Hunted

Rote Augen, die vor ihr in der tiefen Schwärze auftauchten, doch schillernd Grüne, vor denen sie floh. Die Läuferin war schneller als sie. Sie hatte keine Chance, das war ihr bewusst, doch warum weigerte ihr Körper sich dann aufzugeben? Ihre Kleidung war zerrissen und doch blieb sie ständig an Dornen hängen. Sie blutete, kaum merklich, doch genug für die Kreaturen, um sie zu wittern.
Ich bin keine von denen, dachte sie verzweifelt. Spätestens wenn sie getötet worden war, würde man erkennen, dass die Anschuldigungen nicht stimmten.
Ein wahnsinniges Lachen schallte durch den Wald und sie war sich sicher, dass spätestens jetzt jede der Kreaturen auf dem Weg hierher war. Die Läuferin brauchte selbstverständlich keine Angst zu haben. Schließlich war sie bewaffnet und da sie auch nicht mehr ganz bei Verstand war, suchte sie regelrecht den Kontakt mit den Kreaturen. Sie genoss es ganz einfach, Blut zu vergießen.
Emilia atmete schwer und fing gerade so ihr Gleichgewicht, als sie zu fallen drohte. Sie musste weg, raus aus dem Wald, weg von der Läuferin. Nur wohin?
Sie war noch nie zuvor in ihrem Leben außerhalb der Stadtmauern gewesen. Dort war sie aufgewachsen, sicher und behütet. Die Stadt mit den Pflastersteinen und den alten Backsteinhäusern war ihre ganze Welt gewesen. Bis jetzt.
Sie konnte nicht sehen, wo sie hinrannte. Ihr war nur klar, dass sie weiter musste. Weiter, immer weiter. Aber ihre zerfetzte Kleidung klebte an ihrem schweißnassen Körper und sie konnte nicht einmal erkennen, wo sie hintrat. Ich brauche Hilfe.
Nur leider war dort niemand, der ihr helfen würde. Für die Kreaturen war Emilia ein gefundenes Fressen und die Läuferin wollte nichts anderes, als ihren Kopf zurück in die Stadtmauern zu tragen und sich dafür feiern zu lassen.
Emilia atmete schwer und kniff fest die Augen zu. Es war ohnehin so stockdunkel, dass sie nichts erkennen konnte. Sie versuchte schneller zu laufen, doch ihre Füße fühlten sich an wie leblose Klumpen und sie schaffte es nicht. Ich werde sterben.

Vielleicht hätte sie die Augen gesehen, die vor ihr in der Finsternis auftauchten. Sie hätte stehen bleiben oder ausweichen können. Doch stattdessen stieß Emilia gegen etwas hartes. Es tat weh und sie stolperte rückwärts, in der Annahme gegen einen Baum gelaufen zu sein. Doch die eiskalte Hand und die langen Finger, die sich um ihr Handgelenk schlossen, belehrten sie eines besseren. Sie riss die Augen auf und spürte ihr Herz einen Schlag aussetzen. Vorbei. Ihr Leben war vorbei.
Direkt vor ihr glühten rote Augen, in denen sie den Blutdurst klar erkennen konnte. Der Griff um ihr Gelenk verstärkte sich und lange, spitze Fingernägel stachen in ihr Fleisch. Sie zuckte lediglich zusammen, ihre Sinne benebelt. Das Glühen wirkte betäubend auf Emilia. Die Angst verließ sie, das konnte sie spüren, sie wurde ruhig.
Ganz langsam drehte sie den Kopf, um nicht weit hinter sich die grünen Augen in der Dunkelheit leuchten sehen zu können. Wenn die Läuferin ein Mensch war, warum hatten ihre Augen dann eine so unnatürliche Farbe?
Emilia wurde mit einem kräftigen Ruck an den harten Körper gezogen und erwiderte den stechenden Blick, der auf ihr ruhte. Für einen Moment versuchte sie in den roten Augen zu lesen, was in der Kreatur vorging. Doch dann wollte sie sich selbst dafür auslachen. Kreaturen wollten nur eins, Fressen. Und zwar Menschenfleisch. Sie verfügten nicht über etwas, das man Gewissen oder Verstand nannte. Blutdurst und Morddrang waren das einzige, das ihren Körper wieder aufleben ließ. Der Professor der Stadt und gleichzeitig Direktor der einzigen Schule war nach langen Forschungen zu diesem Schluss gekommen. Emilia blieb also nichts anderes übrig, als zu sterben.
Sie schloss die Augen, als die andere eiskalte Hand der Kreatur ihren Körper hoch wanderte und schließlich an ihrem Hals stoppte. Ein rauer Daumen streichelte ihr über die Wange, doch es war keine emotionale Geste. Emilias Atem stockte und sie versuchte nicht daran zu denken, dass man ihr gleich den Kehlkopf ausreißen oder an einer anderen Stelle ihres Körpers einzelne Fleischfetzen verschlingen würde.
Sie wollte nicht auf diese Art sterben.
Emilia legte den Kopf in den Nacken und spürte die Tränen über ihre Wangen rollen. Das wahnsinnige Lachen der Läuferin kam immer näher. Glatte, spitze Zähne glitten über die Pulsader an ihrem Hals. Ein eisiger Körper presste sich an den ihren, und sie schien regelrecht zu kochen. Es passierte nichts. Als Emilia rasselnd ausatmete, öffnete sie die Augen. Und bereute es noch im selben Moment. Das glühende Rot vor ihr fixierte sie und kurz darauf durchschlug ein dumpfer Schmerz ihren Hals . Sie schrie nicht, jedoch merkte sie, wie ihr gesamter Körper erschlaffte. Die dicke, heiße Flüssigkeit rann ungehemmt über ihre Brust und Schulter und überall im Wald ertönten schreckliche Schreie. Äste knackten und gehetzte Schritte kamen näher.
Emilia weigerte sich, den intensiven Geruch von Blut noch länger zu ertragen und seufzte, als eine taube Schwäche in ihre Glieder kroch. Sie würde sterben, das wusste sie.

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