog ich mich ein Stück zurück, damit er mich nicht doch entdeckte.
Scheiße, jetzt musste ich meinen Plan ändern. Ich hätte nicht gedacht, dass sich einer von ihnen vor den Fenstern postieren würde. Einen Augenblick war ich völlig überfordert und wusste nicht, wie ich aus dieser Misere herauskommen sollte, aber dann schaltete sich mein Verstand ein.
Mir blieb nichts anders übrig, als umzukehren.
Entkräftet seufzte ich und kletterte zurück in mein Schlafzimmer. Plötzlich drehte sich alles vor meinen Augen. Der Druck in meinem Kopf war kaum noch zu ertragen. Ich musste schleunigst von hier verschwinden.
Bevor ich weiterging, wartete ich ein paar Minuten, bis es mir halbwegs wieder gut ging. Dann näherte ich mich mit leisen Schritten der Tür. Ich war mir sicher, dass Navarro auf der anderen Seite auf mich wartete. Wie sollte ich nun vorgehen?
Angestrengt dachte ich nach, aber jeden Plan verwarf ich wieder; es brachte ja doch nichts. Das Beste war einfach durch die Tür zu fliehen und spontan zu entscheiden, was zu tun war. Mechanisch nickte ich, um mein Vorhaben zu bestätigen.
Innerlich sprach ich mir Mut zu und versuchte mich selbst zu motivieren. Danach verlor ich jedoch keine Zeit mehr. Mit einem kräftigen Ruck öffnete ich die Tür und stürmte los.

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