Vor langer, langer Zeit wachte ich in Rapunzels Turm auf. Erschrocken ob meines plötzlichen Auftauchens richtete das Mädchen mit den um die Hüften gewickelten Haaren eine riesige Schere auf mich, während es zurück an die Wand wich und versuchte, seine Angst zu verbergen.
"Ganz ruhig, ich bin bloß eine Fee, die dir helfen will. Ich hab gehört du wirst hier seit Jahren von einer alten, hässlichen Hexe fest gehalten, die dich als Leiter missbraucht?", wusste ich mich in diese unerwartete, aber herausfordernde Situation einzufügen.
Mit großen blauen Augen nickte Rapunzel: "Ja, da hast du richtig gehört! Ich bin ihre Gefangene und soll den ganzen Tag das Turmzimmer putzen und sauber halten, bis sie bei Sonnenuntergang unten meinen Namen ruft und meinen Zopf verlangt."
"Schlau gemacht mit der totalen Abhängigkeit", murmelte ich und untersuchte bereits die Wände nach irgendwelchen alternativen Türen, die Treppen verborgen hielten. Doch es gab allen Anschein nach wirklich nur dieses eine weltbekannte Balkonfenster. Nicht mal Glasscheiben gab es. Im Winter musste es hier drinnen höllisch kalt sein, da konnte auch der Karminofen auf der gegenüberliegenden Seite nicht helfen. Mein Blick fiel auf den schwarzen Schacht und da kam mir eine Idee.
"Sag mal, wann genau kommt die alte Schrulle nochmal wieder?"
"Bei Sonnenuntergang."
Ich sah auf meine Armbanduhr und wünschte mir, ich hätte ausgefeiltere Astronomiekenntnisse.
"Also sehr bald", fügte Rapunzel freundlicherweise hinzu. "Und du willst mir wirklich helfen? Ich wünsche mir so sehr, einmal aus diesem Turm heraus zu kommen; die weite Welt zu sehen; andere Menschen zu treffen; einer Mühle beim mahlen zuzusehen; einen Wasserfall zu umwandern, wie ich ihn in meinen Büchern Abend für Abend sehnsüchtig bewundere. Wahre Liebe zu finden ..."
"Okay, okay, hab schon verstanden", unterbrach ich den Redeschwall der Träumerin und schob mir einen der Holzstühle in den Karmin, stieg hinauf und blickte nach oben. Breit genug für mich war er ja. Über mir ragte der rosagraue Himmel.
"Was tust du, gute Fee?", wollte Rapunzel entsetzt wissen.
"Ich nehme nur einen kleinen Test vor. Nichts weiter! Wäre nett, wenn du mich von unten hochdrücken könntest. Bin leider kein Spinnenmann." Und so half mir Rapunzel zusätzlich, während ich mich an den Wänden hochzog. Oben angekommen zerrte zunächst eine Sturmböe an meinem Gleichgewicht, bevor ich entdeckte, wonach ich gesucht hatte. Triumphierend grinste ich in den Schornstein hinunter. "Hab ich´s doch gewusst. Es gibt auf der Rückseite, sodass du es nicht sehen konntest, eine Sprossenleiter."
Rapunzel konnte es kaum glauben. Und so schmiedeten wir einen Plan. Sie schnitt sich den erstaunlich gut gepflegten Pflechtzopf ab und hing ihn vorsorglich aus dem Balkon, jedoch nicht sehr fest an einen Stuhl geknotet. Dann kletterten wir aufs Dach und stiegen die Leiter hinab. Auch Hexen brauchten augenscheinlich Notausgänge.
"Und jetzt?", wollte Rapunzel wissen. "Was werde ich mir als erstes ansehen?"
"Als erstes müssen wir sichergehen, dass die Alte dir keine Gefahr mehr ist", stellte ich klar. "Wir setzen uns hier in die Büsche und warten, bis sie kommt."
Die Fee hatte in Märchen immer Recht, also gehorchte Rapunzel und setzte sich neben mich. Ich glaubte mir selber jedes Wort, bis Rapunzel eine Äußerung machte, die mir die Sicherheit mit einem Mal stahl.
"Wo soll ich denn dann hin? Ich hab keine Familie, kein Zuhause. Was wird nun mit mir passieren?"
Stimmt ja, da draußen war ja noch irgendein Prinz, wie konnte ich den bloß vergessen? Gerade wollte ich Rapunzel von meiner Zukunftsvision berichten, da trat auch schon ein Pferd auf die Lichtung, auf ihm ein Reiter, unverkennbar der örtliche Prinz. Sie ritten geradewegs auf den Turm zu.
"Oh, der Edelmann. Wie konnte ich ihn bloß vergessen? Wir hatten uns für heute verabredet."
"Das läuft also doch schon länger mit euch?"
"Gestern hat ihn zum ersten Mal mein lieblicher Gesang angelockt. Ich dachte, er wäre die Hexe und ließ ihn hinaufklettern ...", erklärte Rapunzel sogleich träumerisch.
"Ja, ja, den Rest kann ich mir denken. Aber dann muss ich euch wenigstens nicht mehr verkuppeln. Heute wäre der Tag gewesen, an dem die Hexe deinen Prinzen in Stein verwandelt hätte. Ich bin echt überpünktlich!"
Rapunzel bedachte mich mit einem Bände sprechendem Blick, bevor sie mich belustigt verbesserte: "Ach nein, Johannes ist kein Prinz. Unvorstellbar! Du dumme Fee, aber auch."
Ich verdrehte die Augen und sprang aus dem Gebüsch, bevor der Prinz den Zopf anpacken konnte. "Wer seid Ihr?", fragte mich der gute Johannes mit gezücktem Schwert.
"Johannes, du kannst beruhigt sein, das ist nur meine gute Fee!"
"Rapunzel!" Und schon lagen sich die beiden in den Armen. Mich bedachte der Prinz voller Argwohn. "Haben nicht nur Prinzessinnen gute Feen?"
"Schmeichelhaft", entfuhr es mir. "Und jetzt kommt zurück in den Busch, samt Pferd, sonst enden wir alle als Steinfiguren!"
Prinz Johannes tat es Rapunzel zuliebe und so warteten wir zu viert auf den Sonnenuntergang, Der dann bald zusammen mit der berüchtigten Hexe eintraf. Sie ritt auf einem armen Geschöpf von einem Esel, der unter ihrem Gewicht zitterte und klapperte und zu allem Überfluss auch noch von einer Fliege belästigt wurde; sie selber hatte ihren Blick stur auf den Turm vor sich gerichtet. Beim Anblick des Zopfes sprang sie alarmiert vom Esel und rannte den restlichen Weg. "Rapunzel, Rapunzel, warum hast du schon dein Haar heruntergelassen?" Sie zog einmal am Haarseil. Dann lächelte sie. "Sehr zuvorkommend. Hast du endlich Benehmen gelernt?"
"Mach schon", flüsterte ich. Rapunzel und Johannes hielten fest die Hand des jeweils Anderen umklammert.
"Ich habe heute gut zu Mittag gegessen, verzeih also, wenn ich genau um ein Wildschwein schwerer bin", kicherte die Hexe garstig und erklomm wie gewohnt den Turm. Es dauerte genau so lange, wie sie brauchte um die Hälfte zu erreichen, dann gab oben der Stuhl den Widerstand auf, der Zopf löste sich und die Hexe fiel mitsamt ihrer Verwunderung hinunter. Bevor sie jedoch auf dem harten Waldboden aufprallte, löste sie sich kinderfreundlich in dreizehn schwarze Raben auf, die sich allesamt in den Lüften verstreuten.
"Geschafft!", rief ich erleichtert.
"Oh, danke gute Fee! Endlich bin ich frei!", fiel mir Rapunzel um den Hals. "Jetzt kann ich zusammen mit Johannes die Welt entdecken."
Johannes räusperte sich. "Rapunzel, es gibt da etwas, das ich dir sagen muss ..."
"Er ist ein Prinz. Und du bist eine Prinzessin. Die Hexe hat dich aus Rachegelüsten als Baby deinen Eltern weggenommen, weil diese ihre Rapunzeln aus ihrem Zaubergarten haben klauen lasse. Deine Eltern sind ..."
"König Richard und Königin Rosalie, aber natürlich! Du bist ihre verlorene Tochter!", fügte Prinz Johannes hinzu, um Rapunzel an meiner Stelle zu beeindrucken. "Meine Eltern sind gerade bei deinen zu Besuch, um sich über die Ländergrenze einig zu werden. Wir sind aus dem angrenzenden Nachbarkönigreich."
Rapunzel hielt sich die Hände vors Gesicht und wusste nicht, was sie sagen sollte. "Wir gehen gemeinsam zu ihnen. Du bist mir gleich rechtmäßige Thronfolgerin! Das Königshaus ist dein Zuhause!", lachte der Prinz, und es klang für mich seltsam erleichtert, so als hätte sich diese Geschichte ganz plötzlich für alle in Wohlgefallen aufgelöst.
"Was ist los? Hättest du sonst eine andere heiraten müssen?", wollte ich wissen.
"Schlimmer", entgegnete der Prinz, " wenn sie sich nicht einig geworden wären, hätte es zum Krieg kommen können, weil es hier keinen Nachfolger gab und der Thron irgendwann leer verblieben wäre. Aber jetzt können wir heiraten und die Königreiche miteinander verbinden! Es ist einfach herrlich! Hörst du, Rapunzel? Herrlich!"
"Ach, Johannes, es ist alles noch so neu und schwer zu begreifen. Wenn es wahr ist und ich wirklich Prinzessin bin, dann ... dann werde ich ja wieder eingesperrt und bewacht und werde nie die Welt sehen." Sie sah sehr unglücklich aus, das arme, aber bemerkenswert schlaue Ding.
Johannes küsste sie. "Ach, Liebste, das wird nicht passieren! An meiner Seite wirst du so viel reisen, wie du willst! Du wirst mein Königreich besuchen und die angrenzenden Länder beehren und die entzückendste Königin sein, die die Welt je gesehen hat."
Der Prinz hatte tatsächlich ein Lächeln auf die Lippen der Prinzessin gezaubert. "Also gut, dann werden wir heiraten."
"Aber zuerst gehen wir zu unseren Eltern und erzählen ihnen alles! Die werden Augen machen! Wir werden feiern und es wird ein großes Festmahl geben! Lass uns jetzt aufbrechen!"
Rapunzel löste sich rasch von ihrem Verlobten und kam zu mir. "Tausend Dank, liebe Fee! Ohne dich wäre ich immer noch eingesperrt und Johannes wäre Stein und ich hätte nie erfahren, wer ich wirklich bin. Wie kann ich dir bloß jemals danken?"
Ich lächelte zurück. "Es reicht, wenn du mich einmal ordentlich kneifst."
"Ich soll dich kneifen?", wiederholte sie leicht entfremdet.
"Ja, könntest du das machen? Das wäre sehr nett!"
Sie und der Prinz wechselten einen Blick. Schließlich zuckte sie mit den Schultern und tat, worum ich sie gebeten hatte.
Hier und heute wachte ich aus diesem Traum von einem Märchen in meinem Bett auf und wenn ich nicht gestorben war, dann lebte ich noch heute.

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