I.3 - Eine neue Macht

„Hast du dich jemals mit der Frage nach dem Wesen des Menschen beschäftigt?“

Langsam blickte Hermine von ihrem Aufsatz hoch. Sie saß an einem der Tische in der kleinen Bibliothek, die an den Slytherin-Gemeinschaftsraum anschloss, und arbeitete sich durch die Arithmantik-Aufgabe, die sie heute als Hausaufgabe bekommen hatten. Tom hatte ihren Mitschülern zu verstehen gegeben, dass er die kleine Bibliothek heute gerne für sich alleine nutzen wollte, und nachdem sowohl Abraxas als auch Lestrange und Avery ohne zu murren den Raum verlassen hatten, hatten die anderen Schüler sie tatsächlich alleine gelassen. Es war erstaunlich, wie schnell alle als selbstverständlich hinnahmen, dass Tom solche Forderungen stellen konnte. Zum wiederholten Male fragte Hermine sich, ob Tom ohne die Unterstützung einflussreicher Zauberer wie Abraxas Malfoy auch so ein leichtes Spiel gehabt hätte.

Sie legte ihre Feder sorgfältig beiseite und schaute zu Tom hoch, der an einem der Regale stand, den Rücken ihr zugedreht, und in einem Buch blätterte. Er hatte die letzte halbe Stunde geschwiegen, was ungewöhnlich war, wenn sie alleine war, doch es hatte ihr die Möglichkeit gegeben, ihre Hausaufgaben in Ruhe zu machen.

„Schon oft“, erwiderte sie wahrheitsgemäß: „Insbesondere seit ich dich kenne.“

Er machte keine Anstalten, sich zu ihr umzudrehen, doch er hörte auf, das Buch zu durchblättern: „Oh, ist das so? Warum?“

Unbewusst spielte Hermine mit einer Strähne ihres lockigen Haares: „Du gibst mir das Gefühl, als hättest du ein ganz klares Bild davon, wie Menschen sind. Vom Wesen her. Und es scheint, als sei dieses Bild nicht positiv. Du hast schon mehrmals über dein Blut gesprochen, über den Unterschied zwischen Zauberern und Muggeln, über das, was dich über andere Zauberer erhebt. Du hast von Ketten der Moral gesprochen, die verhindern, dass wir unser ganzes Potential nutzen. Die vielen Dinge, die ich aus deinem Mund gehört habe, summieren sich zusammen zu einem Bild, das uns Menschen als dumme Kreaturen zeichnet, die sich davor scheuen, ihre Kraft zu gebrauchen – wenn sie denn welche haben.“

Nun hatte sie seine Aufmerksamkeit. Er klappte das Buch zusammen, in dem er zuvor gelesen hatte, und stellte es zurück ins Regal, ehe er an den Tisch zu ihr herantrat: „Wie immer messerscharf beobachtet, meine Liebe. Doch die Frage war nicht, was ich über das Wesen des Menschen denke – sondern du! Was ist deine Ansicht?“

Er hatte beide Hände vor ihr auf den Tisch gestützt und musterte sie intensiv von oben. Offensichtliches, echtes Interesse funkelte in seinen Augen. Augenblicklich begriff Hermine, dass dieses Gespräch ihr Schlüssel sein konnte, um von Tom mehr über seine Pläne zu erfahren. Sie war sich sicher, dass er alle anderen Menschen, egal ob Zauberer oder Muggel, nur als ungebildete Masse betrachtete, die er als herausragend intelligenter Magier zu führen hatte. Wenn sie ihn davon überzeugen könnte, dass sie ähnlich dachte, wer wusste, was er dann tun würde?

Sie grub in ihren Erinnerungen. Was hatte sie erlebt, was ein schlechtes Bild auf ihre Mitmenschen werfen könnte? Sie kannte mutige, selbstlose Zauberer wie Harry, die bereit waren, wirklich alles zu opfern, um der Gemeinschaft einen Dienst zu erweisen. Sie kannte ganz durchschnittliche Zauberer wie Ron, die Angst kannten und von Selbstzweifeln geplagt waren, die aber in Momenten, in denen es darauf ankam, über sich selbst hinauswachsen konnten. Sie alle waren Beweis, dass die Zauberergemeinschaft aus vielen starken Individuen bestand.

Noch während sie diesem Gedanken nachhing, fielen ihr jedoch diverse Gegenbeispiele ein. Cornelius Fudge, der ehemalige Zaubereiminister, war das beste Beispiel dafür, was geschehen konnte, wenn ein schwacher Mann Macht bekam. Und noch ein anderer, ganz aktueller Umstand schlich sich plötzlich in ihr Bewusstsein.

Für einen Moment noch schwieg sie, um ihre Gedanken zu ordnen, dann faltete sie ihre Hände sorgsam auf dem Tisch und erwiderte Toms Blick mit gleicher Festigkeit: „Viele Menschen, egal ob Zauberer oder Muggel, sind schwach. So schwach, dass Macht in ihren Händen nur Übles anrichten kann. Wir hatten einen mächtigen Politiker in unserer Zauberergemeinschaft. Ich weiß nicht, wie er an die Macht gekommen ist, aber er war nicht kompetent. Je länger er im Amt war, desto offensichtlicher wurde, dass all seine Handlungen nur dem Zweck dienten, seine Stellung zu halten. Statt sich um Verbrecher zu kümmern oder offensichtliche Wahrheiten zu akzeptieren, hat er die Zeitungen unter Druck gesetzt, um ein friedliches, harmloses Bild der Gemeinschaft zu vermitteln, obwohl wir wirklich … reale Gefahren innerhalb unserer Reihen hatten. Das Ganze ist dramatisch gescheitert, weil irgendwann die Verbrecher in die Öffentlichkeit getreten sind. Hätte er nicht alles versucht, um ihre Existenz zu vertuschen, hätten sie nie so mächtig werden können. Stattdessen wäre es beinahe in einer Katastrophe mit vielen Toden geendet. Das ist schon … eine Weile her, aber für mich war es eine ausdrückliche Warnung, dass schwache Menschen niemals Macht bekommen sollten.“

Bei der Erinnerung an die Schmutzkampagne, die Fudge gegen Harry und Dumbledore gefahren hatte, kochte wieder heiße Wut in Hermine hoch. So Vieles hätte anders, hätte besser laufen können, wenn er nicht so stur und dumm gewesen wäre. Sie zwang sich, nicht emotional zu werden, sondern sich ganz auf ihre aktuelle Gegenwart zu konzentrieren: „Oder nimm Deutschland. Ganz offensichtlich hat Hitler irgendetwas, was die Menschen in seinen Bann zieht. Aber du kannst mir nicht ernsthaft weiß machen, dass kein anderer Politiker auf der Welt in irgendeinem Land auf die Idee gekommen ist, dass er gefährlich sein könnte. Wollen uns die Staatsoberhäupter der Welt wirklich erzählen, sie hätten nicht schon lange geahnt, dass Deutschlands Provokationen auf Krieg hinauslaufen? Doch auch hier haben diese schwachen Menschen in mächtigen Positionen versagt. Sie haben es wie der Vogel Strauß gemacht und den Kopf in den Sand gesteckt, weil sie sich davor scheuten, in der internationalen Öffentlichkeit eine unangenehme Wahrheit auszusprechen. Wir als Zauberer, als Schüler auf dieser wundervollen Schule, wir bekommen nichts mit von dem Krieg, doch ich bin mir sicher, für die Muggel ist es grausam und furchtbar.“

Sie unterbrach sich selbst. Es war gefährlich, über diesen Krieg zu sprechen, zu viel wusste sie aus ihren Geschichtsbüchern darüber, zu viel, was zum jetzigen Zeitpunkt, im Jahr 1944, noch nicht bekannt sein konnte. Stumm hielt sie den Blickkontakt mit Tom, der seinerseits absolut emotionslos zu ihr schaute. Langsam richtete er sich wieder auf und verschränkte die Arme vor der Brust: „Du interessierst dich für Politik, mh? Das hätte ich mir denken können. Du hast schon zuvor bewiesen, dass du eine ungewöhnliche Frau bist, also natürlich interessierst du dich auch für das Gebiet, das wie kein zweites den Männern vorbehalten ist.“

Wütend ballte Hermine die Fäuste. Als ob das Geschlecht darüber ausschlaggebend war, ob man sich für Politik interessierte oder nicht. Doch noch ehe sie zu einer scharfen Erwiderung ansetzen konnte, fuhr Tom fort: „Das ist alles ganz schön und gut. Es sind interessante Erzählungen. Doch noch immer hast du meine Frage nicht beantwortet: Wie denkst du über das Wesen der Menschen?“

Sie schluckte ihre Wut herunter. Am Ende des Tages war sie immer noch im Jahr 1944, da waren Ideen über Gleichheit der Geschlechter einfach noch nicht so weit etabliert. Sie sollte es akzeptieren und sich stattdessen auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren. Vor ihr stand Tom Riddle und je nach dem, wie ihre Antwort ausfiel, war es möglich, dass sie ihm näher kam, nicht auf persönlicher Ebene, sondern als Kameradin in seinem Kampf für die Weltherrschaft.

Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken. Der Gedanke, von Tom eventuell wirklich als ebenbürtige Partnerin, als Kampfgenossin anerkannt zu werden, war beängstigend. Beängstigend, weil er so aufregend war. Hatte sie das Zeug dazu, an Tom Riddles Seite zu stehen?

Bedacht wählte sie ihre Worte: „Menschen sind schwach. Wir brauchen die Gemeinschaft, um uns stark zu fühlen. Aber jede Gemeinschaft braucht einen, der sie führt. Das ist das große Paradox unserer Menschlichkeit. Unsere Menschlichkeit, der Kern unseres Wesens, ist Schwäche. Wir sind bestimmt von Angst, immer getrieben von dem Ziel der Selbsterhaltung. Gewiss sind wir fähig zu Empathie und Mitgefühl, das sind ebenfalls zentrale Aspekte unseres Wesens. Doch wenn es hart auf hart kommt, würden wir alles tun, um unser eigenes Leben zu retten. Wir entscheiden uns dazu, das zu tun, was alle anderen tun, denn wenn wir in der Masse untergehen, fühlen wir uns geborgen. Wir sind bereit, uns einem Anführer zu unterwerfen, solange er uns Sicherheit garantiert. Doch wie kann ein Mensch andere führen? Wenn unsere Menschlichkeit zentral darin besteht, dass wir schwache, von Angst getriebene, nur manchmal empathische Wesen sind – wie kann so jemand ein Anführer sein?“

Kurz hielt sie inne, um ihre Gedanken neu zu sortieren. Sollte sie sich so weit aus dem Fenster lehnen und das, was in ihrem Kopf kreiste, wirklich aussprechen? Würde Tom sich beleidigt fühlen von ihren Worten? Aufmerksam studierte sie sein Gesicht, doch noch immer verriet nichts darin, was er wirklich dachte. Nur, dass er neugierig auf ihre Ansichten war, war offensichtlich. Sie verfluchte ihn dafür, dass er so gut darin war, seine Emotionen zu beherrschen.

Tief holte sie Luft. Sie würde alles auf eine Karte setzen. Wenn ihm gefiel, was sie sagte, hatte sie ihn von sich überzeugt, das stand jedenfalls fest. Wenn nicht … darüber konnte sie nachdenken, wenn sie seine Antwort kannte. Langsam, den Blick immer noch stur auf ihn gerichtet, fuhr sie fort: „Genau darin besteht das Paradox des menschlichen Wesens. Wir brauchen einen Anführer. Und um die Menschheit führen zu können, muss man sich seiner eigenen Menschlichkeit entsagen. Man muss aufhören, schwach zu sein, man muss aufhören, Mitleid zu verspüren. Man muss in der Lage sein, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Man muss die Intelligenz und Weitsicht haben, die Effekte der eigenen Handlungen vorhersehen zu können, und man muss die Stärke besitzen, diese Handlungen auch gegen Widerstand umzusetzen. Nur ein Mensch, der seine Schwäche und seine Empathie aufgibt, ist dazu fähig. Nur ein Mensch, der seine Menschlichkeit aufgibt, kann das. Um die Menschen führen zu können, muss man selbst zu einem Monster werden.“

Tom schwieg. Er schwieg einfach nur, mit seinen Armen noch immer vor der Brust verschränkt, schwieg und starrte auf sie hinab. Kalter Schweiß bildete sich in Hermines Nacken, während sie darum kämpfte, die Stille und das Starren auszuhalten. Sie musste ihm einfach zeigen, dass sie eine eigene Meinung hatte und zu dieser auch stehen konnte.

Langsam entfaltete Tom seine Arme. Dann, mit Schritten, die beinahe unwirklich langsam waren, kam er um den Tisch herum zu ihr. Hermines Atem beschleunigte sich, während ihr Blick weiter von seinem gefangen gehalten wurde. Es dauerte unendlich lange, ehe er den kurzen Weg zu ihr gegangen war, doch mit jedem Stück, das er ihr näher kam, stieg Hermines Angst. Sie wusste nicht, ob er sie in seine Arme schließen und küssen würde, oder ob er sie ohne mit der Wimper zu zucken ins Jenseits hexen würde. Noch immer verriet nichts in seinem Gesicht oder an seiner Körperhaltung, wie er über ihre Worte dachte.

„Warum?“, flüsterte er leise, als er endlich direkt neben ihr zum Stehen gekommen war. Tief beugte er sich zu ihr hinunter und legte ihr eine Hand auf die Wange: „Warum widersetzt du dich mir immer und immer wieder, wenn du doch genauso denkst wie ich? Warum hast du all diesen Hass auf mich, obwohl wir einander so ähnlich sind?“

Hermine musste sich innerlich schlagen, um nicht vor Erleichterung zu seufzen. Seine Reaktion war zwar gänzlich anders, als sie es erwartet hatte, aber immerhin schien er ihren Worten zuzustimmen. Nervös leckte sie sich über die Lippen: „Ich … ich hasse dich nicht, Tom. Nicht mehr.“

Kurz legte er den Kopf schräg, dann rückte er noch näher an sie heran: „Und doch provozierst du mich an jeder Ecke und verweigerst mir deinen Gehorsam. Du gibst zu, dass du mir gehörst, doch du handelst nicht so. Wenn du begreifst, wenn du wirklich verstehst, wie es um die menschliche Natur bestellt ist, wieso …“

Heftig unterbrach sie ihn und schlug seine Hand weg: „Du denkst, dass ich dich einfach so als meinen Herr und Meister anerkenne? Dass ich mich wie all die anderen schwachen Menschen einreihe? Denkst du wirklich so schlecht von mir? Ist das wirklich alles, was du von mir willst? Blinden Gehorsam? Ich gehöre dir, ja. Aber du gehörst genauso mir. Wir sind beide anders, Tom. Wir können beide Dinge tun, die normale Menschen nicht können. Ich gehöre nicht zu den anderen! Ich bin in der Lage, meine Menschlichkeit aufzugeben – genauso wie du! Habe ich das nicht oft genug bewiesen! Und genau das hast du doch auch immer provozieren wollen! Du hast mich getestet an jeder Ecke, um herauszufinden, wie weit ich gehen kann! Und du hast gesehen, ich kann genauso weit gehen wie du. Warum also erwartest du immer noch, dass ich mich dir unterordne? Du fühlst dich nur deswegen von mir provoziert, weil du nicht begreifst, wie widersprüchlich du selbst handelst! Ich bleibe mir selbst treu, egal, was du versuchst! Ich bin eine starke Hexe und ich werde mich dir nicht unterwerfen!“

Ihre letzten Worte meinte Hermine ernster, als Tom es jemals ahnen konnte, doch natürlich war es ihre Absicht, die doppelte Bedeutung vor ihm zu verbergen. Was zählte, war, dass er endlich begriff, dass er nicht auf der einen Seite ihr schwarze Magie beibringen konnte, sie zur Partnerin in einer Vergewaltigung machen konnte, und dann gleichzeitig verlangen, dass sie eine stille, brave, gehorsame Frau blieb. Selbst wenn sie nicht Hermine Granger, die Zeitreisende auf Mission, gewesen wäre, hätte sie dieses Verhalten nicht dulden können.

Zu ihrem maßlosen Erstaunen trat ein hinterhältiges Grinsen auf Toms Lippen: „Ach, meine süße Hermine. Du bist so bezaubernd, wenn du wütend bist. Ich frage mich, ob du dich wirklich so gut kennst, wie du hier gerade vorgibst.“

Unwillig zog sie die Augenbrauen zusammen: „Was soll das heißen?“

Wieder legte er eine Hand auf ihre Wange, doch dort verweilte er nur kurz, dann fuhr er runter zu ihrem Hals und ließ seine Finger sich locker um ihre Kehle legen. Ganz nahe brachte er seine Lippen an ihr Ohr, so dass sie seinen Atem an ihrem Nacken spüren konnte und selbst seine leisen gemurmelten Worte genau verstehen konnte: „Wenn du so darauf bedacht bist, eine eigenständige Gefährtin an meiner Seite zu sein, genauso stark wie ich, genauso zielstrebig wie ich, ohne jemand anderem als dir selbst zu gehorchen … wie kommt es dann, dass du es so genießt, dich mir zu unterwerfen?“

Seine Stimme wurde rau, während sein herber Geruch sie umwirbelte und seine freie Hand sich auf ihren Rücken legte: „Wie kommt es, dass du zerfließt vor Lust und Verlangen, wenn ich die völlige Kontrolle übernehme? Du machst dir selbst etwas vor. Du bist nur stark unter meiner Führung. Und unter meiner Führung bist du mehr als bereit, schwach zu sein.“

Ein weiterer Schauer lief Hermine den Rücken hinunter, doch diesmal war keine Angst dafür verantwortlich. Ganz im Gegenteil. Hitze ergriff ihren Körper. Tom hatte Recht.

Warum reagierte sie so voller Lust auf seine Dominanz?

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