'Ich bin doch nicht blöd...'

..., sprach die Mimose und sinnierte vor sich hin.

In diesem kleinen Kapitel geht es sogar noch persönlicher her als in dem vorherigen.
Ich möchte heute gerne einmal über 'HSP' schreiben. Das ist ein, zumindest für mich, ziemlich wichtiges Thema und da ich es als 'Betroffener' schreibe, gibt es vielleicht sogar Einblicke für Menschen, die keine HSP sind, sich aber dennoch fragen, wie es im Seelenleben einer HSP aussieht.

Gewiss weiß nicht jeder, wer, was oder wie eine HSP ist.
Nun gut, das werde ich dann mal ganz kurz erläutern.
HSP ist, wer hätte es für möglich gehalten, eine Abkürzung, stammt aus dem Englischen und bedeutet 'Highly Sensitive Person'. Auf Deutsch übersetzt bedeutet das so viel wie 'Hochsensible Person'. Der ein oder andere mag sicherlich schon wissen, in welche Richtung das geht, aber für diejenigen, die immer noch auf dem Schlauch stehen: Nein, es handelt sich hierbei nicht (zwangsläufig) um Menschen, die viele Allergien haben, sprich körperlich sehr stark und vorallem negativ auf ihre Umwelt reagieren.

Hochsensibilität ist keineswegs eine Krankheit, weder psychisch noch physisch, sondern viel mehr eine Art der Persönlichkeit. So wie es hitzige, ruhige, neugierige und einzelgängerische Personen gibt, gibt es eben hochsensible Typen.

Doch leider haben sehr viele (und meiner Meinung nach einfach viel zu viele) Menschen ein abschätziges Bild von hochsensiblen Personen. Sie gelten als weinerlich, zimperlich, überempfindlich, sind meistens die Spaßbremsen, Weicheier... oder eben die 'Mimöschen'.
Witzig. Als würde ich wie ein zierliches Pflänzchen bei der kleinsten Berührung eingehen.

Meist hört die HSP Sätze wie 'Sei doch nicht immer gleich so empfindlich.', 'Mach dir nichts draus.', 'Denk doch nicht so viel darüber nach.', 'Stell dich nicht so an!' oder, auch sehr beliebt, 'Zieh dir doch einfach ein dickeres Fell an!'
Wenn mir solche Sätze gesagt werden, würde ich meist gerne mit 'Sei du doch nicht immer gleich so unempfindlich', 'Mach dir mal was draus', 'Denk doch lieber mal mehr drüber nach', 'Stell dich mal an!' oder 'Zieh dir mal ein dünneres Fell an!' antworten. Kurzum: Wieso soll ich mich an andere anpassen, die es nicht einsehen, meine Sicht zu verstehen? Und ich kann mit Sicherheit sagen, dass die wenigsten Menschen, die mir sowas gesagt haben, versucht hätten meine Sichtweise nachzuvollziehen.

Das Problem an der Hochsensibilität ist, dass sie in unserer Welt mehr ein Stigma als ein Segen ist. So viele gute Seiten sie auch haben mag, diese sind leider nichts im Vergleich zu den vielen, vielen Hindernissen.

Die HSP lebt gerne in ihrer eigenen Welt, besitzt eine ausgesprägte Phantasie und macht sich um Vieles Gedanken. Sie könnte den gesamten Tag über in ihrer Phantasiewelt verschwinden, ihre Traumwelten bauen und mit ihren selbsterdachten Charakteren kommunizieren. Stets gefolgt von emotionalen, phantastischen Klängen, die sie über ihre Kopfhörer hört, mit einem Bild vom Sonnenuntergang, rauschenden Blättern, plätscherndem Wasser, farbenprächtigen Blumenmeeren, prasselnden Lagerfeuern, glitzernden Augen ihrer Freunde, dem Herumtollen von Tieren und dem Atmen der Natur, begleitet. Und ihr würden Tränen in den Augen stehen, weil dieses Bild so wunderschön wäre und für die Ewigkeit anhielte, in Harmonie und Stille.

Doch ist das alles nur ein Wunschtraum, ein Hirngespinst in dieser Welt voller Ungerechtigkeit, Angst, Armut, Zwiespalt, Macht, Gier und Gewalt. Da zieht sich die Mimose ein, verpuppt sich die Raupe in ihrem Kokon, rollt sich der Igel in seinen Blätterhaufen.

Denn aufgrund der erhöhten Schmerzempfindlichkeit, detailreicher Wahrnehmung, weit gesponnener, komplizierter Gedankengänge, Feinwahrnehmung jeder einzelnen Regung der Natur, Beeinflussbarkeit durch andere Menschen, der geringen, emotionalen Belastbarkeit, dem stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und dem intensiven Erleben jeder noch so unbedeutend erscheinenden Situation, trägt die HSP schnell das Leid der Welt mit sich, versinkt in ihrem Schmerz und weiß sich alleine nicht mehr so recht daraus zu befreien.

Sie möchte der Welt so gerne helfen die schönen Seiten zu erblicken, das Negative hinter sich zu lassen, im Einklang mit all ihren Gefährten zu sein und dem Leben etwas mehr Lebendigkeit einzuhauchen. Aber das wird ihr nicht gelingen. Sie ist zu klein, zu unbedeutend und in der Mindherheit der Gesellschaft.

Schätzungsweise leben auf unserem Planeten etwa 15 - 20% hochsensible Menschen, obwohl ich denke, dass das nur ein sehr vager Wert ist, denn man wird wohl schlecht jede Person auf ihre Wahrnehmung testen können. Vielleicht sind es viel mehr, vielleicht aber auch wesentlich weniger. Aber sie werden wohl immer noch in der Minderheit sein, wenn man sich die Ungerechtigkeit in unseren Gesellschaften anschaut.

Hochsensibel zu sein, ist das eine. Hochsensibel in einer von Konkurrenzdruck geprägten Ellenbogen-Gesellschaft zu sein, das andere.
Eine HSP geht meist komplett unter, weil sie nicht mit dem Strom schwimmt, sich durchsetzen kann und bereit ist sich selbst zu verzerren, um anderen zu schaden oder sie zu manipulieren und die eigenen Ziele und Interessen durchzusetzen.
Sie wird stets hinterher hinken, wird nie das Alphatier sein und auch nicht den Ton angeben, denn das will sie gar nicht. Aber sie ist auch nicht gerne außen vor, obwohl sie dies immer sein wird.
Wer braucht empfindsame Wesen in einer kapitalistischen Welt, die nur auf Gewinnmaximierung ausgelegt ist und nicht auf die Maximierung der Menschlichkeit? Niemand.
Wer hört dem sensiblen Kind zu, das über die Misshandlung der anderen Spezies durch den Menschen klagt und weint, die mit uns gemeinsam diesen Planeten besiedeln? Niemand.
Wer möchte lieber Kunst als einen Koffer voller Geld sehen? Niemand.
Wer will verstehen, wie es sich anfühlt jede Sinneserregung doppelt oder dreifach wahrzunehmen? Niemand, denn Emotionen und Gefühle sind ja weibisch und ein Anzeichen von Schwäche.

So wird Sensibilität von unzähligen Personen gedeutet. Als eine Schwäche.
Aber ich frage mich, wann das eigentlich angefangen hat. Wann wurde der Mensch zu einem machthungrigen Wesen, das blind für die Schönheit der Welt wurde, in der er umherwandeln darf?
Wann begann der Mensch die Erde als sein Eigentum anzusehen und nicht nur als einen wundervollen Ort, an dem er lediglich Gast ist?
Wann wurde emotionale Abgestumpftheit zum Ideal unserer Gesellschaft?

Und wieso muss sich der empfindsame Mensch an diese von Gier zerfressene Gesellschaft anpassen, an diese an Skrupellosigkeit erkrankte Menschheit?
Wieso sollen wir unsere Sicht beschränken für Menschen, die ihre nicht erweitern möchten?

'Ich bin doch nicht blöd', sprach die Mimose und sinnierte vor sich hin.

Kommentare

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    Maschinenfuchs, ehrlich wenn ich deine Texte lese, sehe ich Dich in einer Kanzel und Du verkündest Deinem Volk die Wahrheit. Maschinenfuchs, ich bin beeindruckt und ziehe den Hut für Deine Texte die Du verfasst. LG. Carmen

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    Ich bin selber eine HSP und weiß sehr genau, wovon du sprichst. Auch ich habe lange gekämpft, um verstanden zu werden, was selbstredend oft nicht gelang. Mit der Zeit habe ich aber Menschen gefunden, die auch HSP sind oder zumindest so empathisch, daß ich bei ihnen so sein kann, wie ich bin. Unterdessen lehne ich mich nicht mehr auf und kämpfe auch nicht mehr, denn das kostet unnötig Kraft. Ich bin aber davon überzeugt, daß wir HSP gerade in der heutigen Zeit eine wichtige Rolle spielen mit unserer anderen Art wahrzunehmen und zu sein. Wir können viel geben und zeigen! Ich wünsche dir, daß du dir einen Kreis von echten Freunden schaffen kannst, die im besten Fall selber HSP sind oder dich zumindest als die Person respektieren und achten, die du bist! Danke für dein Engagement!

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    Wunderschön geschrieben und das Thema ist mir sehr vertraut! 5/5

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