Ich darf nicht vergessen

Angespannt stand Lucius Malfoy am Fenster des Kaminzimmers, wo seine Familie später mit Severus zusammen den Tee einnehmen würde. Er hatte seiner Frau dabei zugesehen, wie sie mit beinahe perfektionistischer Hingabe den Tisch gedeckt, die Hauselfen immer wieder mit neuen Anweisungen über das Gebäck, das zu servieren sei, in Aufregung versetzt hatte und schließlich mit einem zufriedenen Lächeln in ihren Sessel gesunken war. Er selbst hatte keine Muße gehabt, sich irgendwie auf das Bewirten eines Gastes vorzubereiten, zumal es sich sowieso nur um einen alten Freund der Familie handelte. Gewiss, nach seinem letzten Besuch war Severus auch zu einer Art Wachhund geworden, aber das gab Lucius wenn überhaupt nur noch mehr Anlass, keinen Finger für ihn krumm zu machen.

Der vertraute Umgang, den er zwischen Severus und Hermine beobachtet hatte, lag ihm immer noch unangenehm im Magen. Er hatte keine ruhige Minute gehabt, nachdem die beiden aus seinem Blickfeld verschwunden waren, und jetzt, da er sie durch das Fenster erneut erspähen konnte, war er nur noch ungeduldiger geworden. Obwohl es inzwischen stark regnete und die beiden Gestalten noch recht weit weg waren, so war Lucius sich doch sicher, dass etwas nicht stimmte. Die Art, wie Hermine sich die Hand vor den Mund hielt, ihre in sich zusammen gefallene Haltung, alles deutete darauf hin, dass sich ihre Stimmung im Gegensatz zum Aufbruch völlig gedreht hatte. War etwas geschehen? Hatte Severus erneut …?

Ehe Lucius in wütende und besorgte Gedanken versinken konnte, veränderte sich die Szene vor ihm. Nur wenige Meter vom Hauseingang entfernt hatte Severus angehalten und Hermine eine Hand auf die Schulter gelegt. Er redete offenbar ernst und bestimmt auf sie ein, denn sie starrte ihn nur mit weit aufgerissenen Augen an, während sie immer wieder nickte. Er konnte auch über die Entfernung sehen, dass ihr das Haar schwer über die Schultern ging, dass einzelne Strähnen an ihren Wangen klebten, dass der Umhang inzwischen vollständig durchweicht sein musste und sie Mühe hatte, unter der Last aufrecht zu stehen. Ihr einer Arm hielt den Korb mit jenen Pflanzen, die Severus für seine Arbeit gebrauchen konnte, während ihre andere Hand noch immer zur Faust geballt gegen ihren Mund gepresst war. Warum wirkte sie so aufgelöst?

Mit einer beinahe zärtlichen Bewegung griff Severus nach dieser Hand und zwang sie mit sanfter Gewalt herunter. Dann beugte er sich vor, wischte Hermine eine Strähne aus dem Gesicht, legte ihr einen Finger unter das Kinn – und küsste sie. Ein eiskaltes Gefühl bemächtigte sich Lucius, doch als er sah, wie Hermine mit aller Kraft gegen diesen Kuss ankämpfte, verwandelte es sich in heiße Wut. Severus hatte schon genug Schaden angerichtet, er musste das nicht wiederholen! Fassungslos beobachtete er, wie sich eine Hand in Hermines nassem Haar vergrub und sie so zwang, sich dem Kuss weiter hinzugeben. Der Korb mit den Pflanzen war inzwischen zu Boden gefallen, während Hermines Arme wie erfroren an ihrem Körper herunter hingen.

Lucius bebte vor Zorn. Wenn Hermine durch das achtlose Handeln von Severus sich jetzt erneut in ihr Schneckenhaus zurückzog und sich auch vor ihm verschloss, würde er das seinem Freund niemals verzeihen.

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Langsam löste er sich aus dem Kuss. Obwohl er es nur der Ablenkung wegen getan hatte, konnte Snape nicht leugnen, dass er das Gefühl ihrer weichen Lippen genossen hatte. Natürlich hatte sie sich gewehrt, war sogar entsetzt gewesen über diesen Zug von ihm – und doch. Als er nach ihrem Haar gegriffen hatte, hatte sie aufgehört zu kämpfen, hatte den Kuss zwar nicht erwidert, aber zugelassen. Kurz schloss er die Augen, dann blickte er Hermine direkt an. Was er sah, überraschte ihn.

„Malfoy hat uns beobachtet, nicht wahr?“, sagte sie sachlich, während der Hauch eines Lächelns ihre Lippen umspielte. Er konnte nichts Anderes tun als nicken. Mit einem Glitzern in den Augen beugte Hermine sich herab, um den Korb wieder aufzuheben: „Ja, das dürfte ein stimmiges Bild ergeben, wenn wir gleich ins Haus zurückkehren. Ich, in Tränen aufgelöst, der Hausherr hat sogar noch einen erzwungenen Kuss mitbekommen können – da ist für alle Beteiligten klar, was draußen vorgefallen ist. Das war doch Ihr Plan, stimmt’s?“

Ausdruckslos blickte er auf die junge Frau vor sich herab. Woher nahm sie nur die Kraft, immer wieder ihre Gefühle wegzuschieben und jede Situation logisch zu betrachten? Sie hatte den ganzen Weg über geweint, so heftig, dass er tatsächlich begonnen hatte, sich Sorgen zu machen. Erst, als ihre Tränen verebbt waren und er so etwas wie Kampfgeist in ihren Augen wieder hatte aufflammen sehen, hatte er es gewagt, ihr in Kurzfassung von seinem Plan zu erzählen. Und nun schienen die Tränen und auch der Anlass dazu schon fast wie vergessen, sie konnte lächeln und nahm ihm den Kuss nicht übel. Eine beeindruckende Eigenschaft. Er selbst hatte sein Leben lang nichts anderes getan, als seine eigenen Gefühle zu unterdrücken und stattdessen den Verstand regieren zu lassen. Es war seine zweite Natur. Aber dasselbe Verhalten nun in einem so viel jüngeren, lebhafteren Menschen zu sehen, in Hermine, die durchaus zu heftigen Emotionen in der Lage war, ließ ihn, Severus Snape, sprachlos zurück.

„Ihnen entgeht nichts“, erwiderte er schließlich kurz angebunden. Ohne ein weiteres Wort an sie drehte er sich um und ging zur Haustür zurück. Die Achtung, die er mit jedem Treffen mehr für sie empfand, mischte sich auf unangenehme Weise mit der körperlichen Anziehung, die er seit der Vergewaltigung zu ihr verspürte. Er konnte ihren jungen, weiblichen Körper attraktiv finden. Und er konnte ihren Verstand und ihre Stärke bewundern. Aber er durfte das nicht zu einem … stärkeren Gefühl verschmelzen lassen.

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„Was ist passiert?“

Langsam blickte Hermine auf. Sie war gerade dabei, ihren Umhang neben der Feuerstelle aufzuhängen und ihre Haare zu trocknen, als der Hausherr mit raschen Schritten in die Küche trat. Sie wusste, dass Snape gerade ein kurzes Bad nahm, um die Kälte aus seinen Gliedern zu verbannen, entsprechend war noch ein wenig Zeit, ehe die Familie mit ihrem Gast den Tee zu sich nehmen würde. Dass Malfoy die kurze Pause nutzte, um zu ihr zu kommen, hatte sie beinahe schon erwartet. Sie wusste, dass ihr Gesicht noch immer die Spuren ihres langen Heulkrampfes trug, ebenso wie sie wusste, dass er den Kuss zwischen ihr und Snape beobachtet hatte. Sie senkte den Blick. Sie wollte ihn nicht belügen, wollte nicht, dass er sich unnötig Sorgen machte, doch für den Moment ging es nicht anders. Unter keinen Umständen durfte Lucius Malfoy Verdacht schöpfen, dass irgendetwas anderes als Angst ihre Gefühle für Snape bestimmte. Draußen vor dem Haus hatte sie sich für einen lächerlichen Moment tatsächlich wie eine Heldin aus einem alten Spionagefilm gefühlt, die im Auftrag der Tarnung alles erduldet. Dieses merkwürdige und vollkommen deplatzierte Hochgefühl war nun vollständig verschwunden.

„Hermine“, flüsterte er, während er dicht an sie heran trat: „Es ist etwas passiert, das kann ich sehen. Du hast geweint.“

„Wenn Ihr es so gut sehen könnt, warum fragt Ihr dann überhaupt?“, entgegnete sie scharf. Wenn sie es nicht aussprach, dann konnte sie zumindest die Lüge umgehen. Sollte er denken, was er wollte, sie würde keine konkrete Aussage treffen, sie würde ihm nicht vorlügen, Snape hätte sich wieder an ihr vergangen.

„Schon gut“, meinte er mit demselben leisen, zärtlichen Tonfall: „Du musst mir nichts sagen, ich weiß Bescheid. Komm her.“

Sachte zog Malfoy sie in seine Arme, legte eine seiner großen Hände auf ihrem Kopf ab, während die andere ihr ganz langsam über den Rücken strich. Hermine musste an sich halten, ihn nicht vor lauter Scham von sich zu schieben. Sie kam mit seiner zärtlichen Seite so wenig klar, denn sie passte nicht zu einem Todesser, der aus freien Stücken einem Wahnsinnigen diente. Natürlich hatte sie nach all den Wochen in diesem Haus genug von Lucius Malfoy gesehen, um zu wissen, dass er diese Zärtlichkeit nur ihr gegenüber an den Tag legte und dass sie tatsächlich ernst gemeint war. Doch heute hatte sie ihn das erste Mal bewusst belogen, hatte ihm etwas vorgespielt, was nicht der Tatsache entsprach. Sie hatte sich nicht nur mit Snape gegen ihn und alle anderen Todesser verschworen, sie hatte darüber hinaus absichtlich den Eindruck erweckt, Snapes Opfer geworden zu sein, um ihre neue Beziehung zu ihm zu verbergen. Hatte sie überhaupt das Recht, sich von Malfoy umarmen zu lassen und seinen Trost anzunehmen? Gerade erst hatte sie gelernt, in seinen Armen beim gemeinsamen Sex die Welt um sich herum zu vergessen, sich fallen zu lassen, die Kontrolle abzugeben – und Trost darin zu finden. Sie wollte das nicht aufgeben, zu viel hatte ihr das bedeutet, doch die immer korrekte Stimme in ihrem Inneren war aufgebracht.

„Mr. Malfoy“, flüsterte sie beinahe unhörbar, während sie sich aus der Umarmung löste. Sie hatte die Grenze schon zuvor gezogen, hatte ihm schon zuvor deutlich gemacht, dass romantische Gefühle zwischen ihnen nicht möglich waren. Sie würde ganz einfach die Grenze noch enger ziehen und auch jeden sexuellen Kontakt verbieten. Im Grunde genommen war er nur ihr Herr und sie nur seine Sklavin, es war nichts Unnatürliches dabei, wenn sie sich vor ihm verschloss. Im Gegenteil, dass sie sich überhaupt geöffnet hatte und gedacht hatte, auf irgendeiner Ebene mit ihm zusammen sein zu können, das war unnatürlich.

Eine Träne lief ihr die Wange hinunter, gefolgt von vielen weiteren. Sie wusste selbst, dass sie sich belog, dass sie im Inneren Lucius Malfoy schon längst viel zu nahe gekommen war, als dass sie sich selbst mit ihren logischen Argumenten hätte überzeugen können. Ihr Verstand konnte ihr noch so oft erklären, dass zwischen ihr und Malfoy sowieso nichts sein durfte, der Gedanke, ihn völlig von sich zu weisen, schmerzte.

Sie drehte sich wieder zum Feuer um, neben dem ihr Mantel hing. Sehr bald würde Snape mit seinem Bad fertig sein und dann hatte sie präsentabel im Kaminzimmer über die Teestunde der Familie und ihres Gastes zu wachen. Sie musste diese Tränen stoppen und ihr Gesicht wieder unter Kontrolle bringen.

„Ich wünschte, du würdest diese Grenze nicht ziehen“, riss Lucius Malfoy sie aus ihren Gedanken: „Denkst du wirklich, dass das nötig ist? Hast du Angst vor mir?“

Hermine musste tief durchatmen, ehe sie die Kraft fand, sich umzudrehen und ihm direkt in die Augen zu schauen: „Vor Euch habe ich keine Angst. Dennoch. Snape hat mich heute daran erinnert, auf welcher Seite ich stehe. Er ist Todesser, Ihr seid es ebenso. Und…“

„Wieder das!“, unterbrach er sie unbeherrscht: „Das haben wir doch längst hinter uns gelassen, Hermine! Warum holst du das jetzt wieder hervor? Was hat sich geändert?“

„Nichts“, flüsterte sie, immer noch darum bemüht, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten: „Aber es war falsch, das alles zu vergessen. Ich darf nicht vergessen. Ich muss geistig umnachtet gewesen sein, dass ich…“

„Nein!“, schrie er sie mit einem Mal an, das Gesicht zu einer finsteren Miene des Zorns verzogen: „Sag nicht, dass es ein Fehler war! Wie kann es ein Fehler gewesen sein, wenn du es so offensichtlich genossen hast? Wann immer wir in den letzten Wochen alleine waren, hast du dich entspannt, das habe sogar ich gesehen. Bei mir kannst du den Alptraum vergessen. Sag nicht, dass das ein Fehler ist!“

„Aber so ist es!“, entgegnete sie matt: „Ich darf nicht vergessen, was draußen los ist. Ich habe Glück, dass Ihr mich gut behandelt, aber außer mir gibt es so viele, die leiden. Es ist nicht richtig…“

„So selbstlos!“, fiel er ihr erneut ins Wort, diesmal mit eisigem Zynismus: „Der Sprechende Hut hat gut daran getan, dich nach Gryffindor zu stecken. Eure selbstgerechte Art, wie ihr von allen verlangt, eure engstirnigen Moralvorstellungen zu teilen, ist widerwärtig. Ich bin nicht wie du! Mir ist es völlig egal, wie es anderen geht. Du kannst nicht von mir erwarten, dass ich mich deinen Regeln beuge! Ich bin der Herr hier.“

Hermines Tränen versiegten. Seine Worte hatten sie wider besseren Wissens tief getroffen. Natürlich wusste sie, dass ein Lucius Malfoy kein Menschenfreund war und dass er in seinem Alter seinen Charakter vermutlich auch nicht mehr so leicht würde ändern können. Dennoch. Sie hatte eine Seite an ihm gesehen, die menschlich war, schwach und abhängig. Der Mann, der jetzt vor ihr stand, tat so, als hätte er diese Seite nicht. Dies war der echte Lucius Malfoy, der arrogante Sohn einer uralten, reinblütigen Familie, der seine Schwächen verleugnete, sich nur um sich selbst kümmerte und es gewohnt war zu bekommen, was er wollte. Die andere Seite von ihm war da, aber er würde niemals zugeben, dass sie existierte, zu sehr hing er an seinem Selbstbild. Zu stolz war er.

„Ihr seid der Herr, ich bin die Sklavin“, schoss sie mit giftiger Stimme zurück: „Das habt Ihr gut erkannt. Ihr könnt tun und lassen, was Ihr wollt. Aber erwartet nicht von mir, dass ich mich dem hingebe.“

So schnell, dass sie die Bewegung kaum wahrgenommen hatte, packte er sie mit einer Hand am Hals und presste sie gegen die kalten Fliesen der Wand neben der Feuerstelle. An seiner schnellen Atmung konnte Hermine erkennen, dass er aufgewühlt war, doch sein Blick war eisig. Offen erwiderte sie ihn. Während sie sich vor wenigen Minuten noch geschämt hatte, ihn anzulügen oder zu hintergehen, empfand sie jetzt nur noch Verachtung für diesen Mann, der zu schwach sein, sich seine Schwächen einzugestehen, und stattdessen auf seine Macht setzen musste, um sie gefügig zu machen.

„Du hast in der Tat keine Angst vor mir“, sagte er schließlich nach einem schier endlosen Augenblick des Starrens: „Aber auch keinen Respekt.“

Mit diesen Worten ließ er von ihr ab, machte auf dem Absatz kehrt und verließ die Küche. Schwer atmend rieb Hermine sich den Hals da, wo er sie festgehalten hatte. Obwohl sie nicht verstehen konnte, wie sich ihre Beziehung so plötzlich beinahe ins Gegenteil verkehren konnte, erkannte sie mit ihrem scharfen Verstand doch, dass es so besser war. Es war der einzige Weg. Sie hatte eine Aufgabe zu erfüllen, sie hatte sich auf den Plan zum Sturz des Dunklen Lords vorzubereiten. So wie Snape musste sie damit leben, dass niemand um sie herum wirklich wusste, was sie dachte. Um der Zukunft der Zaubererwelt Willen musste sie damit zurechtkommen, alleine zu sein.

Und plötzlich war die altbekannte Müdigkeit wieder da. Der Tag war zu viel gewesen und sie wusste, es war noch lange nicht vorbei.

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