I

Es war bereits Abend, als Willow Bennett aus dem Schlaf hochfuhr.

Sie brauchte einen Moment, um zu realisieren, wo sie war. Dies war Sebastians Zimmer und der lag tief und fest schlafend hinter ihr und hatte einen Arm über ihre Hüfte gelegt, hielt seine Freundin fest, als ob er sie beschützen wollte. Ein Lächeln huschte über das Gesicht der jungen Frau.

Vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, befreite sie sich aus seiner Umarmung, was der Schlafende mit einem Brummen quittierte. Leise stand Willow auf und ging hinüber zu dem Fenster des Raumes. Die Sonne verschwand gerade hinter ein paar Häusern, die an den großen Garten der Villa angrenzten. Der Himmel hatte ein tiefes Dunkelblau angenommen, welches von blass-orangefarbenen, dünnen Schleierwolken durchzogen war, die stellenweise in ein kräftiges, leuchtendes Orangerot wechselten. Willow seufzte. Es war ein wunderschöner Anblick und alles wirkte einfach nur friedlich.

Es war Mitte September und die ersten Boten des Herbstes machten sich bemerkbar. Die junge Frau konnte es kaum glauben, dass noch vor drei Wochen eine unerträgliche Hitze geherrscht hatte. Jetzt stiegen die Temperaturen tagsüber kaum noch über fünfzehn Grad und die ersten Blätter fingen an, sich zu verfärben. Willow liebte den Herbst und war froh, die Wärme des Sommers hinter sich gelassen zu haben, auch wenn es hier in England meist erträglich war, wenn man an andere Teile der Welt dachte. Die letzte Woche im August war allerdings extrem heiß gewesen, was sich sogar noch bis Anfang September gezogen hatte. Aber das war zum Glück jetzt vorbei.

Schmunzelnd dachte die junge Hexe an das Wochenende, an dem sie und Sebastian ihr erstes, offizielles Date gehabt hatten. Damals hätte sie nicht geglaubt, dass es irgendjemand schaffen würde, sie von ihrem Trauma zu befreien. Doch manchmal brauchte es halt nur die richtige Person, um bestimmte Probleme aus der Welt zu schaffen – wenn es auch eine gewisse Zeit und eine Menge Geduld braucht.

Leise öffnete Willow das Fenster und lauschte den Geräuschen, die die vereinzelt vorbeifahrenden Autos verursachten und die von dem leichten Wind, der wehte, um die Villa herumgetragen wurden.

Die junge Hexe atmete die kühle Abendluft ein und ließ ihre Gedanken schweifen ...

~ 27. August 2016 ~

Mit schnellen Schritten überquerte Willow den Hof des Gestüts, auf dem sie arbeitete.

Ihr langer Zopf wippte dabei hin und her und die Vormittagssonne zauberte verschiedene Lichteffekte in die dunkelroten Haare und ließ diese wie Feuer glühen.

Der Sommer meinte es noch einmal richtig gut mit der sonst oft so verregneten und eher kühlen Gegend Englands.

So als wollte er sich, bevor er dem Herbst würde weichen müssen, noch einmal behaupten.

Die junge Frau betrat das alte Herrenhaus aus braunem Backstein, in welchem sie an den Tagen, an denen sie hier arbeitete, ein kleines Zimmer bewohnte. Der Gestütsbesitzer, Alan Summerson, hatte diese Regelung ins Leben gerufen, damit seine Angestellten, die nicht in der unmittelbaren Nähe wohnten, nicht jeden Tag einen langen Anfahrtsweg hatten oder sich womöglich genötigt sahen, umzuziehen.

Das Anwesen war groß und hatte etliche, leer stehende Räume. Der Geschäftsmann lebte hier nach dem Tod seiner Frau vor fünf Jahren ganz alleine - Kinder hatte er keine. Es war also genug Platz. Aber außer Alans Neffe Luca und Willow wohnten die Angestellten alle in der Nähe und so war der Besitzer des Gestüts froh, dass wenigstens die beiden sein Angebot angenommen hatten.

Die Rothaarige durchquerte den dunklen und angenehm kühlen Empfangsbereich des Hauses, um gleich darauf die steinerne Treppe am Ende des Raumes hinaufzusteigen.

Die junge Frau war nervös. Hunderte Ameisen schienen in ihrem Magen herumzukrabbeln. Sie hatte nämlich eine Verabredung. Eigentlich war das für die meisten Menschen nichts Besonderes, aber für die junge Hexe schon. Es war seit einer gefühlten Ewigkeit das erste Mal, dass sie sich auf ein Treffen dieser Art einließ - ein Date mit einem Mann.

Wer Willow nur flüchtig kannte, würde sich vermutlich wundern, warum diese, nach Außen hin doch so selbstbewusst erscheinende Frau, so dermaßen nervös, ja fast panisch reagierte, wenn es um eine Verabredung mit einem Vertreter des männlichen Geschlechts ging. Aber das hatte alles seinen Grund. Allerdings wusste niemand, außer Willows bestem Freund Luca, welch dunkles Geheimnis die junge Hexe tief in ihrem Inneren verborgen hielt. Was sie in ihrer letzten Beziehung erleiden musste. Durch welche persönliche Hölle sie gegangen war. Und es ging, so fand sie, auch niemanden etwas an. Sollten die Leute sie ruhig belächeln. Das war ihr egal.

Leise seufzend betrat Willow ihr Zimmer und versuchte, die negativen Gedanken abzuschütteln. Nein! Sie würde nicht zulassen, dass ihre schlechten Erfahrungen aus der Vergangenheit ihre Gegenwart bestimmten - nicht mehr.

Das wäre auch ihm gegenüber nicht fair. Sebastian schien nicht wie die meisten anderen Männer zu sein, die die junge Frau seit damals kennengelernt hatte. Die nur eine schnelle Nummer suchten, schnelle Befriedigung oder, falls sie sich doch auf mehr als einen One-Night-Stand einließen, ihre Partnerin unterdrückten, misshandelten und missbrauchten. Sie wie ein Stück Dreck behandelten. Denn genau das war es, was Willow in ihrer Beziehung widerfahren war.

Aber mit all dem hatte Sebastian nichts zu tun und die junge Frau hoffte, dass sie mit seiner Hilfe endgültig in der Lage sein würde, ihr Trauma zu überwinden.

Wieder seufzte sie, während sie sich ihrer Kleidung entledigte und in die Dusche stieg. Willow genoss das warme Wasser auf ihrem Körper, trotz der Hitze draußen. Und es schien, als ob es nicht nur den Staub, der immer durch das Einstreuen der Pferdeboxen im Stall aufgewirbelt wurde und der, vermischt mit ihrem Schweiß, wie ein dünner Film auf der Haut lag, weg wusch, sondern auch die negativen Gedanken davon spülte.

Nach dem Duschen wickelte Willow sich in ein Badetuch und trocknete ihre Haare, was aufgrund der Länge einige Zeit in Anspruch nahm. Das gab ihr wiederum Gelegenheit, weiter über Sebastian nachzudenken.

Sie waren sich das erste Mal hier auf dem Gestüt über den Weg gelaufen, hatten da allerdings nicht viele Worte, sondern eher Blicke gewechselt. Aber es hatte gereicht, um die sonst so skeptische und scheue Willow neugierig zu machen. Ein paar Wochen später hatten sie sich auf einem Ball der High Society, zu dem Willow Luca begleitet hatte, wieder getroffen.

Er, Sebastian, war dort in seiner Funktion als Butler seines Arbeitgebers, dem rumänischen Grafen Viktor Draganesti, gewesen und hatte nicht den Vorsatz gehabt, jemanden näher kennenzulernen. Ebenso wenig wie Willow. Aber das Schicksal hatte es anders geplant.

An diesem Abend waren die beiden nahezu ununterbrochen zusammen gewesen, hatten viel geredet, gelacht und noch mehr miteinander getanzt. Und am Ende waren beide nicht wirklich glücklich darüber gewesen, sich wieder trennen zu müssen.
Sie hatten aber zumindest Nummern ausgetauscht und jeder war erst einmal wieder seiner Wege gegangen. Sebastian hatte es Willow überlassen, sich zu melden und das tat diese nach zwei Tagen des hin und her Überlegens auch. Seither hatten sie etliche Male telefoniert und gemailt, aber sich nicht wieder getroffen, weil einfach die Zeit gefehlt hatte ... Bis heute.

Sebastian war es gewesen, der schließlich die Initiative ergriffen und die junge Hexe um ein Treffen gebeten hatte.

Und es war Willow nicht schwer gefallen, auf die Einladung zu diesem Date einzugehen, denn sie wusste, dass dieser Mann nie etwas tun würde, um ihr zu schaden. Auch wenn sie sich noch nicht so lange kannten, aber ihr Bauchgefühl hatte die junge Frau noch nie im Stich gelassen. Trotzdem war sie so nervös wie selten zuvor.

Nachdem ihre Haare halbwegs trocken waren, legte die junge Frau den Fön beiseite, band ihre hüftlange Mähne zusammen und zog sich an. Eigentlich hatte sie in Jeans und Turnschuhen gehen wollen, aber da es so erbärmlich heiß war, hatte sie sich dazu entschlossen, ein leichtes, kurzes Sommerkleid anzuziehen.

Sie schlüpfte in ein paar leichte, flache Schuhe, schnappte sich ihre Tasche, in der sie alles, was sie brauchte, verstaut hatte und verließ dann ihr Zimmer.

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