Ich berühre den Himmel

Ich wollte um Hilfe schreien. Ich wollte es um jeden Preis, aber ich blieb einfach stumm. Ich wusste nicht wieso, aber vielleicht war meine panische Angst der Grund. Ohne Widerstand hatte ich zugelassen, dass Ophelia einen Arm um mich legt. Ihr Griff war hart wie Stahl.
Seite an Seite waren wir zum Notausgang der Halle gegangen. Für die Anderen hatte es bloß ausgesehen, als seien wir zwei Freundinnen, die gemeinsam umherschlenderten. Kaum hatten wir uns aber etwas weiter von der Menschenmenge entfernt, da hatte sie mich so fest nach vorne geschubst, dass ich beinahe hingefallen wäre.
„Öffne die Tür“, hatte Ophelia geraunt.
Sofort war ich ihrem Befehl gefolgt. Ich hatte es nicht gewagt ihr zu widersprechen. Zu groß war meine Furcht vor einem gewaltsamen Übergriff. Ich hatte die Tür des Notausganges geöffnet und war in die Nacht hinausgetreten. Ophelia war mir gefolgt. Ein Fluchtversuch war unmöglich gewesen.
Nun saß ich auf dem Gras, angelehnt an dem geflochtenen Eisenzaun, der den Sportplatz einzäunte. Es wehte eine lauwarme Brise, die meine Haare zum Flattern brachte. Wenn ich mich anstrengte, dann konnte ich leise die Musik in der Turnhalle hören. Ophelia lief schon seit einiger Zeit vor mir auf und ab. In der rechten Hand hielt sie eine Zigarette.
Ich fragte mich, worauf sie wartete. Sie wirkte ungeduldig und wütend. Ihre aufwendige Maske hatte sie abgenommen und nur einen halben Meter von mir entfernt ins Gras geworfen. Nervös und angespannt beobachtete ich sie. Je länger ich hier saß, desto schlimmer wurden meine Todesangst, aber auch meine Sorgen um James. Wie ging es ihm? Was tat dieser Brolin ihm an? Würde er James töten?
Bei diesen Gedanken zitterten meine Lippen heftig. Diese Unwissenheit machte mich fast wahnsinnig. Ich wollte unbedingt bei James sein, doch tief im Innern wusste ich, dass ich von Glück sprechen konnte, wenn ich ihn jemals wiedersah. Ich wusste noch nicht einmal, ob ich diesen Tag überleben würde. Aus lauter Verzweiflung fing ich an zu weinen und schluchzte leise.
„Hör auf zu heulen“, blaffte Ophelia mich an. Sie war direkt vor mir stehen geblieben und guckte auf mich herab. Sie sah unzufrieden aus. Ihr schönes Gesicht war vor Wut verzerrt. Meine Muskeln spannten sich plötzlich an. Ich hatte keine Ahnung, warum sie so verärgert war, doch ich hatte Angst, dass sie ihre Wut an mir ausließ.
„Ich bin überaus glücklich, dass wir endlich wieder auf Jimmy und dich angesetzt worden sind. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was für eine Qual es für mich war dich nicht suchen, geschweige denn töten zu dürfen und dass nur, weil Jericho uns andere Aufträge gegeben hat, die angeblich wichtiger waren.“ Ein lang gezogenes Stöhnen entfuhr ihrer Kehle.
Tief enttäuscht sah sie zum Himmel, ehe ihr Kopf wieder zu mir schnellte.
„Doch nun ist es endlich soweit, ich werde dich töten.“ Das letzte Wort ließ sie sich auf der Zunge zergehen. Süffisant grinste sie, bevor sie schrill anfing zu lachen. Für meine Ohren war ihr verrücktes Gelächter unerträglich. Für mich gab es keinen Zweifel mehr: sie war im höchsten Maße irre. Und genau das war der Grund, warum ich eine Heidenangst vor ihr hatte. Verrückte Leute waren unberechenbar und schreckten vor nichts zurück.
Minuten vergingen, ehe sie sich endlich beruhigte. Mit vor Begeisterung hell leuchtenden Augen kam sie auf mich zu. Schlagartig blieb mir die Luft weg und ich bekam eine Gänsehaut.
„Wie…wie habt ihr mich ge…gefunden?“, stotterte ich verängstigt.
„Wir sind instinktiv zu der High School gefahren, die deinem alten Haus am Nächsten liegt und wie du siehst, lagen wir mit unserer Vermutung richtig.“ Unverschämt kicherte Ophelia. Doch dann erstarb ihr Lächeln und ihre Miene wurde zu einer steinernen Maske.
„Schluss mit dem Gerede! Ich will Rache. Du hättest mich auf dem Friedhof nicht angreifen sollen, das war ein Fehler, Püppchen“, stieß sie missmutig hervor, bevor sie mir Zigarettenrauch mitten ins Gesicht blies. Blitzschnell schloss ich die Augen und versuchte den Qualm nicht einzuatmen, aber dies gelang mir nicht. Er stieg mir in die Nase und ich musste fürchterlich husten.
„Oh, tut mir leid.“ Es war kaum zu überhören, dass ihr Mitleid falsch war. Ich presste meine Hände gegen die Ohren. Ich wollte sie weder sehen, noch ihre Stimme hören. Ich hätte nie gedacht, dass dieser Abend noch schlimmer werden könnte. Tja, jetzt wurde ich mal wieder eines Besseren belehrt. Es war ja nicht das erste Mal, dass ich mich täuschte.
Der Abend war ein schrecklicher Albtraum, aus dem es kein Entkommen gab. Ich würde heute sterben, denn Ophelia würde mich töten. Gerne hätte ich schon wieder angefangen zu weinen, doch ich riss mich zusammen, denn ich konnte redlich darauf verzichten, noch einmal von Ophelia deswegen angeblafft zu werden. Während ich zusammengekauert auf dem Gras hockte, hörte ich plötzlich Schritte. Schritte, die näher kamen. Ich wurde hellhörig. Das war James.
Er hatte mich gefunden. Er war hier, um mich zu beschützen. Euphorisch sprang ich auf. Aber als ich die Augen öffnete, war ich zutiefst erschüttert. Eine Welt brach für mich zusammen, denn die Person, die auf mich zukam, war nicht James, sondern eine kleine, junge Frau. Sie hatte schulterlange, blonde Haare und blaue Augen. Sie trug ein dünnes Kleid, das verschiedene Grüntöne aufwies. Es schien, als bestünde das Kleid aus vielen Blättern. Auf ihrem Kopf thronte ein Kranz aus frischen Blumen und auch sie trug, wie Ophelia, Flügel am Rücken, nur ihre waren um einiges kleiner und dezenter. Sie bestanden aus einem weißen, transparenten Stoff und waren mit Glitzer bestreut. Sie sollte wohl eine Elfe darstellen. Ich brauchte bloß einen Blick auf sie zu werfen, um zu wissen, dass sie ebenfalls eine Killerin war.
Wie ein nasser Sack plumpste ich zurück auf die Erde und schlug mir die Knie auf. Den Schmerz spürte ich kaum. Durch die Anwesenheit einer zweiten Mörderin war mein Tod besiegelt.
Ich war verzweifelt. Jetzt kannte ich den Ausgang meiner Märchengeschichte. Für mich würde es kein Happy End geben, doch nicht, weil der Wolf starb, sondern Rotkäppchen. Aber vielleicht war James bereits tot. Egal, wie sehr mich dieser Gedanke auch schmerzte, er war zumindest realistisch. Ich kämpfte mit den Tränen. Hoffnungslos schlug ich die Hände vors Gesicht und versuchte nicht wahnsinnig vor Angst zu werden. Dies war jedoch leichter gesagt, als getan. Ich zitterte furchtbar und mein Schluchzen wurde immer lauter.
„Wie jämmerlich“, spottete Ophelia. Sie schien gar nicht bemerkt zu haben, dass ihre Kollegin anwesend war.
„Wo zur Hölle bist du gewesen, Ophelia?“, fragte eine aufgebrachte Stimme. Ich hob instinktiv den Kopf und sah zu den beiden Frauen, die sich gegenüberstanden, herüber. Hasserfüllt funkelten sie sich an.
Keine von Beiden beachtete mich. Das war vielleicht meine einzige Möglichkeit zu entkommen. Wenn ich mich ganz leise davonmachen könnte, dann hätte ich eine Chance. Beinahe wie in Zeitlupe hockte ich mich hin. Mit den Händen stützte ich mich am dünnen Zaun ab und machte kleine Schritte in die entgegengesetzte Richtung; weg von den Killern und weg vom Tod.
Du schaffst das, dachte ich und versuchte mich selbst zu motivieren. Hoffentlich waren die Beiden so sehr auf sich konzentriert, dass sie erst spät bemerken würden, dass ich geflohen war. Mein Blick war starr auf eine Gruppe von dichten Bäumen geheftet, die nur dreißig Meter vom Sportplatz entfernt war, doch auf einmal hörte ich hinter mir ein wütendes Schnauben.
„Ich war in der Turnhalle und habe mir das Püppchen geschnappt.“
Als ich einen Blick hinter mich riskierte, sah ich, dass Ophelia mit einem ihrer langen Finger auf mich deutete. Wie versteinert hielt ich in meiner Bewegung inne.
Nein. Nein. Nein. Das darf nicht wahr sein. Ich hatte das Gefühl in ein schwarzes Loch zu fallen. Meine einzige Chance auf Flucht war zerstört.
„Wo willst du denn hin?“, fragte die blonde Frau beinahe empört. Das war für mich der endgültige Startschuss, um aufzuspringen und die Beine in die Hand zu nehmen. Ich sah weder nach links, noch nach rechts. Das Wichtigste für mich waren die Bäume. Wenn ich sie erreichte, dann wäre ich sicher.
Ich lief so schnell ich konnte. Die dreißig Meter Entfernung kamen mir vor wie ein Kilometer. Ich war schweißgebadet und mein Herzschlag pochte mir in den Ohren. Hinter mir war es beunruhigend still. Die Killerinnen riefen mir weder hinterher, noch verfolgten sie mich. Es war die Ruhe vor dem Sturm. Und kaum hatte ich zwei weitere Schritte gemacht, da hörte ich einen Knall. Irgendetwas raste in Höchstgeschwindigkeit rechts an mir vorbei in die Dunkelheit. Laut kreischte ich und warf mich auf die linke Seite.
Im vollen Lauf stolperte ich und fiel zu Boden. Mir blieb die Luft weg. Meine Knie und Hände brannten wie Feuer, aber ich ignorierte es. Ich hatte Recht gehabt. Die Ruhe war verräterisch gewesen, denn eine von ihnen hatte auf mich geschossen. Ich musste umgehend verschwinden. Schnell erhob ich mich. Der aufkommende Schmerz war überwältigend. Schwindel und Übelkeit überwältigten mich, wie ein Hammerschlag.  
„Du bleibst gefälligst hier. Das war ein Warnschuss. Das nächste Mal treffe ich.“ Für mich klang das eher nach einer Drohung, als nach einem Versprechen. Mit dröhnendem Schädel und einem flauen Gefühl in der Magengegend blieb ich stehen. Ich hatte wohl keine andere Wahl, wenn mir mein Leben lieb war. Dann konnte ich Schritte hinter mir vernehmen.
„Musste das unbedingt sein, Emilia? Du hättest sie töten können.“ Das war Ophelias wutentbrannte Stimme. Überrascht hob ich eine Augenbraue in die Höhe. Hatte ich gerade richtig gehört? War das ihr Ernst oder war das bloß ein gemeiner Trick? Ich setzte eher auf die zweite Vermutung. Während ich noch in Gedanken versunken war, tauchten die beiden Killerinnen vor mir auf. Die Frau namens Emilia warf Ophelia einen giftigen Blick zu.
„Wir sollen sie doch töten, oder nicht?“ Ophelia verdrehte genervt die Augen, ehe sie hämisch grinste.
„Natürlich ist das unser Auftrag“, raunte sie. So, wie sie miteinander umgingen, schienen sich die Beiden nicht unbedingt zu mögen.
„Wir werden sie auch töten. Ich will sie nur nicht erschießen, dass ist doch langweilig.“ Ihr Blick wanderte zu mir. Ihre Augen funkelten gespenstisch.
„Sie muss leiden.“ Ophelia lächelte mich fröhlich an und klimperte mit ihren Wimpern. Mir blieb augenblicklich das Herz stehen und ich bekam Panik. Oh, Gott.
Ich hatte Angst vor dem, was mir bevorstand. Ophelia wollte sich an mir rächen und das konnte nur schlimme Schmerzen bedeuten. Es war offensichtlich, dass sie sadistisch veranlagt war. So langsam wünschte ich mir, dass Emilia mich eben nicht verfehlt hätte. Wenn ich die Wahl hätte, dann würde ich einen schnellen Tod durch eine Pistolenkugel einem qualvollen Tod definitiv vorziehen.
„Das heißt, wir bleiben extra länger hier und riskieren es gesehen zu werden, weil du so egoistisch bist und dich an ihr rächen willst?“, fragte Emilia ungläubig.
„Ja“, war die knappe Antwort. Fassungslos schüttelte Emilia den Kopf.
„Du bringst uns nur Ärger ein. Lass sie uns doch einfach abknallen“, schrie sie Ophelia entgegen. Dabei zitterte ihre rechte Hand, in der sie die Pistole hielt. Ich schluckte. Die Anwesenheit von Waffen machte mich nervös, besonders, seitdem ich wusste, wie sich eine Pistolenmündung an der Stirn anfühlte. Augenblicklich schaute ich zur Seite und beobachtete konzentriert einen handgroßen Stein.
„Ich will, dass sie einen qualvollen Tod erleidet“, äußerte Ophelia verbissen.
„Von mir aus kannst du verschwinden. Ich brauche keine Hilfe, um mit diesem Püppchen fertig zu werden.“ Mein Kopf schnellte wieder zu den Beiden. Ihre Streitereien brachten mich beinahe um den Verstand. Sie diskutierten hier allen Ernstes über die Art, wie ich sterben sollte.
„Mach doch was du willst, Ophelia. Das tust du sonst auch immer“, fauchte sie erbost. Ophelia konnte ein überhebliches Grinsen nicht verbergen.
„Heißt das, dass du gehst?“ Wild schüttelte die blonde Killerin ihren Kopf.
„Das kannst du vergessen. Ich bleibe hier.“ Sie verschränkte entschlossen die Arme vor der Brust. Ihre Kollegin schnaubte.
„Tu, was du nicht lassen kannst.“ Sie wandte sich von Emilia ab und sah zu mir. Ich wusste, dass jetzt meine Galgenfrist vorüber war. Endgültig.
Und kaum hatten sie sich halbwegs darauf geeinigt, was mit mir geschehen sollte, da stieß mich Ophelia mit aller Kraft zu Boden. Hart kam ich mit dem Rücken auf. Mein Kopf knallte auf die Erde. Mir wurde augenblicklich schwarz vor Augen und eine unbeschreibliche Übelkeit überwältigte mich. Ich war kurz davor in Ohnmacht zu fallen, doch dann spürte ich, wie mich jemand kurzerhand nach oben zog. Am Liebsten hätte ich mich übergeben, aber mein Körper konnte oder wollte nicht. Meine Knie waren weich wie Pudding. Der einzige Grund, warum ich überhaupt noch stand, war die Person, die mich festhielt.
„Das war doch schon mal ein schöner Anfang, oder Püppchen?“ Ich hatte schreckliche Kopfschmerzen. Ich hatte das Gefühl, dass mein Schädel bald explodierte.
„Hast du verstanden, was ich gesagt habe?“, fragte Ophelia und kicherte vergnügt. Auch wenn ich ihr hätte antworten wollen, ich hätte es nicht gekonnt. Ich fühlte mich bereits jetzt schon miserabel, dabei war dieser Stoß für sie wahrscheinlich bloß zum Aufwärmen gewesen. Anschließend wurde der Griff von ihr lockerer, aber nur, um mich ein weiteres Mal zu Boden zu stoßen. Mir blieb schlagartig die Luft weg und ich riss die Augen auf. Mein ganzer Körper schmerzte. Still fing ich an zu weinen. Gibt es keine Möglichkeit, doch noch dem Tod zu entkommen? Habe ich denn keinen Überlebenswillen? Ich wurde wütend auf mich selbst. Ich wollte nicht mehr schwach sein. Mein Leben war in Gefahr. Ich musste etwas unternehmen.
Meine Gedanken entfachten in mir eine unglaubliche Kraft, die mich alle Schmerzen vergessen ließ. Ich musste aufstehen und fliehen. Ich atmete mehrmals tief ein und aus, bis ich einigermaßen wieder klar sehen konnte. Danach drehte ich mich von einer Sekunde auf die Andere blitzschnell zur Seite und wollte schon aufstehen, als Ophelia mir mit voller Wucht auf den rechten Knöchel trat.
Die Stille wurde durch ein widerliches Knacken und einem gellenden, langen Schrei meinerseits unterbrochen. Ich krümmte mich vor Schmerz. Mein Wille zu flüchten war mit einem Schlag dahin. Leise wimmerte ich, während ich vorsichtig meinen Knöchel berührte. Er fühlte sich dick und warm an. Im schlimmsten Fall war er gebrochen. Vor Verzweiflung fiel ich in ein tiefes, schwarzes Loch. Jetzt konnte Ophelia mit mir machen, was sie wollte, ohne, dass ich fliehen konnte. Ich war ihr hilflos ausgeliefert.
„Jetzt geht es richtig los“, verkündete sie erfreut und warf sich ihre langen Haare über die Schultern. Hinter ihr konnte ich Emilia sehen, die ihre Kollegin ungeduldig und leicht genervt beobachtete. Ich war eindeutig in der Hölle gelandet. Plötzlich erinnerte ich mich an James´ Tattoo. Das Zitat aus „Der Sturm“ war doch nicht so verquer, wie ich geglaubt hatte. Für diese Situation war es äußerst passend.
Auf einmal bückte sich Ophelia, umfasste mit einer Hand meinen verletzten Knöchel und schleifte mich über das Gras. Ich schrie so lange, bis ich keine Luft mehr hatte. Meine Kehle und mein Mund waren staubtrocken. Der unerträgliche Schmerz trieb mir bittere Tränen in die Augen. Ich spürte jeden einzelnen Stein, der sich in meinen Rücken bohrte. Ophelia zog unerbittlich weiter; Meter für Meter.
Panisch versuchte ich mich mit meinen Fingernägeln in der Erde festzukrallen, vergeblich. Vereinzelt brachen meine Nägel so unglücklich ab, dass Blut über meine Finger lief. Ich wollte, dass dieser Albtraum aufhörte.
Ophelia hielt urplötzlich an. Ich spürte nur noch unsagbaren Schmerz, als ich auf dem Boden lag und starr in den Himmel blickte. Die Nacht war klar. Ich konnte einzelne Sterne sehen, die über meinem Kopf funkelten. Es war ein wunderschöner Anblick. Ich fragte mich, ob ich jemals wieder eine solche Nacht erleben würde. Wenn kein Wunder geschah, dann würde ich heute mein Leben verlieren. Ich würde Jamie, Olivia und meine Freunde niemals wieder sehen. Mit Abstand das Schlimmste war jedoch der Gedanke an James. Ich würde ihn nie wieder küssen, berühren oder mit ihm reden können.
Ein überwältigender Schmerz fuhr durch mein Herz. Es fühlte sich an, als zerspränge es jeden Augenblick, doch mir blieb keine Zeit mir weiterhin den Kopf zu zerbrechen. Ophelia packte mich am Kragen meines Capes und beförderte mich gegen den Zaun. Sie hatte mich also zum Sportplatz zurückgeschleift.
„Nun weißt du, was es heißt, sich mit mir anzulegen“, raunte sie mir ins Ohr, bevor sie meinen Kopf gegen den Zaun donnerte. Vor meinen Augen drehte sich alles und die Kopfschmerzen wurden erstaunlicherweise noch schlimmer. Warmes Blut rann von meiner Stirn, bis zum Hals. Vermutlich hatte ich eine Platzwunde. Ich hob meine linke Hand, die fürchterlich zitterte. Ich wollte den Blutfluss stoppen, aber Ophelia hielt mein Handgelenk in der Luft fest.
„Keine Sorge, Püppchen. Ich mache das schon“, sagte sie scheinheilig.
Mir gefiel der Ton ihrer Stimme nicht. Ich zuckte zusammen und wich zurück, obwohl der Zaun mir im Weg war, als sie sich vor mich kniete. Mit ihrer rechten Hand fuhr sie über die Wunde an meiner Stirn. Kräftig biss ich die Zähne zusammen. Meine Muskeln waren angespannt und steinhart.
Ophelia zog die Hand zurück. Ihre Finger waren voll von meinem Blut, das bis zu ihrem Handgelenk floss. Einige Tropfen klatschten auf die Erde. Ihre Augen waren glasig und ihre Lippen umspielten ein dämonisches, hinterhältiges Grinsen. In meinem Kopf spielten sich tausend Szenarien ab, was als nächstes geschah, doch mit dem, was sie dann tatsächlich tat, hatte ich nicht gerechnet. Sie leckte genüsslich ihre Finger. Sie trank allen Ernstes mein Blut.
Ich schlug mir die Hände vor den Mund, damit ich mich nicht übergab.
„Schmeckt süß“, stellte sie überrascht fest, ehe sie den mickrigen Rest des Blutes am Gras abwischte. Dann ließ sie ihre Zunge über ihre Zähne und Lippen gleiten, welche vom Blut nur so voll geschmiert waren. Es war ein widerwärtiger Anblick. Ich konnte das nicht weiter ertragen. Ich wandte mich von ihr ab und schloss fest die Augen. Ein starker, metallener Geruch stieg mir in die Nase.
„Jetzt werde ich das zu Ende bringen, was ich auf dem Friedhof nicht geschafft habe. Ich werde dich töten und diesmal ist Jimmy nicht hier, um dich zu retten“, zischte sie mit vor Zorn bebender Stimme. Ophelia legte ihre zarten Hände um meinen Hals und fing an mich zu würgen.
Es dauerte keine Minute, da bekam ich schon keine Luft mehr. Panisch riss ich meine Augen auf. Ich spürte, wie meine Herzschläge immer langsamer und weniger wurden. Ich wollte Ophelia von mir stoßen, um mein Leben zu retten, aber ich fühlte mich schwach. Dies war mein Ende.
Ich würde an Halloween am Sportplatz meiner High School sterben, ermordet durch eine bildschöne Killerin in einem Engelskostüm. Diese Vorstellung war dermaßen absurd, dass ich anfing zu lächeln. Das konnte unmöglich die Realität sein. Vielleicht träumte ich bloß.
Anders konnte es gar nicht sein, denn vor meinen Augen sah ich ein gleißendes, helles Licht, das mich im ersten Moment blendete, aber dann gewöhnte ich mich langsam daran. Um mich herum herrschte himmlische Ruhe. Mein Körper war federleicht. Ich hatte das Gefühl zu schweben. Ich war überglücklich und sorglos.
Doch plötzlich verschwand der massive Druck auf meine Luftröhre, den ich eben noch gespürt hatte. Frische Luft strömte durch meine Nase in meine Lunge. Es war ein überwältigendes und befreiendes Gefühl.
Das wunderbare Licht verschwand und hinterließ düstere Finsternis. Dann fing ich fürchterlich an zu husten. Mein ganzer Hals tat schrecklich weh. Ich konnte die Schmerzen kaum aushalten. Ich hob meine Hände und betastete meinen Hals. Erschrocken zuckte ich zusammen, als ich leichte Einbuchtungen fühlen konnte, genau dort, wo Ophelias Daumen und Finger gewesen waren. Als leises Gemurmel an meine Ohren drang, ließ ich von meinem Blessuren ab. Wie in Zeitlupe blinzelte ich.
Über mir sah ich verschwommene Schemen, die wie Geister vor meinen Augen schwebten.
Was war passiert? Wo war ich noch vor wenigen Sekunden gewesen und wo war das Licht hergekommen? Tausend Fragen schossen mir durch den Kopf, aber keine von ihnen konnte ich beantworten. Auf einmal kam einer der Schemen ganz nah an mein Gesicht heran. Ich musste mich anstrengen, damit ich etwas erkannte.
„Bitte steh auf, Holly!“, rief mir eine raue Stimme verzweifelt entgegen. Zwei kräftige Hände packten mich an den Schultern. Mir kam diese Stimme bekannt vor, doch ich konnte sie nicht zuordnen. Mehrmals blinzelte ich, um meinen Blick wieder klar werden zu lassen.
Tatsächlich konnte ich ein Paar graue Augen und eine gerade Nase erkennen. Mir fiel ein Stein vom Herzen und eine Welle der Euphorie überwältigte mich.
„James“, krächzte ich, was ich aber sofort bereute. Meine Kehle brannte höllisch.
„Ganz ruhig, Holly. Du musst jetzt nichts sagen.“ In seinem Gesicht konnte ich Erleichterung erkennen, aber ich konnte nicht ruhig bleiben.
„Wo bist du gewesen? Geht es dir gut?“, fragte ich und setzte mich hektisch auf.
Sofort wurde mir schlecht und meine Kopfschmerzen wurden wieder stärker.
„Bleib am Besten liegen“, schlug jemand rechts neben mir vor. Vorsichtig wandte ich mich der Person zu. Es war Linda, die mit rot unterlaufenen Augen und blasser Haut im Gras hockte. Ich konnte ihr ansehen, wie viel Angst sie hatte.
„Mir geht es gut“, log ich und setzte ein Lächeln auf. Ich hoffte sie damit ein bisschen beruhigen zu können, doch das Gegenteil trat ein. Sie fing an zu weinen.
„Ich habe schon geglaubt, dass du tot bist.“ Es folgte ein lautes Schluchzen. Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Hilfesuchend sah ich zu James.
„Sie wird schon wieder“, flüsterte er leise. Ich hoffte, dass er recht behielt. Besorgt musterte ich ihn.
„Bist du verletzt?“ Er schüttelte kaum merklich den Kopf.
„Mit mir ist alles in Ordnung. Um dich müssen wir uns kümmern.“ Eingehend betrachtete er meine Stirn.
„Was ist passiert, Holly?“ Ernst sah er mir in die Augen.
„Ophelia hat mich hierher gebracht. Sie hat ziemlich lange auf eine Frau namens Emilia gewartet. Als sie dann aufgetaucht ist, haben sich die Beiden gestritten und ich habe versucht zu fliehen, doch Emilia hat auf mich geschossen. Ich bin sofort stehen geblieben. Sie wollte mich erschießen, aber Ophelia wollte mich leiden sehen. Sie hat mich zweimal auf den Boden gestoßen. Dann hat sie mir auf den rechten Knöchel getreten. Ich glaube er ist gebrochen.“
Kurz schweifte mein Blick auf meinen geschwollenen Knöchel.
„Doch das war ihr nicht genug. Sie hat mich gepackt und über das Gras zurückgeschleift und hier hat sie versucht mich zu erwürgen“, berichtete ich. Als ich noch einmal alles wiederholt hatte, was sie mir in kürzester Zeit angetan hatte, wurde mir erst wirklich bewusst, wie knapp ich dem Tod entronnen war. Ophelia hatte mir die Luft abgeschnürt. Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich nicht richtig hatte atmen können, aber die Zeit hatte ausgereicht um ins reine, weiße Licht zu treten. Ich war dem Tod näher gewesen, als mir lieb war.
Aber warum hatte sie mich losgelassen? Waren sie und Emilia verschwunden, weil sie sich sicher waren, mich getötet zu haben? Ich war verwirrt.
„Wo sind die Beiden und wie lange seid ihr schon hier?“, fragte ich James. Vielleicht hätte ich den Mund halten und mich ausruhen sollen, aber ich musste unbedingt alles wissen.
„Ich werde dir sagen, was du wissen möchtest, aber erst, nachdem du verarztet worden bist und es dir besser geht“, entgegnete er bestimmt.
„Er hat recht“, stimmte Linda zu. Es war das erste Mal, dass sie sich nicht ankeiften. Die Beiden waren sogar einer Meinung. Ich dagegen wollte jetzt über alles Bescheid wissen, vor allem interessierte es mich, wie James seinem ehemaligen Kollegen entkommen war, ohne verletzt zu werden.
„Meine Verletzungen sehen schlimmer aus, als sie sind. Ich bin hart im nehmen“, flötete ich gelassen und zuckte mit den Achseln.
„Es geht doch nichts über eine Nahtoderfahrung.“ Sorglos fing ich an zu grinsen, obwohl ich mich keinesfalls glücklich fühlte.
Wahrscheinlich wollte ich James bloß beweisen, dass ich kein Schwächling war. Ich wollte ihm zeigen, dass ich genauso stark sein konnte, wie er, aber natürlich reagierte James ganz anders, als gewünscht. Sein Gesicht verdüsterte sich.
„Hör auf damit, Holly.“
„Was meinst du?“ Ich tat ahnungslos.
„Du brauchst mir nicht die Tapfere vorzuspielen. Die Nummer nehme ich dir nämlich nicht ab, dafür kenne ich dich zu gut.“
Verärgert schnaubte er und schaute mich finster an. Er hatte mich durchschaut. Wie sollte es auch anders sein. Ich wollte ihm gerade sagen, dass er unrecht hatte, als James mich plötzlich hochhob. Mir entfuhr ein überraschter Schrei. Blitzschnell schlang ich meine Arme um seinen Nacken und klammerte mich fest. Mir wurde schwindelig.
„Wo willst du mit ihr hin?“, fragte ihn Linda und stand auf.
„Ich fahre sie ins Krankenhaus“, antwortete er. Dabei ignorierte er, dass ich empört den Mund geöffnet hatte und heftig den Kopf schüttelte.
„Keine Widerrede, Holly“, befahl James und setzte sich in Bewegung. Linda kam ihm hinterher.
Unterwegs wischte sie sich die letzten Tränen weg. James ging so schnell, dass meine Freundin Probleme hatte mit ihm Schritt zu halten. Er lief außen an der Turnhalle vorbei. Drinnen dröhnte noch immer lautstark die Musik. Die Party war im vollen Gange. Ich konnte also nicht allzu lange draußen gewesen sein.
Dann ließ er auch das restliche Schulgebäude hinter sich. Nach gefühlten zwei Minuten hatten wir auch schon den Parkplatz erreicht. James schien der Weg nicht angestrengt zu haben, obwohl er mich noch als Last dazutrug. Er schwitze nicht einmal. Es war, als wolle er mir seine Stärke beweisen und auch noch unter die Nase reiben. Eingeschnappt verengte ich die Augen zu Schlitzen.
„Ich muss nicht ins Krankenhaus, James.“ Ich versuchte ihn umzustimmen, dabei wusste ich genau, dass er nicht auf mich hören würde. Sein Kopf schnellte zu mir. Seine Miene verriet seine Gefühle nicht.
„Du musst. Ich weiß nicht, warum du deine Verletzungen nicht ernst nimmst. Vielleicht hast du ja vergessen, dass dein Knöchel mit großer Wahrscheinlichkeit gebrochen ist, du eine schlimme Platzwunde am Kopf hast und beinahe gestorben wärst.“ Er klang zwar böse, aber in seinen Augen konnte ich Besorgnis erkennen.
„Das hätte niemals passieren dürfen. Ich hätte besser auf dich aufpassen sollen. Ich war viel zu nachlässig. Ich habe viel zu lange gebraucht, um Brolin loszuwerden. Ich hätte viel früher da sein müssen. Ich hätte das nicht zulassen dürfen“, murmelte er eilig. Er machte sich Vorwürfe. Er gab sich die Schuld für das, was geschehen war.
„Sag das nicht, James.“ Flehend sah ich ihn an. „Bitte hör auf die Schuld auf dich zu nehmen. Du hast nichts falsch gemacht. Keiner von uns. Du bist hier und kümmerst dich um mich. Das ist das Einzige, was zählt“, sagte ich liebevoll. Ich legte meinen Kopf auf seine Brust und versuchte nicht daran zu denken, dass mir wieder ein Krankenhausaufenthalt bevorstand.

Die Fahrt zum Krankenhaus hatte nicht lange gedauert. Wir hatten meinen Ford genommen. Linda war gefahren, während James und ich hinten gesessen hatten. Die ganze Zeit hatte er meine Hand gehalten und mich unablässig von der Seite angestarrt. Er hatte wohl Angst gehabt, dass ich jeden Moment das Bewusstsein verlor, doch mir war es gut gegangen, vom Schwindelgefühl, den Kopfschmerzen, der Übelkeit, dem schmerzenden Hals und Knöchel einmal abgesehen. Okay, ich hatte mich schrecklich gefühlt, aber das hätte ich James niemals gesagt.
Nun saß ich in einem Behandlungsraum, während Linda und James in der Eingangshalle warteten. Der Raum sah genauso aus wie der, in dem ich vor ein paar Monaten behandelt worden war. Doch diesmal untersuchte mich nicht die blonde Ärztin, sondern ein Mann mit braunen Haaren. Den Raum hatte er mit einer Akte in der Hand betreten. Jetzt zog er einen Hocker unter einem Tisch hervor, den er vor mir platzierte. Dann setzte er sich und warf einen Blick in die Akte. Verunsichert beobachtete ich ihn.
„Okay, Miss Dugan. Mein Name ist Dr. Travis. Nach ihrer Akte waren Sie erst vor kurzem hier.“ Seine Augen wanderten von der Akte zu mir. Ich war verwundert. Ich wusste nicht, dass sie eine Akte über mich angelegt hatten.
„Ja, aber ich musste mich nur durchchecken lassen. Eigentlich war ich wegen meinem Verlobten hier.“ Diesmal hatte ich kein Problem James als meinen Verlobten zu betiteln.
„Aha“, brummte er. „Und warum sind Sie diesmal hier?“
Die Frage machte mich nervös. Was sollte ich nur sagen? Ich musste ihm doch irgendwie erklären, wie meine Verletzungen zu Stande gekommen waren.
„Ich…ich war auf der Halloweenparty meiner Schule. Irgendwann bin ich nach draußen gegangen, um frische Luft zu schnappen. Dort bin ich überfallen worden. Den Angreifer habe ich aber nicht erkennen können.“ Ich hoffte, dass er mir die Geschichte trotz meiner Unsicherheit abkaufte. Genauer betrachtet war es genauso passiert. Nur, dass ich genau wusste, wer mich angegriffen hatte. Und diese Person hatte mich nicht überfallen, sondern töten wollen. Der Arzt bedachte mich derweil mit einem ernsten Blick.
„Haben Sie den Vorfall schon bei der Polizei gemeldet?“ Ich schüttelte den Kopf.
„Nein, dass möchte ich auch nicht.“
„Wieso nicht?“, fragte er mich überrascht.
„Wie gesagt, ich habe den Angreifer nicht gesehen. Ich könnte der Polizei keine hilfreichen Hinweise geben.“
„Sie sollten es sich trotzdem noch einmal überlegen“, befahl er streng.
„Mach ich“, log ich. Er nickte mir zu, bevor er mit der Untersuchung begann.
Zuerst musste ich meinen Schuh und meinen Strumpf ausziehen, damit er sich meinen Knöchel ansehen konnte. Als ich mich Beides entledigt hatte, sah ich, dass der Knöchel stark angeschwollen und rot war. Mit seinen Finger betastete er ihn vorsichtig. Immer, wenn er Druck ausübte, zog ich den Fuß zurück, denn der Schmerz war kaum zu ertragen.
„Der Knöchel muss geröntgt werden, Miss Dugan, genauso wie ihr Kopf. So, wie es aussieht, muss die Platzwunde zwar nicht genäht werden, aber ich vermute, dass sie eine Gehirnerschütterung haben.“
Als Letztes begutachtete er meinen Hals.
„Der Angreifer muss aber sehr fest zugedrückt haben. Man kann sogar die Handabdrücke sehen.“ Er klang entsetzt. Er bat mich meinen Mund zu öffnen, um meinen Hals und Rachenraum untersuchen zu können.
„Ihr Rachen ist entzündet und angeschwollen. Ich werde Ihnen Tabletten verschreiben, die Ihnen helfen werden.“ Aufmunternd lächelte er mich an.
„Danke“, entgegnete ich. Der Arzt stand auf und notierte etwas in meiner Akte.
„Ich werde gleich eine Krankenschwester holen, die Sie dann zum Röntgen bringt.“ Seine Augen huschten zu mir.
„Wollen Sie jemanden anrufen?“
„Ja“, antwortete ich schnell.
„Ich werde die Krankenschwester bitten Sie vor dem Röntgen in den Eingangsbereich zu bringen. Dort können Sie telefonieren.“ Er nickte mir freundlich zu, bevor er die Tür öffnete und den Raum verließ.
Es hatte nicht lange gedauert, bis eine nett aussehende Krankenschwester mit einem Rollstuhl in den Behandlungsraum gekommen war. Freundlich hatte sie mich angelächelt und mir in den Rollstuhl geholfen. Ich hatte mich unwohl gefühlt, denn meiner Meinung nach war ein Rollstuhl nicht notwendig. Das hatte ich auch gleich der Krankenschwester gesagt, doch sie war nicht auf meine Einwände eingegangen.
Also hatte ich mich zur Einganghalle schieben lassen müssen. Dort angekommen hatte ich gleich meinen Onkel angerufen. Jamie war völlig ausgeflippt, als ich ihm sagte, dass ich überfallen worden und nun im Krankenhaus war. Er hatte mir versprochen sofort loszufahren.
Nach dem Telefonat war es zum Röntgen gegangen, doch vorher hatten mich James und Linda abgefangen. Beide hatten ungeduldig auf mich gewartet. Ich hatte ihnen gesagt, dass es mir gut ging und alles halb so schlimm war. Linda hatten meine Worte nicht unbedingt beruhigt. Sie hatte mich besorgt und mitleidig angesehen. James` Miene war merkwürdig gewesen. Schon als er mich im Rollstuhl gesehen hatte, hatte er schockiert seine Augen aufgerissen.
Als ich aber dann bei ihnen gewesen war, war sein Gesicht ernst geworden. In seinem Blick hatte ich eine Mischung aus Angst und Hass erkennen können. Ich hatte nicht gewusst, was ich davon halten sollte. Ich hatte mit ihm reden wollen, aber die Krankenschwester hatte mich weitergeschoben und so war mir nichts anderes übrig geblieben, als zurückzuschauen und James ein zaghaftes Lächeln zu schenken.
Eine Dreiviertelstunde nach dem Röntgen hatte mir Dr. Travis die Ergebnisse mitgeteilt. In dieser Zeit waren Jamie und Olivia angekommen. Zusammen mit ihnen, James und Linda wartete ich in einem Untersuchungsraum. Olivia hatte sich gleich neben mich gesetzt und einen Arm um mich gelegt. Liebevoll strich sie mir über den Kopf und sagte immer wieder, dass alles wieder in Ordnung kam.
Auch sie und Jamie hatten mich, wie der Arzt, darum gebeten zur Polizei zu gehen, doch ich hatte erneut verneint. In letzter Zeit hatte ich oft genug mit der Polizei zu tun gehabt. Ich hatte sehen können, dass ihnen beiden meine Antwort nicht gefiel, aber mir war es egal gewesen.
Jedoch war ihre Bitte nicht das Ende ihrer Besorgnis gewesen. Mein Onkel, Olivia und auch Linda hatten irgendwann damit begonnen mir unentwegt auf den Hals zu starren.
Lindas Blick war dabei nicht so verstört gewesen, wie von den anderen beiden, schließlich hatte sie bereits die blauen Flecken auf meinem Hals gesehen, als Ophelia mich beim ersten Mal versucht hatte zu erwürgen. Alle um mich herum machten sich übertrieben viele Sorgen um mich, dabei ging es mir schon besser.
Die Untersuchungen hatten gezeigt, dass ich wirklich eine Gehirnerschütterung hatte und ich 48 Stunden zur Beobachtung hier bleiben musste. Die schlimmste Nachricht war jedoch, dass mein Knöchel tatsächlich gebrochen war. Dr. Travis meinte, dass ich die nächsten Wochen einen Gips tragen und Krücken benutzen musste.
Bei dem Gedanken mich mit Krücken fortzubewegen, waren meine Mundwinkel nach unten gewandert, aber ich hatte keine andere Wahl.

Erneut befand ich mich in einem sterilen, weißen Krankenzimmer und fühlte mich elend. Mein rechtes Bein war beinahe bis zum Knie eingegipst und mein Kopf dröhnte immer noch schrecklich. Ich hasste es wieder hier zu sein, denn in mir kamen Erinnerungen von meinem letzten Aufenthalt hoch.
Ich dachte an meinen verzweifelten Versuch die Empfangsdame davon zu überzeugen, dass ich James besuchen durfte und an die Angst in seinen Augen, als ich ihm sagte, dass ich ihn verlassen würde und nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte.
Ich versuchte auf andere Gedanken zu kommen, doch es fiel mir schwer. Ich ließ meinen Blick durch den Raum schweifen, bis er auf Dr. Travis fiel. In einer Hand hielt er die versprochenen Tabletten und in der Anderen die idiotischen Krücken.
Fröhlich lächelnd übergab er mir Beides. Höflich bedankte ich mich bei ihm.
„In ein paar Stunden werde ich noch mal nach Ihnen sehen“, sagte er freundlich und gab mir zum Abschied die Hand.
„Danke für alles.“ Olivias ängstliche Miene wurde dankbar.
„Keine Ursache, dass ist mein Job.“ Keck zwinkerte er ihr zu. Dann hob er die Hand und ging hinaus.
„Jetzt legst du dich erstmal hin und ruhst dich aus“, befahl Olivia ernst und schob mich näher ans Einzelbett heran. Ganz nah neben mir stand James. Ich konnte sehen, dass sein gesamter Körper unter Anspannung stand. Was war nur los mit ihm?
Flüchtig berührte ich seine linke Hand. James warf mir einen entsetzten Blick zu, ehe er seine Hand wegzog. Ich war zutiefst verletzt. Traurig ließ ich meine eigene Hand sinken und schaute auf meine Knie. Ich kämpfte mit den Tränen.
„Bitte steh auf“, sagte Olivia ungeduldig und ließ den Rollstuhl los. Als ich meinen Blick nach oben wandern ließ, stand mein Onkel vor mir. Er nahm mir sowohl die Tabletten, als auch die Krücken ab. Die Tabletten legte er auf den weißen Nachttisch aus Plastik. Dann kam er zurück.
„Hier.“ Jamie drückte mir die Krücken in die Hand. Ich stöhnte gequält auf. Ich hatte überhaupt keine Lust aufzustehen. Bockig blieb ich einfach sitzen.
„Bitte, Holly“, flehte Linda mich beinahe an. Verwirrt runzelte ich die Stirn. Warum war es ihnen allen bloß so wichtig, dass ich aufstand und mich ins Bett legte? Mein Leben hing ja nicht davon ab, also brauchte sie nicht so einen Aufstand zu machen.
„Es wäre das Beste für dich auf die Beiden zu hören, Holly. Du hast eine Gehirnerschütterung und einen gebrochenen Knöchel. Du solltest dich wirklich ausruhen.“ Das war James.
Seine Stimme hatte jedoch emotionslos, beinahe kalt geklungen. Aus den Augenwinkeln musste ich enttäuscht feststellen, dass er mich nicht einmal ansah. Wie ferngesteuert nahm ich jeweils eine Krücke in eine Hand, stellte die Enden auf den Boden und drückte mich nach oben.
Alle, außer James, sahen mich verwundert an. Ich ignorierte sie einfach. Entschlossen machte ich den ersten Schritt. Kurz vergaß ich, dass mein rechter Knöchel gebrochen war und trat mit beiden Füßen auf. Ein heftiger Schmerz schoss durch mein Bein und ließ mich einknicken.
Ein lang gezogenes „AAHHHHH“ kam über meine Lippen. Jamie kam zu mir geeilt.
„Ich helfe dir, Holly.“ Er half mir, mich wieder aufzurichten. Diesmal trat ich bloß mit meinem linken Fuß auf. Ich würde nie wieder den Fehler machen meinen rechten Fuß zu belasten. Zumindest nicht, solange mein Knöchel im Eimer war.
„Danke“, murmelte ich und machte erste, vorsichtige Schritte mit meinen neuen Hilfsmitteln.
Die Blicke von meinen Begleitern waren auf mich gerichtet. Sie alle wollten sich vermutlich vergewissern, dass ich nicht hinfiel und mich verletzte, schließlich war ich berüchtigt für meine Tollpatschigkeit. Sie erwarteten wohl jeden Moment, dass ich mich auf die Nase legte, doch ohne weitere Probleme stemmte ich mich etwas unbeholfen aufs unbequeme Bett. Olivia half mir ungefragt dabei mein eingegipstes Bein gerade hinzulegen. Dann schnappte sie sich die Krücken und stellte sie gegen die Wand. Ich verschränkte verärgert die Arme vor die Brust. Mussten sie mich alle wie ein kleines Kind behandeln?
Ich lehnte mich gegen die Kissen und schaute aus dem Fenster, obwohl es draußen finster war. Ich wollte bloß ihren besorgten Blicken entgehen, mit denen sie mich quälten. Am Liebsten hätte ich sie alle rausgeschickt, doch ich wollte nicht unhöflich und undankbar sein. Mir blieb also nichts anderes übrig, als abzuwarten. Irgendwann mussten sie ja gehen, schließlich war die Besuchszeit schon längst vorüber.
Nach zehn Minuten, in denen keiner ein Wort gesagt hatte, schlug Olivia vor mich alleine zu lassen und nach Hause zu fahren. Innerlich machte ich Freudensprünge. Ich musste mich zwingen nicht zu grinsen.
„Wir kommen dich morgen früh besuchen, Holly. Wir bringen dir dann frische Klamotten und deinen Kulturbeutel“, meinte Olivia und berührte zart meine linke Schulter.
„Okay“, flüsterte ich. Bevor sie sich vom Bett entfernte, küsste sie mich auf die Stirn. Mir war diese Geste unangenehm. Sie erinnerte mich zu sehr an meine Mom. Ich bekam ein beklemmendes Gefühl.
Ich senkte den Kopf und starrte konzentriert auf meine Hände. Ihr Gesicht tauchte vor meinem inneren Auge auf. Mit ihren blauen Augen sah sie mich ängstlich an. Ihre ganze Miene wirkte auf mich verunsichert und angespannt. Plötzlich öffnete sie ihren Mund und sagte etwas zu mir, doch ich konnte sie nicht verstehen.
Was willst du mir sagen, Mom? Bitte rede lauter, flehte ich sie verzweifelt an. Erneut redete sie auf mich ein. Wieder hörte ich kein einziges Wort. Ich war kurz davor durchzudrehen. Wieso verstand ich sie nicht? Was war nur los? Ich presste gewaltsam die Hände gegen meine Ohren, damit kein anderes Geräusch mich ablenken konnte. Das Gesicht meiner Mom hellte sich auf einmal auf. Liebevoll lächelte sie mich an. Dann formte sie mit ihrem Mund langsam drei Worte.
Ich liebe dich. Diesmal hatte ich sie verstanden. Einzelne Tränen liefen meine Wangen hinab und ich musste hart schlucken.
„Ich liebe dich und ich vermisse dich so sehr“, rief ich ihr zu. Gerührt nickte sie mir zu, bevor sie langsam verschwand.
Jemand rüttelte an meiner Schulter. Ruckartig schnellte mein Kopf nach links. Linda stand neben mir und machte ein sorgenvolles Gesicht.
„Alles in Ordnung mit dir?“ Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Wie lange war ich mit meinen Gedanken woanders gewesen? Hatte ich die Worte an meine Mom laut ausgesprochen? Fragend sah ich meine Freundin an.
„Holly?“
„Ja, ja. Mir geht es super“, antwortete ich, dabei glaubte ich es ja selbst nicht einmal.
„Ich fahr deinen Ford zu dir nach Hause.“
„Danke“, entgegnete ich. Zum Abschied umarmte sie mich fest, bevor sie das Zimmer verließ. Auch James wollte abhauen, ohne sich zu verabschieden. Schnurstracks und den Blick starr geradeaus gerichtet eilte er an mir vorbei, doch ich würde ihn nicht so einfach gehen lassen.
„Du bleibst gefällig hier, James“, sagte ich laut und setzte mich auf.

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