"Ich verspreche es dir"(M)

Grace‘ Sicht:



Ich stopfte meine Kleider in den großen Koffer, den mir Susanne vor drei Jahren gekauft hat, als ich nach Mallorca flog. Damals war es schlimm, weil ich Tom so vermisst habe- diese verdammten zwei Wochen. Ich kämpfte mit meinen Tränen. Ich warf eine meiner Jacken gegen die Wand und setzte mich aufs Bett. Beruhig dich, beruhig dich. Dad braucht dich jetzt mehr wie jemals zuvor, sagte ich mir tausende Male. Allmählich wurde ich entspannter und schloss die Augen. Mein Flugzeug, das nach Schweden fliegen würde, kommt in sechs Stunden. Ich seufzte laut und ballte meine Hände zu Fäusten. Meine Mutter ist gestorben. Meine Mutter. Und jetzt muss mein Vater allein mit meiner Schwester Sophie klar kommen. Ich MUSS dort hin, Dad müsste sonst seinen Job kündigen und das darf ich ihm nicht antun. Auf keinen Fall. Ich stand auf und holte mein Handy aus meiner Handtasche.

(G) „Tom?“

Nicht einmal zehn Sekunden später meldete er sich.

(T) „Grace! Was ist los?!“

(G) „Bitte komme nicht zum Flughafen.“

Mit einem Poltern flog das Gerät auf den Boden. Es vibrierte, aber ich wusste, dass es Thomas war. Es gab eine ganz simple Erklärung, warum er nicht kommen sollte. Der Abschied tut dann nicht mehr so weh. Hoffte ich. „Grace?“ Susanne. Ich wollte nicht, dass sie herein kommt. Ich antwortete nicht. Ich konnte hören, wie sie die Treppe hinunter stieg. Ich brauche jetzt keinen bei mir. Keinen.

Ich bin eingeschlafen- für drei Stunden. Ich gähnte laut und streckte mich. Im Schneckentempo zog ich mich an, verschloss meinen Koffer, nahm mein Handy und alles andere, was ich noch so mitnehmen wollte und verließ mein Zimmer. Unten saß Susanne, sie hat sich bereits angezogen und hockte im Wohnzimmer. „Fahren wir dann?“, fragte ich und rollte meinen Koffer zur Haustür. Susanne nickte und stand auf. Sie zog ihre Weste an, ich machte die Tür auf und ließ sie als erste hinaus treten. Eine frische Brise wehte hinein. Der Geruch von Abgas und verbranntem Holz verbreitete sich. Ich atmete lange ein und hoffte, dass der Geruch bis zum Flughafen bliebe. Es dämmerte bereits und der Sonnenuntergang verfärbte sich in ein helles, nahezu bläuliches Orange. Wir gingen zum Auto meiner Tante. Behutsam legte ich den Koffer ins Gepäck und stieg auf der Beifahrerseite ein. Susanne startete den Motor und das Gefährt vibrierte sanft. Ich lehnte mich nach hinten und biss mir auf die Unterlippe. Susanne fuhr aus der Einfahrt und die Straßen zogen in gleichmäßigem Tempo an mir vorbei. Ich betrachtete alles aus dem Fenster und wagte es nicht, mich zu fragen wo Thomas ist und was er wohl machte. Ob er an mich denkt? Jetzt gerade? Verdammt, ich denke schon jetzt an ihn. Ich muss ihn aus meinem Kopf verbannen. Zumindest bis… bis das alles sich beruhigt hat. Ich könnte ja in Norwegen weiter studieren, Englisch vielleicht. Ja, das könnte klappen- und dann ziehe ich nach Wales und heirate einen gebürtigen Engländer. Ich zuckte zusammen. Was war das gerade?! Ich habe doch nicht ernsthaft an eine Zukunft OHNE Thomas gedacht… oder? Ich schüttelte den Kopf. Ich habe Angst, dass ich Tom vergessen würde. Ich darf ihn nicht vergessen. Ich liebe ihn, oder? Zweifel. Oh Gott… was geschieht hier?! „Grace? Wir sind in einer Stunde da. Ver… versuch dich ein bisschen auszuruhen.“, riet mir Susanne, deren Blick starr auf die Straße gerichtet war. „Mhm…“, gab ich zu hören und drehte mich weg, versuchte zu schlafen.

Das Hupen weckte mich. Wir sind schon am Flughafen angekommen. Es waren einige Autos hier. Vor allem Autobusse. Eine ewige Schlange von Fahrzeugen stand da. „Grace. Hol deinen Koffer heraus und geh hinein in den Wartesaal. Du weißt ja wie dein Flug heißt. Falls ich nicht komme… ich habe dich lieb. Und das werde ich auch immer, egal was geschieht. Versprich mir, dass du Marcus hilfst und, dass du dir dort eine Uni findest.“ Sie zog mich an sich und umarmte mich. Eine Träne kullerte über meine Wange. „Ich verspreche es dir. Ich habe dich auch lieb.“, sagte ich leise und schnallte mich ab. Ich stieg aus dem Wagen und lief nach hinten um meinen Koffer zu holen. Ich hievte ihn heraus und rollte ihn zum Gehweg. Mit zitternden Beinen bewegte ich mich zur Wartehalle. Wie viel Menschen hier waren. Ich stand verloren in Mitten einer riesigen Menge von Menschen. Ich sichtete eine Bank und ließ mich nieder. Eine junge Frau saß neben mir und blätterte in einem Magazin herum. Ich erblickte das Wort ‘The Maze Runner‘, und dachte sofort an Thomas. Ja, ich vermisste ihn aber… das Schicksal hat es so gewollt, dass unsere Wege sich trennten. Ich muss damit klar kommen. „Wo fliegen Sie denn hin?“, fragte ein älterer Mann, der links von mir saß. Ich versuchte zu lächeln und antwortete leise: „Europa.“ Er nickte. „Europa. Ein schöner Kontinent. Damals, 1999… ha! Da war Europa etwas anders… da war der Balkankrieg schon zu Ende aber Unruhe herrschte immer noch. Oh… was für Opfer dieser Krieg brachte. Unvorstellbar… mein Sohn kämpfte dort mit… er kam nicht zurück.“ Er hörte auf zu reden und starrte eine Weile auf den glatten Linoleum- Boden. „Das… tut mir leid.“, sagte ich. Er hatte auch jemanden verloren, den er über alles liebte. „Wen besuchst du in Europa?“, fragte der Mann und sah mich freundlich an. „Meinen Vater.“, antwortete ich. „Verstehe… ihre Eltern sind geschieden?“ Ich schüttelte den Kopf. „Ach, nein? Wieso besuchen sie dann nur ihren Vater?“ Und wieder kämpfte ich mit den Tränen. Irgendwann muss ich es auch erzählen können, ohne gleich anzufangen zu weinen. „Meine Mutter ist gestorben, als sie meine Schwester auf die Welt brachte, mein Vater muss sich jetzt um meine Schwester kümmern, deshalb… flieg ich dort hin.“ Ich räusperte mich auf und sah zum Schild mit den bevorstehenden Flügen. Meiner kommt in einer halben Stunde. Erleichtert seufzte ich. „Mein aufrichtiges Beileid. Ich habe meine Eltern, beide, verloren, da war ich 15. Sie sind bei einem Brand umgekommen.“, sprach der Alte, ich sagte nichts. Ich konnte nichts mehr sagen. „Oh… mein Flug kommt. Also dann… noch ein schönes Leben. Denken Sie daran, alles was geschieht, geschieht aus einem Grund.“ Weg war er. Sein alter Koffer rollte hinter ihm.

Mein Flugzeug war bereits angekommen. Ich bin durch die Kontrollen durch gekommen und eilte zum Flugzeug. Susanne ist nicht gekommen. Die Koffer wurden in den Laderaum gegeben und ich stieg ein. „Reihe 6, Sitzplatz 25“ Toll. Ich sah mich um und ich entdeckte meinen Platz. Es war schon fast ganz dunkel und die Lichter des Flughafens leuchteten schön hell. Ich nahm meinen iPod aus meiner Tasche und steckte die Kopfhörer in meine Ohren, ich schaltete aber keine Musik an, ich wollte nur nicht, dass mich jemand ansprach. Die Flug-Hinweise und das Ganze andere wurde aufgezählt und ich schlief beinahe wieder ein, bis sie alles fertig erklärt haben. Ich hörte bereits wie das Flugzeug startete. Ich sah nach vorne zu den anderen Passagieren. Sie wirkten so… so friedlich. Mein Magen machte einen Sprung und wir waren schon in der Luft- Richtung Europa. Weg von Thomas.

Kommentare

beta
Feenstaub

Navigation

Sprachen

Social Media